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Holger Paetz predigt in Tutzing

Der Kabarettist war mit seinem Programm "Fürchtet Euch!" in der Akademie

Holger Paetz, ist nach Tutzing zurückgekehrt, um als "Pater Paetz" sein Publikum zu unterhalten. In der Akademie für Politische Bildung hielt der Münchner Kabarettist und frühere Autor der Singspiele am Nockherberg seine jährliche Buß- und Fastenpredigt "Fürchtet Euch!". Ungeschoren kam kaum jemand davon, als er über Politisches und Alltägliches räsonierte. 

Tutzing / Kultur / Online seit: 15.03.2024

Von: Konstantin Hadzi-Vukovic / Foto: Konstantin Hadzi-Vukovic

Programm: Kultur am See: "Fürchtet Euch!"

Holger Paetz: "Fürchtet euch!"

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

Im schwarzen Pfarrergewand steht Holger Paetz auf der Bühne. Manchmal tanzend, mal sich selbst mit der Orgel begleitend, teilt er als Pater Paetz Pointen aus. Der Kabarettist war bereits zum dritten Mal mit seiner Buß- und Fastenpredigt "Fürchtet Euch!" in der Akademie für Politische Bildung zu Gast. Dabei lässt der frühere Autor der Singspiele auf dem Nockherberg mit seiner scharfen Zunge niemanden aus. Unter anderem Regierung, Opposition und Deutsche Bahn wurden zur Zielscheibe. 

Probleme im Verkehr und die Deutsche Bahn

Probleme im Verkehr und stundenlanges Warten im Stau kennen alle - und manchmal klebt auch eine Gruppe Aktivistinnen und Aktivisten auf dem Boden und versperrt den Weg - aber nicht den von Pater Paetz. "Ich persönlich habe nix gegen die Klimakleber - vor mich hat sich noch keiner geklebt", sagt er. Und die Toleranz steige bekanntlich mit dem Abstand zum Problem. Beim Kauf von Sekundenkleber wird der Pater in Zivil allerdings selbst als Klimakleber angegriffen. Doch er weiß, wie in solchen Situationen zu reagieren ist: "Wir wissen, wo Ihr Auto steht. Wir werden es finden. Wieso sollen wir kleben, wenn wir Ihr Auto festkleben können?", fragt er den besorgten Bürger.

Weniger amüsante Erfahrungen hat Paetz mit der Deutschen Bahn gemacht. Für die Reise von Frankfurt nach München hat er sich gründlich vorbereitet. "Ich habe das Ticket erster Klasse, ich habe den Sitzplatz gebucht, Platz 76 im Wagen 39. Ich habe die Buchung schriftlich dabei, ich habe sie digital dabei. Ich habe die BahnCard dabei, ich habe die Impfbestätigung dabei, sogar den Rentennachweis", sagt Paetz. Nur der Zug habe leider den Wagen 39 nicht dabeigehabt. Laut Zugbegleiterin ist er ihnen vor Frankfurt verloren gegangen. Passiere halt manchmal. Dadurch kommt laut Paetz der Klimawandel zustande. Seine Theorie: Die Deutsche Bahn sei schuld am CO2, das wütende Reisende ausstoßen. Das Publikum bittet er nach dem Wagen 39 Ausschau zu halten. Vielleicht werde ihn jemand finden. Langes Fahren bewegt den Pater zum Nachdenken. In der U-Bahn beschäftigt er sich mit den großen Problemen unserer Zeit. "Ich würde mich gerne vor die Tür stellen, komme aber nicht mehr hin. Wieso geht der Mund auf, wenn man nur aufs Handy glotzt? Sage ich ihm, dass er seine Musik leise machen soll, oder ist er mir zu breitschultrig?"

