Digitale Transformation
Schicksal oder Gestaltungsaufgabe?
Die digitale Transformation verändert Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in einem Tempo und Ausmaß, das zu einer fundamentalen Reorganisation der Gesellschaft führen könnte. Gleichzeitig verschärfen geopolitische Verwerfungen die Frage nach digitaler Souveränität und demokratischer Gestaltungsfähigkeit. Welche Strategien und Handlungsspielräume angesichts dieser geopolitischen und technologischen Zäsuren gefragt sind, diskutierten Fachleute auf der Tagung "Homo digitalis: Mensch und Gesellschaft in der digitalen Transformation" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.
Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 12.06.2026
Von: Paula Frieß / Foto: Paula Frieß
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"Wir befinden uns in einer doppelten Zeitenwende", sagt Fabian Mehring, Bayerischer Staatsminister für Digitales. Es gebe einen geopolitischen Umbruch, in dem verlässliche Partnerschaften brüchig werden würden, und eine technologischen, in dem KI das Arbeiten, Lernen und gesellschaftliche Zusammenleben fundamental verändere. Wie lässt sich also der digitale Wandel so gestalten, dass er dem Gemeinwohl dient, demokratische Kontrolle gewährleistet und gesellschaftliche Teilhabe sichert? Über diese und weitere Fragen diskutierten Fachleute auf der Tagung "Homo digitalis: Mensch und Gesellschaft in der digitalen Transformation" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.
Gestaltungsoffenheit statt technischen Determinismus
Jeanette Hofmann, Leiterin der Forschungsgruppe Politik der Digitalisierung beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), stellt eine verbreitete Annahme in Frage: dass digitale Transformation einer eigengesetzlichen Logik folge, der man sich allenfalls anpassen könne. Hofmann hält dagegen: Die (digitale) Entwicklung der letzten Jahrzehnte sei weder geplant noch gesteuert gewesen. Aus dieser Offenheit leitet die Forscherin jedoch keine Ohnmacht ab, sondern einen Gestaltungsanspruch. Digitale Technologien seien formbar und gesellschaftliche Kontexte prägten ihre Entwicklung mit. Das Verhalten der Nutzenden spiele dabei eine ebenso entscheidende Rolle wie politische Rahmenbedingungen.
Zugleich weist Hofmann auf strukturelle Machtasymmetrien hin: Die Kontrolle über Daten und damit über KI-Entwicklung konzentriere sich weiterhin in wenigen, überwiegend US-amerikanischen Unternehmen. Für die begriffliche Einordnung unterscheidet die Professorin zwischen zwei Machtverständnissen: Zum einen Macht als Herrschaft über andere im Sinne Max Webers und zum anderen als kollektives Handlungsvermögen im Sinne Hannah Arendts. Im digitalen Kontext seien beide Dimensionen gleichzeitig wirksam. Einerseits erweitern Technologien laut Hofmann unsere Handlungsmöglichkeiten und erschließen Freiheitsräume. Andererseits erzeugten sie Abhängigkeiten, etwa durch die Vorstrukturierung von Handlungsoptionen. Ähnlich ambivalent sei der Begriff der Autonomie: Selbstbestimmung sei nie unbedingt, sondern stets auf institutionelle Rahmenbedingungen angewiesen. Für die Wissenschaft leitet Hofmann daraus eine Selbstverpflichtung ab. Das Denken in einfachen Kausalitäten reiche für die Analyse komplexer digitaler Entwicklungen nicht mehr aus, neue Methoden und Konzepte seien gefragt.
