Filmgespräch am See 2026
Zwischen Kunst, Markt und Politik
Kunst ist ein fragiler Prozess, dessen Umstände ständig variieren. Doch wie navigiert man ein solches Spannungsfeld? Darüber haben die Regisseurin Margarethe von Trotta, die Filmproduzentin Bettina Brokemper und Florian Weghorn, Chief of Staff der Berlinale, beim 13. Filmgespräch am See im Rahmen des Fünf Seen Filmfestivals 2026 in der Akademie für Politische Bildung diskutiert. Moderiert wurde die Runde von Kathleen Hildebrand von der Süddeutschen Zeitung.
Tutzing / Kultur / Online seit: 22.09.2026
Von: Nina Lütgen / Foto: Nina Lütgen
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"Ich hoffe, dass die, die nach mir kommen, noch weiter Filme machen können." Mit diesem Wunsch blickt die Regisseurin Margarethe von Trotta am Ende des Filmgesprächs in die Zukunft. Doch in diesen wenigen Worten steckt weit mehr als nur eine persönliche Hoffnung: Sie verweisen auf die Erkenntnis, dass die Möglichkeit, Filme zu machen, keineswegs selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu erkämpft werden muss. Zugleich bündeln sie die zentralen Themen des Gesprächs: die Fragilität künstlerischer Arbeit, ihre Abhängigkeit von politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die Verantwortung, Freiräume für kommende Generationen zu erhalten. Von Trottas Wunsch beim 13. Filmgespräch am See bezieht sich damit nicht allein auf die Zukunft des Films, sondern vor allem auf die Bedingungen, die es zukünftigen Filmschaffenden ermöglichen sollen, ihre Geschichten zu erzählen.
Frauen in der Filmbranche
Wie stark strukturelle Rahmenbedingungen kreative Arbeit beeinflussen können, zeigt sich unter anderem an der weiterhin geringen Präsenz von Frauen in den Wettbewerbsprogrammen von Filmfestivals. Die daraus resultierende verminderte Sichtbarkeit ihrer Werke erschwere es ihnen, das gleiche Level von Anerkennung und berufliches Renommee wie ihre männlichen Kollegen zu erhalten. Zwar habe es zeitweise nach einer positiven Entwicklung ausgesehen, erklärt die Produzentin Bettina Brokemper, doch angesichts knapper werdender finanzieller Ressourcen und zunehmend eingeschränkter Handlungsspielräume hätten sich die Bedingungen für Frauen erneut verschärft. Insbesondere bei kostenintensiven Formaten wie dem Actionfilm erschweren begrenzte Produktionsbudgets sowie geschlechtsspezifische Zuschreibungen von Themen und Genres den Zugang für Frauen, so Brokemper. Umso bedeutsamer sei es daher, Genres von traditionellen Geschlechtervorstellungen zu lösen und ihre Bewertung unabhängig vom Geschlecht der Filmschaffenden vorzunehmen, betont die Filmproduzentin. Florian Weghorn, Chief of Staff der Berlinale, ergänzt, "dass denjenigen, die Filme für Festivals und Programme auswählen, in der Regel keine bewusste Benachteiligung von Frauen unterstellt werden kann. Dennoch ist es wichtig, Auswahlprozesse immer wieder daraufhin zu überprüfen, welchen Beitrag sie zur Vielfalt des Kinos leisten." Er merkt an, dass die Berlinale über die Jahre den Anteil von Regisseurinnen in ihren Wettbewerbsprogrammen von nahezu null auf rund 40 Prozent steigern konnte.
Was macht ein Filmfestival mit einem Film?
