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Politische Bildung in der digitalen Welt

Ideen für autonomes, selbstbestimmtes und inklusives Lernen

Die Digitalisierung trifft auch die politische Bildung. Sie eröffnet neue Möglichkeiten zur Vermittlung von Lernangeboten, muss aber auch selbst als Herausforderung für die Demokratie thematisiert werden. Gemeinsam mit dem Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten und Expertinnen und Experten aus der politischen Bildungsarbeit hat die Akademie für Politische Bildung Ideen gesammelt, wie politische Bildung im Digitalen gelingen kann - autonom, selbstbestimmt und inklusiv.

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 01.06.2023

Von: Beate Winterer / Foto: Beate Winterer

Programm: Learning (the) Digital

Learning (the) Digital

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Die Digitalisierung fordert die politische Bildung auf zwei Arten: Zum einen schafft sie Möglichkeiten, Lernangebote über neue Kanäle zur Verfügung zu stellen. Zum anderen muss die politische Bildung die digitale Transformation als soziales und politisches Phänomen begleiten. Denn eine demokratisch fundierte, sozial inklusive und beteiligende digitale Transformation ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In der Tagung "Learning (the) Digital" hat die Akademie für Politische Bildung gemeinsam mit dem Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) und Fachleuten aus verschiedenen Mitgliedseinrichtungen und Institutionen der politischen Bildung nach Ideen gesucht, wie die digitale politische Bildung autonom, inklusiv und selbstbestimmt werden kann.

Nationale Bildungsplattform: lebensbegleitende digitale Bildung

Ein Schritt in Richtung digitale Bildung ist eine Nationale Bildungsplattform, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung aktuell mit Unterstützung der Europäischen Union aufbaut. Sie soll digitale Bildungsangebote bündeln und Bürgerinnen und Bürger das lebensbegleitende Lernen erleichtern. Nutzerinnen und Nutzer legen darauf individuelle Lernendenkonten an und erhalten ein persönliches Weiterbildungsbudget, so die Idee. Die Bildungsplattform gibt ihnen einen Überblick über geeignete Qualifizierungsmaßnahmen und erkennt diese an.

Neben schulischer Bildung soll laut Plänen der EU auch der Erwerb sogenannter Microcredentials möglich sein, also die Anerkennung kleinerer maßgeschneiderter Lernerfahrungen unterhalb der formalen Bildung. Darunter fallen zum Beispiel die Teilnahme an einem Workshop, eine Praxistätigkeit und die Bestätigung einer Fähigkeit. Ein Kritikpunkt von Nils-Eyk Zimmermann vom AdB ist allerdings die bürokratische Vorstellung der EU bei der Umsetzung. Es brauche annähernd eine Zertifizierung, um solche Microcredentials ausgeben zu dürfen. Außerdem finden beispielsweise die politische Bildung und die Umweltbildung keine Erwähnung in den bisherigen Plänen.

Ein besonderes Problem für die Erwachsenenbildung sieht Zimmermann darin, dass in Deutschland gleich drei Ministerien für die digitale Umsetzung von Bildungsangeboten verantwortlich sind. Während das Bundesministerium für Bildung und Forschung bei der Nationalen Bildungsplattform Regie führt, fällt die berufliche Bildung in den Bereich des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Für die politische Bildung ist wiederum das Bundesinnenministerium verantwortlich. Diese Kompetenzüberschneidungen verlangsamen Prozesse und erschweren es, eine einzige Plattform sowohl für die formale als auch die nonformale Bildung aufzusetzen.

KI und Learning Analytics für individuelle Lernförderung

Sobald Bildung digital stattfindet, stellt sich die Frage nach dem Einsatz von KI, um Lernen und Lehren effizienter zu gestalten. Ein Werkzeug dazu sind sogenannte Learning Analytics, also die Messung und Analyse von Daten über Lernende. In der Praxis könnte das zum Beispiel so aussehen, dass eine Künstliche Intelligenz Übungsaufgaben stellt, diese korrigiert, dem Lernenden Feedback gibt und die nächsten Lernschritte vorschlägt. "Auch unterschiedliche Angebote für verschiedene Lerntypen sind denkbar", sagt Clara Schumacher vom Institut für Informatik der Humboldt-Universität zu Berlin. Wer sehr leistungsorientiert ist, bekommt anderen Lernstoff und andere Aufgaben als jemand, der Dinge sehr detailliert verstehen möchte.

