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Ein Land der Engagierten

Wie gemeinsames Handeln die Demokratie stärkt

"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, sich weder von der Macht der anderen noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen", zitiert Matthias Quent Theodor W. Adorno. Dieser Gedanke sei besonders in Zeiten gesellschaftlicher Krisen relevant, da das Gefühl der Ohnmacht genau dann stark zunimmt. Der diesjährige „Werkraum Demokratie“ der Akademie für Politische Bildung in Tutzing in Kooperation mit neuland & gestalten und Bayern 2 beleuchtete, wie Menschen auf Krisen reagieren, welche Rolle Engagement spielt und wie gemeinsames Handeln die Demokratie stärkt.

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 22.04.2026

Von: Fatima Taflan, Giulia Mennillo / Foto: Fatima Taflan

Programm: Werkraum Demokratie: Wer, wenn nicht wir?

Werkraum Demokratie: Wer, wenn nicht wir?

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

Deutschland ist ein Land der Engagierten. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung erfüllen ehrenamtliche Aufgaben und Ämter in Zivilgesellschaft und kommunaler Politik. Sie stärken das gesellschaftliche Klima, gestalten das Gemeinwohl und stabilisieren demokratische Strukturen. Ehrenamtliches Engagement ist damit weit mehr als bloßer freiwilliger Einsatz, es ist ein zentraler Pfeiler unserer Demokratie. Zugleich ist das Ehrenamt auch eine Schule der Demokratie: Wer sich engagiert, lernt Verantwortung zu übernehmen, Kompromisse zu finden und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Doch trotz der hohen Beteiligung steht das Ehrenamt unter Druck: vor allem junge Menschen engagieren sich seltener langfristig, unter anderem aufgrund des steigenden beruflichen Stresses, Zeitmangels und fehlender Anerkennung. Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Wie können wir uns selbst und unsere Mitmenschen wieder mehr fürs Ehrenamt motivieren und begeistern? Vor dem Hintergrund der bayerischen Kommunalwahlen 2026 ging der "Werkraum Demokratie" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit neuland & gestalten und Bayern 2 diesen Fragen nach.

Zwischen Selbstwirksamkeit und Ohnmacht

"Selbstwirksamkeit ist entscheidend dafür, ob man Krisen bewältigt oder nicht", erklärt Quent. Wenn Menschen das Gefühl hätten, keinen Einfluss auf politische oder gesellschaftliche Entwicklungen zu haben, entstehe schnell ein Gefühl von Ohnmacht. Die zahlreichen Krisen hätten große Auswirkungen auf die Gesellschaft, so der Sozialwissenschaftler. Dabei zeigten sich sowohl persönliche als auch politische Folgen. Anhand Quents Clusteranalyse werde deutlich, dass Menschen sehr unterschiedlich auf gesellschaftliche Krisen reagieren und dass damit jeweils verschiedene Einstellungen einhergingen. Um diese unterschiedlichen Reaktionsweisen greifbarer zu machen, teilt Quent die Bevölkerung in vier Cluster ein, die jeweils typische Einstellungen und Handlungsmuster im Umgang mit Krisen beschreiben:

  • Die Ohnmächtigen: 29 Prozent der Bevölkerung. Diese Gruppe zeige eine überdurchschnittliche Sympathie für die AfD.
  • Die Resignierten: 25 Prozent der Bevölkerung. Ihre dominanten Krisenreaktionen seien Ohnmacht, gefolgt von Anpassung und Flucht. Gleichzeitig weise sie jedoch die niedrigste Faschismusaffinität auf.
  • Die Flexiblen: Rund 30 Prozent der Bevölkerung. Ihre Krisenreaktionen seien relativ gleich verteilt zwischen Kampf, Flucht und Ohnmacht. Auch hier zeige sich eine überdurchschnittliche Sympathie für die AfD.
  • Die Kämpfenden: 16 Prozent. Ihre dominante Krisenreaktion sei der Kampf. Diese Gruppe habe das größte Vertrauen in Bundestag, Parteien sowie öffentlich-rechtliche Medien und Wissenschaft und sei am häufigsten gesellschaftlich engagiert.

Die Einteilung der Bevölkerung in verschiedene Krisenreaktions-Cluster zeige, wie unterschiedlich Menschen Krisen wahrnehmen. Gleichzeitig könne gesellschaftliches Engagement eine wichtige Gegenkraft zur politischen Ohnmacht darstellen könne. Indem Engagement individuelle Selbstwirksamkeit stärkt, trage es auch zur Stabilisierung demokratischer Strukturen bei.

