Welches Denken prägt Russland unter Putin?
Grundlagen, Zeitgeist und der Blick von außen
Über die Ideologie, die das gegenwärtige Russland prägt, ist hierzulande wenig bekannt. Die Tagung "Putins Umbau Russlands: Welches Denken prägt das Land?" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit der Universität Rostock befasste sich mit den Voraussetzungen und Auswirkungen, die Putins Denken auf das Land hat, der politischen Realität der Umgestaltung Russlands und dem Selbst- und Europabild sowie dem Blick des Westens auf das Land.
Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 09.07.2026
Von: Kiara Mönius / Foto: Kiara Mönius
Programm: Putins Umbau Russlands: Welches Denken prägt das Land?
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Der gegenwärtige politische Umbau Russlands ist ein autoritär angelegtes Herrschaftsprojekt, das sich ideologisch legitimiert und historisch auflädt. Über die ideologischen und ideengeschichtlichen Voraussetzungen von Putins Denken sowie ihre politischen Implikationen und den Blick von außen diskutierten Expertinnen und Experten aus Philosophie, Wissenschaft, Medien und Militär auf der Tagung "Putins Umbau Russlands: Welches Denken prägt das Land?" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit der Universität Rostock.
Grundlagen des Denkens Putins
Um den gegenwärtigen Umbau Russlands zu verstehen, muss zunächst der Blick auf die geistigen Grundlagen geworfen werden. Denn mit einer Unkenntnis des russischen Denkens seien Risiken verbunden, erklären Viktoria Bachmann und Raul Heimann von der Universität Rostock. In der Politik würde solch eine Unkenntnis zu falschen Prognosen führen, die teils folgenschwere Fehlentscheidungen nach sich ziehen könnten - und das, während in der Gesellschaft Unsicherheit und Instabilität herrschen.
Um das Denken Putins genauer zu verstehen, haben Bachmann und Heimann Reden Putins und seiner Anhänger analysiert. So sprach der russische Präsident 2022 auf der Waldai-Konferenz etwa über seine Vorstellung einer "posthegemonialen Welt" und übte scharfe Kritik am Westen. Eine Lösung für die sich verändernden Machtverhältnisse sah er in einer multipolaren Weltordnung.
Ähnliche Kritik äußerte Kyrill I., Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, beim Weltkonzil des russischen Volkes 2023. Kerngedanken seiner Rede waren außerdem die Liebe zum Vaterland sowie der Erhalt der traditionellen Familie und der restriktive und kontrollierte Umgang mit Migration.
Beide Reden verbindet, so Bachmann und Heimann, die Ablehnung von westlicher Kultur und Politik, während sie für Russland und sogar für die ganze Welt eine Alternative zum Weltbild und Politik des Westens anbieten - ob mit einer multipolaren Weltordnung, einem traditionellen Familienbild oder nicht-universellen, kulturrelativen Werten.
Besinnung auf philosophische Quellen
Diese Denkmuster Putins und seiner Anhänger seien nicht neu, betonen Bachmann und Heimann. Bereits bei Danilewskij und Iljin, zwei für die aktuelle Politik einflussreiche russische Schriftstellern und Philosophen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, ließen sich solche Narrative finden.
Bei Danilewskij wird die Europakritik deutlich: Europa würde Russland als fremd und feindlich betrachten und als grundverschieden hinsichtlich ihrer Kultur. Seiner Ansicht nach habe es in der Menschheitsgeschichte verschiedene kulturhistorische Typen gegeben, und die Aufgabe der Menschheit liege in der Entfaltung der Potentiale ebenjener. Diese Beschreibung nutzt Danilewskij, um zwischen einem "romanisch-germanischen" und "slawisch-russischen Typ" zu unterscheiden. Dem germanischen Typus schreibt er unter anderem Gewaltsamkeit zu. Dieser sei aber schon in einer Verfallsphase begriffen. Dagegen sei der slawische Typus duldsam. In dem Slawischen liege auch die Zukunft. Dieses politische Selbstbild von Russland als eigenständige Staatszivilisation, die ihr Potential noch entfalten muss, wird heute in Putins Dekreten deutlich.
Iljins Werk beschreibt Heimann als "Lieblingslektüre von Putin". Auch hier werde Europa kritisch analysiert. Hass, Ignoranz und Furcht gegenüber Russland würden laut Iljin in Europa herrschen. Im Gegensatz dazu beschreibt der Philosoph den russischen Staat als Organismus, in dem das Herz herrscht. Er entwirft ein politisches Programm, das die Erziehung zur Sachlichkeit, eine demokratische Diktatur sowie russischen Nationalismus thematisiert.
Während Iljin sich also mehr mit dem Inneren Russlands beschäftigt, befasst Danilewskji sich mit Außenpolitik und -wirkung. Bis heute nutze Putin diese Ideen und Grundlagen für sein eigenes politisches Handeln, beispielsweise in seinen Reden und Begründungen für den Krieg in der Ukraine, erklären Bachmann und Heimann.
Zwischen Inszenierung und Obsession
Im Lauf der Jahre habe Putin einen Imagewechsel durchlaufen, erklärt der Historiker Martin Schulze Wessel. Inszenierte sich der russische Präsident einst als Garant für wirtschaftliche Stabilität und Kämpfer gegen die Oligarchie, würde er nun als "Sammler der russischen Erde" und Verteidiger der eigenen, russischen Werte gegenüber dem Westen auftreten. Damit bringe Putin eine historische Dimension in diese bewusste und gezielte Inszenierung, macht Schulze Wessel deutlich. An einigen Stellen würde es gar an eine regelrechte Obsession mit der Geschichte erinnern. Denn das Narrativ, andere Länder seien "Werkzeuge des Westens", keine würdigen Gegner und sollten "zurück zu Russland" kommen, lasse sich ebenfalls schon im 19. Jahrhundert finden. Damals war es vor allem in Bezug auf Polen aufgrund der dortigen Nationalbewegung präsent. Ab den 1860ern wurde dieses Narrativ auch in Bezug auf die Ukraine und deren sich entwickelnde Nationalbewegung für eigene Zwecke genutzt. Zentral war dabei die Erzählung, Russland würde zerfallen, sollte die Ukraine sich abwenden. Obwohl sich dieser Mythos über die Zeit immer wieder verändert hätte, würden sich ähnliche Diskurse noch heute bei Putin erkennen lassen. Er selbst schrieb 2021 ein Essay über ausländische Intrigen und eine antirussische Verschwörung. Darin betont Putin, dass eine "wahre Souveränität" der Ukraine nur in Partnerschaft mit Russland möglich und die aktuelle Führung des Landes faschistisch sei.
Der Blick des Westens auf Russland
Den Blick von außen auf Russland formen vor allem die Medien, erklärt Andrey Gurkov. Der Journalist attestiert der deutschen Medienlandschaft, dass sie mittlerweile "sehr facettenreich und genau" über Russland berichten würde. Lange hätte es jedoch ein Problem mit der Berichterstattung gegeben: Er beschreibt das Phänomen als "Moskau-zentrierten Blick", der auch in der Ostpolitik spürbar gewesen sei. Informationen und Nachrichten seien dabei vornehmlich aus Moskau und dortigen Quellen gekommen. So wären Berichte über die Ukraine vor dem Krieg vornehmlich direkt aus Russland gekommen und hätten das Bild verzerrt. Heute habe sich das gewandelt und Nachrichten würden direkt aus Kiew kommen. Gurkov sieht "einen Kampf um die Deutung der russischen Thematik" und plädiert daher für ein ausgewogenes Bild.

