So gelingt Wissenschaftskommunikation

Wie Forschung die Gesellschaft erreicht

In Krisen erwartet sich die Öffentlichkeit Antworten von der Wissenschaft. Aber wie sieht gute Wissenschaftskommunikation aus? Und wer ist dafür verantwortlich? Mit diesen Fragen hat sich die Online-Tagung "Wissenschaftskommunikation in Zeiten von Wissenschaftsskepsis und Medienwandel" der Akademie für Politische Bildung und acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften auseinandergesetzt.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 27.05.2021

Von: Antonia Schatz / Foto: Antonia Schatz

# Bildung und Wissenschaft

Programm: Wissenschaftskommunikation in Zeiten von Wissenschaftsskepsis und Medienwandel

Wissenschaftskommunikation in Zeiten von Wissenschaftsskepsis und Medienwandel

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"Wissenschaftskommunikation ist von entscheidender Bedeutung denn sie schafft Aufmerksamkeit in der Gesellschaft. Und ohne die Gesellschaft können globale Herausforderungen nicht gemeistert werden", sagt acatech-Präsident Jan Wörner. Die Online-Tagung "Wissenschaftskommunikation in Zeiten von Wissenschaftsskepsis und Medienwandel" der Akademie für Politische Bildung und acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften hat sich damit beschäftigt, wie gute Wissenschaftskommunikation gelingt.

Wofür braucht es Wissenschaftskommunikation?

Wissenschaftskommunikation ist schon weit gekommen: "Sie ist immerhin so gut aufgestellt, dass der Begriff Wissenschaftskommunikation in aller Munde ist und auch im Bundestag mehr Aufmerksamkeit findet", sagt Wolfgang M. Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums. Die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse sieht er als wichtiges Gegeninstrument zur aktuellen Bedrohung der politischen Debatte durch Fake News. Das Thema Wissenschaftskommunikation ist zwar aktueller denn je, an sich ist Wissenschaftskommunikation aber nichts Neues: "Wissenschaftskommunikation ist die Idee, die Oskar von Miller hatte, als er 1903 beschloss, das Deutsche Museum mit Meisterwerken der Naturwissenschaften und Technik zu schaffen, das Menschen in die Zukunft mitnimmt." In solchen Mitmachmuseen liegt laut Heckl ein Schlüsselpunkt guter Wissenschaftskommunikation: "Was über die Sinne und Emotionen ins Gehirn kommt, bleibt erhalten. Was ich gelesen habe, vergesse ich. Was ich getan habe, das bleibt."

Allerdings darf nicht vergessen werden, sagt Heckl, dass sich der Stand der Erkenntnis in der Wissenschaft bereits morgen ändern kann. Das ist eine Herausforderung für die Wissenschaftskommunikation, weil sich die Menschen nach Konstanten sehnen. Bezogen auf Teile der Bevölkerung, die sich deshalb von der Wissenschaft abgewandt haben, sagt der Physiker: "Leute, die sich jetzt in Chaträumen herumtreiben, erreicht die Wissenschaftskommunikation nicht mehr. Die muss man bereits im Kindergartenalter erreichen, damit sie später nicht jeden Blödsinn glauben." Es brauche daher zum Beispiel schulische Angebote zusätzlich zu der reinen Wissenschaftskommunikation, die von vielen Instituten bereits sehr gut gemacht werde.

Auch Andrea Stegemann, Chefredakteurin von "bild der wissenschaft", sieht erhöhten Bedarf an Wissenschaftskommunikation: "Corona und Klimawandel sind für mich neue Themen. Es geht um Wissen und Handeln für alle. Da braucht es die Wissenschaftskommunikation." Bernd Sibler, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, ergänzt: "Vielen Menschen ist nicht klar, inwieweit Wissenschaft für sie relevant ist, und sie haben teilweise sogar Angst davor." Als Beispiel nennt er Busfahrer, die sich wegen Fortschritten beim automatisierten Fahren um ihre Arbeitsplätze sorgen.

Hindernisse für die Wissenschaftskommunikation

Mit dieser Kluft zwischen Wissenschaft und einem Teil der Gesellschaft beschäftigt sich auch Ortwin Renn, Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Institute for Advanced Sustainability Studies. Die Ausgangssituation für Wissenschaftskommunikation stellt sich laut dem Soziologen so dar, dass die Erkenntnisse der Wissenschaft meist nicht gesehen oder gespürt, sondern lediglich kommuniziert werden. Während der Wissensbestand der Menschen früher großteils eigenes Erfahrungswissen enthielt, sind heute etwa drei Viertel unseres Wissens aus zweiter und dritter Hand. Es geht also um die Glaubwürdigkeit von Aussagen. Ob man einer Person glaubt oder nicht, entscheidet sich oft durch psychologische Mechanismen wie Plausibilität und Nachvollziehbarkeit. Komplexe Sachverhalte sind aber nicht intuitiv verständlich und Menschen verbinden Plausibilität mit örtlicher und zeitlicher Nähe. Moderne Wissenschaft bedeutet "Komplexität, Ambiguität und Unsicherheit". Daher erscheinen wissenschaftliche Sachverhalte oft unplausibel. Diese Situation, sagt Renn, sei nicht einfach zu kommunizieren. Das biete eine Chance für Menschen, die er "Wahrsager" nennt: Ihre Verschwörungstheorien erscheinen sehr plausibel und sind deterministisch.

