Helden neu denken
Zwischen Demokratie, Moral und Vorbildfunktion
Helden prägen seit Jahrhunderten das Bild unserer Gesellschaft: Sie gelten als ehrenwerte Figuren, die Orientierung bieten, zugleich aber auch faszinieren und provozieren. In der Tagung "Heldenhaft?! Zur Ambivalenz des Heroischen" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit der Universität Passau und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg diskutierten Expertinnen und Experten aus Philosophie, Soziologie und Geschichtswissenschaft über die Rolle des Heldentums in der Vergangenheit und Gegenwart. Im Zentrum standen dabei grundlegende Fragen: Was kennzeichnet einen Helden? Ist Heldentum mit demokratischen Prinzipien vereinbar? Und welche Rolle spielen Vorbilder für moralische Bildung?
Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 16.04.2026
Von: Katharina Gönczi / Foto: Katharina Gönczi
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Von Helden ist in Deutschland häufig nur noch mit Zurückhaltung die Rede, da der Begriff durch seine historische Assoziation mit Krieg und männlicher Dominanz belastet ist. Philosoph Dieter Thomä hält dagegen: "Wir brauchen Helden, müssen sie aber anders verstehen, an anderen Orten suchen und ihre Stärken zu schätzen lernen". Er plädiert dafür, Heldentum als wichtigen Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft zu begreifen. Über diese Ambivalenz des Heroischen diskutierten Fachleute auf der Tagung "Heldenhaft?!" der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit der Universität Passau und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
Merkmale eines Helden
Doch was kennzeichnet einen Helden? Thomä benennt drei zentrale Merkmale: Erstens bringe sich ein Held durch sein Handeln selbst in Gefahr. Dabei sei jedoch nicht entscheidend, dass er sich bewusst in Lebensgefahr begebe; vielmehr genüge es, wenn er gravierende negative Konsequenzen für sich selbst absehen könne und sich dennoch zum Handeln entschließe. Gerade dieses Merkmal unterscheide Helden von bloßen Vorbildern. Zweitens setze sich ein Held für eine große - idealerweise gute - Sache ein. Dabei sei wesentlich, dass die Heldentat als sinnvolle Anknüpfung für andere dienen könne, während der Held selbst jedoch bescheiden bleibe. Drittens bestehe stets ein sozialer Unterschied zwischen dem Helden und anderen: "Helden sind die Frühaufsteher der Geschichte", so Thomä, denn sie handelten grundsätzlich schneller oder früher als ihre Mitmenschen.
Diese drei Merkmale verbindet der Experte mit den demokratischen Leitbegriffen Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit, da er in diesem Kontext ein mögliches Spannungsfeld sieht: Ist Heldentum mit demokratischen Prinzipien vereinbar?
Heldentum und Demokratie
"Demokratie ist immer dynamisch", betont der Professor für Philosophie. Konflikte und Aushandlungsprozesse seien daher weder ungewöhnlich noch grundsätzlich unvereinbar mit dem Konzept des Heldentums. Im Gegenteil: Gerade diese Dynamik schaffe Situationen, in denen einzelne Menschen über sich hinauswachsen und sich zum Wohl der Gemeinschaft sogar selbst in Gefahr begeben. Brüderlichkeit - verstanden als Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung - und Heldentum seien daher keineswegs unvereinbar. Problematisch werde es erst, wenn jede Person ihren eigenen Helden definiert und dadurch eine Kultur der Filterblasen und Echokammern entstehe, in der gemeinsame Werte und Perspektiven ausgehöhlt würden.
Auch im Hinblick auf Freiheit sieht der Philosoph keine grundsätzliche Unvereinbarkeit. Individuelle Freiheit eröffne vielmehr jene Handlungsräume, die es Menschen überhaupt erst ermöglichen, heroisch zu handeln.
