Integration als Teilhabe

Neue Publikation aus der Reihe Tutzinger Studien zur Politik

Integration ist stets problematisch und nie unumstritten. Sie stellt Politik und Gesellschaft vor Herausforderungen. Der neuste Band der Tutzinger Studien zur Politik "Integration - Teilhabe und Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft" beschäftigt sich mit Migrationspolitik und der gesellschaftlichen Funktion der Integration. Autoren verschiedener Fachrichtungen beleuchten das Thema unter anderem aus den Perspektiven von Ethik, Verfassung und Kultur.


Tutzing / Publikation / Online seit: 01.10.2020

Von: Anna-Lena Engelen / Foto: Pixabay License/Gerd Altmann

# Integration, Ethik, Migration

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Michael Spieker / Christian Hofmann (Hrsg.)
Integration
Teilhabe und Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft
Tutzinger Studien zur Politik, Baden-Baden, 2020


"Integration sichert die Kohäsion von Gesellschaften, sie sichert deren Problemlösungsfähigkeit und steht für umfassende Teilhabe", schreiben Michael Spieker und Christian Hofmann. Die beiden haben den neusten Band der Tutzinger Studien zur Politik herausgegeben, der sich mit Teilhabe und Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft befasst. Migration sei nur ein Phänomen, an dem das Problem der Integration für die Gesellschaft deutlich wird, schreiben die Herausgeber. Deshalb beleuchten ihre Publikation Integration aus verschiedenen Perspektiven, wie Ethik, Kultur und Verfassung, und auf unterschiedlichen Ebenen, darunter die Kommunen und der Bund.

Integration als gesellschaftlicher Auftrag

Eine "postmigrantische Gesellschaft" mit einer übergreifenden Identität wünscht sich Christian Schwaabe vom Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Populistische Überfremdungsängste dürften keinen Raum finden, stattdessen solle sich eine kollektive Identität in der Gesellschaft herauskristallisieren. Die Suche nach einem neuen "Wir" in der Gesellschaft im Rahmen der Integration wird auch aufgegriffen von Wolfgang Kaschuba, Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er beschreibt die Integration als "Königsdiziplin moderner Gesellschaften". Sie bedeutet für ihn aktive Bewegung und Öffnung und ist ein permanenter Prozess der Weiterentwicklung. Annette Treibel, Professorin für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, betont in ihrem Beitrag Integration als Projekt für die gesamte Gesellschaft. Denn sie versteht darunter vor allem die Teilhabe. Christian Hofmann sieht in der Integration sogar ein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion.

Migrationspolitik

Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, beschäftigt sich mit Migration aus ethischer Sicht. Er formuliert sieben Postulate für eine Ethik der Migration. "Gestalte die Migrationspolitik so, dass sie zu einer humaneren und gerechteren Welt beiträgt", lautet eines davon. Er spricht sich gegen ungeregelte Migration aus, denn dies verschärfe das Problem globaler Ungleichheit. Armutsmigration schade dem sozialen Ausgleich in den Aufnahmegesellschaften. In Bezug auf Integration wünscht er sich einen humanistischen Individualismus, also die Anerkennung und Teilhabe von Individuen und nicht von Gruppen und Kulturen. Die Staaten haben den Auftrag Migration zu steuern. "Das Verdrängen hat bisher in fast allen westlichen Staaten die Schließungstendenz und die Attraktivität von populistischen Lösungen verstärkt, die dann in der Regel von bürgerlichen politischen Parteien umgesetzt wurden", schreibt er. Außerdem könne mit einer kontrollierten Einwanderung wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen in demografisch schrumpfenden Nationen entgegengewirkt werden. Eine humane Migrationspolitik mit kosmopolitischen Kriterien beinhalte ein Schädigungsverbot gegenüber den Zurückgebliebenen und eine sozialverträgliche Einwanderung in die reicheren Länder.

Integrationskonzepte als Leitlinien

Migrationspolitik fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich von Kommunen, anders ist dies hinsichtlich der Integration. Sie findet vor Ort, also im lokalen Kontext statt. Für eine erfolgreiche Integration haben Kommunen mittels empirischer Daten Integrationskonzepte und Leitlinien erstellt. Sie bilden die Basis für das kommunale Integrationsmanagement. Dazu zählen Planung, Umsetzung und Kontrolle von Maßnahmen zur gesellschaftlichen Integration. Sonja Haug und Simon Schmidbauer von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg beschreiben Bildung, Arbeit und Sprache als zentrale Felder in den Integrationskonzepten. "Insgesamt zeigen sich beachtliche Übereinstimmungen in den kommunalen Integrationspolitiken", stellen sie fest. Die Einheitlichkeit lässt sich auf gute Netzwerkarbeit und eine interkulturelle Öffnung der Verwaltung zurückführen. "Im Zuge der fortschreitenden Pluralisierung der Gesellschaft wird daher der Anspruch erhoben, dass Integration weitergedacht wird", schreiben Haug und Schmidbauer. Sie sprechen sich dafür aus, integrative Maßnahmen an die Breite der Gesellschaft zu adressieren. Sie sollen zur gleichberechtigten Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger an ökonomisch, kulturellen und sozialen Ressourcen der Gesellschaft führen.

Die Schriftenreihe Tutzinger Studien zur Politik will mit wissenschaftlichem Anspruch, didaktisch fundiert und in allgemeinverständlicher Form Veränderungen in der politischen und gesellschaftlichen Ordnung analysieren und für einschlägige Reformideen sensibilisieren. Ihr Fokus gilt den sich wandelnden inneren Funktionsbedingungen von Demokratien und den Konstellationen einer sich neu ausrichtenden globalen Ordnung. Die Studien sollen dazu befähigen, politische Zusammenhänge besser zu verstehen und aktiv an der Mitgestaltung unserer Gesellschaft und politischen Ordnung teilzuhaben.


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