Sustainable Finance

Wie die grüne Transformation der Wirtschaft gelingt

Der Klimawandel stellt die Wirtschaft vor eine enorme Herausforderung. Denn Klimaneutralität kann ohne eine fundamentale Transformation der bisherigen Wirtschaftsweise nicht gelingen. Ob Anlegerinnen und Anleger in erneuerbare Energien oder in fossile Brennstoffe wie Erdgas, Erdöl und Braunkohle investieren, hat erheblichen Einfluss auf das Klima. Doch noch immer fließen hohe Summen an Kapital in klimaschädliche Finanzprodukte. Private Anlegerinnen und Anleger, die sich für nachhaltige Investitionsmöglichkeiten interessieren, erfahren häufig nicht, was sich hinter den Produkten verbirgt. Welche Rolle die Finanzbranche in der grünen Transformation spielt , haben Expertinnen und Experten in der Tagung "Finanzmärkte und Nachhaltiges Wirtschaften" der Akademie für Politische Bildung und des Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik der Technischen Universität München diskutiert.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 02.12.2022

Von: Martina Maier / Foto: Martina Maier

# Wirtschaft, Ökologie und Nachhaltigkeit

Programm: Finanzmärkte und Nachhaltiges Wirtschaften

Finanzmärkte und Nachhaltiges Wirtschaften

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Green Bonds, Klima-Anleihen und nachhaltig-zertifizierte Aktienfonds: Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt auf den Finanzmärkten und in Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Statt Ölkonzernen wie Shell und Exxon wollen Anlegerinnen und Anleger nachhaltige Branchen im Depot. Laut Daten der Deutschen Bundesbank hat sich das Emissionsvolumen grüner Bonds weltweit von 2015 bis 2019 auf 257 Milliarden Euro versachsfacht. Ressourcenschonende, klimafreundliche, soziale und ethische Investitionen liegen im Trend. Immer mehr Finanzdienstleister richten ihre Produkte nach sogenannten ESG-Standards aus und berücksichtigen damit ökologische, soziale und ethische Kriterien. Doch ganz zuverlässig sind diese nicht. Häufig verbirgt sich hinter einem Qualitätssiegel ein klimaschädliches Projekt. Wie kann die grüne Wende im Finanzsektor gelingen? In der Tagung "Finanzmärkte und Nachhaltiges Wirtschaften" der Akademie für Politische Bildung und des Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik der Technischen Universität München haben Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft über die Rolle der Finanzmärkte in der sozial-ökologischen Transformation diskutiert.

Was ist Sustainable Finance?

"Wenn die Welt ein Unternehmen wäre, müssten wir einen Insolvenzverwalter holen, denn wir verbrauchen mehr, als wir einzahlen", warnt Werner Hedrich von Globalance Invest, einer nachhaltigen Vermögensverwaltung mit Hauptsitz in München. Um bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen und das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens einzuhalten, sind allein bis 2030 Investitionen von vier Billionen US-Dollar pro Jahr erforderlich. Der Klimaschutz ist eine Mammutaufgabe für den Finanzsektor, der im Kampf gegen den Klimawandel eine Schlüsselrolle einnimmt. Denn wie viel Geld wohin fließt, entscheidet darüber, was produziert wird und was nicht. Ganz falsch ist das bekannte Sprichwort "Geld regiert die Welt" daher nicht. Ob Anlegerinnen und Anleger vor allem in fossile oder eher in erneuerbare Energien investieren, hat Konsequenzen für das Klima. Darum geht es bei Sustainable Finance: Wie werden Finanzinvestitionen nachhaltig? Ziel ist es, sämtliche Finanzmarktakteure - private und öffentliche - dazu zu bringen, ihre Kapitalflüsse nachhaltig auszurichten.

Nachhaltiges Wirtschaften umfasst dabei weit mehr als nur Klimaschutz. Neben dem Umgang mit Ressourcen und Emissionen geht es auch um soziale Themen. Denn nachhaltiges Wirtschaften umfasst auch Arbeitsbedingungen und Arbeitsstandards, Gesundheits- und Sicherheitsschutz, Menschenrechte und eine verantwortungsvolle und faire Unternehmensführung. Dazu gehöre die Verhinderung von Korruption und Geldwäsche, Transparenz und Offenheit, eine faire Steuerthematik, aber auch Diversität, Vielfalt und Chancengleichheit, sagt Raphael Max von der Technischen Universität München. Von der Produktion über die gesamte Lieferkette bis zum Konsum, müssen ganze Wirtschaftsketten nachhaltig ausgerichtet werden.

ESG-Kriterien: Das Biosiegel für Finanzprodukte

Doch wie erkennt eine Anlegerin oder ein Anleger überhaupt, ob eine Investition all diese Kriterien erfüllt? Im Finanzsektor fehlt bislang eine klare Definition von Nachhaltigkeit. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Standards. Als bekanntester unter ihnen hat sich der sogenannte ESG-Ansatz etabliert. Der englische Begriff setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Wörter "Environment", "Social" und "Governance" zusammen. Hier geht es neben Klima- und Umweltschutz um die erwähnten ethischen und gesellschaftlichen Aspekte sowie um eine verantwortungsvolle Unternehmensführung. Für jede dieser drei Komponenten werden nachprüfbare Kriterien festgelegt, die es Anlegerinnen und Anlegern ermöglichen, die Nachhaltigkeit eines Unternehmens oder eines Finanzprodukts einzuschätzen und vergleichen.

