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Wandel durch Handel oder gefährliche Abhängigkeit?

China-Strategie soll Deutschland unabhängiger machen

Das liberale Credo vom "Wandel durch Handel" verspricht, dass wirtschaftliche Beziehungen den politischen Wandel autoritärer Regime herbeiführen können. Ein Verständnis, das seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ins Wanken geraten ist. Mit Blick auf Chinas Politik gegenüber Taiwan stellt sich die Frage, ob das gleiche Problem droht, wie mit Russland: eine zu große Abhängigkeit von einem autoritären Regime. Im Rahmen des neuen Formats "Akademie After Work" der Akademie für Politische Bildung haben Florian Dorn vom ifo Institut und Michael Böhmer von Prognos unter dem Titel "Ist Wandel durch Handel gescheitert? Renaissance der Geopolitik in der Ökonomie" über wirtschaftliche Abhängigkeiten und eine neue China-Strategie diskutiert.

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 02.08.2023

Von: Konstantin Hadzi-Vukovic / Foto: Konstantin Hadzi-Vukovic

Programm: Akademie After Work: Ist "Wandel durch Handel" gescheitert?

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"Für Deutschland bleibt China Partner, Wettbewerber, systemischer Rivale", verkündete Bundesaußenministerin Annalena Baerbock bei der Präsentation der neuen China-Strategie der Bundesregierung. China habe sich verändert, weswegen sich auch die deutsche Chinapolitik ändern müsse. Mit Blick auf die deutsche Russlandpolitik der vergangenen Jahre ist oft von massiven Fehleinschätzungen die Rede. Deutschland habe sich zu stark von einem autoritären Land abhängig gemacht. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sei das offenkundig geworden. Die liberale Vorstellung, dass der Westen durch den Handel mit autoritären Staaten - nicht nur den gemeinsamen Wohlstand fördern, sondern in diesen Ländern auch einen positiven Wandel in politischer, sozialer und kultureller Hinsicht anregen kann, scheint nicht mehr zeitgemäß. Droht Deutschland mit Blick auf China und dessen aggressiver Politik gegenüber Taiwan ein weiteres politisches Versäumnis? Wie kann Deutschland sich unabhängiger von China machen? Unter dem Titel "Ist Wandel durch Handel gescheitert? Renaissance der Geopolitik in der Ökonomie" haben Florian Dorn vom ifo Institut und Michael Böhmer von Prognos in der ersten Ausgabe der neuen Reihe "Akademie After Work" der Akademie für Politische Bildung diskutiert.

Wandel durch Handel als Baustein der deutschen Außenpolitik

"Wandel durch Handel" - die Annäherung zweier politischer Systeme durch Wirtschaftsbeziehungen - basiert auf der Annahme, dass der Austausch von Gütern, Dienstleistungen, Ideen und Technologien dazu beiträgt, das Verständnis zwischen den Nationen zu verbessern und mögliche Konflikte zu verringern. Der Handel wird als mächtiges Instrument für den Fortschritt und die Förderung von Frieden und Wohlstand gesehen. Als politisches Konzept kam "Wandel durch Handel" in der Bundesrepublik Deutschland im Kalten Krieg im Zuge der Politik gegenüber der DDR zum Tragen.

Allerdings hat der Handel mit einigen Ländern nicht zu einem politischen Wandel dort, sondern eher zu einer Abhängigkeit Deutschlands geführt. Das prominenteste Beispiel ist Russland, das in den vergangenen Jahren immer autoritärer agierte, während sich Deutschland von russischen Gasimporten abhängig machte. Durch dem russischen Angriff auf die Ukraine war Deutschland schließlich gezwungen, seine Gaseinfuhrquellen zu diversifizieren.

Deutschlands wirtschaftliche Abhängigkeiten von Europa und China

In den vergangenen Jahrzehnten ist außerdem China zu einem der wichtigsten Handelspartner Deutschlands für den Import von Elektronik, Maschinen und Textilien aufgestiegen und deutsche Unternehmen profitieren von den Möglichkeiten des chinesischen Marktes. Vor allem in der Hightech-Industrie unterhalten viele deutsche Unternehmen Geschäftsbeziehungen mit chinesischen Partnern. Als in der Corona-Pandemie Lieferketten unterbrochen waren, hat sich allerdings gezeigt, dass die deutsche Industrie stark von China abhängig ist und zeitweise nur eingeschränkt produzieren konnte. Bei politischen Konflikten im direkten oder indirekten Zusammenhang mit China könnten deutsche Unternehmen mit noch größeren Herausforderungen konfrontiert werden. Im Falle von politischen Spannungen oder wirtschaftlichen Sanktionen seitens anderer Länder gegen China wäre Deutschland als enger Handelspartner ebenfalls betroffen. 

