Entschiedenes Nein zur „Ludendorffstraße"

Akademie erteilt Gemeinderat Nachhilfe in politischer Bildung

Mai 1961



General Erich Ludendorff, Mathilde Ludendorff (v.l.)


Am 5. Mai 1961 opponiert die Akademie mit Vehemenz gegen einen Beschluss des Tutzinger Gemeinderats. Dieser plante eine Straße nach dem 1937 verstorbenen und auf dem Neuen Friedhof in Tutzing beigesetzten General Erich Ludendorff zu benennen.

Dieses Ansinnen des Gemeinderates wird in einem Schreiben der Akademie an Bürgermeister und Gemeinderat heftig kritisiert: "Als Staatsbürger, die in Tutzing tätig sind, und als Mitarbeiter einer der freiheitlich-demokratischen Ordnung dienenden Einrichtung möchten die Mitglieder des Lehrkollegiums der Akademie für Politische Bildung gegen diesen Beschluss des Gemeinderats ausdrücklich Protest erheben."

Und weiter ist in der Protestnote, die Akademiedozent Heinrich Schneider für den dienstlich abwesenden Akademiedirektor Felix Messerschmid unterzeichnete, zu lesen: "Wir wollen und können nicht annehmen, dass der Beschluss mit jener sorgfältigen Überlegung gefasst wurde, die in einem solchen Falle wünschenswert gewesen wäre. Zugunsten der Mitglieder des Gemeinderats möchten wir vielmehr vermuten, dass es an der ausreichenden Information über die persönlichen und politischen Auffassungen des Herrn Generals Ludendorff gemangelt hat." Wie aber liegt der Fall? Was war der Hintergrund der Intervention? Und in welcher Beziehung stand, oder besser steht Ludendorff zur Gemeinde Tutzing?

Rassistische Lehren

In den revolutionären Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit 1918/19 war es Mathilde von Kemnitz (1877-1966), der späteren Ehefrau Ludendorffs gelungen, ein Grundstück in Tutzing zu erwerben, auf dem sie ein Landhaus errichten ließ. Nach dem Einzug 1922/23 verlegt sich Mathilde v. Kemnitz, die zuvor in Garmisch-Partenkirchen als Nervenärztin praktiziert hatte, mehr und mehr auf ihre schriftstellerische Tätigkeit. Gemeinsam mit ihrem späteren Mann, dem ehemaligen Weltkriegsgeneral, verficht sie eine deutsch-völkische und christentumsfeindliche Glaubenslehre, die auf einer rassistisch und antisemitisch begründeten Weltanschauung fußt. Bekannt geworden ist Ludendorff als „Sieger von Tannenberg" im Ersten Weltkrieg, als einer der maßgeblichen Putschisten beim Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle (1923) und als Reichstagsabgeordneter der Nationalsozialistischen Freiheitspartei (1924-1928) und als Begründer des sog. „Tannenbergbundes" (1925). Nach ihrer Heirat im September 1926 in Tutzing entwickeln die Ludendorffs eine rege Publikations- und Vortragstätigkeit und gründen in Folge mehrere quasi-religiöse Vereinigungen sowie einen eigenen Verlag. Gemeinsam streiten sie für die „Heraufkunft der Edlinge“ der germanischen Rasse und gegen die Vormacht der „Niederen“, gegen die „Weltherrschaft Judas“, gegen das „Synagogen-Komplott“ und „das Joch Jakobs" (gemeint ist die Herrschaft der Juden über die anderen Völker der Erde), gegen die „Priesterkasten“ (des Christentums) und die „Romlinge“.