Grünenhass und die Arithmetik des Markus

Die Antworten auf andere Fragen versucht er, auf der Bühne zu finden. In diesen Zeiten sei Regierungsarbeit schwierig, gibt er zu, aber nicht so schwierig wie Oppositionsarbeit. "Können die nichts anderes als nur die Ampel zu kritisieren?", fragt der Pater. In einem Lied beschreibt Paetz den Zustand der Opposition: "Warum bin ich so ein Trampel? Schuld hat nur die Ampel!" Vielleicht sei es dieser alte Leitsatz, den die Union im Kopf behalten hat: "Nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht." Die Aussage Söders, dass den Grünen das Bayern-Gen fehle, macht den Geistlichen ratlos. "Bayern-Gen? Und das ist euer Chef, CSU? Seid ihr ganz sicher?", fragt er. Paetz beobachtet, dass Grünenhasser oft Männer über 50 sind - mit großem Ego und großer Klappe. Grünenhass sei ein Ventil, aber auch eine Sackgasse, betont der Kabarettist. "Wir stehen vor Veränderungen, ob wir das wollen oder nicht. Ich glaube Grünenhass ist Zukunftsangst", sagt er und erntet dafür viel Applaus.

Abgesehen von den rhetorischen Fähigkeiten des bayerischen Ministerpräsidenten, lobt Paetz auch Söders mathematische Genialität. Im Januar 2022 sprach Söder davon, 500 plus x Windräder in Bayern aufzustellen, im April waren es schon 800 und im August versprochen über 1000. Letztendlich gingen im vergangenen Jahr aber bayernweit nur sieben Windräder ans Netz. "Das ist die Arithmetik des Markus. 500 plus x ist gleich sieben", rechnet Paetz nach. Beim Söder sei eben der Wunsch der Vater des Gedankens. "Er sagt nicht immer die Wahrheit, unser Ministerpräsident Markus." Wahrscheinlich habe er die Philosophie von Trumps Beratern übernommen: "Je mehr Dreck du kübelst, desto mehr wird hängen bleiben."

Der germanische Jesus und ein Lied für die FDP

Beim Thema Leitkultur bohrt Paetz ebenfalls nach. "Was ist das, Leitkultur? Sich an Silvester die Gliedmaßen mit Explosionen wegzusprengen?", fragt er. Über Friedrich Merz' Aussage, dass es für ihn zur Leitkultur gehöre, vor Weihnachten einen Weihnachtsbaum zu kaufen, kann Paetz nur lachen. Der habe doch nicht alle Nadeln an der Fichte, sagt er. "Hat er schon alle jüdischen Mitbürger gedanklich aussortiert?" Worum gehe es denn nun bei dieser deutschen Identität? Sie war laut Paetz keltisch-germanisch, römisch-besetzerisch, mittelalterlich-hexenverbrennerisch, kaiser-und-vaterland-erbfeindvernichterisch - und jetzt? "Vielleicht wollte Merz nur sagen, dass uns der Weihnachtsbaum als urdeutsches Symbol an die Geburt des Germanen Jesus Christus erinnert", mutmaßt Paetz. Kultur habe als Wort so einen schönen Beiklang, sei aber doch vieles - nichts aber, was alle Deutschen verbinde. Das ist laut dem Pater die Sprache. Doch selbst da gebe es viele Probleme. "Der Norddeutsche versteht den Holländer halt besser als den Schwaben, wenn der seinen Dialekt auspackt." Für den Merz hat Paetz eine klare Antwort: "Wir haben zu viel Vielfalt angesammelt im Lauf der Zeit. Das lässt sich nicht runterschrauben auf eine dämliche Leitkultur."

Paetz blättert in seinem schwarzen Buch, streift Aiwanger, der so begeistert von sich selbst sei, lästert über den wortkarten Kanzler Scholz ("Der ist in geistiger Quarantäne.") und landet schließlich bei der FDP. Für die hat er ein Lied vorbereitet, das mit den Worten endet: "Der FDP, weil sie so konsequent sich eben nicht verrennt, jährlich und vehement, wie man sie nun einmal kennt, wünsche ich ihr jedes Mal auch bei der nächsten Wahl von ganzem Herzen 2,5 Prozent." Zum Abschluss entlässt Pater Paetz seine Gemeinde, nicht ohne ihr einen Rat mit auf den Weg zu geben: "Fürchtet Euch vor der Furcht, denn sie könnte euch zu sehr ängstigen!"

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