Die Gesellschaft in der Transformation
Wie erlebt die Bevölkerung nun diese Transformation? Silke Borgstedt, Geschäftsführerin von Sinus Markt- und Sozialforschung, erklärt, dass viele Menschen die Digitalisierung durch die Linse von Gewinn und Verlust betrachteten. Es zeige sich dabei eine wachsende "Optimismus-Lücke": Die meisten würden ihre persönliche Zukunft noch positiv bewerten, die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands aber zunehmend pessimistisch sehen. Anhand des Sinus-Milieumodells zeigt Borgstedt, wie unterschiedlich verschiedene gesellschaftliche Gruppen an die digitale Transformation herangehen: Von technikaffinen Milieus mit einer Machermentalität über postmaterielle Gruppen mit Fokus auf regulatorische Steuerung bis hin zur gesellschaftlichen Mitte, die Digitaliesierung primär mit Blick auf Alltagserleichterungen bewertet. Als Antwort auf die unterschiedlichen Milieus und deren Herangehensweisen plädiert Borgstedt für eine stärkere gesellschaftliche Einbettung technologischer Debatten statt rein technischen Diskussionen. Paul Nemitz, ehemaliger Hauptberater zur digitalen Transformation bei der Europäischen Kommission, mahnt, den gegenwärtigen Moment nicht als rein technologischen Wandel zu rahmen. Was gegenwärtig sichtbar werde, sei eine politisch motivierte Allianz zwischen einflussreichen Technologiekonzernen und autoritären Akteuren, die die Demokratie gezielt als Hindernis für ihre Interessen betrachteten. Daher müssten im Austausch mit der Gesellschaft insbesondere Machtfragen als solche kommuniziert und individuelle Autonomie gesichert werden, so Borgstedt.
Die strategische Frage digitaler Souveränität
Welche politischen Konsequenzen müssen also folgen? Der Bayerische Staatsminister für Digitales Fabian Mehring betont die strategischen Weichenstellungen für Europa. Die geopolitische Herausforderung und energiepolitische Abhängigkeit, wie sie zum Beispiel der russische Angriffskrieg auf die Ukraine gezeigt hat, müssen laut Mehring als Mahnung gelten, dieselben Fehler im Digitalbereich nicht zu wiederholen. Digitale Abhängigkeit von einzelnen außereuropäischen Anbietern sei strukturell vergleichbar mit der früheren Energieabhängigkeit. Der Staatsminister macht klar: Wer die Infrastruktur kontrolliert, halte letztlich auch den politischen Hebel in der Hand. Ein ausschlaggebender Punkt bei der Frage zur Souveränität sei außerdem, dass keine Abhängigkeit entstehen dürfe, aus der heraus ein Anbieter politischen Druck ausüben kann. Wahlfreiheit zwischen mehreren Anbietern, der Aufbau europäischer Champions und die gezielte Schaffung von Gegenabhängigkeiten seien deshalb nicht optional, sondern strategisch notwendig. Gemeistert werden könne dies nur gemeinsam als EU. Zusätzlich betont Mehring, dass die technologische Zeitenwende Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gleichermaßen berühre. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt werde es tiefgreifende Strukturveränderungen geben: Qualifikationsanforderungen würden sich verschieben, bestimmte Tätigkeiten entfallen und neue entstehen. Ein Teil der Souveränitätsstrategie müsse daher sein, niemanden zurückzulassen.
Was ist also die richtige Strategie für Europa? Wieland Holfelder, CTO bei Google in München, plädiert für einen pragmatischen Ansatz. Aufgrund dessen, dass Europa im Rennen um KI-Basismodelle, also um die großen, rechenintensiven Grundlagenmodelle wie GPT oder Gemini, strukturell im Rückstand sei, solle es seine Stärken, wie industrielle Expertise, Fachkompetenz und ein starkes regulatorisches Fundament, in der Anwendungsschicht ausspielen. Dort, im sogenannten "Smart Stack" - die intelligente Nutzung und Kombination bestehender KI-Werkzeuge in konkreten Anwendungskontexten - liege der überwiegende Teil der Wertschöpfung und zusätzlich könne Europa dort seine eigenen Werte einbringen. Andrea Martin, CTO bei Ökosystem & Verbände IBM DACH, fordert, dass digitale Souveränität differenziert zu verstehen sei: Datensouveränität, betriebliche Souveränität und technologische Unabhängigkeit seien unterschiedliche Dimensionen, die jeweils eigener Strategien bedürfen.
Deutlich wird, dass Digitalisierung kein Prozess ist, dem die Gesellschaft ausgeliefert ist, sondern eine Gestaltungsaufgabe - deren entscheidende Weichenstellung für das Verhältnis von Digitalisierung und Demokratie in der Gegenwart stattfindet. Dabei zeigen sich oft mehrere Konfliktlinien: zwischen dem Anspruch auf Gestaltung und den realen Machtasymmetrien, zwischen der Notwendigkeit europäischer Handlungsfähigkeit und einer fragmentierten Regulierungslandschaft, zwischen dem Tempo des technologischen Wandels und dem demokratischen Erfordernis, niemanden zurückzulassen.

