Wie wahres Wissen entstehen kann

Julian Nida-Rümelin zur Umsetzung des humanistischen Bildungsideals

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 14.11.2010

Von: Sebastian Haas

# Bayern / Bildung / Politische-Philosophie

Knäusl-Nida-Rümelin-Kellermann

Begrüßten Julian Nida-Rümelin in Tutzing: Reiner Knäusl vom Städtetag (links) und Tagungsleiter Gero Kellermann (rechts). Foto: Haas

Auch die Philosophie kam nicht zu kurz beim Kommunalpolitischen Forum. Julian Nida-Rümelin hielt eine wahre Lobrede auf das humanistische Bildungsideal. Umsetzen möchte er es auch noch. Der heutigen Bildungspolitik bescheinigte der frühere Kulturstaatsminister zwar „eine hektische Betriebsamkeit. Was aber fehlt, ist die klare kulturelle Leitidee.“

In einem kurzen, klar strukturierten und von der ersten bis zur letzten Minute fesselnden Vortrag spannte Nida-Rümelin den Bogen über 2500 Jahre Bildungsgeschichte bis in die heutige Zeit. Zwei Arten der Bildung streiten nach seiner Sicht seit der Antike: die humanistische und die technokratische. Heute überwiege das technokratische Element. Wissen, das auf überzeugenden Argumenten aufbaue, werde durch ein Überangebot an Informationen entwertet – der Begriff von der „Wissensgesellschaft“ sei demnach völlig fehl am Platze. Vor diesem Hintergrund spiele sich die aktuelle „Propaganda“ ab, nach der die Universitäten sich auf die Befähigung zum Beruf konzentrieren müssten.

Industrielle Revolution?
Wegen umfassender Bildung!

Ein alter Hut – meint Nida-Rümelin. Bereits im Mittelalter sei das einzige Ziel der Universitäten gewesen, Juristen, Mediziner und Theologen im Sinne des Staates für ihre Berufe auszubilden. Erst der Philosoph Immanuel Kant habe die entscheidende Frage gestellt: „Darf mir mein Fürst vorschreiben, was ich zu denken habe?“ Kants Schüler (Schleiermacher, Fichte und Humboldt) schließlich begründeten ab 1810 die Reformuniversitäten. Ihr Credo lautete: Das universitäre Wissen wirkt im Leben und nach der Universität. „Weil man sich zur umfassenden humanistischen Bildung hin entwickelt hat entstand eine Kaskade von neuen Disziplinen“ – so begründet Nida-Rümelin beispielsweise den Weg Deutschlands zur bedeutendsten europäischen Industrienation im 19. Jahrhundert.

Heute nun stehen wir vor dem größten Umbruch der Bildungseinrichtungen seit 200 Jahren. Und genau deshalb, das meint der Philosoph, sollte man die Aktualität der „alten“ humanistischen Ideale beachten. „Umfassende Bildung ist die beste Ausbildung“, sagt Nida-Rümelin. „Eine Ausbildung an den Universitäten hin zu bestimmten Berufen ist vollkommen überflüssig, weil sich die Berufsbilder ständig ändern.“

Die Ganztagesbetreuung muss her

Zunächst aber gehe es darum, die Bildung familienfreundlicher zu gestalten. Gerade in Städten wie München könne es sich keine Familie leisten, dass einer von zwei Erwachsenen aus dem Erwerbsleben ausscheide. Wenn, dann seien es die Frauen – und das sei eine gigantische volkswirtschaftliche Verschwendung. Was also ist die einzig vernünftige Lösung? Die Bildungsinstitutionen, von der Kinderkrippe bis hin zum Abitur, komplett auf Ganztagesbetrieb umstellen. Leuchtendes Vorbild ist Nida-Rümelins Meinung nach Frankreich: „Dort muss sich die Mutter dreier Kinder nicht rechtfertigen, wenn sie voll berufstätig ist; dort sind Tagesmütter und Ganztageseinrichtungen die Regel; und dennoch ist dort der Zusammenhalt in den Familien deutlich enger als bei uns.“

Der volkswirtschaftliche Nebeneffekt des Ganzen für Deutschland: Sieben Millionen voll erwerbstätige Frauen und erhöhte Steuereinnahmen. Doch auch für das Schulsystem ergeben sich nach Nida-Rümelins Ansicht drastische Folgen. Denn auch sie müssten sich am humanistischen Bildungsideal orientieren. Projektbezogener Unterricht, künstlerische Praxis, Kreativität, gründliches Nachdenken und Ausprobieren, Inklusion von sozial benachteiligten, behinderten oder ausländischen Kindern – in der Ganztagesschule sei das besser möglich als im heutigen Halbtagesbetrieb. Dann sei auch wieder Zeit für Bewegung in der Schule: „Eine Stunde Sport in der Früh nützt erwiesenermaßen so viel. Aber heute werden Sport und Musik drastisch aus dem Lehrplan der Schulen gekürzt, weil die Zeit fehlt.“

Der Spielraum ist da.
Man muss es nur wollen

Zugegeben: Das klingt wirklich schön. Wer neben der Schule in den Musik- und Sportverein geht, wer Nachbarn hat, die auch mal aufpassen können, wer in einer Kommune ohne Geldsorgen lebt – der kann heute womöglich schon so leben. Julian Nida-Rümelin arbeitet dafür, dass dies für alle möglich ist. „Wir haben den Spielraum, um solch klare Prioritäten im Bildungssystem zu setzen“, meint er. Sieben Milliarden Euro würde es beispielsweise kosten, Kindergartenplätze kostenlos für alle zur Verfügung zu stellen. Dafür müsste man lediglich die Steuer auf Flugbenzin auf das Niveau des Autotreibstoffs anheben oder ein wenig Geld vom Ausbau Ost oder aus dem aufgeblähten Rentensystem abzwacken.

Julian Nida-Rümelin ist zwar Philosoph, aber auch Politiker. Unter Gerhard Schröder war er Kulturstaatsminister und er weiß, was realisierbar ist, und was nicht. „Meine Sicht liegt quer zu allen Parteigrenzen“, erklärte er seinen Zuhörern in der Akademie für Politische Bildung. Er möchte, dass die Bürger, die Kommunen und die Regierungen die humanistische Bildungstradition nicht vergessen, sie vielmehr diskutieren und womöglich umsetzen. Wenn also jede Partei die richtigen Bausteine herauspickt und zu einem ähnlich kohärenten Bild zusammensetzt, wie Julian Nida-Rümelin das tut – dann gibt es tatsächlich noch Hoffnung für das humanistische Bildungsideal.


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