Doch nicht nur die Repräsentation von Frauen auf Filmfestivals war Thema des 13. Filmgesprächs am See - es ging auch um die Auswirkungen, die Festivals auf die Wahrnehmung eines Films haben können. Festivalauszeichnungen können laut den Podiumsgästen eine prägende Wirkung auf die Sichtbarkeit eines Werks haben. So berichtet Margarethe von Trotta, dass der Gewinn des Goldenen Löwen für ihren Film Die bleierne Zeit 1981 bei den Filmfestspielen in Venedig maßgeblich zu dessen Erfolg beigetragen habe und ihm internationale Aufmerksamkeit verschaffte. Auch Weghorn kennt diesen Mechanismus – so auch bei Rose, der durch seine Präsentation auf der Berlinale 2026 größere Aufmerksamkeit erfuhr.
Gleichzeitig weist der Chief of Staff der Berlinale, der eng mit Tricia Tuttle und dem Managementteam an der strategischen Entwicklung des Festivals arbeitet, darauf hin, dass Filmfestivals nicht nur die Bekanntheit eines Films beim Publikum steigern, sondern auch dessen weiteren Festivalweg entscheidend prägen können. Die Aufmerksamkeit, die ein Film auf einem renommierten Festival erhält, führe häufig zu weiteren Einladungen und erhöhe seine Sichtbarkeit innerhalb der internationalen Festivallandschaft. Die Erfolge und Misserfolge wirkten dabei oft über den einzelnen Film hinaus und beeinflussten die Erwartungen an zukünftige Projekte, erklärt Weghorn. Die Resonanz ende also nicht mit der Premiere: Wenn die letzte Produktion weniger gut ankam, wirke sich das laut Brokemper häufig auch auf die nächste aus. Schließlich gelte: "Der Zuspruch des Publikums ist essenziell, denn der Film ist ja für dieses gemacht. Die Magie eines Films besteht darin, Emotionen beim Publikum zu wecken." Von Trotta fügt hinzu, dass Filmemachen stets eine Gratwanderung zwischen Publikumserwartung und persönlichem Ausdruck sei. Denn schließlich entstehe jeder Film zunächst aus einem eigenen künstlerischen Antrieb. Doch sobald ein Film fertiggestellt ist, rücke eine andere Frage in den Fokus: Wie findet er sein Publikum? Ob ein Film unmittelbar nach seiner Festivalpremiere in die Kinos kommen sollte, lasse sich dabei nicht pauschal beantworten, erklärt Produzentin Brokemper - Die optimale Strategie hänge meist vom jeweiligen Film und dessen Marketingbudget ab: "Wenn dieses etwas kleiner ist, lohnt es sich den Film erst auf andere Festivals zu schicken, um den Bekanntheitsgrad so schrittweise zu steigern."
Politik und Film
Doch Filmfestivals sind weit mehr als reine Plattformen für Sichtbarkeit und Vermarktung. Sie bieten auch Raum für gesellschaftliche Debatten und politische Perspektiven. Dass Film und Politik eng miteinander verbunden sind, ist längst keine Neuigkeit mehr. Gleichzeitig scheint die politische Dimension von Filmfestivals zunehmend an Bedeutung zu gewinnen, wie Moderatorin Kathleen Hildebrand von der Süddeutschen Zeitung feststellt. Auf ihre Frage, wie die Podiumsgäste diese Entwicklung bewerten, verwies Weghorn auf eine zentrale Stärke von Filmfestivals: "Sie schaffen Räume, in denen gesellschaftliche und politische Themen diskutiert werden können." Problematisch werde es für ihn erst dann, wenn der Diskurs "zu laut" wird und die Beteiligten einander nicht mehr zuhören. Entscheidend sei nicht die politische Äußerung an sich, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Positionen miteinander in einen Dialog zu bringen. In diesem Punkt herrschte auf dem Podium weitgehend Einigkeit. So betonte Bettina Brokemper: "Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, alles zu sagen, was rechtlich gesagt werden darf." Und von Trotta richtet den Blick über das Werk selbst hinaus. Denn für sie sind "die gesellschaftlichen und politischen Diskussionen, die ein Film auslöst, ebenso bedeutsam wie der Film selbst."

