Klicks vor Qualität?

Medien im digitalen Zeitalter

Online-Medien stehen im Verdacht, für Reichweite und die damit verbundenen Werbeeinnahmen auf journalistische Standards zu verzichten. Aber fördert die Digitalisierung wirklich nur inhaltsloses Clickbaiting und treibt die Medienhäuser in die Abhängigkeit von Konzernen wie Google? Oder bringt der digitale Wandel dringend notwendige Innovationen und Bürgerbeteiligung in den Journalismus? Darüber haben Journalistinnen, Medienexperten und Kommunikationswissenschaftlerinnen auf der Tagung "Klicks vor Qualität? Medien im digitalen Zeitalter" der Akademie für Politische Bildung und des Bayerischen Journalisten-Verbands diskutiert.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 29.06.2021

Von: Beate Winterer / Foto: Beate Winterer

# Medien, Digitalisierung

Programm: Tutzinger Journalistenakademie: Klicks vor Qualität?

Klicks vor Qualität?

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"Der gute Journalismus war nie so gut wie heute", sagt die Journalistin Alexandra Borchardt. In der Corona-Pandemie ist das Vertrauen in die Medien gestiegen. Seit Jahren gaben in der Langzeitstudie Medienvertrauen nicht mehr so viele Menschen wie 2020 an, dass sie Medien vertrauen, wenn es um wichtige Dinge wie Umweltschutz oder politische Skandale geht. Ein Grund, sich auf dem Erfolg auszuruhen, darf das für Journalistinnen und Journalisten jedoch nicht sein. Vor allem an Online-Medien haftet der Vorwurf, im Wettstreit um die meisten Klicks würde ihre Qualität leiden. Die Online-Tagung "Klicks vor Qualität? Medien im digitalen Zeitalter" der Akademie für Politische Bildung und des Bayerischen Journalisten-Verbands hat gefragt, wie sich die Digitalisierung auf den Journalismus auswirkt - im Positiven wie im Negativen.

Was Medienqualität überhaupt ausmacht, erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin Julia Serong von der LMU München: unter anderem Aktualität, Objektivität, Transparenz und Verständlichkeit. Qualität hänge aber auch von den Erwartungen des Publikums ab - und das kann sie erst nach der Nutzung beurteilen. "Produzierende haben also einen Anreiz zur Täuschung des Publikums", sagt Serong. Zwar wäre Qualität zum Qualitätspreis sowohl für Medien als auch für Nutzer besser, doch das Billigprodukt setze sich durch - laut Serong nicht nur online, sondern auch seit Jahrzehnten bei vielen Print-Produkten.

Wie abhängig sind Medien von Google?

Ein neues Erlösmodell für Verlage ist Google News Showcase. Medien stellen eine vereinbarte Anzahl an Beiträgen für Google-Nutzer zur Verfügung und erhalten im Gegenzug Lizenzgebühren. In Deutschland nutzt unter anderem die taz das Modell - in einem Testlauf, wie Geschäftsführerin Aline Lüllmann betont. Durch Google habe "taz zahl ich", das freiwillige Online-Bezahlmodell des Verlags, weitere Unterstützerinnen und Unterstützer gewonnen. Da jedoch nur ein Fünftel des Traffics auf der taz-Website über Google generiert wird und die Verträge für den Google News Showcase kurzfristig kündbar sind, sieht Lüllmann kein Abhängigkeitsverhältnis.

Auch die Autoren von netzpolitik.org beobachten in ihrer Studie "Medienmäzen Google: Wie der Datenkonzern den Journalismus umgarnt" keine direkten Einflussnahmeversuche. "Aber Journalisten warnen in Gesprächen vor Selbstzensur und korrumpierender Nähe. Man will den 'großen Freund' nicht verärgern", erzählt Ingo Dachwitz, einer der Mitwirkenden. Hinzu kommt, dass am Google News Showcase teilnehmende Verlage Google nicht verklagen dürfen - beispielsweise auf Zahlungen, die sich aus dem Leistungsschutzrecht ergeben. Die Redaktion von netzpolitik.org hat die Entstehungsgeschichte von Googles Förderprogrammen rekonstruiert und sieht einen direkten Zusammenhang zum medienpolitischen Druck, den die Verlage im vergangenen Jahrzehnt aufgebaut haben, um an Googles Werbeeinnahmen teilzuhaben.

Mehr als 200 Millionen Euro hat Google in den vergangenen Jahren allein durch seine Digital News Initiative an europäische Verlage ausgeschüttet. Das Problem: "Man erfährt kaum etwas davon", sagt Alexander Fanta von netzpolitik.org. Zwar ist bekannt, wer Fördermittel erhält, aber die Summen sind nicht nachvollziehbar. Typische Empfänger sind alteingesessene europäische Verlage - oder wie Dachwitz sagt: "Wer hat, dem wird gegeben." Er hält deshalb eine breitere Diskussion über Innovationsförderung im Journalismus für dringend nötig.

