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Korrigiert ChatGPT bald das Abitur?

Wie Künstliche Intelligenz die Bildung verändert

Künstliche Intelligenz verändert die Schule. Der Einsatz von KI entlastet Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler und kann deren Arbeit effizienter gestalten. Doch Programme wie ChatGPT bergen gerade in sensiblen Bereiche wie dem Bildungswesen auch Risiken.  Im Rahmen der Tagung "Automatisiertes Lernen - Künstliche Intelligenz im Bildungssystem" der Akademie für Politische Bildung, der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und des Bayerischen Volkshochschulverbands e.V. haben Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Bildung und Politik die Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Risiken von KI in der Bildung diskutiert.

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 20.02.2023

Von: Pauline Wanner / Foto: Pauline Wanner

Programm: Automatisiertes Lernen?

Automatisiertes Lernen? Künstliche Intelligenz im Bildungssystem

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

"Wir öffnen nun das Schultor für die Künstliche Intelligenz", sagt Ulrike Cress, Leiterin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien an der Universität Tübingen. Spätestens seit das Unternehmen OpenAI im November 2022 den ersten Prototypen von ChatGPT, einem Programm, das selbst Texte verfassen kann, auf den Markt gebracht hat, wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Bildungswesen diskutiert. ChatGPT kann Schülerinnen, Schülern, Studentinnen und Studenten das Schreiben von Aufsätzen, Hausarbeiten und Abschlussarbeiten abnehmen. Die Arbeit der Lernenden beläuft sich nur noch darauf, präziser Aufgabenstellungen für die Künstliche Intelligenz zu formulieren. Auch Lehrkräfte können vom Einsatz der KI profitieren. Künstliche Intelligenzen wie ChatGPT können ihnen unter anderem das Korrigieren von Texten abnehmen oder einfache Arbeitsblätter für den Unterricht erstellen. Bevor wir ChatGPT oder ähnlichen Programmen demnächst die Korrektur des Abiturs überlassen, ist allerdings ein Blick auf die Risiken sinnvoll, die der Einsatz von Künstlicher Intelligenz mit sich bringt. Wie KI in der Schule sinnvoll verwendet werden kann, haben Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen der Tagung "Automatisiertes Lernen - Künstliche Intelligenz im Bildungssystem" der Akademie für Politische Bildung, der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und des Bayerischen Volkshochschulverbands e.V. diskutiert.

Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz im Bildungswesen

Zeit stellt eins der größten Probleme für Lehrkräfte dar. Neben dem Unterricht kommen pädagogische Aufgaben, Verwaltungsaufgaben und die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts dazu. Folglich fehlt Lehrerinnen und Lehrern Zeit, um individuell zu fördern und unterschiedliche Lernprogramme zu erstellen. Durch adaptive Lernprogramme wird genau das möglich. "Mithilfe von Learning Analytics kann die Künstliche Intelligenz auf Basis von Lernmustern Vorhersagen über den Erfolg des Schülers treffen", sagt Ulrike Cress. Die KI entwirft zu jedem Schüler und jeder Schülerin eine Art Steckbrief und erstellt anhand der bisherigen Leistungen individuelle Lernprogramme für zu Hause. Mithilfe dieser Lernprogramme lernen die Schülerinnen und Schüler nachmittags und erhalten eine individuelle Förderung. Insbesondere für lernschwache Kinder ohne Unterstützung der Eltern und für Kinder mit Migrationshintergrund trägt die KI zur Chancengleichheit bei. Das darf keine Verlagerung der Lehre in die Privathaushalte darstellen, allerdings schafft die Künstliche Intelligenz Möglichkeiten, die aufgrund des Zeitmangels der Lehrkräfte nicht realisierbar sind. Wenn die KI es schafft, anhand der erstellten Steckbriefe verlässliche Vorhersagen über die Zukunft zu treffen, beispielsweise, dass ein Schüler oder eine Schülerin ein Fach aufgrund von aktuellen Lernlücken nicht besteht, ist frühzeitige Hilfe möglich.

