Kann Wissenschaft Diplomatie?
Krisen, Konkurrenz und Kooperation
"Wissenschaft ist ein zutiefst liberales Projekt. Daher ist sie auch für die Demokratieförderung unerlässlich", betont betont Jessica Gienow-Hecht vom John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien. Über die Herausforderung und Chancen der Wissenschaftsdiplomatie diskutierten Fachleute aus der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auf der Tagung "Kann Wissenschaft Diplomatie? Perspektiven auf Science Diplomacy in Zeiten der Disruption" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit dem Wissenschaftsrat.
Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 30.06.2026
Von: Kiara Mönius / Foto: Kiara Mönius
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In einer Zeit zunehmender globaler Krisen gewinnt die Wissenschaftsdiplomatie als Brücke zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Die Tutzinger Wissenschaftsgespräche unter dem Titel "Kann Wissenschaft Diplomatie? Perspektiven auf Science Diplomacy in Zeiten der Disruption" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit dem Wissenschaftsrat boten daher ein Forum, um sich über die Herausforderungen im Feld der Wissenschaftsdiplomatie auszutauschen. Außerdem ging es um die Frage, ob man ein neues Verständnis, veränderte Strategien und gegebenenfalls neue Kompetenzen im Wissenschaftssystem entwickeln muss.
Die Verbindung von Wissenschaft und Diplomatie
"Wissenschaftsdiplomatie gibt es schon sehr lange und viele Probleme, wie eine konkrete Ausgestaltung der Inhalte oder auch der Zielsetzungen, sind nicht neu", erklärt Gienow-Hecht. Außerdem habe es immer wieder leichte Variationen des Begriffs- des Definitionsverständnisses gegeben, erklärt Jan Marco Müller von der Europäischen Kommission. In einer kürzliche erschienen EU-Ratsempfehlung wird Wissenschaftsdiplomatie nun als direkte und indirekte Nutzung von Wissenschaft, deren Erkenntnissen und Kooperation um Außenpolitik sowie Diplomatie zu informieren oder zu unterstützen definiert. Ein Ziel ist außerdem die Förderung von internationaler Zusammenarbeit und wissenschaftlichem Fortschritt. Die EU antworte damit auf aktuelle politische Entwicklungen, um Wissenschaftsdiplomatie im globalen Dialog zu halten, so Müller.
Die drei "Stürme" der Wissenschaftsdiplomatie
Damit dieser Vorsatz gelingt, müsse die Wissenschaftsdiplomatie "drei perfekten Stürmen" standhalten, die die gegenwärtigen und tiefgreifenden Herausforderungen beschreiben, führt Müller aus. Diese würden das internationale Umfeld von Wissenschaft und Forschung sowie die Diplomatie und deren politische Auswirkungen maßgeblich prägen:
- Der erste Sturm betreffe die Geopolitik. Globale Machtverschiebungen würden die internationale Ordnung beeinflussen und bisherige Einflusszentren an Macht verlieren. Des Weiteren träten Staaten des globalen Südens selbstbewusster auf und würden stärkerer Mitsprache – beispielsweise in internationalen Institutionen – einfordern.
- Den Bereich der Forschung und Innovation würde hingegen der zweite Sturm betreffen, erklärt der Leiter eines Teams für multilateralen Dialog und Wissenschaftsdiplomatie der Europäischen Kommission. Die technologischen Fortschritte, insbesondere die rasante Weiterentwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz, würden das wissenschaftliche und technologische Feld grundlegend verändern.
- Der dritte Sturm beschäftige sich mit der zunehmenden Belastung unserer Lebensgrundlage. Der Klimawandel, Dürren, Hochwasserereignisse und andere ökologische Krisen würden großen Einfluss auf Politikfelder und die politische Relevanz von Themen haben, erklärt Müller.