In Deutschland setzen einige Hochschulen Learning Analytics ein. Schumacher spricht allerdings von einer fragmentierten Pilotlandschaft. Vor allem kommen die Tools in stark formalisierten Lernsettings und Selbstlernsettings zum Einsatz. KI-gestütztes Bilden hat dennoch Potenzial, zum Beispiel in geografisch und infrastrukturell benachteiligten Regionen, wo die Wege zu den nächsten Bildungseinrichtungen - gerade für weniger verbreitete Ausbildungen - weit sind. Im weiteren Kontext politischer Erwachsenenbildung könnten Learning Analytics beispielsweise in Integrationskursen und Sprachlernsettings zur Grundbildung eingesetzt werden. Bekommen alle Lernenden in diesem Bereich Zugang zu digitalen Tools, könnte das den Lehrkräftemangel entschärfen und außerdem zur Chancengerechtigkeit beitragen.

Wichtig ist jedoch zu beachten, das KI und Learning Analytics nicht wertneutral sind. Sie fußen auf dem Wissen und Verhalten gesellschaftlich dominanter Gruppen und sind - zumindest bislang - wenig diskriminierungssensibel. Fraglich ist zudem, wo eine Kontrolle von Lernverhalten politisch angestrebt ist und ob das Hinterfragen von Konventionen und Normen als wesentlicher Bestandteil politischer Bildungsprozesse nicht konträr zu KI-gestützten Bildungssettings verläuft. Außerdem warfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung die Frage auf, an welchem Punkt - gerade bei ethischen Entscheidungen - menschliche Kontrolle, Korrekturen und Eingriffe erfolgen müssen.

Barrierefreiheit durch digitale Angebote

Für Menschen mit Behinderung ist digitale Bildung wiederum eine Frage des Zugangs. Mit dem Vormarsch der Digitalisierung bedingen soziale und digitale Teilnahme einander zunehmend. In Bezug auf die Barrierefreiheit ist die Digitalisierung eine Chance. Sind digitale Anwendungen durchdacht, können sie Menschen mit Behinderung den Alltag erleichtern und Hürden abbauen, beispielsweise durch digitales Lernen, einen digitalen Arbeitsplatz, Online-Shopping und autonomes Fahren. Iris Cornelssen beschäftigt sich als Projektleiterin Qualifizierung bei Aktion Mensch e.V. seit vielen Jahren mit Barrierefreiheit im Internet. Ein undankbares Thema, wie sie selbst sagt.

Ihr geht es zum einen darum, dass möglichst viele Websites zum Beispiel durch hohe Kontraste bei Schriften, Screenreader und die Untertitelung von Videos barrierefrei werden. Aktion Menschen fördert deshalb unter anderem die Übersetzung in Gebärdensprache und leichte Sprache für gemeinnützige Vereine. Davon profitieren auch Menschen ohne Behinderung, denn Barrierefreiheit geht mit einer hohen Benutzerfreundlichkeit einher. Untertitel bei Videos helfen nicht nur Gehörlosen, sondern sind auch praktisch für Menschen, die im Zug sitzen und niemanden stören möchten. Hohe Kontraste erleichtern das Lesen bei Sonneneinstrahlung auf dem Smartphone. Und leichte Sprache wird auch gerne von Nicht-Muttersprachlern und Menschen mit Leseschwäche gelesen.

Cornelssen setzt sich aber auch dafür ein, dass Menschen mit Behinderung an der Gestaltung der Digitalisierung beteiligt werden. Denn digitale Technologien können auch neue Barrieren aufbauen. Fachleute befürchten beispielsweise, dass Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen noch weiter abgehängt werden, während Menschen mit körperlichen Behinderungen von der Digitalisierung profitieren. Außerdem ersetzen digitale Angebote keine Begegnungen. Werden tägliche Kontakte zunehmend an den heimischen Computer verlagert, besteht die Gefahr, zu vereinsamen.

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