Medien in der Corona-Pandemie

Symposium zum Abschied unseres Dozenten Michael Schröder

Die Corona-Pandemie hat den Medien neue Themen geliefert, aber sie hat die Redaktionen auch verändert. Arbeitsplätze wurden ins Home Office verlegt und Interviews über Videokonferenzsysteme geführt. Doch vor allem sind der Umgang mit Verschwörungsmythen und Faktenchecks noch wichtiger geworden als zuvor. Auf dem Symposium zum Abschied des Akademiedozenten Michael Schröder haben die beiden Journalistinnen Gudrun Riedl (Bayerischer Rundfunk) und Laura Hertreiter (Süddeutsche Zeitung) mit dem Medienethiker Christian Schicha von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen über den Journalismus in der Corona-Pandemie diskutiert.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 22.10.2021

Von: Beate Winterer / Foto: Beate Winterer

# Medien, Medienethik

Karikatur von Michael Schröder mit dem Schild "Schulstreik für Politische Bildung"

Ruhestand
Schröder-Report Sonderedition/2021

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Medien in der Corona-Krise - eine Spätlese

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"Corona war in der Redaktion ein Thema lang bevor es die Leser mitbekommen haben", erzählt Laura Hertreiter. Sie leitet zusammen mit Alexander Gorkow das Ressort Kultur und Medien der Süddeutschen Zeitung und erinnert sich an den Jahresanfang 2020. Die Korrespondentin in Peking habe die Redaktion früh aufgefordert, Wissenschaftsjournalisten auf das damals neue Virus anzusetzen, um nicht von den Ereignissen überrascht zu werden. "In so einer Situation zahlt sich das Korrespondentennetzwerk aus", sagt Hertreiter. Auf dem Symposium zum Abschied des Dozenten Michael Schröder, der nach 24 Jahren an der Akademie für Politische Bildung in den Ruhestand gegangen ist, hat sie mit Gudrun Riedl von BR24 und dem Medienethiker Christian Schicha über Redaktionsalltag und Berichterstattung in der Corona-Pandemie gesprochen.

Die neue Normalität mit COVID-19

Auch der Bayerische Rundfunk hat früh die Wissenschaftsredaktion in die Recherchen rund um Covid-19 eingebunden, um das Team von BR24 zu unterstützen. "Als aktuelle Redaktion ist man zwar immer auf Katastrophen vorbereitet, aber es ist nicht möglich, einzelne Szenarien zu trainieren", sagt die stellvertrende Redaktionsleiterin Gudrun Riedl. Es gibt schlicht zu viele Krisenmodelle, die in Ministerien entworfen werden, aber wahrscheinlich nie eintreten. "Vor einigen Jahren hätte ich auch Corona für eine billige Hollywood-Produktion gehalten. Wir laufen alle mit Masken rum und und sind im Lockdown... Was hätte es für eine Debatte gegeben, wenn sofort der gesamte Flugverkehr eingestellt worden wäre, kaum dass in China ein unbekannter Virus auftaucht", erinnert sich Riedl an den Frühling 2020. Es habe erst die Bilder der unzähligen Särge in Italien gebraucht, um die Situation einzuordnen. Christian Schicha von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen pflichtet ihr bei und betont die "Macht der Bilder".

Erstaunt war Riedl, wie reibungslos die Zusammenarbeit im Team trotz Pandemie und Home Office weiterlief. Innerhalb kürzester Zeit war die Redaktion mit einem Videokonferenzsystem ausgestattet und die Kommunikation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gelang oft besser als zuvor. Selbst für die Kollegengespräche auf dem Flur und in der Kaffeeküche etablierte sich schnell ein Ersatz: "Einfach am Ende einer Videokonferenz online bleiben und schauen, wer quatschen will", erzählt Gudrun Riedl augenzwinkernd. Auch ihre SZ-Kollegin Laura Hertreiter beobachtet einen coronabedingten Kulturwandel. Vor der Pandemie akzeptierte die Süddeutsche Zeitung nur Interviews, die von Angesicht zu Angesicht geführt wurden. Nun wird die digitale Form für Experten-Interviews und Hintergrundgespräche wohl der Normalfall bleiben.

