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Klimagerechtigkeit - noch ein weiter Weg

Wie der Klimawandel Ungleichheiten schafft und verstärkt

Die Folgen des Klimawandels sind keineswegs gleichmäßig auf alle Menschen verteilt. Sie treffen am stärksten benachteiligte Bevölkerungsgruppen sowie zukünftige Generationen. Über die Ungerechtigkeiten zwischen Jungen und Alten sowie Armen und Reichen haben Fachleute in der Tagung "Klimagerechtigkeit" der Akademie für Politische Bildung und der Münchener Rück Stiftung gesprochen.

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 26.05.2023

Von: Almagul Shamyrbekova / Foto: Almagul Shamyrbekova

Programm: Klimagerechtigkeit

Klimagerechtigkeit

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

Der Klimawandel stellt nicht nur eine ökologische Bedrohung dar, sondern auch eine Herausforderung für die Gerechtigkeit. Die Auswirkungen der Klimakrise treffen besonders die Regionen und Bevölkerungsgruppen, die am wenigsten zur Entstehung des Problems beigetragen haben. Gleichzeitig haben diejenigen, die den Klimawandel maßgeblich verursacht haben, oft bessere Möglichkeiten, sich vor den Folgen zu schützen. Im Rahmen der Tagung "Klimagerechtigkeit" der Akademie für Politische Bildung und der Münchener Rück Stiftung haben Expertinnen und Experten über Ungerechtigkeiten zwischen den Generationen und verschiedenen Einkommensgruppen diskutiert.

Generationengerechtigkeit: Konsum auf Kosten der Jugend

"Alle kommenden Generationen müssen gleichbehandelt werden, unabhängig von der Zeit ihrer Geburt", sagt Jörg Tremmel, Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen und Professor an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Es dürfe nicht der Fall sein, dass jemand aufgrund seines Geburtszeitpunkts als weniger moralisch berücksichtigungswürdig angesehen wird. Die Vorfahren in den wohlhabenden Ländern des globalen Nordens waren sich möglicherweise nicht bewusst, dass ihr Handeln ungerecht war. Dass beispielsweise das Abholzen der Wälder und der Konsum von Fleisch zum Klimawandel führen werden. Daher hält Tremmel die Aussage "Ihr hättet es wissen müssen" für falsch und sagt, dass solche Argumente überbewertet sind und die Suche nach Lösungen behindern.

Im Jahr 1990 wurde der erste Bericht des Intergouvernemental Panel on Climate (IPCC), das die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel bewertet, vorgelegt und der menschliche Einfluss auf den Klimawandel als Faktor benannt. Alles, was nach 1990 geschah, kann nicht mehr mit dem Argument der Unwissenheit entschuldigt werden, sagt Tremmel. Die Erkenntnisse des ersten IPCC-Berichts haben die Wahrnehmung von Menschen verändert und eine dringende Handlungsnotwendigkeit aufgezeigt. Tremmel betont dabei, dass die Menschheit sich in der letzten Generation vor dem möglichen Kipppunkt befindet, an dem sich die Auswirkungen des Klimawandels potenziell unkontrollierbar verstärken können. "Ein erhöhter Schleier um die Erde führt zu einem Anstieg der durchschnittlichen Temperatur, und wenn wir über eine Temperaturerhöhung von mehr als vier Grad sprechen, eröffnen sich beängstigende Szenarien für diejenigen, die jetzt geboren werden", sagt Tremmel. Die Konsequenzen sind deutlich spürbar: Hitzewellen und Nächte mit tropischen Temperaturen nehmen zu, ganze Landstriche werden unfruchtbar und für die Landwirtschaft unbrauchbar, was zu Ernteausfällen führt. Der Anstieg des Meeresspiegels ist ein weiterer langfristiger Prozess, der zu einem unumkehrbaren Wandel führt. Angesichts der Bevölkerungsdichte in Küstengebieten stehen massive Verluste bevor, sowohl in Bezug auf Städte als auch auf Häfen. Ein bedeutender Teil dieser Gebiete wird im Wasser verschwinden.

