Deutschland muss in Europa investieren

Akademiegespräch im Bayerischen Landtag zur Transformation

Von der Euphorie, die Europa vor 30 Jahren nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus überkam, ist heute wenig zu spüren. Die Europäische Union ist sich zwar beim Brexit einig, doch findet keine Antworten auf die Entdemokratisierungsprozesse in Ungarn und Polen. Dennoch glaubt Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte an Europa - und empfiehlt Deutschland, mehr in den Kontinent zu investieren. Beim Akademiegespräch im Bayerischen Landtag hat er über "Transformation als Bewährungsprobe. Das vereinte Deutschland in Europa" gesprochen.


München / Tagungsbericht / Online seit: 16.10.2019

Von: Beate Winterer / Foto: Bildarchiv Bayerischer Landtag / Rolf Poss

# Europa, Zeitgeschichte, Europäische Integration

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Akademiegespräch im Bayerischen Landtag

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"Keine historische Situation ist statisch", sagt Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. In den Jahren 1989 und 1990 teilten seine Einschätzung nicht alle Historiker und schon gar nicht die Bevölkerung. Manche sprachen sogar vom "Ende der Geschichte". "Für einen kurzen Augenblick schienen weltweit Demokratie, Friede und Wohlstand möglich - eine trügerische Gewissheit", sagt Wirsching. Statt Stillstand erlebte Europa nach der Wende einen gewaltigen Transformationsprozess, der noch nicht abgeschlossen scheint und durch globale Veränderungen verstärkt wird. Beim Akademiegespräch im Landtag sprach der Historiker Wirsching vor Akademiedirektorin Ursula Münch, Landtagspräsidentin Ilse Aigner und mehr als 300 Gästen über "Transformation als Bewährungsprobe. Das vereinte Deutschland in Europa".

Mauerfall beschleunigt europäische Integration

Er erinnerte an den euphorischen Zustand, in dem sich der Kontinent nach dem Mauerfall befand. Der europäische Gipfel in Straßburg erzielte im Dezember 1989 wesentliche Fortschritte, darunter ein Hilfspaket für Polen und eine erste Einigung auf die Wirtschafts- und Währungsunion - ein bis dato in Deutschland unpopuläres Projekt. "Ich bin mir sicher, dass es ohne Mauerfall keine Wirtschafts- und Währungsunion gegeben hätte - zumindest nicht 1993", betont Wirsching. Dabei war die Idee einer Vertiefung der Beziehungen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft Ende der 80er Jahre beliebter als die einer Erweiterung.

Doch die EG verstand nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus, dass sie ihre Tür in Richtung Osten öffnen musste, um eine erneute Spaltung des Kontinents zu verhindern. "Die Osterweiterung war dennoch gegen ökonomische Präferenzen und wahrscheinlich auch gegen den Willen der Bevölkerung", sagt Wirsching. Schnell zeigte sich, dass Erweiterung ohne Vertiefung unmöglich ist und die EU ging mit den Verträgen von Amsterdam, Nizza und Lissabon eine stärkere politische Union ein. Wirsching spricht von einem "atemberaubenden Prozess der Erweiterung", der 1980 unvorstellbar gewesen sei. Der damalige Außenminister Joschka Fischer glaubte 2000 sogar an die "Finalität Europas" mit einem Bundesstaat als Ziel.

Europa fehlt die Einheit

Heute stellt sich die Situation anders dar, als vor 20 und 30 Jahren erwartet. Einige osteuropäische Staaten sind weit von den Bedingungen ihres Beitritts entfernt. "Auf einen Entdemokratisierungs- und Entliberalisierungsprozess ist die EU nicht vorbereitet", sagt Wirsching. "Gegenüber dem austrittswilligen Großbritannien ist sie knallhart, gegenüber Ungarn und Polen fällt es ihr hingegen schwer, eine einheitliche Linie zu finden." Außerdem habe die EU versäumt, ein neues System der kollektiven Sicherheit unter Einbeziehung Russlands zu installieren. Gegenüber China lege Deutschland "Blindheit und Ratlosigkeit" genauso an den Tag wie ökonomisches Eigeninteresse. "Es mangelt in Deutschland nicht an Kenntnissen, sondern an politischen Konzepten und dem Willen, daran zu arbeiten", glaubt Wirsching.

Investitionen in die Zukunft Europas

Den Schauplatz künftiger Bewährungsproben sieht er weiterhin in Europa. In Krisenzeiten sei oft eine produktive Anspannung in der Union spürbar gewesen. Deutschland empfiehlt er, in die Zukunft des Kontinents zu investieren. Projekte gäbe es genug, zum Beispiel in den Bereichen Infrastruktur und Flüchtlinge. "Deutschland ging es immer am besten, wenn es in Europa investiert hat", sagt Wirsching.

Unser Podiumsgast

Prof. Dr. Andreas Wirsching studierte Geschichte und Evangelische Theologie in Berlin und Erlangen, wo er 1988 promoviert wurde. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent am Deutschen Historischen Institut Paris und am Institut für Zeitgeschichte in München. 1995 erfolgte die Habilitation im Fach Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Regensburg. Wirsching lehrte als Professor an den Universitäten Tübingen und Augsburg. 2011 erfolgte der Ruf auf den Lehrstuhl für Neuste Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München und die Ernennung zum Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Zu Wirschings Forschungsschwerpunkten zählen die Geschichte der Weimarer Republik, des Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus zwischen 1918 und 1945, die vergleichende deutsche und französische Geschichte im 20. Jahrhundert, deutsche und europäische Geschichte seit den 1970er Jahren sowie die Geschichte und Theorie der Moderne. Wirsching ist unter anderem stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien sowie ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Wissenschaftlichen Beiräte des Deutschen Historischen Museums bzw. des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

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