Desinformationen in der Corona-Pandemie

Obwohl Corona im Journalismus manches vereinfacht hat, verschärft die Pandemie auch bestehende Probleme. Desinformationen und Verschwörungsmythen verbreiten sich noch schneller als zuvor. "Die große Resonanz kommt daher, dass die These so absurd ist", erklärt Christian Schicha. Im Internet werde Aufmerksamkeit durch Polemik, Propaganda und Stereotypen erzeugt. Selbst wenn nur ein Bruchteil der Nutzerinnen und Nutzer, die einen Post teilen, den Inhalt für glaubwürdig hält, bekommt die Geschichte durch ihre Interaktion immer mehr Aufmerksamkeit - und erreicht irgendwann auch Menschen, die tatsächlich empfänglich für Verschwörungsmythen sind. Im Blick vor allem auf die teils abenteuerlichen Fakenews, die im US-Wahlkampf 2016 stark geteilt wurden im Netz sagt Gudrun Riedl:"Man muss niemandem erkären, dass das Unsinn ist. Es geht um die Verbreitung." Schicha verweist in diesem Zusammenhang auf den Podcast "Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?", in dem deutlich wird, wie die Algorithmen von YouTube, Facebook und Co. funktionieren. Kurz gesagt: Wer nach Verschwörungstheorien googelt, bekommt immer mehr davon vorgeschlagen.

Gudrun Riedl und ihre Kolleginnen und Kollegen bei BR24 haben deshalb den #Faktenfuchs ins Leben gerufen. Die Redaktion bekommt Hinweise von Nutzerinnen und Nutzern und sucht selbst auf Social Media, auf Blogs und in Online-Medien nach verdächtigen Beiträgen und prüft Fakten. Wer sagt das? Woher kommt die Information? Das sind klassische Fragen, die sich die Redakteurinnen und Redaktuere bei ihrer Arbeit stellen. Anschließend verbreiten sie die Fakten hinter den Geschichten, die sie herausgefunden haben - auch in sozialen Netzwerken, um sie den Falschbehauptungen entgegenzustellen, die dort kursieren.

Einen Grund für das große Interesse, das Verschwörungsmythen während der Corona-Pandemie erfahren haben, sieht Christian Schicha in der Einigkeit, die viele Medien gerade zu Beginn der Pandemie in ihrer Berichterstattung gezeigt haben. Er will zwar nicht wie Stephan Russ-Mohl von einem "Herdentrieb" sprechen und glaubt auch nicht, dass Medien bewusst Informationen unterschlagen haben. Dennoch hätte er sich zum Teil eine differenziertere und kritischere Berichterstattung gewünscht. Ihm widerspricht Laura Hertreiter: "In der SZ-Redaktion waren nicht alle derselben Meinung. Wir hatten verschiedene Positionen zum Umgang mit den Grundrechten und dem Lockdown im Blatt."

Mehr Medienkritik und bessere Journalistenausbildung

Für Christian Schicha braucht es in Zukunft trotzdem mehr Wissenschaftsjournalistinnen und Medienjournalisten in den Redaktionen. "Medienjournalismus besteht oft darin, das Fernsehprogramm abzudrucken. Journalisten schreiben kaum über andere Journalisten. Eine Krähe hackt der anderen nicht das Auge aus", argumentiert er. Laura Hertreiter gibt zu, dass es einfacher sei, als Medienjournalistin bei einem reinen Medien-Medium zu arbeiten als bei einem großen Blatt wie der Süddeutschen Zeitung, wo die Medienberichterstattung nur einen kleinen Teil der Veröffentlichungen ausmacht. "Uns ist natürlich bewusst, dass wir im Glashaus sitzen", sagt die Redakteurin. Gudrun Riedl sieht die Qualität dennoch gesichert: "Ich sehe nicht, dass es keine Medienkritik gibt. Die Kritiker sitzen auch im Publikum, und das ist gut so. Und natürlich diskutieren wir diese Kritik intern und korrigieren transparent, wenn wir einen Fehler machen" Um ein stärkeres Bewusstsein für die Rolle und die Verantwortung von Journalistinnen und Journalisten zu schaffen, wünscht sich Schicha in Zukunft mehr Journalistikstudiengänge an Universitäten. "Es gibt nur vier oder fünf in ganz Deutschland - ganz im Gegensatz zu PR-Studiengängen. Damit lässt sich Geld verdienen", sagt der Medienethiker.


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