How To: Integration

Wie Flüchtlinge in Städten und Gemeinden besser einbezogen werden können

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 26.05.2017

Von: Franziska Vogel

Foto: World Café Europe e.V.

# Tolerante-Gesellschaft / Partizipation / Integration / Migration

Das Thema Flucht und die Grundversorgung sowie Unterbringung Geflüchteter prägte bis Mitte letzten Jahres die Schlagzeilen. Die Akteure der Flüchtlingshilfe in Politik, Verwaltung, sozialer Arbeit und ehrenamtlichem Engagement haben die Herausforderungen an Bahnhöfen, Erstaufnahmeeinrichtungen oder bei der Registrierung mit großem Einsatz bewältigt. Inzwischen bestimmt die Frage nach der Integration die gesellschaftliche Debatte – und vor allem: Was muss in den Kommunen, also den Orten, an denen die Integration stattfindet, getan werden? Diese Fragen stellten wir uns in einer Tagung in Zusammenarbeit mit der Interkulturellen Akademie der Inneren Mission München, Diakonie in München und Oberbayern e.V.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Eine Einführung in den Begriff Integration gab Hans Vorländer (TU Dresden), wobei er diese als Kombination aus Teilhabe an der Gesellschaft, Vermittlung eines Zugehörigkeitsgefühls, Partizipation und Interaktion zwischen Bürgern eines Landes und den Dazustoßenden beschrieb. Integration muss dabei immer gesamtgesellschaftlich sein – nie darf nur eine gesellschaftliche Gruppe, ein Bereich der Politik oder ein Ministerium involviert sein. Selbstverständlich ist die Aneignung der Sprache, Bildung sowie Arbeit unumgänglich, aber vor allem müssen Geflüchtete „gehört werden" – sie müssen in ihrer Religion und Abstammung repräsentiert werden. Eine interkulturelle Öffnung der Verwaltung und Behörden sollte dabei möglichen Schwierigkeiten vorbeugen.

Zu den Erwartungen der Geflüchteten sprach Axel Böhm vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf Grundlage von Befragungen einiger Asylsuchenden. Die größte Sorge der Menschen ist die Angst, nicht in Deutschland bleiben zu können – es sind also vor allem existenzielle Sorgen. Während Hilfsangebote im Bereich Gesundheit und Medizin am meisten beansprucht werden, können viele Geflüchtete im Bereich der Arbeitssuche, Asylfragen und Wohnungssuche keine Hilfe erlangen. Gerade auf diese Bereiche müssen sich also soziales Engagement und finanzielle Förderungen konzentrieren.

Ungerecht, aber bequem: die Verteilung von Flüchtlingen

Die Rolle und Ziele der Europäischen Kommission in der EU-weiten Integration von Flüchtlingen stellte Jochen Kubosch (ehemals Kommissions-Pressesprecher) vor. Grundlegend lässt sich sagen, dass Einwanderung und Asyl in die Zuständigkeitsbereiche der Mitgliedsstaaten fallen. Trotzdem gibt die Dublin-Verordnung einen Rahmen vor: 12 Monate zuständig ist meist der Staat, durch den in die EU eingereist wurde, später der aktuelle Aufenthaltsstaat. Dadurch kommt es zur Konzentration von Asylsuchenden in den Staaten Italien, Griechenland, Malta und Zypern. So fordert die Kommission eine gerechtere Verteilung der Geflüchteten. Desweiteren hat sich die Europäische Kommission die Bekämpfung der Fluchtursachen, die Sicherung der EU-Außengrenzen sowie die Förderung von Integration zum Ziel gesetzt.

Sprechen viele von einer Flüchtlingswelle, so ist es für Marcus Engler vom Netzwerk Flüchtlingsforschung eine Frage der Wahrnehmung – denn Flüchtlinge stellen nur einen Anteil von 0,3 Prozent der Weltbevölkerung. Warum es trotzdem zur Konzentration kommt? Nach Englers Auffassung ist dies der Dublin-Verordnung geschuldet, da sie keine faire Verteilung veranlasst. Ein Free-Choice-Modell für die Geflüchteten könnte ebenfalls Ballungsräume hervorrufen. Als Alternative eigne sich daher ein Verteilungsschlüssel, wie innerhalb Deutschlands.

