Frühe Kämpferin für Frauenrechte

Paula Linhart setzte die Thematisierung von Frauenrechten auf die Agenda der Akademie

Juli 1959



Siebert


Als am 24. Juli 1959 die konstituierende Sitzung des ersten Beirats der Akademie durch Staatsminister Theodor Maunz eröffnet wurde, saß Paula Linhart im Münchner Kultusministerium mit am Tisch. Ihr verdankt es die Akademie unter anderen, dass das Thema der Stellung der Frau in Wissenschaft und Gesellschaft in das Programm aufgenommen wurde.

 

Zu diesem Zeitpunkt hatten immer noch nicht alle entsendeberechtigten Einrichtungen und Organisationen ihre Beiratsvertreter bestellt. Während sich die Vertriebenenverbände, der Landessportverband, die bayerischen Hochschulen und der Verband der Freien Berufe bis dahin noch nicht auf ihre Repräsentanten einigen konnten, hatte sich die Gruppe der Frauenorganisationen bereits auf Paula Linhart als ihre Vertreterin im Beirat verständigt. Gemeinsam mit Gerda Laufer (SPD) brachte sie zuvorderst die Fraueninteressen in die Beiratsarbeit ein. Bis ins Jahr 1963 vertrat die engagierte Wohlfahrtspflegerin und Geschäftsführerin der Landesstelle Jugendschutz die Frauenverbände im Gründungsbeirat der Akademie.

Über das von Männern dominierte Gremium selbst und ihre eigene Mitarbeit legte sie schon recht bald in den vom bayerischen Landesverband der Arbeitsgemeinschaft der Wählerinnen e.V. herausgegebenen Mitteilungen vom 25. März 1960 umfassend Rechenschaft ab. Nach einer ausführlichen Beschreibung der Gründung, der Aufgabenstellung und des Aufbaus der Akademie heißt es bei ihr programmatisch: „In diesem Gremium bilden also unsere beiden [AdW-]Mitglieder, Gerda Laufer und Paula Linhart, die ‚Front’ der Frauen. Dass diese Front immer noch eine kämpferische Aufgabe hat, zeigte die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung über die 1. Beirats-Sitzung, in der die Frauenverbände geflissentlich übersehen worden waren."

Frauen in die Politik?

In den Akten der Akademie finden sich denn auch mehrfach Belege ihres entschiedenen Eintretens für frauen- und gleichstellungspolitische Belange. „Dass die Frauenverbände die Möglichkeiten, die ihnen die Akademie bietet, sofort erfassten, zeigen ihre Tagungen und Kurse im vergangenen Jahr im Tutzinger Haus. Sie konnten dabei von den Vorzügen eines geeigneten Veranstaltungsrahmens, Mitwirkung der Dozenten und finanzielle Entlastung Gebrauch machen, da die Akademie in der Lage ist, kostenlose Unterkunft zu gewähren."

Die erste Tagung im Februar 1959 vereinigte Vertreterinnen des Katholischen Frauenbundes, des Deutschen Frauenringes und der Arbeitsgemeinschaft der Wählerinnen zu einem dreitägigen lebhaften Gedankenaustausch über das Thema ‚Frauenpolitik’ und stellte gleichzeitig die erste Verbindung der Organisationen zur Akademie her. Referate und Aussprache bewegten sich auf dem erhofften geistigen Niveau. Nach diesem Muster und unter dem Motto ‚Grundfragen politischer Bildung heute’ kamen dann im Oktober 1959 wiederum Mitglieder der Verbände zusammen, wobei der Schwerpunkt auf der Diskussion über ‚Totalitäres Denken und Handeln in der Politik’ lag.

Im Mai und Juli des gleichen Jahres veranstaltete dann die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft im Rahmen der Akademie zwei Seminare, ebenfalls über das Thema ‚Frau und Politik’.
Die bisher letzte Veranstaltung von Frauen-Organisationen fand im Januar dieses Jahres [1960] statt. Der Leitgedanke dieser gemeinsamen Tagung des Katholischen Deutschen Frauenbundes und des Deutschen Evangelischen Frauenbundes war ‚Die christliche Frau in Gesellschaft und Staat’.

Zögerliches Interesse

Sie schloss an mit einem ambitionierten Ausblick in die Zukunft, in dem deutlich ihr politisches Credo zutage tritt. Darin heißt es: „Was nun zukünftige Veranstaltungen dieser Art betreffen, so sei die Anregung erlaubt, für Frauen und Männer gemeinsame Kurse abzuhalten, in denen Fragen erörtert werden, an deren ernsthafte Diskussion die politischen Parteien im Allgemeinen nur zögernd und ungern herangehen. Dazu gehört z.B. das Thema ‚Der Zugang der Frauen zu den Parteien’. Seit Jahren wundern sich die politischen Organisationen, dass die Aktivität in ihren Reihen allgemein zurückgeht und sie nur wenig weiblichen Zustrom haben. Aber keine Partei brachte bisher die Energie auf, dieser Erscheinung ernsthaft auf den Grund zu gehen und sich zu fragen, worin die tiefen Ursachen des augenscheinlichen Unbehagens liegen. Vielleicht scheut man, den Grund aufzurühren und zu erkennen, dass und wo der Partei-Apparat überholt werden muss, und dass der geistige sowie menschliche Fundus einer Auffrischung bedarf. Gerade die überparteiliche Zusammenarbeit von Frauen und Frauen-Organisationen politischer Einstellung macht diese Mängel – dieselben am Grundschema aller Parteien – deutlich. Auch bei den gemeinsamen Treffen hatte die Diskussion und die Kritik freien Spielraum nur innerhalb unverrückbarer Pfähle, während doch gerade deren Stabilität schwankend geworden ist und die ‚Tabus’ in Frage gestellt sind."

