Menu

Die Philosophie der arabischen und islamischen Welt

Ein blinder Fleck im europäischen Kanon?

Wie lässt sich eine philosophische Tradition, die im europäischen Kanon lange als Randerscheinung behandelt wurde, auf neue Weise zugänglich machen? Lange marginalisiert gerät die Philosophie der arabischen und islamischen Welt auch hierzulande zunehmend in den Blick der Forschung. Bei der Tagung "Philosophie in der arabischen und islamischen Welt" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt stand die Frage im Mittelpunkt, wie diese Tradition zu verstehen und zu vermitteln ist.

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 17.07.2026

Von: Lukas Dobmeier / Foto: Lukas Dobmeier

Programm: Philosophie in der arabischen und islamischen Welt

Philosophie in der arabischen und islamischen Welt

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

"Kann es wirklich sein, dass niemand in diesen Ländern über tausend Jahre Philosophie gemacht hat?" Mit dieser rhetorischen Frage verweist Peter Adamson, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, darauf, dass die Philosophie der arabischen und islamischen Welt als eine der zentralen Traditionen der globalen Ideengeschichte im (europäischen) philosophischen Kanon bis heute kaum präsent sei. Bei der Tagung "Philosophie in der arabischen und islamischen Welt" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt diskutierten Expertinnen und Experten, wie diese Tradition neu zu erschließen und breiter bekannt zu machen ist.

Was heißt hier eigentlich "Philosophie in der arabischen und islamischen Welt"?

Doch wie soll diese Traditionslinie überhaupt bezeichnet werden? Diese auf den ersten Blick vielleicht trivial wirkende Frage verweise laut Adamson auf einen jahrelangen Streit zwischen denen, die von "arabischer Philosophie" sprechen und denen, die "islamische Philosophie" bevorzugen. Eine heute weitgehend konsensfähige Formel laute "Philosophie in der islamischen Welt", sofern darin ein kultureller und geographischer Raum in den Blick genommen werde.

Die Tradition dieser Philosophie stehe dabei, so betont Adamson, zunächst in weitgehender Kontinuität zur Philosophie der Spätantike. Im Gegensatz zur lateinischen Tradition sei sie nicht durch einen Einschnitt wie den Untergang des Weströmischen Reiches unterbrochen worden. In der traditionellen europäischen Philosophiegeschichtsschreibung beschränke sich die Wahrnehmung der Philosophie der arabisch-islamischen Welt allerdings lange Zeit auf die sogenannte "klassische Periode" vom 9. bis zum 12. Jahrhundert.

Adamson bezeichnet dies als Produkt einer "optischen Illusion", die daraus entstehe, dass die bedeutendsten Werke dieser Epoche im Zuge der arabisch-lateinischen Übersetzungsbewegung des 12. Jahrhunderts nach Europa gelangten. Dadurch würden gerade jene übersetzten Denker, etwa al-Fārābī, Ibn Sīnā, al-Ghazālī und Ibn Rushd, in der europäischen Tradition als die zentralen Vertreter dieses philosophischen Erbes gelten. Sie hätten vor allem als Vermittler der wichtigsten Texte und Ideen der griechischen Antike erneut Eingang in den lateinischen Diskurs gefunden. In der Folge hätten sich die philosophischen Traditionen der islamischen und lateinischen Welt jedoch wieder weitgehend unabhängig voneinander entwickelt. So nehme laut Adamson in der philosophischen Tradition der arabischen und islamischen Welt Ibn Sīnā eine ähnlich einflussreiche Position ein wie Kant in der europäischen Tradition.

Neben der Philosophie im engeren Sinne, dem sogenannten falsafa, das sich bewusst auf die griechische Tradition berufe, plädiert Adamson dafür, auch den Kalām, die islamische Theologie, als Teil der philosophischen Geschichte ernst zu nehmen. Der Kalām versuche, religiöse Wahrheiten durch rationale Argumentation zu begründen, und sei darin so dezidiert rationalistisch, dass seine Vertreter laut Adamson mitunter "weiter in Richtung Rationalismus gehen als irgendjemand in der lateinischen Tradition."

Darüber hinaus regen Dr. Sarah Al-Taher, vom Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt und Laura Martena von der Akademie für Politische Bildung an, auch literarische Werke, wie den als "Inselroman" bezeichneten Text "Hayy ibn Yaqzan" des Denkers Ibn Tufail, auf philosophische Weise zu lesen. Der Roman behandle die Frage, ob der Mensch allein durch den Gebrauch seiner Vernunft zur Wahrheit über Gott, die Welt und sich selbst gelangen kann - eine zentrale Frage der Philosophie der arabischen und islamischen Welt.

Gottesbeweis, Naturkausalität und Geschichtstheorie

Welche Themen waren in dieser Tradition zentral? Ulrich Rudolph, Professor an der Universität Zürich, wandte sich vier systematischen Fragekomplexen zu, mit denen sich die Philosophietradition der arabischen und islamischen Welt der Vormoderne dezidiert beschäftigt habe. Dabei ginge es um die Ursprünge der Philosophie, die Existenz Gottes, das Problem natürlicher Kausalität und die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte.

Schon die Frage, wie die Philosophen der islamischen Welt ihren eigenen Ursprung verstanden, offenbare eine bemerkenswerte Vielfalt, so Rudolph. Dabei seien Positionen vertreten worden, die von Aristoteles als Begründer aller Wissenschaft, der Weisheit der Propheten als eigentliche Quelle, Indien als geographischen Ausgangspunkt, oder sogar Adam als erstem rationalem Wesen und damit als erstem Philosophen reichten. Bei den Gottesbeweisen, der Naturkausalität und der Geschichtstheorie zeige sich laut Rudolph, wie produktiv und eigenständig das Denken in der islamischen Welt sei. Ibn Sīnās Beweis Gottes als "notwendig Seiendem" sei in der arabischen und islamischen Welt für so überzeugend gehalten worden, dass er zum gebräuchlichsten philosophischen Gottesnamen der islamischen Welt wurde.

