Das Berufswahlverhalten von Frauen

Wie lassen sich traditionelle Rollenbilder aufbrechen?

Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist bis heute nicht in allen Teilen des Lebens angekommen. Probleme gibt es vor allem in der Arbeitswelt und sie beginnen bereits vor dem Berufsstart. Denn traditionelle Rollenbilder fördern nicht nur ungleichverteilte Elternzeit und den Gender-Pay-Gap, sondern auch eine geschlechtsspezifische Berufswahl. In der Tagung "Wandel der Gesellschaft - Wandel der Arbeit" der Akademie für Politische Bildung und des Bayerischen Handwerkstags war das Berufswahlverhalten von Frauen Thema.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 31.05.2022

Von: Theresa Schell / Foto: Theresa Schell

# Gesellschaftlicher Wandel

Programm: Forum Politik und Handwerk: Wandel der Gesellschaft - Wandel der Arbeit

Forum Politik und Handwerk: Wandel der Gesellschaft - Wandel der Arbeit

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

"Männer und Frauen sind gleichberechtigt", steht seit 1949 in Art. 3 des Grundgesetzes. Doch in der Berufswelt war davon lange nichts zu spüren. 2001 folgte deshalb das Bundesgleichstellungsgesetz, um "zumindest in den Dienststellen und Unternehmen des Bundes die Gleichstellung von Männern und Frauen auch wirklich umzusetzen". Doch Theorie und Praxis weichen in Deutschland weiterhin voneinander ab. Der Gender-Pay-Gap wird zwar langsam kleiner, aber Frauen haben im Jahr 2020 immer noch rund 18 Prozent weniger verdient als Männer. Und auch bei der Berufswahl scheinen sich die Geschlechter nur langsam näherzukommen. Im Rahmen der Tagung "Wandel der Gesellschaft - Wandel der Arbeit" der Akademie für Politische Bildung Tutzing und des Bayerischen Handwerktags sprach Basha Vicari vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit über Konstanten und Veränderungen im Berufswahlverhalten von Frauen.

Gleichberechtigung der Geschlechter am Arbeitsplatz

Die Auswirkung der fehlenden Gleichberechtigung nennt Basha Vicari "berufliche Segregation". Das bedeutet, dass es geschlechterspezifische Berufgruppen gibt. Männerberufe werden vom IAB als Berufe mit einem Männeranteil unter den Beschäftigten von 70 Prozent und mehr definiert. Frauenberufe hingegen zeichnen sich durch einen Frauenanteil von mindestens 70 Prozent aus. Alle Berufe, die einen Frauenanteil zwischen 30 und 70 Prozent haben, gelten als Mischberufe. In den vergangenen 40 Jahren lässt sich kaum eine Veränderung beobachten, wenn es um typische Frauen- bzw. Männerberufe geht: Den höchsten Frauenanteil verzeichnen Berufe in der Erziehung, Hauswirtschaft, Medizin und Pflege, während in Bau und Gewerbe der geringste Anteil an Frauen beschäftigt ist. Auch die Verteilung von arbeitenden Menschen in Voll- und Teilzeit zeugt von einer beruflichen Ungleichstellung zwischen den Geschlechtern. Aus einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit von 2021 geht hervor, dass der Frauenanteil in Voll- und Teilzeitanstellungen gleich groß ist. Es arbeiten allerdings achtmal so viele Männer in Vollzeit wie in Teilzeit.

Wieso gibt es diese Unterschiede? "Grundsätzlich soll jede und jeder den Beruf wählen, der ihren und seinen Präferenzen entspricht!", betont Basha Vicari. Sie spricht jedoch auch die Problematik hinter der stereotypen Berufswahl an: "Bestimmte geschlechtstypische Berufe sind systematisch mit bestimmten Attributen verbunden." Typische Frauenberufe zeichnen sich oftmals durch niedrigere Löhne und schlechtere Aufstiegschancen aus, typische Männerberufe durch längere Arbeitszeiten und eine schlechtere Vereinbarkeit mit der Familie.

Gründe für das Berufswahlverhalten von Frauen und Männern

Die Verankerung von geschlechtsspezifischen Berufen in unserer Gesellschaft zeigt sich immer noch stark anhand der Wahl von Ausbildung und Studium. Die jüngere Generation hält weiterhin an den stereotypen Berufen fest. Eine Infografik des Instituts der deutschen Wirtschaft listet die Top-Fünf-Ausbildungsberufe nach Geschlecht. Bei Männern sind dies Kraftfahrzeugmechatroniker, Fachinformatiker, Elektroniker, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Verkäufer. Die Top-Fünf-Ausbildungsberufe von Frauen hingegen sind Kauffrau für Büromanagement, Medizinische Fachangestellte, Zahnmedizinische Fachangestellte, Verkäuferin und Kauffrau im Einzelhandel. Die Verteilung ähnelt weiterhin der bisherigen Geschlechterspezifik in Berufen.

Dasselbe ist bei der Studienwahl zu sehen. Die Zahlen sind besonders aussagekräftig, da sich inzwischen gleich viele Frauen und Männer für ein Studium entscheiden. Laut Statistischem Bundesamt haben sich Männer im Wintersemester 2019/2020 am häufigsten für ein Studium in Betriebswirtschaftslehre entschieden. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Informatik und Maschinenbau/-wesen. Bei Frauen besetzt Betriebswirtschaftslehre ebenfalls den ersten Platz. Es folgen jedoch Psychologie und Rechtswissenschaft.