Gleichberechtigung in weiter Ferne

"Als zweites Thema erscheint mir wichtig die Partnerschaft von Mann und Frau im öffentlichen Leben. Wir sind noch weit davon entfernt, als natürliche Partner zu gelten. Man stellt uns gelegentlich gönnerhaft oder auch lobend heraus, appelliert an unsere politische Verantwortung, unsere parteiliche Anständigkeit und ‚Liebe zur Sache’. Aber immer noch entbehrt es der Selbstverständlichkeit, wenn Frauen politisch irgendwie ins Blickfeld rücken oder gerückt werden. Vielleicht ist es ganz heilsam, sich wieder daran zu erinnern, dass die Engländerin Emmeline Pankhurst und ihre Anhängerinnen wegen ihrer Aktionen für das Frauenstimmrecht noch im Jahre 1903 in London ins Gefängnis kamen und durch einen Hungerstreik ihre Position zu demonstrieren suchten. Und nicht vergessen sollte man auch, dass der Sieg erst 1918 kam. Dann gibt es uns nicht mehr einen Schock, sondern wir können nur den Kopf schütteln, wenn auch heute angesehene Zeitungen der Intelligenzschicht angesichts des Karlsruher Gleichberechtigungsurteils von ‚verfrühtem Suffragetten-Jubel’ schreiben und davon sprechen, dass es ‚außerhalb der Frauenverbände Gott sei Dank noch eine überwältigende Mehrheit unauffälliger, nicht organisierter  n o r m a l e r  Frauen und Mütter’ gebe. Der ‚Rheinische Merkur’, der sich zu dieser ‚Feststellung’ veranlasst sah, und nicht den Mut hatte, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen, hat hier ein Muster ungelernter Partnerschaft gezeigt und uns damit die Realitäten deutlich vor Augen geführt."

Für ihre eigene Beiratstätigkeit sowie die Arbeit der Akademie insgesamt zog sie daraus den Schluss:

„Damit sich nun die obigen Anregungen praktisch auswirken können, habe ich als Vertreterin der Frauenverbände nach Fühlungnahme mit ihnen dem Beirat offiziell die Themen ‚Der Zugang der Frauen zu den Parteien’ sowie ‚Die Partnerschaft von Mann und Frau im öffentlichen Leben’ für das Programm der Akademie vorgeschlagen."

Dass ihre Anliegen innerhalb der Akademie von Beginn an auf fruchtbaren Boden fielen, belegt bereits der erste Bericht der Akademie für Politische Bildung für die Jahre 1958 bis 1964 (Tutzing 1965). Danach weist die Veranstaltungsstatistik allein für diesen Zeitraum insgesamt 11 Akademieveranstaltungen speziell für Angehörige von Frauenorganisationen aus. Mitglieder von Frauenverbänden stellten damit zwischen 3 bis 4 Prozent der gesamten Teilnehmer an Veranstaltungen in den Anfangsjahren der Akademie. Hinzu traten jene thematisch einschlägigen Angebote, die seitens der Akademie für und mit anderen Kooperationspartnern durchgeführt wurden – wie beispielsweise die bereits angesprochenen Seminare „Frau und Politik" für Mitarbeiterinnen der DAG im Jahr 1959.

Hoher Stellenwert

Durchschlagskraft und Nachhaltigkeit des frauenpolitischen Engagements seit Paula Linhart finden auch in der Publikationstätigkeit der Akademie ihre Bestätigung. Dies zeigt das Beispiel der Publikationsreihe Mitteilungen, die ab 1959 als Vorläufer der späteren Materialien und Berichte erschien und Arbeitsberichte und Vorträge aus Akademietagungen veröffentlichte. Die Themen reichten von „Die Stellung der amerikanischen Frau im öffentlichen Leben“ bis „Was hindert die Frau, sich politisch zu betätigen?“. Und schließlich wurde auch die Frage diskutiert „Was interessiert Frauen an der Politik?“.
Schon diese wenigen Beispiele zeigen den hohen Stellenwert von Frauenfragen in der Akademiearbeit, der sicher maßgeblich auf das Engagement von frühen Aktivistinnen wie Paula Linhart zurückgeführt werden kann. Am 7. August 2012 ist unsere Gründungsbeirätin Paula Linhart im Alter von 106 Jahren verstorben.

Steffen H. Elsner


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