Die Weltwirtschaft in der Coronakrise

Neue Akademie-Kurzanalyse von Wolfgang Quaisser

Exportstopps, Lockdowns und Protektionismus: Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie haben die Weltwirtschaft schwer getroffen. Droht die Krise außer Kontrolle zu geraten oder führen die Maßnahmen sogar zu einer schnelleren Erholung der Wirtschaft? Wolfgang Quaisser, Ökonom an der Akademie für Politische Bildung, untersucht in seiner Akademie-Kurzanalyse "Weltwirtschaft in der Corona-Pandemie", wie sich die Wirtschaft entwickelt.


Tutzing / Publikation / Online seit: 09.11.2020

Von: Franziska Pohlmann / Foto: Pixabay License/Freakwave

# Wirtschaft, Globalisierung

Wolfgang Quaisser
Weltwirtschaft in der Corona-Pandemie
Akademie-Kurzanalysen, Tutzing, 2020

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Der wahre Wert mancher Dinge hat sich erst in der Corona-Pandemie gezeigt. Dazu zählen Stoff- und Einwegmasken genauso wie Klopapier. Wer beides im April kaufen wollte, stand häufig vor leeren Regalen. Doch während der Klopapiermarkt von Hamsterkäufern geleert wurde, waren Expertstopps dafür verantwortlich, dass medizinische Schutzausrüstung knapp wurde. Weltweit lassen sich aktuell Tendenzen des Protektionismus beobachten. Nicht nur deshalb sind viele Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie umstritten. Wie geht es der Weltwirtschaft aktuell? Wie steht es um die Staatsverschuldung, den Förderalismus in der EU und die Gobalisierung? Und welche Entwicklungen sind möglich? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Wolfgang Quaisser in der neusten Akademie-Kurzanalyse "Weltwirtschaft in der Corona-Pandemie". Der Leiter des Arbeitsbereichs Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Akademie für Politische Bildung vergleicht die aktuelle Situation mit früheren Wirtschaftskrisen und geht von einer langsamen Erholung der Weltwirtschaft aus.

Historisch einmalige Maßnahmen

Die aktuelle Krise unterscheidet sich laut Quaisser von allen vorausgegangenen ökonomischen Einbrüchen. Das Auftreten des Coronavirus sei zwar ein exogener Schock, die wirtschaftlichen Folgen jedoch von den Regierungen gewollt. Der Autor zieht dennoch den Schluss, dass die Entscheidung zum Lockdown richtig war und die Eindämmung des Virus die Wirtschaft mittel- und langfristig stabilsieren wird. Die ergriffenen Maßnahmen sind historisch einmalig. Während der Spanischen Grippe im Ersten Weltkrieg waren die Regierungen nicht bereit, Wirtschaft und öffentliches Leben stillzulegen. Die Folge: etwa 40 Millionen Tote. Für moderne Demokratien sei eine hohe Sterblichkeit zugunsten eines vermeintlich geringeren Wirtschaftseinbruch nicht hinnehmbar.

Langsame Erholung der Weltwirtschaft

Nun erwarten Ökonomen die tiefste Rezession seit einem Jahrhundert. Denn bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie schwächelte die Weltwirtschaft. Der Welthandel wuchs langsamer als in den Jahren zuvor, was auf eine Rezession und Strukturprobleme hindeutete. Die Leistungsbilanzen der Länder fielen sehr unterschiedlich aus, was für internationale politische Spannungen sorgte. Die aktuelle Rettungspolitik Deutschlands sieht Quaisser als richtig an, da die zur Verfügung gestellten Geldmittel negative Folgen wie Unternehmenspleiten, Arbeitslosigkeit und die damit einhergende Vernichtung institutionellen Kapitals abfangen. Die Kurzarbeiterprogramme und der gut ausgebaute Sozialstaat spielen in Deutschland eine wichtige Rolle, um die Wirtschaft kurz- und mittelfristig zu stützen. Dennoch müsste die Frage gestellt werden, wie groß der Staatseinfluss werden kann und darf.

Quaisser geht davon aus, dass sich die Weltwirtschaft nur langsam erholen wird, vergleichbar mit der Situation nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008. Die tatsächliche Geschwindigkeit hängt davon ab, wie schnell es zur wirtschaftlichen Reaktivierung kommt. Da die Wellen der Pandemie nicht zeitgleich in allen Ländern eintreffen, kommt es zu Verzögerungen, was die Dauer der Rezession verlängert.

Auswirkungen auf Europa und globale Handelsbeziehungen

Das hat Auswirkungen auf die europäische Gemeinschaft. Quaisser beschreibt zwei Szenarien: Entweder wächst die EU durch gemeinsame Finanzierungsprojekte zusammen oder die geschwächte Wirtschaft führt zu politischen Spannungen. In der Aufnahme gemeinsamer Anleihen, die innerhalb der EU zurückgezahlt werden sollen, lässt sich ein Paradigmenwechsel erkennen. Kann das der Weg zu den "Vereinigten Staaten von Europa" sein oder werden die gemeinsamen Schulden zur Spaltung Europas führen? Der Autor vermutet Ersteres: dass das umfassende Wiederaufbauprogramm den europäischen Zusammenhalt stärken wird.

Als große Gefahr mit "unabsehbaren Folgen" sieht Quaisser jedoch die mögliche Deglobalisierung. Durch die Coronakrise kam es weltweit zu weitrechenden Veränderung in Politik und Wirtschaft, die zu Protektionismus und damit zu Beschränkungen im internationalen Handel führen könnten. Offen bleibt, ob es auch zu Umbrüchen in Politik und Wirtschaft kommen wird.


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