Klicks oder Qualität: Was zählt im Online-Journalismus?

Selbst Medienhäuser, die keine direkten Finanzspritzen von Google erhalten, können sich dem Einfluss des Konzerns nur schwer entziehen. Längst bestimmt nicht mehr nur der Nachrichtenwert die Berichterstattung, sondern auch Keywords und Trends in den Suchmaschinen. Denn so entstehen Klicks, die harte Währung im Online-Journalismus. Ein Medium, das besonders auf Reichweite setzt, ist die Frankfurter Rundschau als Teil der Ippen-Gruppe. "Wir müssen die Leser dort abholen, wo sie sind", sagt Chefredakteur Thomas Kaspar. Im digitalen Zeitalter hält er deshalb nichts von einer "breiten Abdeckung der Chronistenpflicht", sondern setzt auf die richtigen Keywords und Schnelligkeit. Die Prüfung von Informationen durch eine zweite Quelle sei so meist nicht mehr möglich, gibt er zu. "Wir setzen stattdessen auf Transparenz und nennen unsere Quellen", erklärt Kaspar. Marvin Schade, Co-Gründer des Branchenportals Medieninsider, sieht darin ein Vorgehen zulasten der Qualität: "Der Nutzer von News-Tickern vergisst, woher die Information kommt, aber die Information bleibt hängen", ist er überzeugt.

Schade sieht die Zukunft des Online-Journalismus nicht in Reichweite und Clickbaiting, sondern in einem Abo-Modell für mehrere Medien, ähnlich wie Spotify und Netflix. Die Bereitschaft für gute Inhalte auch Geld auszugeben, schätzt er hoch ein. In den USA gibt es bereits Versuche, beispielsweise die New York Times im Verbund mit regionalen Medien anzubieten. Was die Finanzierung angeht, ist er jedoch skeptisch, ob zehn Euro monatlich, wie für Spotify, reichen, um Redaktionen zu finanzieren. Denn Journalismus ist teuer. Eine staatliche Finanzierung des Journalismus, wie sie manche in der Branche fordern, hält er für schwierig: "Die Verlage könnten sich darauf ausruhen und bei einem Regierungswechsel besteht die Gefahr, dass die Finanzierung wieder wegbricht. Ganz abgesehen davon, dass Zeitungen privatwirtschaftliche Betriebe sind. Ich hätte da auch verfassungsrechtliche Bedenken."

Der Bürger als Partner

Aber vielleicht ließe sich die Finanzierungsfrage auch dadurch lösen, dass Bürgerinnen Teil der Redaktionen werden und so Qualitätsjournalismus wieder zu schätzen lernen? Nirgendwo ist das leichter als im Internet. "Als Online-Medium haben wir die Durchlässigkeit zu den Rezipienten in unserer DNA", sagt Philip Faigle, Leiter des Ressorts X bei Zeit-Online. Er berichtet von einer "lebhaften Community", die Hunderttausende Kommentare unter den Beiträgen der Redakteure hinterlässt und für Formate wie "Deutschland spricht" in der Freizeit quer durchs Land reist. Für die Redaktion sind die engagierten Leserinnen eine Bereicherung: "Man wird permanent mit Dingen konfrontiert, an die man nicht gedacht hat", sagt Faigle. Denn obwohl sich in den Medienhäusern viel verändert, sind Redaktionen noch längst nicht divers. Das fängt oft schon beim Wohnort an. "Wir leben fast alle in der Großstadt, aber 70 Prozent der Deutschen wohnen in Orten mit weniger als 100.000 Einwohnern. Deren Lebenswirklichkeiten haben wir nicht immer auf dem Schirm", erklärt Faigle.

Auch Verena Nierle, Teamleiterin bei BR Recherche/BR Data, sieht das Publikum als gute Quelle, um die Berichterstattung zu verbessern. "Wir dürfen aber nicht unsere Standards heruntersetzen, weil sich Bürger beteiligen", betont die Journalistin. Am besten können Bürgerinnen die Redaktionen bei der Recherche unterstützen. Correctiv-Chefredakteur Justus von Daniels hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Für Projekte wie "Wem gehört die Stadt?" liefern Leserinnen seit Jahren Daten in Form von Mietverträgen und anderen Dokumenten. Der Redaktion selbst wäre es unmöglich, diese Arbeit zu leisten. Die Vernetzung über das Internet erhöht also die journalistische Qualität. Doch auch das Publikum arbeitet nicht umsonst. "Man muss sich immer überlegen: Was gibt man der Community zurück?", betont von Daniels. Und diese Gegenleistung darf durchaus analog sein. In Lüneburg veranstaltete die Redaktion zum Beispiel eine Fahrradtour zu besonders interessanten Häusern aus ihrer Recherche.


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