Der Holocaust in Frankreich

In welcher Weise waren französische Behörden am Holocaust in Europa beteiligt? Eine Podiumsdiskussion

München / Tagungsbericht / Online seit: 27.07.2017

Von: Sara Borasio

Foto: Pixabay CCO

# Nationalsozialismus

Vor 75 Jahren wurden in Paris tausende Juden im Rahmen einer Razzia, der rafle du Vél d'Hiv, zusammengetrieben, bevor man sie in das Internierungslager Drancy im Norden der französischen Hauptstadt brachte. Die meisten dieser Verhafteten starben nur wenig später im Konzentrationslager Auschwitz. In welcher Weise waren französische Behörden an dem von deutscher Seite initiierten und mit wachsender Gewalt umgesetzten Holocaust in Europa beteiligt? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat kürzlich die Verantwortung seines Landes für die größte Massenverhaftung von Juden während des Zweiten Weltkrieges in Frankreich bekräftigt. Im Institut Français in München diskutierten nun Jean-Marc Dreyfus von der Universität Manchester, Bernd Kasten von der Universtität Rostock und unser Zeithistoriker Michael Mayer.

Holocaust in Frankreich Gruppenbild


Michael Mayer beschrieb die Entwicklung der französischen Gesetzgebung: Ab 1933/34 habe es faktisch Berufsverbote für ausländische Juristen und Mediziner in Frankreich gegeben, da um diese Zeit jüdische Flüchtlinge nach Frankreich kamen und insbesondere französische Juristen und Mediziner in ihnen eine bedrohliche Konkurrenz sahen. Bei Kriegsbeginn begann zudem die Säuberung der Verwaltung. Diese gipfelte noch vor dem deutschen Einmarsch im April 1940 in einem Befehl, wonach alle Menschen aus dem Staatsdienst zu entlassen seien, die eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellten. Dieser sehr vage Befehl war noch nicht offen anti-jüdisch, obwohl Juden davon betroffen waren. Relativ unabhängig von deutschem Einfluss ging das Vichy-Regime ab Juli 1940 daran, antisemitische Gesetze zu erlassen. Diese stießen in der Bevölkerung auf Unterstützung und erhielten den Segen der katholischen Kirche.

Xenophobe Politik schlägt in antisemitische um

Frankreich habe tendenziell versucht, französische Juden zu schützen, wie Bernd Kasten schilderte. Ausländische und staatlose Juden hingegen seien gezielt verfolgt worden, um die deutschen Deportationsquoten zu erfüllen. Von den 75.000 deportierten Juden wurden über 50.000 von der französischen Polizei verhaftet. Die Polizisten seien dabei aber keine Faschisten gewesen, sondern hätten sich als Patrioten gesehen. Ausländische Juden hätten in ihren Augen als Gruppe eine Gefahr dargestellt, sodass die Verfolgung dieser Gruppe Frankreichs Sicherheit zu stärken schien. Es habe, so Kasten weiter, zwar einige Sabotage- und Befehlsverweigerungsfälle gegeben, doch dies seien eher Einzelfälle. Insgesamt habe die französische Polizei die Verfolgungsmaßnahmen der eigenen Regierung und der deutschen Besatzer relativ effektiv umgesetzt.

Gezielte Verfolgung in erster Linie deutsches Verbrechen

Jean-Marc Dreyfus beschrieb die Erinnerungskultur an den Holocaust in Frankreich. Im Jahre 1978 fing eine „Obsession" an, man sprach nun erstmals über die Deportationen. Allerdings sei der Holocaust auch zuvor Diskussionsthema gewesen, wenn auch vor allem in den intellektuellen Kreisen. Erst 1995 erkannte der französische Präsident Jacques Chirac eine französische Mitverantwortung für die Massendeportationen aus Frankreich ab 1942 an. Die Teilnahme der französischen Behörden war dabei insgesamt höher, als man lange geglaubt hatte. Allerdings solle man nicht vergessen, betonte Dreyfus, dass es ohne deutsche Antriebe diese Beteiligung in Frankreich nicht gegeben hätte. Dieses Jahrhundertverbrechen sei in erster Linie ein deutsches.


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