Außerdem führe der Unsicherheitsspielraum wissenschaftlicher Aussagen oft zu einem "Zurechtbiegen" der Wahrheit. "Wenn alle Raucher mit 50 Jahren sterben würden, dann würde wahrscheinlich niemand mehr rauchen", meint Renn. Der Unsicherheitsspielraum von Wissenschaft verleitet den Einzelnen aber dazu, sich in der Normalverteilung dort zu verorten, wo die eigene Situation am günstigsten erscheint. Das heißt, Raucher schätzen ihr eigenes Risiko, an Krebs zu erkranken, oft niedriger ein, als es im Durchschnitt ist. Sonst müssten sie ihr Verhalten ändern. "Wenn ich mich selbst irgendwo einordnen kann, ist jede Wahrheit nach Wünschbarkeit veränderbar. Das macht die Kommunikation in diesem Bereich der Unsicherheit sehr schwer," sagt Renn. Wichtig sei, die Pluralität innerhalb der Wissenschaft nicht in Frage zu stellen, aber deutliche Grenzen zu ziehen zwischen dem Bereich des Möglichen und dem des Absurden.
 
Die Unsicherheit sieht auch Andrea Stegemann als großes Problem der Wissenschaftskommunikation. Sie beobachtet in den vergangenen Monaten "eine Gesellschaft in Not". Die Wissenschaft sei in der Gesellschaft Normensetzer, ihr Wort habe Gewicht. In Krisensituationen wie der Corona-Pandemie erhoffen sich Menschen von Experten klare Einordnungen und Handlungsmaximen. Oft seien stattdessen Fakten ohne Übersetzung, Einordnung und Perspektive geboten worden. Menschen greifen dann zu Bewältigungsstrategien, um mit der Angst und Unsicherheit umzugehen. Zu diesen "Coping-Mechanismen" zählen Verleugnung, Relativierung, die Suche nach Gegenargumenten und die Verzerrung der Realität. Stegemann fragt deshalb, ob die Corona-Kommunikation nicht selbst Querdenker und "Covidioten" produziert habe. Auf jeden Fall gebe es eine neue Situation: "Menschen nehmen wahr, dass Wissenschaft bei heutigen Problemen keine schnellen, bequemen, kostenlosen Lösungen bietet. Das rührt an den Grundfesten unserer Gesellschaft: Leistung, Lösung und Sicherheit."

Wissenschaftsskepsis: die Querdenker-Bewegung

Mit eben dieser sozialen Bewegung, den Querdenkern, beschäftigt sich Sven Reichardt von der Universität Konstanz. "Querdenken heißt, sich von legitmierten Autoritäten als nicht vertrauenswürdig abzuwenden und sich alternativen Autoritäten zuzuwenden." Die Mitglieder der Querdenker-Bewegung eint nicht etwa ein gemeinsames politisches Programm, sondern vor allem ihre Skepsis gegenüber der Demokratie und und ihre Unzufriedenheit mit den Maßnahmen gegen das Corona-Virus. Viele Querdenker sind Anhänger von Verschwörungsmythen, die einfache Erklärungsmuster bieten und weder Zweifel noch Unsicherheit kennen. Die Kohärenz, die durch das Ausblenden von Zweifel und Ambivalenzen entsteht, gibt ein Gefühl von Sicherheit. "Dass solche Verschwörungstheorien von Institutionen nicht anerkannt, ja stigmatisiert, werden, ist nur ein weiteres Indiz für ihre Richtigkeit. Wenn die Elite es ablehnt, muss es stimmen," erklärt Reichardt die Querdenker-Logik.
 
