Barrierefreiheit in Deutschland
Zwischen Anspruch und Realität
"An dem Menschen sollte nicht gespart werden", erklärt Bundestagsabgeordnete Heike Heubach (SPD). Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Krisen sei es entscheidend, in soziale Sicherheit, Bildung und Teilhabe zu investieren. Um Teilhabe und Gerechtigkeit, insbesondere mit Blick auf die Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderung, ging es bei der Tagung "Barrieren abschaffen" der Akademie für Politische Bildung in Tutzing in Kooperation mit der Hochschule Landshut und dem Sozialverband VdK.
Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 23.04.2026
Von: Fatima Taflan / Foto: Fatima Taflan
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Inklusion, Chancengleichheit, Respekt in der Gesellschaft und gleichberechtigte Teilhabe sind Werte, die in der UN-Behindertenrechtskonvention festgelegt wurden. Am 3. Mai 2008 trat sie in Kraft - 60 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Mit ihr setzte sich die internationale Gemeinschaft das Ziel, die Rechte insbesondere von Menschen mit Behinderung zu schützen. Und hier gilt es noch sehr viel umzusetzen, allein in den Bereichen Teilhabe und Repräsentation dieser Gruppe, zu der etwa zehn Prozent der Bevölkerung zählen. Wie kann man Teilhabe insbesondere im Arbeitsmarkt fördern? Wie kann die Gesellschaft gerechter werden für Menschen mit Behinderungen? Wer profitiert von einer barrierefreien Gesellschaft? An welchen Ländern können wir uns orientieren, um selbst Barrieren abzuschaffen? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich Expertinnen und Experten auf der Tagung "Barrieren abschaffen" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit der Hochschule Landshut und dem Sozialverband VdK Deutschland.
Gesellschaftliche Teilhabe
"Es geht nicht nur um Menschen mit Behinderung. Es geht um alle", betont die SPD-Politikerin Heubach. Anhand ihres eigenen Werdegangs in den Bundestag verdeutlicht sie, wie wichtig echte Teilhabe ist. Unterstützung durch Gebärdendolmetscher habe ihr Arbeitsleben grundlegend verändert - selbst scheinbar kleine Dinge wie informelle Gespräche, der sogenannte "Flurfunk" wurden so erst für sie wirklich zugänglich. Der Weg dorthin war jedoch schwierig: In ihrem ersten Wahlkampf musste sie noch ohne Dolmetscher arbeiten. Erst durch großen öffentlichen Druck bekam sie die notwendige Hilfe. Heubach kritisierte in diesem Zusammenhang ein weit verbreitetes Denken: Der Fokus liege oft darauf, Menschen mit Behinderung "zu heilen", statt die Gesellschaft so zu gestalten, dass alle teilhaben können. "Es tut den Menschen nicht weh, Gebärdensprache zu lernen – mir tut es aber weh, ausgeschlossen zu sein." Teilhabe müsse in allen Lebensbereichen stattfinden: im Beruf, aber auch in Vereinen, im Sport oder im Alltag.
Barrieren im Gesetz
Doch nicht nur die Teilhabe an der Gesellschaft ist noch lange nicht zugänglich für alle. Auch im Gesetz gibt es immer noch Barrieren. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitiert Verena Bentele, Präsidentin des VdK und mehrfache Paralympics-Siegerin, das Grundgesetz. Inklusion müsse also unverzichtbar sein, auch durch das Grundgesetz. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Sowohl Heubach als auch Bentele kritisierten das Behindertengleichstellungsgesetz. Laut der Bundestagsabgeordneten hätten das Wirtschafts- und Verkehrsministerium sehr vieles blockiert - mit der Begründung, es könnten negative Folgen für die Wirtschaft entstehen. Heubach betont jedoch, dass am Menschen nicht gespart werden, dürfe: "Um teilhaben zu können (…) reicht keine Barrierearmheit, sondern es braucht Barrierefreiheit." Vor allem im Bereich Selbstbestimmung sei das Gesetz stark zu kritisieren. Als Beispiel erzählt Heubach von Problemen aus dem Alltag: Wenn zum Beispiel ein Rollstuhlfahrer in der aktuellen Lage einkaufen wolle, reiche es bei zu engen Türen, wenn der Verkäufer den Einkauf für die Person tätigt und vor der Tür übergibt. Das verdeutliche, dass echte Inklusion nicht durch pragmatische Ersatzlösungen erreicht wird, sondern nur durch konsequente Barrierefreiheit, die Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe im Alltag tatsächlich ermöglicht.