Laut Michael Böhmer, Chefvolkswirt und Partner bei Prognos, hängen 30 Prozent des deutschen Wohlstands vom Außenhandel ab - in der Industrie sogar 60 Prozent. Deutschland stehe in unterschiedlichen Bereichen zu allen Weltregionen in Abhängigkeit. Eine Entkoppelung der Weltwirtschaft hätte massive Folgen für Deutschland. In allen Handelsbereichen entfällt der größte Anteil aber auf das europäische Ausland. Europa ist und bleibt Deutschlands wichtigster Markt. Europa und die USA bilden zusammen 15 Prozent des deutschen Wohlstandes, der durch den Außenhandel entsteht. Die Abhängigkeitsquote von China ist zwar in den vergangenen Jahren gestiegen und befindet sich auf drei Prozent, ist aber im Vergleich mit den USA und Europa um einiges geringer. Dennoch stammen 50 Prozent von Deutschlands Importen aus China. Diese entsprechen aber nicht 50 Prozent des deutschen Wohlstandes. Viele verschiedene Faktoren wie die Vielfalt und Qualität der Importe spielen dabei eine Rolle. Eine starke inländische Wirtschaft und Produktion sowie ein ausgewogener und diversifizierter Handel mit verschiedenen Ländern sind entscheidend für das Wohlstandsniveau eines Landes. 

Notwendige Kooperation mit China

"Wir sind in unserer Wertschöpfungskette sehr vom internationalen Handel abhängig", sagt Florian Dorn vom ifo Institut. Deswegen würde eine Abkehr von jeder Form des Freihandels - beispielsweise, dass Deutschland Zölle gegenüber China erhöht - negative Folgen haben. Beim Import mineralischer Rohstoffe, vor allem Metalle und Industriemetalle, die für die deutschen Schlüsseltechnologien von großer Bedeutung sind, ist Deutschland ebenfalls von China abhängig. Ohne diese Rohstoffe würden für Deutschland Verluste entstehen. Des Weiteren müsste Deutschland einen Großteil des Weges, den ein Produkt während des Entwicklungsprozesses durchläuft, selbst bewältigen. Dies würde wiederum die Produktionskosten in Deutschland erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit auf dem globalen Markt beeinträchtigen. Insgesamt würde die Abkehr vom Freihandel mit China die deutsche Volkswirtschaft massiv schwächen.

Ein weiteres Argument für eine Zusammenarbeit mit China ist der Klimawandel. "Wenn wir globale Probleme lösen wollen, funktioniert das nur gemeinsam", sagt Dorn. 30 Prozent der globalen CO2-Ausstöße kommen heute aus China - vor 30 Jahren waren es noch sechs Prozent. Die Energiewende ist ohne eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt schwer lösbar. "Wir sollten deswegen nicht glauben, dass wir nicht mehr Handel mit Autokratien machen sollten", sagt Dorn. Es sei aber wichtig, eine Strategie für den Außenhandel zu haben.

Neue China-Strategie gegen einseitige Abhängigkeit

Eine mögliche China-Strategie besteht darin, neue geographische Märkte zu erschließen, um sich von den Abhängigkeiten zu anderen Staaten in manchen Bereichen zu lösen. So zum Beispiel sind Afrika und Südamerika zwei Kontinente mit einem Binnenmarkt, der attraktiv für Deutschland ist. Michael Böhmer nennt als Beispiele Brasilien, Ägypten und Kenia. "Länder, die früher nicht im deutschen Fokus standen, ein großes Bevölkerungswachstum haben und deswegen für einige Unternehmen attraktiv sein könnten." Wenn Deutschland sich nicht auf diese Länder konzentriert, übernehmen Länder wie China und Russland mit anderen Ideen und Wertvorstellungen deren Märkte. Deutschland könnte so mehrere Märkte verlieren, in denen insgesamt ein Drittel der Weltbevölkerung lebt.

Eine weitere Strategie beinhaltet Freihandelsabkommen und Assoziierungsabkommen, um sich von der Abhängigkeit einzelner Partner zu lösen. Dazu gehört auch, die Vertiefung des EU-Binnenmarktes voranzutreiben und damit die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken.

Doch nicht nur die deutsche Regierung ist gefragt, sondern auch die Wirtschaft. "Unternehmen sollten innovativ bleiben, was Produkte und neue Möglichkeiten in regionaler Hinsicht betrifft", sagt Böhmer. Um sich von der Abhängigkeit im Export von China zu lösen, sei die beste Lösung, in Forschung und Entwicklung zu investieren. "Nicht die Technologie der anderen kopieren, sondern selbst mit neuen Investitionen Marktführer sein", erklärt Dorn. Ein möglicher Bereich, in dem sich Deutschland profilieren könnte, liegt laut Böhmer in der Klima- und Umwelttechnik, in der Deutschland einen sehr großen Weltexportanteil hat. In der Luftreinhaltung ist Deutschland sogar Marktführer. In diesen Produktgruppen kann Deutschland in Zukunft eine stärkere Nachfrage erwarten und seine gute Position weiter ausbauen.

Ist "Wandel durch Handel" gescheitert?

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