11. Tutzinger Radiotage

Recherchieren, Erzählen, Teilen

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 24.06.2015

Von: Liza Soutschek und Michael Schröder

# Zukunft-der-Medien / Medienwandel / Radio-und-Fernsehen

Tutzinger Radiotage 2015

Radiomacher in Aktion bei den 11. Tutzinger Radiotagen in der Akademie

Radio, ein Medium von gestern? Von wegen: Radio ist heute so aktuell und relevant wie eh und je – wenn es sich den Innovationen des Medienwandels nicht versperrt und gleichzeitig weiterhin auf seine Stärken baut. Die Tutzinger Radiotage (tura)  haben sich genau diesen Brückenschlag zum Ziel gesetzt. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung veranstaltete die Akademie für Politische Bildung die tura in diesem Jahr bereits zum elften Mal für interessierte Radiojournalisten. In verschiedenen Impulsvorträgen und Workshops ging es um die Zukunft des Radios – in Zeiten von mobilem Internet und sozialen Netzwerken, in denen die Konkurrenz um Aufmerksamkeit zunimmt und sich das Medienverhalten radikal ändert, der Wunsch nach guten Audioinhalten aber immer noch vorhanden ist.

Radio der Zukunft

In zwei einführenden Vorträgen beschäftigten sich Christian Vogg und Schiwa Schlei zunächst grundsätzlich mit der Rolle des Radios in der gegenwärtigen und zukünftigen Medienwelt. Vogg von der EBU, der Europäischen Rundfunkunion in Genf, glaubt an die Zukunft des Mediums. Auch wenn die tägliche Nutzungsdauer etwas zurückgeht: die Zahl der Hörer nicht. Außerdem genießt das Radio unter allen Medien immer noch die größte Glaubwürdigkeit. Vogg ist überzeugt: „Dem Live-Medium Radio können die vielen neuen Internetplattformen nichts anhaben.“ Aber um das Überleben zu gewährleisten, müssen sich Radiomacher auf die Veränderungen des Medienkonsums einstellen. Die drei größten Herausforderungen sind: Jugend, Smartphones und Auto.

Die tägliche Hördauer des Radios liegt im Durchschnitt bei etwas mehr als drei Stunden. Bei Jüngeren ist sie deutlich geringer. Voggs Antwort darauf: „Radio muss personalisierter werden.“ So müsse sich etwa das Wortprogramm anpassen und dem Hörer die Möglichkeit bieten, zwischen kurzen und längeren Beiträgen zu einem Thema zu wählen. Ideal wäre für Vogg außerdem ein Hybrid-Radio, also eine Mischung aus analog und online – nutzbar auf dem Smartphone. Dazu müssen allerdings die technischen Voraussetzungen noch verbessert werden. Ähnliches gilt auch für Autoradios: Die große Gruppe der Radiohörer im Auto dürfe man auf keinen Fall verlieren, sagte Vogg. Deshalb stehe die EBU in Kontakt mit Automobilherstellern, um die Radionutzung im Auto weiterhin auf hohem Niveau zu halten.

Schlei, Leiterin der Online-Redaktion beim Funkhaus Europa des WDR und Zuständige in Sachen Social Media, ist sich sicher: „Die sozialen Medien haben andere Anbieter als erste Informationsquelle abgelöst.“ Und: „Streamingdienste sind die alternativen Musiklieferanten.“ Nach ihrer Ansicht muss sich das Selbstverständnis der Radiojournalisten ändern: „Wir dürfen Radio nicht nur als Audio-Medium begreifen.“ Die Marke des Senders brauche ein klares Profil und das müsse ins Netz transportiert werden. Authentizität und Qualität sollten Priorität haben. Schlei forderte „Mut zum kontrollierten Kontrollverlust“: „Wir müssen nicht mehr Radio heißen. Hauptsache, ich komme ans Publikum.“ In den anschließenden Workshops stand die aktuelle Praxis des Radiomachens im Vordergrund. Dabei drehte sich alles um den Themendreiklang Recherchieren, Erzählen und Teilen.

