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Die Macht der Parole

So wirkt Sprache auf Proteste, Diskurse und Identitäten

Parolen und Begriffe bestimmen gesellschaftliche Debatten und politische Auseinandersetzungen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Kulturen des Protests" der Akademie für Politische Bildung und des Instituts für Kommunikation und Medien der Hochschule Darmstadt haben Mark Dang-Anh vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache und Ella Schindler vom Verlag Nürnberger Presse und den Neuen deutschen Medienmacher*innen über "Das geschriene Wort: Die soziale Praxis der Parole" diskutiert. Wie prägen Parolen und Begriffe den gesellschaftlichen Diskurs und welche Verantwortung tragen Medienschaffende?

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 19.03.2024

Von: Konstantin Hadzi-Vukovic / Foto: Rebecca Meyer

Programm: Kulturen des Protests: Das geschriene Wort. Die soziale Praxis der Parole

Kulturen des Protests

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

"Wir sind das Volk" ist eine leicht zugängliche Parole. Ihre Bedeutung sei jedem sofort klar, sagt Mark Dang-Anh, Sprachwissenschaftler am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache. Heutzutage assoziieren die meisten Menschen mit diesen Worten eine rechte Gesinnung. Die Parole wurde vor allem von Pegida vereinnahmt. Ursprünglich entstand sie als Sprechchor während der Montagsdemonstrationen in der DDR. "Wir sind das Volk" hat einen hohen Wiedererkennungswert, ein Charakteristikum von Parolen. Diese verdichten politische Positionen in wenigen Worten und sind für die meisten Bürgerinnen und Bürger sofort verständlich. Welchen Einfluss Sprache auf gesellschaftliche Diskurse, Identitäten und Protestkulturen hat und welche Verantwortung für Medienschaffende damit einhergeht, hat Mark Dang-Anh mit Ella Schindler, Redakteurin im Verlag Nürnberger Presse und stellvertretende Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen, in der Veranstaltung "Das geschriene Wort: Die soziale Praxis der Parole" diskutiert. Sie war Teil der Reihe "Kulturen des Protests" der Akademie für Politische Bildung und des Instituts für Kommunikation und Medien der Hochschule Darmstadt. An drei Abenden sprachen Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen in der Münchner Seidlvilla über verschiedene Aspekte von Protesten in Demokratien.

Die Konstruktion der Wirklichkeit durch Sprache

Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive ist eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis von Parolen innerhalb von Protesten, dass Sprache "mehr als nur Worte" ist. "Wir müssen verstehen, dass die soziale, kulturelle und politische Wirklichkeit vor allem sprachlich hervorgebracht wird", sagt Dang-Anh. Protest ist nicht nur eine physische Handlung, sondern besitzt auch eine sprachliche Dimension, die die soziale und politische Realität maßgeblich prägt. Ziel des Protests ist es, eine Botschaft zu vermitteln, die im besten Fall politische Konsequenzen nach sich zieht. Sprache fungiert dabei als politisches Medium oder als politische Handlung und ist eine Artikulation vor einem bestimmten politischen Hintergrund. Darüber hinaus prägt Sprache die Dynamik von Protesten, indem sie die Art und Weise beeinflusst, wie Unzufriedenheit und Forderungen ausgedrückt und kommuniziert werden. Sprache spielt eine wesentliche Rolle bei der Formulierung der Identität vieler Protestkulturen. Oft entsteht diese Identität in Abgrenzung zu anderen Identitäten und manifestiert sich in sprachlichen Gegensätzen. Ein Beispiel hierfür ist die Verwendung von Begriffen wie "Wir" und "Sie" innerhalb einer politischen Bewegung. 

