Pandemie-Alltag mit Axel Hacke

Der SZ-Kolumnist war zu Gast an der Akademie

Axel Hacke ist zurück an der Akademie für Politische Bildung. Der Autor der Süddeutschen Zeitung hat aus seiner Kolumne "Das Beste aus aller Welt" gelesen und das Publikum in Tutzing mit Gesichtsexhibitionimus, spuckfreier Sprache, Gewaltflaneuren und dem ganz normalen Wahnsinn des Corona-Alltags unterhalten.


Tutzing / Kultur / Online seit: 08.12.2021

Von: Carla Grund genannt Feist / Foto: Carla Grund genannt Feist

# Kultur

Programm: Kultur am See: Axel Hacke liest und erzählt

Axel Hacke liest und erzählt

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

"Du musst in die Kamera schauen, nicht ins Publikum!", hat ein Techniker Axel Hacke auf einer Autokino-Lesung ermahnt. Der Autor hatte versucht, Blickkontakt mit seinem Publikum aufzunehmen. Das verhinderten nicht nur Windschutzscheiben, sondern auch die Menschen dahinter, die nicht auf die Bühne, sondern auf die Leinwand blickten. Noch befremdlicher als der fehlende Blickkontakt war der Applaus: Hupen statt Klatschen. An der Akademie für Politische Bildung in Tutzing wird Axel Hacke weder angehupt noch durch Scheiben vom Publikum getrennt. Nach seiner Lesung im vergangenen Sommer steht er zum zweiten Mal gut sichtbar und sichtbar erfreut auf der Bühne und spricht über die Ehrlichkeit von Live-Auftritten, die ein Bildschirm nicht schaffen könne. Auch im zweiten Corona-Winter hat er seinen humorvollen Blick auf das Leben nicht verloren - und er teilt ihn an diesem Abend mit dem Publikum, das bei seinen Anekdoten aus dem Pandemie-Alltag Tränen lacht.

Humor unter der Maske

Da wäre Axel Hackes Besuch auf dem Münchner Viktualienmarkt, wo er einen Mann beim verzweifelten Versuch beobachtet, der Verkäuferin begreiflich zu machen, er wolle ein Pfund Karotten kaufen. Doch durch seine Maske erreichte die Verkäuferin akustisch nur "Ein Fumd Kamoddn". Sie wird sich wie Axel Hacke gefragt haben, was er möchte. Ein Pfund Klamotten? Am Gemüsestand eher unwahrscheinlch. Schalotten? Der Kunde wirkt immer verzweifelter. Während Axel Hacke diese Szenerie beobachtet, fällt ihm auf: Masken filtern nicht nur Viren, sondern auch Silben - der Maskenstoff als Silbensieb. Aber man könne dies auch positiv sehen, erklärt er dem Tutzinger Publikum: Die Maske lehre uns, jeden Satz mit Inbrunst und Betonung auszusprechen. Das laute und deutliche Artikulieren würde die Pandemie überdauern und bleiben, wenn die Maske weicht. Aber was, wenn die Maske nicht weicht? Dann würde sich nicht nur unsere Sprachfähigkeit anpassen, prophezeit der Autor, sondern auch unsere Physiognomie. Unsere Ohren würden wachsen, um einerseits in der Lage zu sein, die durch das Silbensieb gefilterten Laute wahrzunehmen und anderseits ihrer neuen Funktion als Maskenhenkel gerecht zu werden. Die Maske wäre dann so allgegenwärtig, dass uns maskenlose Menschen nackt vorkämen - regelrechter Gesichtsexhibitionismus.

Axel Hackes Idee zur aerosolfreien Lesung

Nicht nur die neue Bekleidungsetikette und deutliche Aussprache müssten wir erlernen, erklärt Axel Hacke, der ganze Sprachgebrauch ändere sich. Der Pla-Plan, des französischen Physikers François Pla ebnet den Weg zu einem aerosolfreien Sprachgebrauch. In einem vierwöchigen Stufenplan sollen Spucklaute durch weniger tröpfchenbehaftete Buchstaben ersetzt werden. Erst werden die Konsonanten T und D durch den aerosolfreien Laut N ersetzt. Zwei Wochen später wird die Aussprache von P und B dem nasalen M weichen und nach sieben Tagen Eingewöhnungszeit ergänzt der Laut NG die spuckfreie Sprache und wird anstelle der Verschlusslaute K und G verwendet. Im finalen Schritt werden F, V und W sowie die Zischlaute S, St, Ch und Sch aus der Sprache verbannt. An ihre Stelle tritt ein L. Man stelle sich vor, Thomas Mann würde unter diesen Bedingungen aus "Die Buddenbrooks" lesen, oder besser gesagt "Die Munnenmroongl". Das Buch beginnt mit einem Stammeln: "Was ist das. - Was - ist das..." Nach Plas Plan lese man heute: "Lal iln nal. - Lal - iln nal..." Angesichts dieser Änderungen, vermutet Hacke, könnten aus den angesetzten vier Wochen zur Umsetzung des Pla-Plans vielleicht doch fünf werden.