Am problematischsten sei laut Thomä dagegen die Vereinbarkeit von Gleichheit und Heldentum, da der dem Heldentum inhärente "Höhenunterschied" grundsätzlich der demokratischen Vorstellung, dass alle Menschen gleich seien, widerspreche. Zwar existieren auch in Demokratie funktionale Ungleichheiten - etwa durch politische Ämter - doch seien diese stets zeitlich begrenzt und widerrufbar, wie der Professor betont. Entscheidend sei daher die Unterscheidung zwischen einem ermutigenden und einem entmutigenden Höhenunterschied. Ersterer beziehe sich auf Gelegenheitshelden, die aus dem alltäglichen Leben heraus in konkreten Situationen über sich hinauswachsen und damit ihren Mitmenschen als erreichbares Beispiel dienen. In diesem Fall wäre Heldentum mit dem Prinzip der Gleichheit definitiv vereinbar. Ein entmutigender Höhenunterschied hingegen entstehe, wenn sich Helden selbst über andere erheben und ihre Leistungen als unerreichbar darstellen. Dies könne langfristig zu einer Aushöhlung demokratischer Gemeinsamkeiten führen. Entscheidend sei für einen demokratiekompatiblen Helden daher, dass er von außen als solcher benannt werde und sich diesen Status nicht selbst zuschreibe.
Heldentum kann also unter bestimmten Bedingungen mit demokratischen Prinzipien vereinbar sein, bleibt dabei jedoch stets ambivalent. Kann es dennoch sogar einen eindeutig positiven Effekt auf die Gesellschaft - etwa in Form moralischer Bildung - haben?
Moralische Bildung durch Vorbilder statt Helden
"Menschen orientieren sich an Vorbildern - auch in der Moral", stellt die Philosophin Katharina Naumann von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg fest und eröffnet damit eine neue Perspektive: Nicht außergewöhnliche Heldenfiguren, sondern vielmehr Vorbilder sollen als moralische Bezugspunkte verstanden werden. Sie könnten innerhalb einer Gesellschaft laut Naumann eine doppelte Funktion erfüllen: Einerseits verkörpern sie moralische Gesetze und Normen, andererseits zeigten sie aber zugleich, dass deren Einhaltung praktisch möglich sei. Ähnlich wie Helden entfalteten Vorbilder dabei eine motivierende Wirkung, indem sie ihre Mitmenschen zur Nachahmung anregen - jedoch ohne dabei selbst eine dominante Stellung innerhalb der Gemeinschaft einzunehmen.
Als theoretische Grundlage verweist die Philosophin auf Immanuel Kants kategorischen Imperativ. Dieser fordert den Einzelnen dazu auf, nur nach derjenigen Maxime zu handeln, von der man zugleich wollen kann, dass sie allgemeines Gesetz werde. Daraus ergäbe sich sodann die Forderung, das eigene Handeln stets an universalisierbaren moralischen Maßstäben auszurichten. "Nach Kant eignen sich insbesondere jene Menschen als Vorbilder, die selbst unter großer Gefahr und entgegen eigenen Neigungen das moralisch Richtige tun", führt Katharina Naumann aus. Eben solche Handlungen können sodann innerhalb der Gesellschaft Bewunderung hervorrufen. Entscheidend dabei sei, jedes potenzielle Vorbild zunächst – insbesondere in der Bildung - anhand moralischer Kriterien zu beurteilen. Grundsätzlich könne jedoch jede Person aufgrund ihrer individuellen Biografie als Vorbild dienen.
Naumann plädiert dafür, dass moralisches Handeln in einer Gesellschaft nicht ausschließlich an heroischen Ausnahmefiguren ausgerichtet sein solle. Vielmehr müssen Vorbilder verstärkt betrachtet werden, während Helden eher als punktuelle Orientierung in Extremsituationen gesehen werden sollten. Insgesamt macht aber erst die Einbettung in eine vielfältige und kritische Vorbildkultur moralische Orientierung und Bildung in einer demokratischen Gesellschaft langfristig tragfähig.

