"Die Leute halten das aus"

Verfilmte Zeit und überlange Produktionen: Josef Bierbichler spricht beim Filmgespräch am See mit Dominik Graf

Tutzing / Kultur / Online seit: 09.09.2018

Von: Sebastian Haas

# Kultur / Zeitgeschichte

Zum fünften Mal luden das Fünf Seen Filmfestival und die Akademie für Politische Bildung ein zum Filmgespräch am See - und 230 Gäste kamen. Über das Thema "Verfilmte Zeit" sprachen Regisseur Dominik Graf und der Regisseur, Autor & Schauspieler Josef Bierbichler mit BR-Kulturredakteurin Silvia Griss.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Dominik Graf hat in all seinen Filmen Zeit genau nachgespürt, vor allem in seinen Filmen über München, das Ruhrgebiet oder in seiner Ménage à trois über Friedrich Schiller in Die geliebten Schwestern. Josef Bierbichler hat ein ganzes Jahrhundert in seinem Film Zwei Herren im Anzug porträtiert. Dominik Graf hat den Film in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mehr als wohlwollend rezensiert: "Die Sensation ist zunächst mal, wie der Hauptdarsteller und all die anderen die Sätze und Worte der Dialoge sprechen, sie mal rauh brechen, mal weich ziehen. Vor allem der Pankraz, der dabei allmählich so derart zu einer armen selbstmitleidigen bayrischen Sau mutiert, dass man beim Zuschauen über das Können Bierbichlers innerlich jubiliert." (FAZ vom 21. März 2018 - hier in voller Länge) Grund genug, die beiden zusammenzuführen und über ihre Arbeit und die Auseinandersetzung mit Zeit sprechen zu lassen - vor allem mit der Zeit, die man den Zuschauerinnen und Zuschauern im Kinosessel zumuten kann.

Vier-Stunden-Filme können die kürzesten sein, die man sehen kann. Josef Bierbichler.

Dominik Graf empfiehlt, die Vorgaben der Produzenten und Filmförderer auch einmal geflissentlich zu übergehen, um sich selbst und den Zuschauern mehr Seh-Erlebnisse zu verschaffen: "Denn sobald einer mit dem Taktstock hinter Dir steht, ist das Ende jeglicher Kreativität erreicht", Tempowechsel im Film, Pausen und Längen sowie der sorgfältige, respektvolle Umgang mit Sprache gingen verloren.

Können Serien also das Mittel der Wahl sein? Nur bedingt. Schließlich konsumiert man die zumeist auf dem Sofa zuhause, wo es mehr als genug Ablenkung gibt. Ein neues Phänomen ist die jüngst so gefeierte Erzählform auch nicht, bereits in den 1960er-Jahren hat es lange Geschichten gegeben, die über mehrere Folgen auserzählt wurden. Und auch hier gibt es mehr als genug Schwierigkeiten bis zum fertigen Endprodukt: Die Produktion von Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens" hat der SPIEGEL 2010 als heaven's gate des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bezeichnet. Also produzieren Graf und Bierbichler doch lieber Filme in Überlänge: "Die Behauptung, dass die Leute diese Filme nicht aushalten, halte ich für ein Gerücht", meint Bierbichler schmunzelnd.

 


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