Was passiert, wenn sich an der geschlechterspezifischen Berufswahl nichts ändert? Dann wird sich der Gender-Pay-Gap nur sehr langsam verschwinden. Hinzu kommen weiterhin höhere finanzielle Risiken für Frauen bei Scheidung und Trennung sowie Unfall oder Tod ihres Partners. Sie leben mit höherer Wahrscheinlich im Alter in Armut, wenn sie nicht für sich selbst vorsorgen. Der berufliche Werdegang von Frauen, die Kinder bekommen, ist oft geprägt von längerer Elternzeit und einem anschließenden Wiedereinstieg in Teilzeit. Das hat zur Folge, dass die Rente geringer ausfällt. Auch der Fachkräftemangel verschärft sich weiter, solange ein Teil der Bevölkerung weniger arbeitet - die Frauen.

"Aber es tut sich etwas", sagt Basha Vicari. Die Entwicklung gehe nur sehr langsam voran. Das Statistische Bundesamt hat einen Vergleich zwischen den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Jahr 2010 und 2020 veröffentlicht. Laut diesen Zahlen stieg der Anteil junger Männer im Friseurhandwerk sowie der Anteil junger Frauen in Ausbildung zur Landwirtin, Berufskraftfahrerin und Tischlerin. Das Geschlechterverhältnis bei den Ausbildungen im Gastgewerbe und zu Kaufleuten im Einzelhandel hat sich umgekehrt.

Gesellschaftliche Strukturen fördern die stereotype Berufswahl

Woran es liegt, dass dennoch viele Schülerinnen und Schüler stereotype Berufswünsche verfolgen, ist eine zentrale Frage der Berufsforscherinnen und Berufsforscher. Bisher ist bekannt, dass es bestimmte gesellschaftliche Strukturen gibt, die stereotype Berufsziele von Kindern und Jugendlichen fördern. Dazu zählen beispielsweise Geschlechterklischees in Filmen, Kinderbüchern und Spielzeugen sowie der Einfluss von Eltern, Schule und Arbeitsmarkt. Geschlechterklischees haben sich in unserer Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg etabliert und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Forschung ist sich zwar bis heute nicht einig, wann Geschlechtermodell und Rollenzuteilung überhaupt entstanden sind. Trotzdem lenken sie unser Denken. Sowohl in den Medien als auch im sozialen Umfeld finden sich traditionelle Rollenmuster und Berufe. Schülerinnen und Schüler werden oftmals von den Reaktionen ihres sozialen Umfelds beeinflusst. Die (erwartete) negative Reaktion auf ein Berufsziel kann dazu führen, dass dieser Beruf als Alternative ausgeschlossen wird. Die Verankerung der Rollenmuster führt so weit, dass Frauen ihre Fähigkeiten in Mathematik schlechter einschätzen - trotz vergleichbarer, wenn nicht besserer Leistungen. Das geht aus einer 2015 veröffentlichten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor. 

Wie können Unternehmen die Geschlechterstereotype aufbrechen?

Auch der lokale Arbeitsmarkt prägt die Wahrnehmung der Möglichkeiten von Schülerinnen und Schülern. Um Frauen anzusprechen, ist es ratsam, ein angenehmes Klima am Arbeitsplatz zu schaffen und eine weibliche Ansprechpartnerin zu benennen. Die sogenannten Girls- bzw. Boysday bringen Jugendlichen jeweils geschlechtsuntypischen Berufe näher. Betriebe setzen hier an, um sich mit den Bedenken der Jugendlichen auseinanderzusetzen und ihnen mögliche Ängste zu nehmen. Die Schülerinnen und Schüler haben die Chance, authentische Vorbilder zu sehen. Für sie ist es wichtig, Rollenvorbilder zu haben, die ihnen zeigen, dass typische Männer- bzw. Frauenberufe für beide Geschlechter Karrieremöglichkeiten bieten. Auch wenn es bisher keine systematische Lösung für das Problem der stereotypen Berufswahl gibt, appelliert Basha Vicari an die Teilnehmenden der Tagung, sie sollen potentiellen Nachwuchs gezielt ansprechen.

Social Media schafft ebenfalls mehr Sichtbarkeit von Frauen in Männerberufen. Beispielhaft zu nennen sind Agnes Borchers und Julia Schäfer. Die beiden Frauen haben erfolgreiche Instagram-Profile, auf denen sie Eindrücke ihres Arbeitsalltags teilen. Agnes Borchers (@püppi.at.work) ist Maschinistin aus Schleswig-Holstein mit über 100.000 Followerinnen und Followern. Maurermeisterin Julia Schäfer (@tschulique) aus Baden-Württemberg folgen sogar 420.000 Menschen. Ihre große Reichweite ist wichtig, denn noch hat nicht jeder Betrieb eine Frau, die als Rollenvorbild fungieren kann und zeigt: Männerbranchen müssen keine Männerbranchen bleiben!


Weitere News

Die Vier-Tage-Woche als Modell der Zukunft

Sind kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn möglich?

Tagungsbericht, Tutzing, 16.11.2022

Wer rastet, der rostet - auch in der Digitalisierung

Der Strukturwandel als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Akademie-Report, Tutzing, 16.11.2022

Wie gespalten ist unsere Gesellschaft?

Ulrike Scharf und Ursula Münch diskutieren über Radikalisierung und Zusammenhalt

Tagungsbericht, Tutzing, 22.07.2022

Das abgehängte Drittel?

Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Polarisierung

Tagungsbericht, Tutzing, 22.06.2021