Krisenmodell Polykrise - Kollektive Ohnmacht und Faschismus

Die Menschen seien durch eine sogenannte Polykrise extrem unter Druck gesetzt- und reagierten dann mit "Fight", "Flight", "Faint" und "Fawn". Entscheidend sei dabei, dass die Bürgerinnen und Bürger aus dem Gefühl der Ohnmacht herausfinden und wieder ins Handeln kommen. Auch angesichts großer Herausforderungen könne eine verstärkte Zuversicht dazu führen, dass sie ihre Handlungsmöglichkeiten erkennen und nutzen. Aus dieser Zuversicht entstehe Engagement, das nicht nur das individuelle Selbstvertrauen stärke, sondern zugleich die Demokratie belebe und die gesellschaftliche Fähigkeit zur Krisenbewältigung verbessere. So werde aus wahrgenommener Ohnmacht wirksames, gemeinschaftliches Handeln.

"Die Hilflosigkeit des Individuums ist das Grundthema der autoritären Philosophie", zitierte Quent nach Fromm. Ohnmacht beschreibt Quent als fehlende Wirksamkeitserwartung, erlernte Hilfslosigkeit und emotionale Reaktionen. Trump und die AfD nutzten die kollektive Ohnmacht, die durch Globalisierung, ökonomischen Druck, kulturelle Entfremdung und politisches Misstrauen begünstigt seien. Dafür werden Bedrohungsnarrative erzeugt, die das Stress - und Angstsystem adressieren. Wirksamkeit würde hier durch Machtdemonstrationen, Härte und Erniedrigung von politischen Gegnern erlangt. Agitation und Stärke geben den Anhängern das Gefühl, Teil einer wirksamen und erfolgreichen Bewegung zu sein. Hierfür nutzte der Soziologe den Begriff der "stellvertretenden Wirksamkeit". Insgesamt fördere das Gefühl von Fremdbestimmung, Einsamkeit und innere Dissonanz die Anfälligkeit für Faschismus. Im Gegensatz dazu stabilisiere Engagement, sie schaffe individuelle Selbstwirksamkeit und Resilienz, was zu einer höheren Lebenszufriedenheit führe.

Kommunalpolitisches Engagement

"Letztlich geht es darum das Verbindende zu suchen", erklärt der Bürgermeister von Gartz (Oder) Luca Piwodda. Auf die Frage der Akademiedirektorin Ursula Münch, was sich in seinem Umfeld in den letzten Jahren beim Engagement verändert habe, sagte der Bürgermeister, es habe sich vieles gewandelt: Trotz zahlreicher von ihm initiierter Gesprächsangebote, Kaffeetreffen und Austauschmöglichkeiten bleibe die politische Grundstimmung gedrückt. Dies liege vor allem an der Grundausstattung der Kommunen. Er warnt: "Wenn die Kommunalpolitik nicht läuft, dann schließt der Bürger damit auf das allgemeine." Auch Bezirksrätin Barbara von Baudissin- Schmidt betont, dass der Spagat zwischen Ehrenamt und Staat ein Problem sei. Ihr zufolge sollte die Hauptaufgabe der Kommunalpolitik sein, sich um individuelle Themen zu kümmern. Dafür werde jedoch der Spielraum immer kleiner, vor allem wegen des Geldes. Sie fordert, dass Kommunalpolitik Umsetzung sein sollte und nicht ideologische Diskussion.

Der "Werkraum Demokratie" verdeutlicht, dass gesellschaftliche Krisen Menschen in unterschiedlicher Weise betreffen. Engagement stellt einen entscheidenden Faktor dar, um Ohnmacht zu überwinden. Die Stärkung von Selbstwirksamkeit und gemeinschaftlichem Handeln fördert nicht nur die individuelle Resilienz, sondern auch die demokratische Stabilität der Gesellschaft. Denn: Demokratische Kultur entsteht nicht allein durch Institutionen. Sie entwickelt sich vor allem dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, sich engagieren und gemeinsam handeln. Ehrenamtliche Strukturen können hierfür wichtige Räume eröffnen, als Orte praktischer Teilhabe und als Grundlage einer lebendigen Demokratie.

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