Thomas Karmasin, Landrat des Landkreises Fürstenfeldbruck spricht weniger von Integration als von Inklusion. Diese könne nur stattfinden, wenn ein soziokulturelles Minimalverständnis gegeben ist, wie ein respektabler Umgang, ein gewisses Sprachniveau oder ein guter Umgang mit der Uhrzeit. Ausschlaggebend sei jedoch der beidseitige Inklusionswille. Im Landkreis Fürstenfeldbruck konzentrieren sich Inklusionsbemühungen auf Sprachkurse, Jobcenter-Angebote, Migrationsberatung und Kita-Besuche.

Bund – Land – Kommune

Problematisch sei dagegen die Wohnungsnot im Zuständigkeitsbereich der Gemeinden. In einer Podiumsdiskussion mit Natascha Kohnen, Vorsitzende der BayernSPD, und Markus Gruber, Ministerialdirektor des Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, forderte Kohnen Lösungen: Man müsse mehr Mittel für den Wohnungsbau bereitstellen, die Mietpreisbremse verbessern sowie für Transparenz bei Mietpreisen sorgen. Festgestellt wurde: Flüchtlinge seien lediglich ein Katalysator. Ursächlich für die Krise seien strukturelle Probleme. Zuerst müssten die Zuständigkeiten der einzelnen Behörden klar festgelegt werden, und - so Gruber - voneinander gelernt werden. Unerlässlich für eine klare, übersichtlichere Flüchtlingspolitik ist für Kohnen darüber hinaus ein Einwanderungsgesetz, mit dem die Zuwanderung über alle Ebenen hinweg gesteuert werden könne: „Wir haben nur einen Planeten und die Menschen werden sich bewegen, also müssen wir ein Gleichgewicht reinbringen."

Von „Willkommen" zur Integration

Anregungen sowie Berichte aus der Flüchtlingsarbeit gab Mira Wallis vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung anhand von Befragungen von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe. Sie kennzeichnete positive Entwicklungen seit dem chaotischen Sommer 2015: es haben sich professionelle Strukturen mit Arbeitsteilung und teils zentralen Kommunikationsstellen gebildet. Es zeigen sich allerdings keine Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen. Nach wie vor sind die Hauptamtlichen zeitlich und psychisch überlastet, Supervisionen und Förderung von Qualifikation sei notwendig. Das größte Problem stellt die Ambivalenz zwischen der erhöhten Förderung von Engagement durch die Politik und aktuellen politischen Entscheidungen dar. Wird ein Geflüchteter nach langjähriger Betreuung abgeschoben ist die Frustration groß. Wo liegt dann noch der Sinn der Arbeit? Daher ist es vor allem nötig, das Engagement sichtbar zu machen – ein Gefühl des gegenseitigen Schätzens ist auch seitens der zentralen Koordinationsstellen überaus wichtig.

Die Landeshauptstadt München musste sich bereits im Sommer 2015 großen Herausforderungen der Verpflegung stellen und heute denen des integrativen Prozesses. In einem Gesamtplan des Sozialreferats wurden die einzelnen „Stufen der Integration" klar gegliedert:

  1. Unterbringung
  2. Bildung und Erziehung
  3. Beratung, Deutschkurse und Ausbildung
  4. Arbeit
  5. Wohnen

Elementar für eine erfolgreiche Integration ist für Dorothee Schiwy, Sozialreferentin Münchens, allerdings vor allem eine gute Vernetzung – seien es die Geflüchteten mit den Einwohnern Münchens, als auch der Austausch der Flüchtlingshelfer untereinander. Nur so kann ein Überblick über alle vorhandenen Angebote gegeben werden.

Baum der Hoffnung

Begleitet wurde die Tagung von einer Ausstellung des syrischen Künstlers Zuheir Darwish, der 2000 nach Deutschland kam. Der Erlös aus dem Verkauf seiner Werke kommt seinem Flüchtlingshilfeverein "Baum der Hoffnung" e.V. zu Gute. Dieser unterstützt Projekte in der Türkei zur Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung von Geflüchteten und eine Schule im Flüchtlingscamp Kawrgosk nahe der Stadt Erbil. Darwish hat alle Projekte zusammen mit seiner Frau besucht und hat direkte Kontakte in den jeweiligen Orten.


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