Einkommen und CO2-Emissionen

Laut Oxfam werden etwa 50 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen und Umweltbelastungen von den zehn Prozent der Menschen mit den höchsten Einkommen verursacht. Diese Gruppe hat einen größeren ökologischen Fußabdruck, bedingt durch ihren erhöhten Konsum, beispielsweise durch den Besitz mehrerer Häuser und regelmäßige Flugreisen. Seit 1990 hat sich eine massive Veränderung des Konsums vollzogen, wobei vor allem in den höheren Einkommensgruppen ein Zuwachs an Umweltbelastungen zu verzeichnen ist. Die Auswirkungen durch die unteren Schichten hingegen sind teilweise sogar rückläufig. Laut Till Kellerhoff, Programmdirektor des Club of Rome, befinden sich Menschen weltweit in einer ökologischen Krise, die nicht von allen gleichermaßen verursacht wurde, sondern global betrachtet von einer wohlhabenden Minderheit.

Auch wenn nur sehr wenige Menschen für den Großteil des CO2-Ausstoßes verantwortlich sind, macht es für die Umweltbelastung und die Ressourcenverfügbarkeit einen Unterschied, ob acht oder elf Milliarden Menschen auf der Erde leben. Kellerhoff warnt jedoch vor Forderungen nach Geburtenkontrolle: "Es wäre unangemessen zu behaupten, dass Menschen in Afrika weniger Kinder bekommen sollten. Er nennt eine solche Aussage nicht nur rassistisch, sondern auch in ökologischen Diskussionen nicht hilfreich, da Menschen in Afrika nicht die Hauptverursacher der Probleme sind.

An Klimagerechtigkeit mangelt es auch beim Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels. Reiche Länder, die maßgeblich zur Klimakrise beigetragen haben, sind besser in der Lage, sich zu schützen. Arme Länder, die bereits jetzt die Konsequenzen des Klimawandels spüren, haben immer weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Sie müssen einen großen Teil ihres Budgets für Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise, den Wiederaufbau nach klimabedingten Umweltkastastrophen und ähnliche Herausforderungen aufwenden. Von Pandemien, die durch den Anstieg der Durchschnittstemperaturen wahrscheinlicher werden, sind sie ebenfalls stärker betroffen.

Auch innerhalb der Länder gibt es ungleiche Belastungen. Menschen mit höherem Einkommen sind besser in der Lage, die Konsequenzen der Klimakrise zu kompensieren. Ein Beispiel dafür sind steigende Nahrungsmittelpreise aufgrund von Dürren und Lieferkettenstörungen. Diese Teuerungen treffen die Menschen, die ohnehin einen hohen Anteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen, erheblich stärker als die weltweit Reichsten, die nur etwa acht Prozent ihres Einkommens in Lebensmittel investieren. Die Konsequenzen der Klimakrise tragen also nicht die, die sie verursacht haben.

Gesellschaftliche Spaltung durch fehlende Klimagerechtigkeit

Die mangelnde Klimagerechtigkeit steht in engem Zusammenhang mit der Funktionalität von Gesellschaften. Denn der Anstieg der Ungleichheit verringert das Vertrauen der Menschen in die Regierung, notwendige Transformationen umzusetzen. Durch große Unterschiede zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen entsteht eine Kluft, die den sozialen Zusammenhalt untergraben kann. Diejenigen, die sich am unteren Ende der Einkommens- und Vermögensskala befinden, fühlen sich ausgeschlossen und benachteiligt, während diejenigen an der Spitze der sozialen Hierarchie einen unverhältnismäßigen Anteil an Ressourcen und Möglichkeiten besitzen. Dies kann zu Frustration und einem Rückgang des sozialen Engagements führen.

Dieses Phänomen trifft auf Länder weltweit zu. Ungleichheit kann eine Art "Proxy" für das Vertrauen in staatliche Systeme werden, sagt Kellerhoff. Darüber hinaus besteht eine Verbindung zwischen Ungleichheit und der Polarisierung von Gesellschaften. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidung der Trump-Regierung, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen. Dieser Schritt hat zu einer tiefen Spaltung der Meinungen geführt und die Bemühungen der USA im internationalen Kampf gegen den Klimawandel erheblich geschwächt.

Die Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, erfordern ein konsequentes Handeln und eine gerechte Verteilung der Lasten. "Die Verantwortung liegt in unseren Händen, und es ist an uns, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um eine lebenswerte und gerechte Welt für kommende Generationen zu sichern", appelliert Tremmel für mehr Klimagerechtigkeit.

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