Mit einem Schmunzeln beendet Axel Hacke diese Geschichte und blickt ins Publikum, wo sich die ersten Zuhörer und Zuhörerinnen Lachtränen aus den Gesichtern wischen. Man solle ja nicht so viel lachen, ermahnt der Autor, Lachen sei bei der Verbreitung von Aerosolen noch gefährlicher als Sprechen. Er sei zu der Auffassung gelangt, der Begriff der Lesung müsse neu interpretiert werde. Bei seinem nächsten Auftritt werde er zum Schutz aller ein Schild hochhalten, auf dem stünde: Wir lesen jetzt Seite sechs bis zwölf. Daraufhin schlügen die Zuhörenden, die nun keine Zuhörenden mehr seien, sondern Lesende, ihre selbst mitgebrachten Bücher an entsprechender Stelle auf und läsen - leise. Wer an bestimmten Stellen lachen müsse, sei aufgefordert, diese Stellen zuhause allein so oft zu lesen, bis sie nicht mehr lustig seien. Axel Hacke findet, diese Strategie, könne auch im Theater Anwendung finden. Die Schauspieler und Schauspielerinnen könnten sich in Pantomimen ausdrücken, während das Publikum in Textbüchern die fehlenden Dialoge mitlese. Irgendein Preis müsse gezahlt werden, wenn entsprechende Einrichtungen auch in Krisenzeiten offenbleiben sollen, meint Hacke und fügt hinzu: "Wir müssen vorsichtig werden, was die Kultur angeht. Sie ist einfach zu gefährlich."

Spazierwahn und Impfskepsis

Wer sich nicht der Gefahr von Lachern aussetzten möchte, kann auch diesen Winter wieder der Nummer-eins-Pandemie-Beschäftigung nachgehen: Spazieren! Wer sich früher zum Essen oder auf ein Bier traf, verabredetet sich heute zum "Lockdown Walk". Wege in Parks seien bereits niederspaziert, sagt Hacke. Sie hätten sich inzwischen in Spaziergräben, ja regelrechte Spazierschluchten verwandelt. Aus ihnen ragten nur noch die Köpfe der Hochleistungspromenierer und Gewaltflaneure. Das Dasein sei ein einziges Lustgewandel. Heinz von Streun, Professor der Strollologie und Ambulationskunde der Universität Bad Schlurfbach, empfehle: "Atmen Sie im Rhythmus Ihrer Schritte, richten Sie Ihre Blicke auf die Wolken, seien Sie mindful." So wandele sich der Gang zur Wertstoffinsel in einen Kurzurlaub und der Besuch im Supermarkt in eine Thailand-Reise. Axel Hacke überlegt, sich einen Hund anzuschaffen. Vielleicht einen Spazinesen, einen Spazihuahua oder doch einen Peruanischen Nacktspazeur? Dieser begleitet ihn dann beim Spazieren bis zum Geht nicht mehr.

Viel frische Luft macht hungrig und was würde sich angesichts des Spazierwahns besser eignen als Essen to go? Axel Hacke erzählt von seinem Erlebnis in einer Burger-King-Filiale, die folgende Verzehrempfehlung auf die Schachteln ihrer Burgers druckt: Vor dem Essen öffnen. "Ich habe mich in diesem Moment gefragt: Können die wirklich davon ausgehen, ihre Kunden seien so blöd?", erzählt der Autor. Der Ärger über dieses Menschenbild ließ ihn den ganzen Tag nicht los - bis er abends den Fernseher einschaltete. In einer Corona-Sondersendungen wurde ein Mann interviewt, der auf die Frage des Reporters, warum er sich nicht impfen lasse, erwiderte: "Wieso soll ich mich impfen lassen? Mir geht es doch gut!" Nach dieser Aussage versteht Hacke den Burger-King-Verpackungsbeauftragten. Die Pandemie hat auch seine Lesungen eingeholt. Der Auftritt in Tutzing wird einer der letzten des Jahres sein, viele andere werden er und die Veranstalter absagen müssen.


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