Verfassungsfeindliche Betätigung

Nach dem Tod ihres Mannes setzt Mathilde Ludendorff ihr völkisch-sektiererisches Engagement mit ungebrochenem Ehrgeiz fort. Das trägt ihr im Entnazifizierungsverfahren nach dem Zweiten Weltkrieg ein Verfahren vor der Münchner Spruchkammer ein: Wegen „außerordentlicher Begünstigung des Nazismus“ zunächst als „Hauptschuldige“ eingestuft, wird das Urteil im Berufungsverfahren auf „Belastete“ herabgesetzt. Auf ihr Betreiben hin kommt es 1951 zur offiziellen Neubegründung des Bundes für Gotterkenntnis (L) e.V. [das L steht für Ludendorff], 1955 folgt dann die Einrichtung einer Hochschule für Gotterkenntnis. Rund zehn Jahre nach Wiederaufnahme ihrer Aktivitäten verfügt das Bayerische Innenministerium am 15. Juni 1961 – auf der Grundlage entsprechender Erkenntnisse des Verfassungsschutzes und einer Vereinbarung der Länderinnenminister vom 25. Mai 1961 – die Auflösung des Bundes für Gotterkenntnis wegen verfassungsfeindlicher Betätigung.

Protest der Akademie

Erst wenige Wochen zuvor war vom Gemeinderat der vielfach öffentlich kritisierte Beschluss zur „Ludendorffstraße“ gefasst worden. Er erregte Aufsehen in der Bundesrepublik und im Ausland. Dem offiziellen Protestschreiben der Akademie waren, ganz in pädagogisch vorbildlicher Manier, auszugsweise Abschriften aus der einschlägigen Literatur beigefügt worden. Es handelte sich dabei um Auszüge eines vom Institut für Zeitgeschichte in München 1958 erstellten Gutachtens sowie einschlägiger Äußerungen Ludendorffs. Zu seinen „Kampfzielen“ führte Ludendorff aus: "Ich erstrebe ein wahrhaftes und freies Großdeutschland unter starker sittlicher Staatsgewalt, das dem Volke dient, es eng mit der Heimaterde verbindet und ihm die geschlossene Einheit von Blut, Glaube, Kultur und Wirtschaft gibt. (…) Die Bevormundung und das Joch fremder Staaten und der überstaatlichen Mächte, die uns den Krieg und die Revolution bescherten und uns jetzt in der Gewalt haben, sind abzuschütteln. Im Inneren gilt der Kampf dem Judentum, das durch Freimaurerei und Marxismus mit seinen Abarten, durch Leihkapitel und Versuchung des geistigen und sittlichen Lebens der Völker die Weltherrschaft erstrebt und auch das deutsche Volk in der autonomen Wirtschaftsprovinz ‚Deutschland’ für sich arbeiten lassen und ihm durch List und Gewalt den Jehovaglauben aufdrängen will."

Aus den Beilagen geht eindeutig hervor, dass General Ludendorff zum einen für die rassistischen und dem Nationalsozialismus nahestehenden Auffassungen seiner Frau eingetreten ist, und dass er zum Zweiten selbst den Nationalsozialismus ausdrücklich unterstützt hat. Die Zitate belegen in aller Deutlichkeit die nationalchauvinistische, antisemitische und antichristliche Haltung des Generals.

Der vielstimmige Protest zeigte Wirkung; Gemeinderäte entschuldigten sich: "Dass und auf welche Art sich Ludendorff politisch beteiligt hat, davon haben wir nichts bemerkt; er war ein angesehener und guter Bürger der Gemeinde." Der ominöse Gemeinderatsbeschluss wurde schließlich wieder zurückgenommen. Die besagte Straße trägt heute den unverfänglichen Namen "Mühlfeldstraße".

Massive Kritik am Nichtwissen

Über die Zeit hinaus bedenkens- und bemerkenswert sind die Ausführungen von Felix Messerschmid, der sich aufgrund der laufenden Entwicklung noch zu einem zweiten Schreiben an den Gemeinderat veranlasst sah. Er schreibt am 13. Mai 1961:

„Es gibt einen Grad politischen Nichtwissens, der Trägern kommunaler Ämter nicht zugestanden werden kann und vielen Bürgern und für die Heranwachsenden ein Ärgernis ist; ein solches Ärgernis kann auch durch den Hinweis auf gewiss anzuerkennende Leistungen für die Gemeinde nicht ausgelöscht werden."

Steffen H. Elsner


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