Identität und Positionierung als Bestandteil von Protesten

Pegida, kurz für "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", definiert in ihrer Selbstbezeichnung ihre eigene Identität. "Es ist interessant zu sehen, wie Rechtsextreme in diesem Fall ihr Selbstverständnis als Europäer stark betonen", sagt Dang-Anh. Die Bezeichnung "patriotisch" vermittelt eine positiv konnotierte Bedeutung und spielt auf weitere Attribute an, wie Stolz, Ehre und Heimatliebe. Somit markiert die Pegida mit ihrem Namen ihre eigene Identität und diese Markierung erfolgt in zweifacher Hinsicht: Identität hält nach innen zusammen und grenzt nach außen ab. "Übereinstimmung und Differenz fallen somit im Begriff von Identität zusammen", sagt der Sprachwissenschaftler. Typisch für Identitäten ist, dass diese antagonistisch sind. In der Selbstbezeichnung der Pegida wird das an der Präposition "gegen" deutlich. Identität erfolgt oft als Positionierung gegen etwas, was laut Dang-Anh ebenfalls charakteristisch für Proteste ist. Protestakteurinnen und Protestakteure bringen sich durch politische Positionierung zueinander in Relation. Somit kann Protest sprachlich-kommunikativ definiert werden als ein Ausdruck von Unzufriedenheit mit dem Ziel der Veränderung sozialer, politischer oder gesellschaftlicher Zustände.

Protest richtet sich meist gegen bestehende Machtverhältnisse und wird dadurch zur politischen Ressource der Machtlosen. Allerdings gibt es Ausnahmen, Proteste, die nicht primär gegen bestehende Machtverhältnisse gerichtet sind, sondern sich auf spezifische gesellschaftliche Entwicklungen konzentrieren wie "Fridays for Future". "Proteste sind Momente gesellschaftlicher Entwicklung", sagt Dang-Anh. Somit müssen Protestäußerungen als Äußerungen innerhalb eines Dialogs verstanden werden, in dem verschiedene Stimmen und Perspektiven miteinander interagieren. Diese Äußerungen treten konkret in Kommunikationssituationen auf, können jedoch darüber hinausreichende Bedeutungen annehmen und einen nachhaltigen Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse ausüben. Protestäußerungen gehören somit zu einem Diskurs, der nicht nur aktuelle Anliegen und Forderungen reflektiert, sondern auch historische, politische und kulturelle Kontexte einbezieht. 

Die Bedeutung von Sprache für Medienschaffende

Begriffe, die einen Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse ausüben, stellen insbesondere für Medienschaffende ein Problem dar. Ella Schindler, Redakteurin im Verlag Nürnberger Presse und stellvertretende Vorsitzende der Neuen Deutschen Medienmacher*innen, nennt als Beispiel den Begriff "Remigration". Dieser Begriff, der sich seit dem Treffen von Rechtsextremen in Potsdam 2023 im gesellschaftlichen Diskurs wiederfindet, sei ohne Kontext nicht zu verstehen. Mitglieder von AfD, CDU, ÖVP, Werteunion und Identitärer Bewegung umschreiben damit die Ausweisung und Abschiebung von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern, Ausländerinnen und Ausländern mit Bleiberecht und "nicht assimilierten" deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern. Aufgabe der Medien ist es, solche Begriffe klar zu verwenden und die Hintergründe dazu zu vermitteln. "Wir dürfen als Journalisten solche Begrifflichkeiten nicht rein reproduzieren", betont Schindler. Oft passiere es, dass Journalistinnen und Journalisten unbewusst die Sprache von Extremistinnen und Extremisten übernehmen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das sei sehr gefährlich, da Medien durch ihre Berichterstattung über bestimmte Themen den Diskurs darüber aktiv mitgestalten.

"Wenn wir solche Begrifflichkeiten verwenden, müssen wir aufpassen, diese nicht in Überschriften zu verwenden und in Texten in Anführungszeichen zu setzen", empfiehlt Schindler. Sie rät Medienschaffenden, konzentriert zu arbeiten und sauber zu recherchieren, um den Kontext verständlich zu machen. Letztendlich sei Sprache das Werkzeug von Medienschaffenden, sagt Schindler. Die Medien müssen sich dieser Tatsache bewusst sein. "Was wir sagen, beeinflusst unsere Werte." Die Stimmung im Land und bestimmte Narrative seien nur durch Sprache zu erklären. In Anbetracht der komplexen Rolle von Sprache in der Konstruktion von Realität und Identität müssen Medienschaffende sehr viel Verantwortung zeigen. Der Journalismus sei ein wichtiges gesellschaftliches Werkzeug, um Diskurse wie den über das Treffen in Potsdam zu untersuchen.

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