Vorsicht vor Greenwashing

Ganz unproblematisch sind die ESG-Kriterien jedoch nicht. Werner Hedrich berichtet von Untersuchungen ehemaliger Kolleginnen und Kollegen, die in vermeintlich "grünen" Portfolios, Betreiber von Atomkraftwerken und Rüstungskonzerne entdeckt haben. Beim Greenwashing geben sich Unternehmen als nachhaltig aus, sind es aber in Realität nicht. Möglich ist das, weil bisher klare gesetzliche Regulierungen und global einheitliche Standards fehlen. Meist sind es Ratingagenturen, die eine individuelle Bewertung anhand unterschiedlicher Quellen und Auswertungsmethoden vornehmen. Diese dienen Anlegerinnen und Anlegern daher lediglich als Orientierung und sollten mit großer Vorsicht genutzt werden. Es brauche dringend ein Label und eine stärkere Einmischung der Zentralbanken, Aufsichtsbehörden und Finanzministerien, mahnt Katie Kedward vom University College London. Mit Optimismus blickt sie auf die neue Taxonomie-Verordnung, mit der die EU-Kommission eine Vorreiterrolle einnimmt. Trotz Kritik wegen vermeintlich zu lascher Kriterien, wird erstmals EU-weit mit einem Klassifikationssystem verbindlich definiert, was als nachhaltiges Wirtschaften gilt. Außerdem verpflichtet die Transparenzverordnung Unternehmen, die Nachhaltigkeit ihrer Wirtschaftsaktivitäten offenzulegen. Damit soll einerseits mehr Transparenz geschaffen werden, um Anlegerinnen und Anleger vor Greenwashing zu schützen und andererseits Investitionen in Nachhaltigkeit gefördert werden.

Wie die grüne Wende auf den Finanzmärkten gelingt

"Sustainable Finance ist kein Allheilmittel", warnt Kedward. Die grüne Transformation benötige riesige Investitionen jenseits privater Kapitalzuflüsse. Doch auch jenseits des Klimawandels spielt Sustainable Finance eine wichtige Rolle: Durch die aktuelle geopolitische Situation und die herrschende Energiekrise bekommt nachhaltiges Wirtschaften eine neue Dringlichkeit. Zu lange hat sich Deutschland von fossilen Energieträgern abhängig gemacht, zu wenig wurden in erneuerbare Energien und in die Dekarbonisierung der Industrie investiert. Eine klimaneutrale Wirtschaftsweise kann unsere finanzielle Resilienz in Zeiten politischer Krisen und unsicherer Finanzmärkte erhöhen und ist der erste Schritt zu einem zukunftsfähigen Wirtschaftssystem.

Finanzinstituten komme hier eine wichtige Aufgabe zu, ist Kedward überzeugt. Sie müssen Anreize schaffen, sodass auch private Investorinnen und Investoren in klimafreundliche Technologien investieren. Die grüne Transformation der Wirtschaft ist nicht zuletzt politisch zu organisieren: Durch wirtschaftspolitische und rechtliche Rahmenbedingungen können Investitionen umgelenkt werden. Handels- und Gesellschaftsrecht, Kapitalmarktrecht sowie das Steuer- und Bilanzrecht haben enormen Einfluss auf unternehmerische und private Wirtschaftsaktivitäten. Darunter fallen unter anderem strengere Bilanzierungsregeln und Veröffentlichungspflichten sowie klare Nachhaltigkeitsstandards. Auch staatliche Eingriffe, wie beispielsweise der Abbau klimaschädlicher Subventionen oder die Einpreisung ökologischer Kosten in Produktpreise, fördern Nachhaltigkeit. Dem Umweltbundesamt zufolge hat Deutschland allein im Jahr 2018 mehr als 65 Millionen Euro für umweltschädliche Subventionen ausgegeben, darunter Steuervergünstigungen für die Nutzung von Dieselfahrzeugen. Das liegt auch daran, dass die fossile Wirtschaft und die Politik traditionell eng miteinander verbunden sind. Durch Lobbyarbeit verhindern privilegierte Industrien, wie die deutsche Automobilbranche, klimafreundliche Investitionen. Das muss sich dringend ändern. Ein Umdenken ist daher auch bei Unternehmen erforderlich. Sie müssen mehr als nur die eigene Gewinnmaximierung als Zielgröße in den Blick nehmen.

Investitionen in die Zukunft

Hedrich fordert private Anlegerinnen und Anleger dazu auf, über Investitionsentscheidungen zweimal nachzudenken. Letztlich gehe es beim nachhaltigen Anlegen darum, in den Fortschritt zu investieren. Unternehmen, die sich den Herausforderungen unserer Zeit stellen, haben größere Wachstumschancen. An privatem und öffentlichem Kapital mangelt es längst nicht, es muss allerdings in die richtigen Projekte gelenkt werden. Der sozial-ökologische Wandel braucht ein produktives Miteinander von Politik und Wirtschaft.


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