Einen weiteren Schwerpunkt nähmen die Debatten um die natürliche Kausalität ein. Islamische Theologen hätten, so berichtet Rudolph, die These vertreten, dass natürliche Gegenstände keine eigenen Kausalfähigkeiten besäßen. Nicht das Feuer verbrenne die Baumwolle, sondern Gott tue es, jedes Mal aufs Neue. Was wir für Naturgesetze halten, seien Gottes gleichbleibende Handlungen, seine "Gewohnheit", die er jedoch jederzeit durchbrechen könne. Das erkläre, warum die Welt verlässlich und berechenbar wirke, ohne dass den Dingen selbst eine kausale Kraft zugesprochen werden müsse.

Die Philosophie der Gegenwart: vielfältig, politisch, präsent

Doch wie verhält es sich mit der arabischen und islamischen Traditionslinie in der heutigen Zeit? "Philosophie im arabischen Sprachraum unterscheidet sich in ihrer Praxis nicht von der Philosophie, wie sie in Europa gelebt und praktiziert wird.", so Kata Moser, Professorin an der Georg-August-Universität Göttingen. So finde sich hier ein lebendiger akademischer Betrieb mit einer Vielzahl von aktiven Philosophinnen und Philosophen und eine starke Präsenz in der Öffentlichkeit, die im Vergleich zu Philosophinnen in Europa eher ungewöhnlich sei. Philosophinnen und Philosophen seien, so Moser, in der arabischen und islamische Welt "sehr gern gesehene und häufige Gäste in Talkshows und werden zu Interviews eingeladen."

Als Ausgangspunkt der Moderne setzt Moser dabei die Mitte des 19. Jahrhunderts an, als Reformen im Osmanischen Reich, aufkommende Nationalbewegungen und eine tiefgreifende Kulturerneuerung, die Nahḍa, mitunter als "Erwachen" übersetzt, das Philosophieren in einen völlig neuen Rahmen gestellt hätten. Der europäische Kolonialismus habe dabei nicht nur Politik und Wirtschaft durchdrungen, sondern auch die Bildungssysteme grundlegend verändert. Die traditionellen Lehreinrichtungen, die sogenannten Madrasas, seien nach und nach in moderne Universitäten nach europäischem Vorbild überführt worden. Damit habe sich auch der Rahmen, in dem Philosophie betrieben und gelehrt wurde, verändert. Entlang dreier Themenkomplexe führte Moser durch aktuelle philosophische Debatten:

  • Im Bereich Wissenschaft und Erkenntnistheorie wirke die sogenannte Darwin-Kontroverse von 1882 bis heute nach. Dabei gehe es vor allem um die Frage, wie religiöses Wissen und Naturwissenschaft zueinander stehen.
  • Im Bereich politischer Philosophie skizziert sie Debatten über das Kalifat, den Säkularismus und den Widerstand gegen Autoritarismus. Als Beispiel führt sie den tunesischen Philosophen Fathī al-Meskīnī an, der mit Nietzsche argumentierte, dass die Vorstellung, Religion müsse das politische Leben bestimmen, "gestorben" sei. Übrig bleibe eine "freie Frömmigkeit", die den Glauben von politischem Machtanspruch trenne.
  • Zur Religionsphilosophie stellt Moser die Arbeit von Naẓīra Zaynuddīn vor, einer Denkerin aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie habe auf der Grundlage von Vernunft und Koranexegese gegen eine Verschärfung der Verschleierungsvorschriften argumentiert und damit begründet, was heute als "islamischer Feminismus" bezeichnet wird. Eine Bewegung, die somit eigenständig aus dem Islam hervorgegangen sei, ohne von außen aufgezwungen zu werden. Moser macht allerdings deutlich, dass solche Stimmen häufig unsichtbar blieben, weil die "Leuchttürme" nach wie vor männlich besetzt seien.

Auch mahnt Moser zu Bescheidenheit gegenüber dem eigenen Blickwinkel: "Unsere Perspektive macht immer bestimmte Philosophinnen und Philosophen sichtbar und andere nicht." Wer die Philosophie der arabischen und islamischen Welt aus europäischer Perspektive betrachte, bringe unweigerlich eigene Erwartungen mit. Dadurch werde automatisch manches in den Fokus gerückt, während anderes im Schatten bleibe. Das Bild, das entstehe, sei immer ein selektives. Und gerade deshalb lohne es sich, immer wieder neu hinzuschauen.

Kontakt
Weitere News

Vorurteile
Herausforderungen für die Politische Ethik


Welches Denken prägt Russland unter Putin?
Grundlagen, Zeitgeist und der Blick von außen


Helden neu denken
Zwischen Demokratie, Moral und Vorbildfunktion


Debatten im Schnelldurchlauf
Warum die politische Kultur an Tiefgang verliert


Hass überall?
Wie Hate Speech den demokratischen Diskurs vergiftet


Seelische Selbstvergiftung
Das Ressentiment und seine Entmachtung


Barbara Bleisch und die "Mitte des Lebens"
Philosophin lädt zum Nachdenken über die vielleicht besten Jahre ein


Erkundungen der Utopie
Thomas Schölderle veröffentlicht zwei neue Bücher


Austausch mit Ludwig Spaenle
Antisemitismusbeauftragter spricht mit Lehrkräften