Überzeugen(d) im Netz

Abgeordnete und Social Media: Wer das Handwerk beherrscht, kann gelassen bleiben

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 10.08.2018

Von: Nicolai Harnisch und Sebastian Haas

# Bayern / Medien / Digitalisierung

Social Media sind im Wahlkampf so selbstverständlich wie die Bürgersprechstunde oder Stand in der Fußgängerzone. Eine Facebook-Seite ist schnell erstellt. Schwieriger ist es, ein auf die eigene Persönlichkeit zugeschnittenes Social-Media-Konzept zu erarbeiten. Schließlich will man als Politikerin und Politiker authentisch und sympathisch auftreten sowie mit Themen und Argumenten punkten. Wer das Handwerk beherrscht, muss weder brüllen noch Falsches verbreiten / Ein Praxis-Workshop.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Wie sie sich und ihre Parteien im Netz präsentieren und positionieren, diskutierten auf dem Podium der Akademie für Politische Bildung die stellvertretende Vorsitzende der BayernSPD Johanna Uekermann, der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Schrodi und Eva Lettenbauer, die Spitzenkandidatin der Grünen Jugend Bayern für die Landtagswahl - unterstützt durch den Kommunikationswissenschaftler André Haller von der Universität Bamberg. Dass online nicht gleich online ist, erkennen Sie im Folgenden, denn die Zusammenfassung der Diskussion haben wir direkt aus der Twitter-Timeline der Akademie übertragen:

  • #Storytelling wird im #Wahlkampf zur #ltwby erstmals eine größere Rolle spielen - meint @EvaLettenbauer @GJ_Bayern.
  • Aber, ergänzt @j_uekermann, Vor- und Nachbereitung kostet viel #Zeit, #Protagonisten sind schwierig zu finden.
  • Erfolgreiche #Kampagnen müssen durch #Demoskopie/Wissenschaft unterfüttert sein, ohne #PR-Profis kaum möglich. @andrehaller
  • Mit Themen gegen den Strom schwimmen, eigenes #AgendaSetting betreiben - das funktioniert zumindest lokal & regional, meint @mischrodi.
  • "Es kann nicht unser aller politischer Anspruch sein, nur auf die #Themen aufzuspringen, die bereits diskutiert werden", sagt @EvaLettenbauer. #AgendaSetting
  • #SocialMedia um innerparteilich gegen den Strom zu schwimmen - z.B. @mischrodi & 11 andere Neue @spdbt im Januar 2018 mit einem eigenen Positionspapier
  • Der Nachteil der #Volkspartei in der politischen #Kommunikation: Eher Sowohl-als-auch-Statements als klare #Position - @j_uekermann @mischrodi
  • Einig sind sich alle - und es erscheint so einfach: Ohne eigene #Inhalte kein #Erfolg in #Politik & #SocialMedia.

Digitale Empathie

Die Keynote des Journalisten Richard Gutjahr glich einem engagierten Grundkurs zum Umgang mit Social Media. Die Nutzung der sozialen Medien wird auch für PolitikerInnen immer wichtiger, besonders wenn sie jüngere Bevölkerungsgruppen ansprechen wollen, bei denen die klassischen Medien (Print, Fernsehen, Radio) immer mehr an Bedeutung verlieren. Gleichwohl ist Netzwerk nicht gleich Netzwerk und der richtige Umgang mit Facebook, Twitter, Instagram und Co. will gelernt sein. Gerade Politikerinnen und Politiker sollten im Netz „digitale Empathie" beweisen, mit ihren Followern auf Augenhöhe kommunizieren und vor allem: viel erklären. Nur so gelingt es, sich authentisch zu präsentieren und im Kampf um Aufmerksamkeit mit den eigenen Botschaften durchzudringen.

Fakten, Fake und Trolle

Als Leiter der Verifikationsabteilung des Bayerischen Rundfunks ist Stefan Primbs ein ausgewiesener Experte in Sachen Falschmeldungen und Faktencheck. In den sozialen Netzwerken kursiert eine Unzahl an Unwahrheiten, die dennoch große Reichweite findet. Das Phänomen der Filterblasen und der zunehmende Vertrauensverlust in traditionelle Medien verstärken diese Entwicklung, auch sogenannte Social Bots oder Trolle tragen zur Verbreitung von Falschmeldungen bei. Regelmäßig werden auch Politikerinnen und Politiker Opfer von Fake News. Dabei sollten sie sich gut überlegen, wie sie auf solche reagieren sollen, denn nicht selten trägt die Widerlegung einer Falschmeldung zu ihrer Weiterverbreitung bei und führt oft zu falschen Diskussionen. Auf alle Fälle sollte vor dem Veröffentlichen stets ausreichend recherchiert, Quellen geprüft und sich nicht auf die Auseinandersetzung mit Trollen eingelassen werden.

¯\_(ツ)_/¯

Dirk von Gehlen, Leiter Social Media/Innovation der Süddeutschen Zeitung, plädiert für eine Kultur der Gelassenheit angesichts einer immer komplexer werdenden Welt - und das gilt auch für das Veröffentlichen in den sogenannten sozialen Netzwerken. So sollten Politikerinnen und Politiker ihrem Publikum gegenüber nicht rechthaberisch auftreten oder mit aller Macht auf dem eigenen Standpunkt beharren, sondern Verständnis für konträre Meinungen aufbringen, zuhören und nachfragen. Das ist auch fruchtbar für den politischen Diskurs im Internet und womöglich für die gesamte demokratische Kultur.

"Überzeugen(d) im Netz - Abgeordnete und Social Media" ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe von Akademie für Politische Bildung, dem MedienCampus Bayern und der Professur für Praktischen Journalismus der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Zielgruppe sind aktive Politikerinnen und Politiker sowie deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - von der Lokalpolitik über den Bayerischen Landtag bis zur europäischen Bühne. Weitere Workshops dieser Veranstaltung beschäftigten sich mit Social-Media-Strategien im Allgemeinen und dem Einsatz von Bewegtbild (mit Tobias Köpplinger von der Frankfurter Neuen Presse).

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Weitere Informationen

Gegen die Panik - Sieben Tipps zu mehr Gelassenheit in Social Media

Mehr Ratlosigkeit wagen - Dirk von Gehlens Anleitung fürs digitale Leben (Deutschlandfunk)

Manipulierte Videos - Wie Deepfakes zur Bedrohung werden (Bayerischer Rundfunk)

Hass im Netz - Die Macht der Trolle (ZDF info)

Es brodelt in der YouTube-Hölle - das Netzwerk und die Verschwörungstheorien (Republik-Magazin)

Wie sich Aufmerksamkeit durch digitale Kommunikation verändert - Blogbeitrag des Kulturwissenschaftlers Philippe Wampfler

Mobile Journalism: Richard Gutjahrs Blogger-Handtasche (2017 edition)


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