Gaia-X als europäische Cloud-Alternative?

Europa plant Datensouveränität durch offene Datenräume

Europa muss unabhängig werden von außereuropäischen Cloud-Anbietern wie Microsoft, Google und Tencent. Denn in einer Wirtschaft, die zunehmend digital vernetzt ist, wird auch die Wertschöpfung im digitalen Raum generiert. Diejenigen, die Innovationen antreiben, müssen davon profitieren. Dazu ist Datensouveränität unerlässlich. Der Besitzer oder die Besitzerin von Daten muss jederzeit über Speicherung, Verarbeitung, Zugriff und Nutzung frei entscheiden können. Davon sind europäische Unternehmen und Organisationen heute weit entfernt. Die Initiative Gaia-X will das ändern und durch sogenannte Datenräume eine Innovationsplattform schaffen, auf der Datengeber und Datennutzer ins Geschäft kommen. Die Tagung "Digitaler Souverän Europa?" der Akademie für Politische Bildung und acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften hat sich mit dem Projekt beschäftigt.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 13.07.2022

Von: Beate Winterer / Foto: Beate Winterer

# Europa, Digitalisierung, Europäische Integration

Programm: Digitaler Souverän Europa

Digitaler Souverän Europa?

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"Ein Biosiegel für Digitalanwendungen", "ein technologisches System mit menschlichen Werten", "die DSGVO der Cloud": Beim Thema Gaia-X kommen viele Referentinnen und Referenten der Tagung "Digitaler Souverän Europa?" ins Schwärmen. Das Projekt soll eine europäische Dateninfrastruktur schaffen, die eine Alternative zu außereuropäischen Cloud-Anbietern wie Google, Microsoft und Tencent darstellt - und Europa aus der technologischen Abhängigkeit von diesen Hyperscalern befreit. Gemeinsam mit acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft hat die Akademie für Politische Bildung nach Wegen zur europäischen Datensouveränität gesucht.

Datensouveränität statt Abhängigkeit von außereuropäischen Konzernen

Cloud-Angebote existieren unzählige auf dem Markt. Das Problem: Die meisten relevanten Anbieter befinden sich außerhalb der Europäischen Union und speichern auch die Daten dort. Zwar versichern die Cloud-Anbieter, dass niemand - auch nicht sie selbst - Zugriff auf diese Daten haben, doch sicherstellen kann das niemand. Für eine Wirtschaft, die zunehmend digital vernetzt ist und Wertschöpfung im digitalen Raum generiert, ist Datensouveränität daher unerlässlich. Das heißt, dass der Besitzer oder die Besitzerin von Daten jederzeit über Speicherung, Verarbeitung, Zugriff und Nutzung frei entscheiden kann. Diese Entscheidungsfreiheit ist in der aktuellen Situation nicht gegeben.

Selbst Konzerne sind abhängig von Plattformanbietern - und kämpfen mit sogenannten Lock-in-Effekten. Ähnlich wie private Nutzerinnen und Nutzer können auch sie nicht beliebig zwischen Plattformen wechseln, sobald sie sich einmal für einen Cloud-Anbieter entschieden haben. Technische, wirtschaftliche und vertragliche Hürden behindern die Datenmigration. Politische Konflikte, beispielsweise mit China, könnten das Problem noch verschärfen und einen Zugriff auf die eigenen Daten sogar unmöglich machen.

Verbindliche digitale Standards durch Gaia-X

An dieser Stelle setzt Gaia-X an. Das europäische Gemeinschaftsprojekt soll keine eigenen Services anbieten, aber verbindliche Standards nach europäischem Recht und europäischen Werten schaffen. Peter Kraemer, Leiter des Projekts Gaia-X bei acatech, vergleicht es mit der Regulierung der internationalen Luftfahrt. Während die ersten Flugzeuge noch ohne Regeln unterwegs waren, müssen Airlines heute Flugpläne einhalten, ihre Flugzeuge regelmäßig prüfen und ausgebildete Pilotinnen und Piloten ins Cockpit setzen. Das schafft Vertrauen bei den Passagieren. "Dieses Vertrauen aus der Luftfahrt braucht es im Internet", betont Kraemer. Gaia-X soll deshalb digitale Services deklarieren und klassifizieren. Die Hoffnung: Auch mächtige außereuropäische Anbieter wie Google, Facebook und Tencent werden Gaia-X-konforme Cloud-Lösungen anbieten, um auf dem europäischen Markt weiterhin zu bestehen. Es geht also nicht darum, diese Anbieter grundsätzlich vom europäischen Markt auszuschließen, sondern sie dort auf europäische Werte und Spielregeln zu verpflichten. Bei der Datenschutzgrundverordnung hat diese Strategie in vielen Bereichen funktioniert.

