Menu

Macht im digitalen Zeitalter

Die politische und ökonomische Bedeutung der Digitalität

Digitalisierung - sie verändert wie wir arbeiten, lernen, kommunizieren und Entscheidungen treffen. Doch wer gestaltet diesen Wandel eigentlich und verfügt damit im digitalen Zeitalter über Macht, Wissen und gesellschaftliche Gestaltungsspielräume? Mit diesen Fragen setzte sich die Tagung "Die politische und ökonomische Bedeutung der Digitalität: Mechanismen und Machtverschiebungen" der Akademie für Politische Bildung in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Informatik e. V. und der Initiative D21 e. V. auseinander.

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 30.09.2026

Von: Nina Lütgen / Foto: Nina Lütgen

Programm: Die politische und ökonomische Bedeutung der Digitalität: Mechanismen und Machtverschiebungen

Die politische und ökonomische Bedeutung der Digitalität: Mechanismen und Machtverschiebungen

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

"Der Begriff Macht wurde für eine Welt entwickelt, in der man Macht messen kann". Mit dieser Aussage beschreibt Ann Cathrin Riedel, Publizistin und Geschäftsführerin von NExT e.V., einen grundlegenden Wandel politischer und gesellschaftlicher Ordnung. Denn während Macht lange vor allem an klar zuzuordnenden Ressourcen wie Territorium, Kapital oder institutionellen Positionen festgemacht wurde, entstünden im digitalen Zeitalter neue Einfluss- und Abhängigkeitsverhältnisse. Digitale Plattformen, Daten und Algorithmen schaffen neue Zentren des Einflusses und verändern damit politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen. Die zentrale Frage lautet daher: Wer gestaltet die digitale Ordnung von morgen? Über die Auswirkungen dieses Wandels und neuen Machtkonstellationen diskutierten Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Informatik auf der Tagung: "Die politische und ökonomische Bedeutung der Digitalität: Mechanismen und Machtverschiebungen" der Akademie für Politische Bildung in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Informatik e. V. und der Initiative D21 e. V.

Neue Machtverhältnisse im digitalen Zeitalter

1996 veröffentlichte der Internetpionier und Bürgerrechtskämpfer John Perry Barlow die "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace", die für die damals verbreitete Vorstellung stand, dass sich das Internet weitgehend selbst regulieren könne und staatliche Eingriffe nur eine geringe Rolle spielten. Dreißig Jahre später zeichnet Riedel jedoch ein deutlich anderes Bild. Denn die zunehmende Vielfalt an Akteuren im digitalen Raum und die wachsende Macht großer Technologieunternehmen verändere bestehende Ordnungen und werfe neue Fragen nach Verantwortung, Regulierung und Legitimation auf, so Riedel. Dabei gehe es unteranderem auch um die Frage, wer die notwendigen Regeln für den digitalen Raum festlegt und dann auch durchsetzt. Die Suche nach Antworten darauf spiegele sich auch in der wachsenden Zahl internationaler Foren und Initiativen wider, die sich mit Fragen der digitalen Ordnung befassen. Als Beispiel verwies Riedel auf das Internet Governance Forum (IGF), das als Plattform für den Dialog über Netzpolitik und Internetregulierung dient sowie auf "Tech Diplomacy", die zu neuen Formen von digitaler Außenpolitik beitrage.

Wirtschaft im digitalen Wandel

Neben der Machtverteilung verändert die Digitalisierung auch fundamental unsere Wirtschaft. Laut Thomas Hess, Direktor des Instituts für Digitales Management und Neue Medien der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), sei diese Transformation nicht linear, sondern geprägt von einem "Wechsel zwischen offenen und stabilen Phasen". In letzterem fänden dabei vor allem kleinere Verbesserungen und Anpassungen statt, während offene Phasen mit grundlegenden Veränderungen einher gingen. Vor diesem Hintergrund stellt Hess die Frage, ob Künstliche Intelligenz gegenwärtig eine solche Phase tiefgreifender Transformation auslöse, vor allem in Bezug auf die Digitalisierung deutscher Unternehmen. Er attestiert, dass "große Unternehmen bei der Digitalisierung häufig bereits gut aufgestellt sind, während insbesondere viele mittelständische Unternehmen weiterhin vor Herausforderungen stehen". Die Folgen dieser unterschiedlichen Ausgangslagen zeigten sich längst auch im globalen Wettbewerb: Die Spitzenplätze der Börsenranglisten seien heute nahezu ausschließlich von Digital- und Technologiekonzernen belegt, während deutsche Unternehmen dort nicht vertreten seien. Hess sieht darin zugleich einen deutlichen Handlungsauftrag: "Investitionen in digitale Infrastruktur sowie die konsequente Digitalisierung und Modernisierung der Verwaltung sind deshalb wichtige Voraussetzungen, um die Wettbewerbsfähigkeit in unserer digitalisierten Welt zu sichern".

