Der Mensch hinter dem Krieg

Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg bei der Tutzinger Kulturnacht 2014

Tutzing / Kultur / Online seit: 17.10.2014

Von: Sebastian Haas

# Demokratiegeschichte / Kultur

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Bei der Tutzinger Kulturnacht 2014 las Schauspieler Daniel Gawlowski Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg, unterstützt durch unseren Tagungsleiter und Zeithistoriker Michael Mayer.

„Kultur, wohin man schaut.“ Das ist das Motto der Tutzinger Kulturnacht, an der sich im Oktober 2014 insgesamt 14 Galerien, Schulen und öffentliche Einrichtungen beteiligt haben. Die Akademie für Politische Bildung Tutzing erinnerte daran, dass vor genau 100 Jahren ganz normale Männer aus ihren Familien gerissen und in einen blutigen Krieg geschickt wurden. Schauspieler Daniel Gawlowski von der Otto-Falckenberg-Schule München gab den Menschen hinter dem Schrecken eine Stimme und las Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg, von denen übrigens 28 Milliarden allein zwischen der Front und der deutschen Heimat hin- und hergingen.

Bei diesem bewegenden Abend, durch den Akademie-Zeithistoriker Michael Mayer führte, kamen viele Aspekte der sogenannten Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zur Sprache: der Beginn des Ersten Weltkrieges („Kriegsbegeisterung nie gespürt, Beteiligung aus Pflichtgefühl.“), das Leiden in den Schützengräben und Lazaretten sowie der Umgang der meist jungen Männer mit Verwundung und Tod. So schrieb zum Beispiel Gerhard Theodor Bernhard Goepel seinen Eltern am 12. Dezember 1914, wie er nach seiner Feuertaufe den ersten toten feindlichen Soldaten sah: „Er lag auf seiner Wolldecke, mit der einen Hand hatte er sich den Rock aufgerissen, die andere war verkrampft in die Luft gestreckt und grauenvoll zusammengeschrumpft. Unendliche Mühe und Liebe war[en] jahrzehntelang auf ihn verwandt worden, und nun verweste er irgendwo in einem Straßengraben.“ Nur wenige Monate später sollte Goepel selbst im Gefecht den Tod finden.

Ein Medizinstudent beschrieb den Moment, in dem er durch einen Schrapnellschuss eine schwere Kieferverletzung erlitt: „Mir ist, als ob jemand mit einem Gummiknüppel mir eins auf die rechte Backe versetzt. Ich spüre einen ordentlichen Ruck und empfinde ein deutliches Knochenknacken. [...] Rechts von mir sehe ich einen Kameraden ins Bein getroffen umsinken. Links von mir sehe ich einen Kameraden, der sich mit beiden Händen den Kopf hält. Er hat auch eins abbekommen. [...] Blut fließt nun auch auf meine Hände und den Mantel herab. Als ich es sehe rufe ich aus: ich verblute. ich verblute.“

Doch Daniel Gawlowski, der mal laut und mal leise las, mal im Befehls- oder Amtston sprach, mal besorgt und mal hoffnungslos klang, zitierte auch bewegende Momente der Menschlichkeit. So verbrüderten sich feindlichen Soldaten an Weihnachten 1914 und verließen spontan ihre Schützengräben, um mit dem Gegner Christi Geburt zu feiern. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer berichtete in seiner Autobiographie: „Bei einem hessischen Regiment kam eine deutsche Patrouille mit einer französischen ins Gespräch, man schüttelte sich die Hände und lud einander gegenseitig in die Unterstände ein. Die Deutschen brachten Bier oder Schnaps mit hinüber, die Franzosen Wein. Das geschah natürlich ohne Wissen der Offiziere - bis eines Nachts ein junger Leutnant auf einem Kontrollgang [...] ein paar heiter schmausende Franzosen fand, die abgeschnallt und ihre Gewehre in die Ecke gestellt hatten. Aus Sturheit oder Pflichtgefühl ließ er sie sofort festnehmen und als Gefangene abtransportieren, und damit war die kurze Fraternisierung beendet.“

Nachdenklich stimmten die gut 60 Zuhörer im Auditorium der Akademie auch die Schilderungen vom Ende des Krieges 1918, hier in den Worten des verwundeten Heimkehrers Leutnant Hermann Richter: „Dass sie einem den Flügel lahmgeschossen haben, ist zu ertragen! Aber hier drinnen! Da ist etwas entzweigegangen! Irgend etwas!“


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