Vernetze Datenräume als Plattform für digitale Innovationen

Die Architektur von Gaia-X basiert auf dem Prinzip der Dezentralisierung. Gaia-X soll das Zusammenspiel verschiedener digitaler Systeme organisieren, sogenannter Datenräume, die alle einem gemeinsamen Standard folgen - dem Gaia-X-Standard. Matthias Brucke, Gründer und Inhaber der Innovations- und Strategieberatung embeteco, vergleicht Gaia-X mit einem europäischen App-Store, die Datenräume sind die Apps. Über offene Schnittstellen können diese Datenräume miteinander vernetzt werden, um Daten zu verknüpfen und ein Innovations- und Datenökosystem zu schaffen. Denn in einem Punkt sind sich die Referentinnen und Referenten einig: Innovationen werden in der Zukunft vor allem über große Mengen an Daten entstehen. Und diejenigen, die Innovation antreiben, müssen ökonomisch davon profitieren, wenn Geschäftsideen weltweit skalieren. Mit Gaia-X sollen deshalb auch Geschäftsmodelle für Datengeber und Datennutzer entstehen. Die Datenräume fungieren als Vertragswerk zum Datentausch.

Gaia-X Hubs als nationale Anlaufstellen für Unternehmen und Organisationen

Unternehmen, Verbände und öffentliche Einrichtungen, die Gaia-X nutzen möchten, werden aktuell von 15 sogenannten Gaia-X Hubs betreut. Diese zentralen und länderspezifischen Anlaufstellen liegen bisher in Europa und Südkorea, weitere sind in Japan, Brasilien, Mexiko und Indien geplant. Ihre Aufgaben bestehen darin, als Ansprechpartner für Teilnehmende und Interessierte zu fungieren, Nutzeranforderungen zu identifizieren und die Konzeption von Use Cases zu unterstützen.

In diesen Use Cases wird in der Praxis die Sammlung und der Austausch von Daten erprobt. Im deutschen Gaia-X Hub sind unter anderem die Domänen Landwirtschaft, Energie, Industrie 4.0/KMU, Mobilität und Smart Cities / Smart Regions organisiert. In Letzterer wird über die Umsetzung von Datenräumen im Bereich von Städten und Regionen und die Anforderungen an Gaia-X gesprochen. Im Bereich der Mobilität beschäftigen sich Use Cases zum Beispiel mit digitalem Parkraummanagement und der Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Verkehr in Stadtquartieren. Matthias Brucke würde allen Städten dringend empfehlen, Gaia-X für Smart-City-Projekte zu nutzen. "Es kann eigentlich nicht sein, dass es immer wieder neue Förderrunden für Kommunen gibt, die dann jeweils bei Null anfangen und Lösungen für ähnliche Probleme komplett unabhängig voneinander mit Steuergeld entwickeln, nicht voneinander lernen und diese Lösungen auch nicht der Allgemeinheit zur Verfügung stellen", sagt der Digitalexperte.

Kritik an Gaia-X: außereuropäische Hyperscaler als Partner

Mittlerweile nehmen über 300 Firmen und Organisationen am Projekt Gaia-X teil, darunter auch die außereuropäischen Hyperscaler Microsoft, Google und Amazon, zu denen Gaia-X eigentlich eine Alternative bilden sollte. Sie sind bereits seit dem ersten Tag an Bord. Hier setzt die Kritik am Projekt Gaia-X an: Expertinnen und Experten werfen den europäischen Initiatoren Naivität vor, wenn diese denken, die amerikanischen und asiatischen Konzerne hätten ein Interesse daran, ihre eigene Konkurrenz mitaufzubauen. Sie warnen vor Verzögerungen, endloser Bürokratie und dem kleinsten gemeinsamen Nenner statt dem großen Wurf als Ergebnis. Einige fordern bereits eine neue Initiative jenseits von Gaia-X.

Angenommen, das Projekt gelingt dennoch. Könnte die europäische Datensouveränität auch die Europäischen Union an sich stärken? Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung, bezweifelt das: "Europa ist sich in Digitalfragen zwar einiger als bei anderen Themen, aber Digitalisierung ist auch kein Legitimitätsbooster." Wie in vielen Bereichen gelte das Präventionsparadoxon: Wenn die Regulierung gelingt, merken es die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht.


Videos

Digitale Souveränität Europas: Ursula Münch

Digitale Souveränität Europas: Jan Wörner

Digitale Souveränität Europas: Reinhard Ploss


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