Recherchieren

Den Kern eines guten Medienbeitrags – sei er nun für das Radio oder ein anderes Medium – bildet dessen Inhalt. Der Weg dorthin führt über eine gelungene Recherche. Im journalistischen Alltag hat es diese aufgrund des Geld-, Zeit- und Personalmangels zwar oft nicht leicht, doch ohne sie kann Journalismus nicht funktionieren – schon gar nicht auf einer gesellschaftlich relevanten Ebene. „Böse gibt es überall“, betont David Schraven, Journalist und Gründer des Recherchebüros CORRECT!V. Recherchen müssen daher über jegliche Grenzen hinweggehen und tief in die Themen eindringen. In Rollenspielen und Diskussionen lernten die Teilnehmer des Workshops nicht nur, wie man bei der Recherche die richtigen Fragen stellt, sondern auch, wie man für deren Notwendigkeit argumentieren und die Finanzierung sicherstellen kann. Ein ungewöhnlicher Gast, Axel Petermann, früherer Kriminalist und Profiler, zeigte außerdem anschaulich, was Journalisten beim Recherchieren von polizeilichen Ermittlungsmethoden lernen können: Grundlegend sei zum Beispiel die klare Trennung zwischen Beobachtung und Interpretation. Die Teilnehmer waren sich einig: Das hilft auch Journalisten bei einer objektiven Recherche.

Erzählen

Ebenso wichtig wie das Recherchieren ist das Erzählen: Die gewonnenen Inhalte müssen so aufbereitet werden, dass sie das Publikum ansprechen und regelrecht fesseln. Das Radio bietet dazu heute bessere technische Möglichkeiten als je zuvor, man muss sie nur nutzen. „Das Radio wieder mehr tönen lassen“ – dafür traten die Radiojournalisten Sandra Müller, Florian Schwinn und Christian Grasse ein. Radiomacher müssten ihren Werkzeugkasten aufmachen und all die Töne und Klänge verwenden, die ihnen nicht nur die Realität, sondern auch sogenannte sound libraries zur Verfügung stellen. Als Klanghandwerker sollten sie in allen Klangkategorien denken und den Mut zu Geräuschen haben. Damit könne in auditiven Beiträgen eine Atmosphäre geschaffen werden, die ihre ganz eigene Wirkung auf die Hörer entfalte und mit keinem anderen Medium zu vergleichen sei. In mehreren Praxisaufgaben übten die Teilnehmer dieses Workshops die klangliche Bearbeitung von Beiträgen und das „Einfangen“ von Tönen ein. Das Akademiegelände diente dabei als reichhaltige Geräuschkulisse.

Teilen

Nicht zuletzt ist es entscheidend, den produzierten Audiobeitrag unter die Leute zu bringen, ihn also zu teilen. Das Radio darf sich den medialen Entwicklungen dabei nicht entziehen, sondern muss an diesen teilhaben. Die gefüllte Keksdose nur hinzuhalten reiche nicht, meinte Dirk Ritters, Experte für digitale Strategien von Medienunternehmen. Auch Radiojournalisten müssten ihre Kekse, also die Beiträge, aktiv bekannt machen. Das Internet und die sozialen Netzwerke spielen dabei heute die bedeutendste Rolle. Doch auch dort entsteht Aufmerksamkeit nicht von allein: Wie man es schafft, in der Flut von Informationen und Unterhaltung nicht unterzugehen, welche Beiträge auf welche Weise optimal geteilt werden können und wem dies am Ende nützt – um diese Fragen drehten sich mehrere Gedankenspiele und -experimente der Arbeitsgruppen in dem Workshop.

Anknüpfend an den Punkt des Teilens sprach zum Abschluss im Plenum noch Heiko Hebig, bei Facebook verantwortlich für Medienpartnerschaften in Nordeuropa. In einer offenen Diskussion erklärte er etwa, welche grundlegenden Ideen hinter dem Newsfeed-Algorithmus von Facebook stehen und welche Optionen Medien in dem sozialen Netzwerk haben. Allgemeingültige Regeln zum Erfolg könne er keine aufstellen, meinte Hebig, dazu seien die Wege zu unterschiedlich. Grundsätzlich helfe es aber bei jeder Kommunikation zu wissen, für was man stehe und wen man zu welchem Zweck ansprechen wolle. Je konsequenter und vielfältiger dies auch in Beiträgen auf Facebook umgesetzt werde, desto eher nähmen User Medien als Marken wahr und werden beziehungsweise bleiben Radiohörer – auch in der Zukunft.

Junge Talente bei den tura

Begleitet wurden die tura 2015 in diesem Jahr von sechs jungen Medienmachern, die die Tagung online in Wort, Bild, Film und natürlich Ton dokumentierten. Die Ergebnisse beinhalten ausführliche Einblicke und Kommentare zum Geschehen in Tutzing. Ein Blick darauf verkürzt mit Sicherheit die Wartezeit bis zu den 12. Tutzinger Radiotagen 2016 in der Akademie.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

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