Das Selbstbewusstsein, auf der richtigen Seite zu stehen, sei trotz des sozialen Drucks enorm. Das lässt sich laut Reichardt nur durch die Interaktion der Bewegung im Netz verstehen: "Die Internetkommunikation schafft einen besonders niedrigschwelligen Resonanzraum für nicht gesichertes Wissen und Verschwörungserzählungen." Weil Protagonisten der Bewegung auf anderen Plattformen oft aufgrund von Hate Speech gesperrt werden, sammeln sie sich auf Telegram, wo es keine Zensur gibt. Reichardts Recherche zeigt, "dass Telegram als eine Art Radikalisierungsmaschinerie agiert, die den Weg von Corona-Skepsis zum Querdenken und der Ablehnung von etabliertem Wissen und Institutionen, wenn nicht vorgibt, zumindest ebnet." Die Chatgruppen spinnen ein Netz aus alternativen Fakten und Erklärungen. Reichardt nennt das eine "Wissensparallelwelt", die sich von den etablierten Medien abgekoppelt hat. Dort radikalisiert sich intuitives Wissen zu einer politischen Maßnahme, den Querdenker-Protesten. Reichardt hält es für sehr schwierig, Querdenker noch zu erreichen um mit ihnen in einen Dialog zu treten.
 
Beruhigend ist, dass ihr sogenanntes "Gegenwissen" auf keine große Resonanz bei der restlichen Bevölkerung stößt - über alle Alters- und Bildungsgruppen hinweg. Und es gibt auch Gegenbeispiele wie die Gruppe Fridays for Future, eine laut Reichardt "sehr wissenschaftsaffine soziale Bewegung", die auch stark über das Internet vernetzt ist und versucht, Erkenntnisse zu popularisieren. Soziale Bewegungen können also auch die Wissenschaft befördern.

Wie gelingt gute Wissenschaftskommunikation?

Die Frage, wie gute Wissenschaftskommunikation aussieht, beschäftigt auch Wissenschaftsminister Sibler. "Es darf uns nicht zufriedenstellen, uns immer wieder innerhalb der gleichen Community auszutauschen. Es müssen viele Kanäle bespielt werden, nicht nur der gleiche hochprivilegierte Kreis", sagt er. Ziel der Wissenschaftskommunikation müsse der Transfer von Wissen von der Wissenschaft zur Politik und von dort in die breite Gesellschaft sein. "Distanzen müssen abgebaut werden, man muss Menschen abholen und man muss den Medienwandel mitgehen. Mediale Formen, die früher etabliert waren, schwinden beim Publikum." Auch Wolfgang Heckl ist der Meinung, dass Wissenschaftskommunikation auf Augenhöhe geschehen müsse. Es sei einfach, eine Power-Point-Präsentation zum Thema Quantenmechanik zu zeigen und am Ende immer noch als einziger das Thema zu verstehen. Fragen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich daher stellen sollten: Wie kann ich mich als Erklärer gut verständlich machen? Wie kommt ein echter Dialog zustande? Können wir andere Disziplinen einbeziehen, um Wissenschaft zu vermitteln, zum Beispiel die Kunst?

Ein Türöffner zur Gesellschaft könnte das Wissenschaftskabarett sein. Der Künstler Ecco Meineke und Marc-Denis Weitze von acatech beobachten, dass Wissenschaftsthemen bisher sehr selten im Kabarett aufgegriffen wurden. Dabei sei es eine Möglichkeit, mit einer anderen Perspektive auf Wissenschaft zu blicken, mit dem Ziel neue Zielgruppen für die Wissenschaftskommunikation zu erschließen. Komplexe Zusammenhänge könne man in Sketchen herunterbrechen und mithilfe von Analogien erklären.

Wer soll Wissenschaftskommunikation betreiben?

Trotz aller Unterstützung, ihre Pflicht, die eigene Arbeit zu vermitteln kann die Kunst der Wissenschaft nicht abnehmen. Cordula Kleidt, Leiterin des Referats Wissenschaftskommunikation im Bundesministerium für Bildung und Forschung, sieht Wissenschaftskommunikation als Aufgabe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen in Zusammenarbeit mit Kommunikationsstellen. Die Wissenschaftskommunikation sollte zu einem selbstverständlichen Teil wissenschaftlicher Arbeit werden und bereits im Studium beginnen. Dazu gehöre auch die Einsicht, dass Kommunikation zu den komplexesten menschlichen Tätigkeiten gehöre und dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bereits jetzt unter enormen Perfektions- und Zeitdruck stünden. "Das Engagement für die Wissenschaftskommunikation darf dem Ruf als Wissenschaftler nicht abkömmlich sein", betont Kleidt. Stattdessen sollten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die ihre Erkenntnisse der Bevölkerung vermitteln, dafür mehr Anerkennung erhalten. Und es brauche auch in Zukunft professionelle Unterstützung, denn nicht jede Forscherin und jeder Forscher könne oder wolle Wissenschaftskommunikation betreiben.


Videos

Wissenschaftskommunikation: Ursula Münch (Akademie für Politische Bildung)

Wissenschaftskommunikation: Wolfgang M. Heckl (Deutsches Museum)


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