Jugendbeteiligung in der Kommune

So gelingt die politische und gesellschaftliche Partizipation vor Ort

Kindern und Jugendlichen wird oftmals unterstellt, nicht die entsprechenden Kompetenzen und Erfahrungen zu besitzen, um sich aktiv an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Aber sind sie wirklich nicht in der Lage, für sich selbst zu sprechen, sich eigene Meinungen zu bilden und gültige Entscheidungen zu treffen? Oder haben sie gar keine Möglichkeit, sich in politische Prozesse und gesellschaftliche Diskurse einzubringen und sind stattdessen bloße Objekte von Entscheidungen? Mit diesen Fragen hat sich der 5. Tutzinger Diskurs "Miteinander vor Ort" der Akademie für Politische Bildung beschäftigt. Die gleichnamige Publikation beleuchtet die Themen Jugendarbeit und Jugendbeteiligung aus unterschiedichen Blickwinkeln.


Tutzing / Publikation / Online seit: 04.02.2022

Von: Sarah Bures / Foto: Pixabay License/Gerd Altmann

# Kommunalpolitik, Politische Bildung

Michael Spieker / Christian Hofmann (Hrsg.)
Miteinander vor Ort
5. Tutzinger Diskurs
[Einzel- und Kooperationsveröffentlichungen], Tutzing, 2021

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"Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk": So erklärte bereits im 19. Jahrhundert US-Präsident Abraham Lincoln, was unter einer Demokratie zu verstehen sei. Die Demokratie lebt also von der Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger. Sie müssen in der Lage sein, ihre eigenen Ziele und Ansichtsweisen zu bestimmen und sich für diese auszusprechen, um gehört zu werden. Wie gelingt das jedoch bei Kindern und Jugendlichen? Als Zukunft unserer Gesellschaft sollten sie eigentlich ein Mitspracherecht bei Entscheidungen haben, deren Konsequenzen sie unmittelbar betreffen. In einigen Bundesländern sind Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr dazu befähigt, ihre Stimme bei den Kommunalwahlen abzugeben. In wenigen dürfen sie sogar bei den Landtagswahlen oder Bürgerschaftswahlen wählen. Aber wie werden sie auf die Stimmabgabe vorbereitet? Welche anderen Möglichkeiten der Partizipation gibt es? Und wie können sich Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren beteiligen? Im 5. Tutzinger Diskurs "Miteinander vor Ort" der Akademie für Politische Bildung hat eine Diskursgruppe aus 13 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis die (krisenfeste) Jugendbeteiligung und Jugendarbeit vor Ort beleuchtet. In der gleichnamigen Publikation stellt sie elf Thesen zur Jugendbeteiligung auf. In weiteren Beiträgen und Aufsätzen gehen die Autorinnen und Autoren aus der Diskursgruppe auf unterschiedliche Ansatzpunkte und Perspektiven der Jugendarbeit und Jugendbeteiligung ein.

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Mitsprache

Erhalten Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, Erfahrungen der Selbstwirksamkeit zu machen, lernen sie, dass ihre Ansichtsweisen wertvoll sind und etwas bewirken können. Sie erhalten genug Selbstvertrauen, um diese Ansichten auszusprechen und erlernen das Fremdvertrauen in die Wirkung ihrer Aussagen. Selbstwirksamkeit wird hier als innere Überzeugung definiert, herausfordernde Situationen aus eigener Kraft zu meistern. Dazu ist es allerdings notwendig, Kindern und Jugendlichen zuzuhören. "Das eigene Wesen des Kindes ist zu schützen, nicht nur seine vom Erwachsenen erdachte zukünftige Position, sondern seine Möglichkeit, sich selbst zu positionieren ist das zu beschützende Gut", schreiben Projektleiter Michael Spieker und Christian Hofmann, Fellow des Tutzinger Diskurses. Die Jugendlichen müssen von Betroffenen zu Beteiligten werden und dürfen nicht zu Objekten von Entscheidungen Dritter werden.

Die UN-Kinderkonvention fordert dafür beispielsweise den besonderen Schutz der Interessen von Kindern und spricht vom Recht auf deren Beteiligung. Trotzdem bleiben viele Fragen zur konkreten Umsetzung offen. Worum handelt es sich bei diesen Interessen und haben alle Kinder auf der Welt die gleichen? Wer besitzt die Deutungshoheit bei relevanten Entscheidungen? Und wie wird geprüft, ob diese Forderungen auch eingehalten werden? Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie wird deutlich, dass die Realität meist anders aussieht. Obwohl viele Maßnahmen Heranwachsende aktiv betreffen, wie zum Beispiel Schulschließungen, erhalten sie kaum Möglichkeiten, sich an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Lorenz Semmler, Referent für Politische Bildung beim Bezirksjugendring Schwaben, erklärt im Buch, welchen Herausforderungen die Jugendbildung, aber auch die politische Bildung im Allgemeinen in Zeiten der Pandemie gegenüberstehen. Gleichzeitig betont er, dass die Krise als Chance genutzt werden kann. Es entstehen neue Handlungsspielräume, beispielsweise durch den Ausbau der Digitalisierung, und längst veraltete gesellschaftliche Praktiken werden nochmal durchdacht. Die Frage nach der Art und Weise des gesellschaftlichen Zusammenlebens wird neu gestellt, wodurch sich für die politische Bildungsarbeit konstruktive Ansatzpunkte ergeben können. Durch eine bessere Vernetzung und stärkere Lobbyarbeit würden Kinder und Jugendliche enorm davon profitieren.