"Eine vielfältige Gesellschaft, in der an viele gedacht wird, wird oft als verlierend gesehen", sagt Anna Gmeiner vom Landesverband der Grünen Jugend Bayern. Dabei werde übersehen, dass echte Barrierefreiheit langfristig allen zugutekomme und gesellschaftliche Teilhabe insgesamt stärke. Zudem zeige sich, dass gesetzliche Regelungen allein nicht ausreichen, solange es an konsequenter Umsetzung und einem Umdenken in Politik und Gesellschaft fehlt. Sinnvoll sei es, kein Problem auf nur einer Ebene zu lösen, sondern, wie alle Probleme, diese gesamtgesellschaftlich anzugehen. Jeder einzelne sei für eine Besserung verantwortlich, vor allem aber diejenigen mit mehr Macht.
Barrieren im Denken
Neben rechtlichen Hürden spielen aber auch gesellschaftliche Einstellungen eine zentrale Rolle. Laut Dawei Ni bestehe insbesondere im Bereich Empathie noch erhebliches Verbesserungspotenzial. "Ein tauber Schmetterling kann auch fliegen", betonte der Dozent für Gebärdensprache an der Hochschule Landshut und nutzte damit ein bewusst gewähltes Bild, um Vielfalt und unterschiedliche Fähigkeiten verständlich zu machen, denn gerade solche Vergleiche können helfen, Barrieren im Denken abzubauen. Vielfalt sei kein Ausnahmezustand, sondern ein natürlicher Bestandteil - nicht nur in der menschlichen Gesellschaft, sondern auch in der Tierwelt. Diese Perspektive könne dazu beitragen, Inklusion greifbarer und nachvollziehbarer zu machen. Für Vermittlerinnen und Vermittler komme es daher darauf an, Brücken zwischen Betroffenen, Gesellschaft und Politik zu schlagen. Ein zentraler Ansatz sei es laut Ni, aktiv das Gespräch mit Politikerinnen und Politikern sowie Abgeordneten zu suchen, um Erfahrungen sichtbar zu machen und konkrete Veränderungen anzustoßen. Denn nachhaltiger Wandel entstehe nicht nur durch Gesetze, sondern auch durch Dialog, Verständnis und die Bereitschaft, unterschiedliche Lebensrealitäten anzuerkennen. Gleichzeitig ruft er dazu auf, mehr Mut zu zeigen und selbst Verantwortung zu übernehmen, auch in Form politischer oder gesellschaftlicher Ämter. Der Dozent für Gebärdensprache betont, dass es wichtig sei, dass mehr Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven in Entscheidungspositionen vertreten sind. Zugleich macht er deutlich, dass das Ausüben eines solchen Amtes ein hohes Maß an Resilienz erfordere, da es oft mit Widerständen, strukturellen Hürden und persönlichem Druck verbunden sei.
Ländervergleich - Wo funktioniert es schon?
Dass es auch anders gehen kann, zeigen Beispiele aus anderen Ländern. So gebe es laut Johanna Vogler von der Leuphana Universität Lüneburg in Italien in fast allen Vorlesungsräumen Plätze für Rollstuhlfahrende. Außerdem seien dort mehr Leitstreifen sowie Assistenzangebote vorhanden, etwa auch an Stränden.
Auch Österreich wird als positives Beispiel von Ni, dem Dozenten für Gebärdensprachdolmetschen genannt: Dort würden die Werkstätten für Menschen mit Behinderung besser funktionieren und tatsächlich als Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt verstanden. Die Werkstätten in Deutschland nennt Gudrun Wansing von der Humboldt-Universität zu Berlin eine "Sonderarbeitswelt" - eigentlich sollten sie als Überbrückung gesehen werden, nicht als Endstation.
Insgesamt zeigt die Tagung, dass Barrierefreiheit in Deutschland zwar zunehmend thematisiert wird, in der praktischen Umsetzung jedoch noch erhebliche Defizite bestehen. Gleichzeitig machen die internationalen Beispiele deutlich, dass konkrete Verbesserungen möglich sind, wenn politischer Wille, gesellschaftliches Umdenken und konsequente Maßnahmen zusammenkommen. Entscheidend wird sein, Barrierefreiheit nicht als Randthema, sondern als grundlegenden Bestandteil einer gerechten und inklusiven Gesellschaft zu begreifen.