Risikofrei sind solche Vorhersagen jedoch nicht. "KI lernt, welche Schulen gute Abschlüsse ermöglichen, und benutzt diese Daten für Prognosen, welche Schülerinnen und Schüler bestehen werden und welche nicht", sagt Tobias Röhl, Professor für Digital Learning and Teaching an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Genau deshalb ist es wichtig, KI ethisch zu gestalten und sich über die Rahmenbedingungen klar zu werden. Dafür müssen in erster Linie diejenigen, die mit der Künstlichen Intelligenz arbeiten, deren Arbeitsweise verstehen. Die ethischen Standards auf EU-Ebene besagen, dass die KI dem Menschen zur Verfügung stehen soll und nicht wahllos in Hochrisikobereichen wie Gesundheit, Recht und Bildung eingesetzt werden darf. Für Lehrerinnen und Lehrer muss es also ethische Richtlinien geben, unter deren Voraussetzung sie die Künstliche Intelligenz verwenden. Erste Leitlinien sind die Orientierung an Menschlichkeit und Fairness, der Vorrang menschlichen Handelns sowie der Grundsatz der gerechtfertigten Entscheidung. Außerdem ist es wichtig, dass Lehrkräfte technische Kompetenzen mitbringen und bereit sind, beispielsweise auf Fortbildungen neue Techniken zu erlernen, um die Chancen und Risiken der KI kennenzulernen und verantwortungsvoll damit umzugehen.

So gelingt der Einsatz von KI in der Schule

Tobias Gotthardt, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler, und Simone Strohmayr, Sprecherin für Bildungspolitik der SPD-Landtagsfraktion, sind sich einig, dass Schulen bestmöglich auf den Einsatz von KI vorbereitet werden müssen. Es gilt, eine Gesamtstrategie zu entwerfen, um neben den Lehrkräften auch die Schülerinnen und Schüler in den Prozess zu integrieren. Technik und Pädagogik müssen Hand in Hand gehen und Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler müssen auf die digitale Welt vorbereitet werden. Insgesamt geht es darum, die Fähigkeiten der KI in den Klassenraum zu bringen und Mensch und Maschine in Interaktion zu setzen. KI soll als Werkzeug dienen, als Unterstützung für Lernende und Lehrende. Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz in einem sensiblen Bereich wie der Bildung darf es nicht dem Zufall überlassen werden, ob das Projekt gelingt. Stattdessen muss der Prozess von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begleitet werden und braucht Zeit. Essentiell sind weiterhin der Ausbau des Personals an Schulen und die "Attraktivität des Lehrberufs der Zukunft an die junge Generation weiterzugeben, um dem Lehrermangel entgegen zu wirken", sagt Simone Strohmayr. Die Vorbereitung auf den Einsatz der KI darf nicht auf dem Rücken des bestehenden Lehrpersonals ausgetragen werden.

So bereiten wir uns auf Technologien wie ChatGPT vor

Doris Weßels, Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Kiel, beobachtet die Entwicklung von ChatGPT, seitdem der erste Prototyp auf dem Markt ist. Sie entwickelt Leitlinien, um sich auf Programme, die mit KI arbeiten, vorzubereiten. Der Zusammenhang von Künstlicher Intelligenz mit Sprache spielt dabei eine wichtige Rolle. Dadurch, dass im Verlauf der Zeit die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine vorangeschritten ist, ist es mittlerweile alltäglich, mithilfe von Sprache, Touch, Gesichtserkennung und Blickbewegungen mit Maschinen zu kommunizieren. Kein Wunder, dass das Zusammenspiel von Sprache und Maschine als wesentliche Zukunftstechnologie gilt. Die Herausforderungen, die eine solche Technologie mit sich bringt, sind vielfältig. Sprache fungiert als Machtinstrument und beeinflusst das Umfeld. Das Bewusstsein für den Einsatz der Sprache muss deshalb geschärft und die Rahmenbedingungen für eine Kollaboration von Mensch und Maschine müssen gesetzt werden. Dazu gehören neben den ethischen Leitlinien die Vereinbarung von Zuständigkeiten für die Maschine zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlerin, Benutzerinnen und Benutzern sowie Erfinderinnen und Erfindern.

2019 erschien das erste von einer KI verfasste Buch. Wer haftet für inhaltliche Fehler? Die innere Mechanik von GPT-3, der aktuellen Version von ChatGPT, baut Texte auf Basis von Lostrommeln, sogenannten Unikaten. Dafür benötigt das Programm präzise Angaben. Wenn es den Kontext falsch versteht, "flunkert es nur so drauf los", sagt Doris Weßels. Die KI ist nicht in der Lage, eigene Fehler zu erkennen und diese entsprechend zu korrigieren. Demenstprechend muss der Mensch weiterhin in der Lage sein, die KI zu stoppen - und zwar möglichst früh. Durch eine Verselbstständigung der Künstlichen Intelligenz kann es zu drastischen Folgen kommen. Falschaussagen könnten bewahrheitet und falsche Fakten verbreitet werden. Der Mensch muss also weiterhin sein eigenes Urteilsvermögen einsetzen und darf der Maschine nicht blind vertrauen.

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