Durch Jugendarbeit Partizipation fördern

Jugendarbeit stellt einen wichtigen Faktor dar, um Jugendliche über ihr Mitspracherecht aufzuklären und ihnen zu zeigen, wie sie innerhalb demokratischer Rahmenbedingungen agieren können. Die Jugendpolitik macht aber nur einen Teil der Jugendarbeit aus. Besonders wichtig ist es, dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche lernen, selbstständig zu denken und zu handeln, damit sie überhaupt in der Lage sind, darüber zu entscheiden, wie ihre spätere Realität aussehen soll. Tobias Burdukat, Jugendsozialarbeiter und Beirat des Tutzinger Diskurses "Miteinander vor Ort", setzt besonders auf die offene Kinder- und Jugendarbeit. Als Gründer und Initiator des Projekts "Dorf der Jugend Grimma" versucht er, eine autarke und nachhaltige Jugendarbeit im ländlichen Raum zu etablieren. Kinder und Jugendliche können sich mindestens einmal in der Woche auf dem Gelände der alten Spitzenfabrik in Grimma treffen und an Veranstaltungen oder Gruppenaktivitäten teilnehmen. Die Heranwachsenden erhalten einen Freiraum als Alternative zu Schule, Familie oder Beruf, in dem sie Utopien erleben und ausprobieren können. Die entwickelte Utopie wird dann mit der Wirklichkeit in Verhältnis gesetzt. Oftmals entstehen bei diesem Prozess Konflikte, denen mit Lösungen und Perspektiven entgegengetreten werden muss. Kooperationen oder Bündnisse mit Gleichaltrigen können ein hilfreiches Werkzeug darstellen, um den Jugendlichen solidarisches Verhalten näherzubringen. So lernen sie, eigenständig Problemlösungen zu entwickeln und von der Ich-Perspektive auf die Wir-Perspektive überzugehen.

Jugendliche bekommen so die Möglichkeit, Träumen und Ideen fern von gesamtgesellschaftlichen Normen nachzugehen, ohne dabei den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren und in idealistische oder extreme Gedankenmuster zu verfallen. Ziel ist es, einen selbst- und eigenständigen Menschen zu schaffen und diesen in den Vordergrund zu rücken. Über mehrere Generationen hinweg soll ein solidarisches Selbstverständnis geschaffen werden. Das Bild der Jugend in der Zivilgesellschaft soll sich nachhaltig verändern, sodass sie als kompetenter Teil der ländlichen Gesellschaft betrachtet wird. Junge Menschen sollen stärker in demokratische Prozesse eingebunden werden, um langfristig einen Bezug zum ländlichen Raum zu schaffen. Eine tatsächliche Mitwirkung stellt eine erfolgsversprechende Strategie dar, um dem demografischen Wandel in ländlichen Regionen entgegenzuwirken.

Inklusion benachteiligter Gruppen als Aufgabe der Jugendarbeit

Die Inklusion benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen und der Abbau vorurteilbehafteter Meinungsbilder zählt ebenfalls zu einer nachhaltigen Jugendarbeit. Sie muss sich für die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Jugendlichen in Stadt und Land stark machen. Wichtig ist, dass die Jugendarbeit besonders auf sozial benachteiligte Gruppen zugeht und ihnen beibringt, für ihre Interessen einzutreten. Persönliche Vorteile, wie die Möglichkeit mitzugestalten, Einfluss zu nehmen sowie neue Leute kennenzulernen, können Anreize dafür schaffen. Daraus folgt, dass Diskriminierung reduziert wird und ein Weltbild vermittelt wird, das von einer Gleichwertigkeit aller Menschen ausgeht. Wichtig ist es, den Jugendlichen Perspektiven aufzuzeigen, wenn sie nicht mehr nur die Angebote konsumieren wollen. Durch diesen Input entwickeln sie für gewöhnlich weitere Perspektiven, die es ihnen ermöglichen, auch über längere Zeiträume hinweg an ihren Ideen zu arbeiten.

Elf Thesen zur Jugendbeteiligung sind das Ergebnis des 13-köpfigen Diskursteams. Hier werden die wichtigsten Erkenntnisse und Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kinder- und Jugendarbeit zusammengetragen. Unter anderem fordert die Diskursgruppe, dass Heranwachsende möglichst früh und möglichst vielfältig in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs eingebunden werden. Die Jugendarbeit soll außerdem stärker in der Gesellschaft verankert werden und braucht effektive Strukturen und eine starke Repräsentation. Auch die Jugendpolitik muss einen höheren Stellenwert erhalten und mehr Möglichkeiten der Partizipation schaffen, damit Jugendliche in Zukunft auch die Chance haben, an der "Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk" beteiligt zu sein.


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