Der europäische Rahmenplan
Um ebendiesen Herausforderungen gerecht zu werden und adäquate Antworten auf die aktuellen Probleme zu finden, hat der Europäische Rat Ende Mai auf Empfehlung der Kommission einen neuen Rahmen für Wissenschaftsdiplomatie definiert. Wenngleich in diesem ausschließlich Empfehlungen niedergeschrieben sind, "so ist es doch ein unmissverständliches Bekenntnis zur Wissenschaft", betont Müller. Zu den festgeschriebenen Zielen gehört unter anderem die Stärkung von wissenschaftlichen und technologischen Kompetenzen, die Stärkung von Wissenschaft als diplomatisches Instrument und die Unterstützung der europäischen Werte wie Freiheit und Demokratie. Außerdem solle damit Europas Position als globaler Spieler in Wissenschaft und Technologie sowie der internationalen Kooperation gestärkt werden. Müller spricht in Bezug auf das Papier auch von einer "Botschaft an Donald Trump und alle anderen, die weltweit Einfluss auf Wissenschaft und Diplomatie nehmen wollen". Die Empfehlungen der EU sollen den Mitgliedsstaaten auch strategische und operative Maßnahmen an die Hand geben, um mit eben solchen Akteuren umgehen zu können. Er betont, dass dieses Papier" einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsdiplomatie" bedeuten würde. Gleichzeitig verwies er darauf, dass die 27 Mitgliedsstaaten schon jetzt etwa 500 Wissenschaftsattachés in der Welt stellen würden, die international an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik arbeiten, um das Heimatland in wissenschaftlichen und technologischen Fragen im Ausland zu repräsentieren, zu beraten oder Beziehungen aufzubauen und zu fördern. Die EU stelle damit mehr als China und die USA.
Neuorientierung und Selbstdarstellung
Dass sich die Wissenschaftsdiplomatie neu orientieren müsse, liegt für Gienow-Hecht unter anderem auch mit neuen Forschungsprojekten und Reisekalendern. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler würden mittlerweile für Konferenzen nach China reisen und weniger in die USA. Sie betont: "China ist ein perfektes Beispiel, wie illiberale Staaten es probieren und auch schaffen, liberale Staaten mit Wissenschaftsdiplomatie zu schlagen. Und diesen illiberalen Staaten gelingt es sehr gut, sich mit Kultur und Wissenschaft positiv in der Weltarena zu präsentieren". Gleichzeitig bemängelt sie, dass westliche Staaten "keine Wissenschaftsstrategie" hätten. Demokratische Staaten würden aufgrund einer fehlenden Strategie, mangelnder Ressourcen, und der langwierigen bürokratischen Prozesse, bedingt durch, demokratische Voraussetzungen und vielfältige Akteure, "bei der Selbstdarstellung den Kürzeren ziehen".
Einen unerlässlichen Aspekt, um mithalten zu können, sei daher die "Marke Wissenschaft", führt Gienow-Hecht aus. Bei der Markenbildung kämen zwei zentrale Aspekte zusammen: Einerseits müsse diese positive und wertschätzende Einstellung zu Wissenschaft als auch zur Lehre und zur Forschung nach innen gelebt und anschließend nach außen projiziert werden. Das vermisse sie in Deutschland bisher noch. Zwar hätte es mit "Research made in germany" einen Vorstoß gegeben, wirklich verändert habe sich in der Gesamtschau wie mit Wissenschaft umgegangen werden würde allerdings bisher nicht viel. Auch die Verknüpfung von Lokalität und Globalität müsse daher neu gedacht werden, um Verbindungen in der Wissenschaft zu erschaffen und voranzutreiben. Außerdem würden die Partner in Form von unterschiedlichen Ländern, Universitäten oder auch anderen wissenschaftlichen Einrichtungen eine entscheidende Rolle spielen. Des Weiteren müsse man das Land als Wissenschaftsstandort fördern, Gespräche mit möglichen Unterstützern und Partnern suchen und ins Handeln kommen, erklärt sie. Denn auch in der Markenbildung seien totalitäre Staaten besser als Demokratien.
Gleichzeitig macht sie anhand der USA deutlich, welche Auswirkungen eine ideologisch gefärbte Finanzierung der Wissenschaft haben kann. Die Kürzungen und Streichungen von Geldern würden die amerikanischen Universitäten massiv unter Druck setzen. Kolleginnen und Kollegen in den Gender Studies wären von Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern gebeten worden ihre wissenschaftlichen Positionen an die Meinungen der Regierung anzupassen, in der Hoffnung weiterhin Fördergelder und andere staatliche Zuwendungen zu erhalten und nicht sanktioniert zu werden. Vor diesen repressiven Einschränkungen warnt Gienow-Hecht eindrücklich. Und appelliert: "Wissenschaft ist ein zutiefst liberales Projekt. Daher ist sie auch für die Demokratieförderung unerlässlich".

