Öffentlichkeit 2.0

Digitale Herausforderungen für die Mediendemokratie

Die Mediendemokratie hat sich in den vergangenen Jahren durch die fortschreitende Digitalisierung revolutionär verändert. Expertinnen und Experten aus der Medienforschung, der Medienpädagogik und dem Journalismus diskutierten in Bayreuth mit der Akademie für Politische Bildung und der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Medien (EAM) im Deutschen Evangelischen Frauenbund (DEF) den radikalen Strukturwandel der Öffentlichkeit durch das Internet.


Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

In den vergangenen Jahren ist in den Medien und der Wissenschaft häufig der Begriff der "Frames" aufgetaucht. Der Medienforscher Bertram Scheufele von der Universität Hohenheim definiert Frames als "Interpretationsrahmen oder Perspektiven, aus denen wir Ereignisse, Akteure oder Probleme betrachten. Schlüsselreize in Texten, Bildern usw. aktivieren in unseren Köpfen bereits bestehende Vorstellungen", sagte Scheufele. Der so aktivierte Frame sei dann jene Position, von der aus wir etwas bewerten oder eine Entscheidung treffen.

Rezepte für Mobilisierung

Wer heute mobilisieren will, sollte gut inszenieren - auch dazu braucht man Framing. Ein Beispiel dafür ist die Schülerbewegung "Fridays for Future". Scheufele erläuterte das "Rezept": "Es braucht eine glaubwürdige und überprüfbare Problemdeutung (Klimadaten, Hitzesommer), ein griffiges Motto ('Schulstreik fürs Klima') und den Brückenschlag zu zentralen Werten und anderen Frames wie Frieden und Sicherheit. Die Wortwahl einer Kampagne kann Entscheidungen beeinflussen", sagte der Hohenheimer Medienforscher.

Die Technik des Framing werde von allen politischen Richtungen benutzt - es lässt sich für gute und schlechte Zwecke nutzen. Aber: Was ein guter oder schlechter Zweck ist, ist oft selbst eine Frage des Framing.

Die Grenzen verschwimmen

Aus dem journalistischen Tagesgeschäft im digitalen Zeitalter berichteten Gudrun Riedl, Mathias Wagner und Peter Engelbrecht. Riedl ist stellvertretende Leiterin bei BR24, der aktuellen, trimedialen Redaktion des Bayerischen Rundfunks. Sie sieht viele Vorteile im intensiveren Kontakt mit dem Publikum über Social Media: "Es kommen oft Anregungen für Themen und berechtigte Kritik an unseren Berichten. Über die lohnt es sich oft, nachzudenken." Wagner, Produktleiter Social Media bei der Mittelbayerischen Zeitung in Regensburg, gibt aber auch zu, dass die Rückkanäle mit dem Publikum viel Arbeit machen: "Manchmal müssen wir die Kommentarfunktion stoppen, weil die Hasskommentare zu viel werden und von unserem kleinen Team nicht mehr moderiert werden können." Die Grenzen zwischen der gedruckten Zeitung und ihrer Version im Netz seien inzwischen aufgelöst. Das gelte auch für die Redaktion: "Der Print-Kollege muss auch für die Online-Ausgabe arbeiten – mit Text, Foto und Video."

Hohes Gut Glaubwürdigkeit

Peter Engelbrecht ist Redakteur beim Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. Er warnte davor, trotz des Zwangs zur Schnelligkeit, "jeder neuen Sau, die durchs Dorf getrieben wird, hinterher zu laufen. Und die Sau hat inzwischen 1000 Ferkel. Und die werden immer schneller." Glaubwürdigkeit sei das höchste Gut der Lokalzeitung. Die dürfe nicht verspielt werden.

Einig war sich die Journalistenrunde darin, dass keine Nachricht ohne Prüfung einer zweiten Quelle an die Öffentlichkeit kommen dürfe. Schon gar nicht, wenn die erste Quelle aus sozialen Medien kommt.

Raus aus den Filterblasen

Gudrun Riedl empfahl eine breite Informationsbasis für alle Journalisten, "damit auch wir aus unseren Filterblasen und Echokammern herauskommen." Neugierig und offen bleiben für Neues sei mit das Wichtigste in diesem für die Demokratie so wichtigen Beruf.

Andre Wolf vom Wiener Verein Mimikama zur Aufklärung über Internetmissbrauch sprach über Privatsphäre und Datenschutz im Internet, virale Kettenbriefe, Narrative und "Fake News". "Wir müssen lernen, mit Social Media und dem veränderten Verhältnis zwischen Sender, Empfänger und filternder Instanz umzugehen."

Gezielte Desinformation

Wolf setzte sich auch mit dem seit Trump sehr strapazierten Begriff "Fake News" auseinander und plädierte dafür, sich von diesem politischen Propagandabegriff gegen etablierte, klassische und professionelle Medienangebote zu verabschieden. Was nicht dazugehört sind Satire sowie schlechter und fehlerhafter Journalismus. Auch die klassischen "Enten", also Falschmeldungen, die aber meist korrigiert werden, sind keine "Fake News". "Fake News" sind gezielte Desinformation, mit dem Ziel, jemanden zu schaden", erklärte Wolf. Das könnten aus dem Zusammenhang gerissene oder bewusst falsch interpretierte Informationen sein. Auch die Manipulation von Bildern oder völlig frei erfundene Inhalte werden als "Fake News" bezeichnet, sagte er.


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