Diese Einschätzung teilt auch Martin Wimmer vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Jedoch vertritt er die These, dass "es derzeit kein Land gibt, das Deutschland digitalpolitisch als uneingeschränktes Vorbild dienen kann". Zugleich betont er, dass es ein Irrtum sei, anzunehmen, Handlungsfähigkeit entstehe durch einen Rückzug staatlicher Institutionen. Stattdessen plädiert der Chief Digital Officer für eine aktive politische Gestaltung der digitalen Welt, insbesondere in Bezug auf die Regulierung im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes sowie die Begrenzung monopolartiger Strukturen. Denn Wimmer versteht digitale Transformation nicht allein als technologische Herausforderung, sondern auch als gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe: "Wir sind die Politik, wir sind die Wähler". Er verweist damit auf die gemeinsame Verantwortung von Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft für die Gestaltung des digitalen Wandels.

Arbeiten mit KI

Arbeit und Bildung ständen ebenfalls mitten im digitalen Umbruch, erklärt Dagmar Schuller von der Hochschule Landshut, denn während der Druck wachse, neue Technologien schnell einzuführen, gewännen zugleich Fragen der Sicherheit und des verantwortungsvollen Umgangs mit KI zunehmend an Bedeutung. Diese Spannung beschreibt sie als "Ambivalenz statt Eindeutigkeit". Mit Blick auf den Arbeitsmarkt hebt die Professorin für Wirtschaftsinformatik und angewandte KI an hervor, dass insbesondere qualifizierte Fachkräfte auch künftig schwer austauschbar blieben: "Ein guter Informatiker ist nicht ersetzbar, ein schlechter eventuell schon". Gleichzeitig würden KI und Automatisierungsprozesse bestehende Tätigkeiten und Berufsbilder grundlegend verändern und Beschäftigte wie Unternehmen vor neue Anforderungen stellen. Schuller betont jedoch, dass diese Entwicklung nicht nur Risiken, sondern auch Chancen mit sich bringe. So verweist sie auf Prognosen des World Economic Forums, wonach bis 2030 rund 170 Millionen neue Arbeitsplätze durch KI und Automatisierungsprozesse entstehen sollen, während etwa 91 Millionen Jobs dadurch verdrängt werden würden. Die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt und Gesellschaft seien damit vielschichtig und könnten weder ausschließlich als Risiko noch als Chance verstanden werden, so die Professorin.

Lernen und Lehren mit KI

Besonders deutlich wird dies ebenfalls im Bildungsbereich, der auch zunehmend von Künstlicher Intelligenz geprägt wird. Schuller erklärt, dass bereits 88 Prozent der Studierenden weltweit KI-Tools im Studium nutzen. Gleichzeitig hielten nur 29 Prozent ihre Lehrenden für ausreichend auf den Umgang mit Künstlicher Intelligenz vorbereitet. Dies verdeutliche nicht nur die rasche Verbreitung der Technologie, sondern auch den wachsenden Bedarf an entsprechenden Kompetenzen. Zugleich eröffne KI neue Möglichkeiten für das Lernen: Es ermögliche ein individuelles Lerntempo, gebe unmittelbares Feedback und sei niedrigschwellig erreichbar. Den neuen Möglichkeiten stehe jedoch auch gewisse Risiken gegenüber, z.B. die Integrität von Prüfungen, Datenschutz und die Frage nach Verantwortlichkeiten beim Einsatz von KI-Systemen. In diesem Zusammenhang weist Schuller auch auf die Problematik des "Automation Bias" hin, also die Neigung, Ergebnisse von KI-Systemen ungeprüft zu übernehmen. Dies könne dazu beitragen, dass kritische Reflexion und eigenständige Urteilsbildung in den Hintergrund treten.

Digitalisierung in der Praxis

Zum Abschluss der Tagung wurde Digitalisierung auch ganz praktisch erlebbar. Mithilfe der Anwendung Take-Aw.ai sprachen die Teilnehmenden ihre Gedanken zur Frage, welche Erkenntnisse sie aus den vergangenen zwei Tagen mitnehmen, direkt in ihr Smartphone. Die Anwendung wertete die Beiträge anschließend automatisch aus und fasste die zentralen Erkenntnisse und wichtigsten Takeaways der Tagung in einer Präsentation zusammen. Das dadurch generierte Abschlussfazit lautete: "Digitalität verschiebt Macht - doch ein gemeinsames Zielbild fehlt: Jetzt braucht es mehr Politik, Regulierung und gesellschaftliche Debatte".

Kontakt
Weitere News

Digitale Transformation
Schicksal oder Gestaltungsaufgabe?


Resiliente Demokratie im KI-Zeitalter
Bedrohung durch Desinformation und Manipulation


Auf dem Weg zum digitalen Autoritarismus?
Künstliche Intelligenz und ihre Gefahren 


Digitale Transformation zukunftssicher gestalten
Souveränität und Resilienz trainieren


Digitale Revolution?
Wie KI unsere Lebenswirklichkeit verändert


Desinformation im Wahlkampf
So beeinflussen Fake News die Meinungsbildung


So verändert Künstliche Intelligenz die Wissenschaft
Das neue Spannungsfeld von Forschung, Politikberatung und Tech-Kooperation


So gefährdet KI-generierte Desinformation unsere Demokratie
Folgen und Risiken für die politische Öffentlichkeit


So verbessert Künstliche Intelligenz die Gesellschaft
Chancen für Wirtschaft, Forschung und Medizin