Südkoreas wirtschaftliche Entwicklung
Vom Agrarland zur Hochtechnologie-Nation
Südkorea spielt eine maßgebliche Rolle für Ostasiens wirtschaftliche Entwicklung. Die Republik Korea, wie der offizielle Name des Landes lautet, hat sich von einem verarmten, kriegszerstörten Agrarland ohne wesentliche Rohstoffvorkommen zunächst zu einem der vier Tigerstaaten, eine Gruppe von ost- und südostasiatischen Ländern, die bedeutende wirtschaftliche Fortschritte erreichten, entwickelt. Inzwischen gehört Südkorea zu einer der weltweit führenden Hochtechnologie-Nationen. Doch wie hat sich diese wirtschaftliche Entwicklung vollzogen? Diese und weitere Fragen wurden auf der Tagung "Das demokratische Asien: Südkorea und die pazifische Region" der Akademie für Politische Bildung besprochen.
Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 26.01.2026
Von: Paula Frieß / Foto: Paula Frieß
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Südkorea ist bekannt für "K-Pop", "K-Style" und natürlich für die Entwicklung von Spitzentechnologie. Aber auch für den Korea-Krieg oder den Versuch des damaligen Präsidenten Yoon im Jahr 2024, das Kriegsrecht einzusetzen. Anlass hierfür war Yoons Vorwurf, die größte Oppositionspartei, und damit sein politischer Gegner, arbeite mit pro-nordkoreanischen und staatsfeindlichen Kräften zusammen und gefährde die staatliche Ordnung. Doch wie entwickelte sich Südkorea zu dem Land, das wir heute kennen? Einen Blick auf unter anderem die wirtschaftliche Entwicklung des Landes warfen Fachleute im Rahmen der Tagung "Das demokratische Asien: Südkorea und die pazifische Region" der Akademie für Politische Bildung.
Der Grundstein der Entwicklung
Um Südkoreas wirtschaftliche Entwicklung besser zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Bis zur Teilung der Halbinsel war das Gebiet des heutigen Südkoreas vor allem landwirtschaftlich geprägt, während im heutigen Nordkorea die Industrie dominierte. Dies hatte zur Folge, dass Südkorea anfangs, im Vergleich zu Nordkorea, eine schwächere Wirtschaft hatte. Marianne Jung von der Universität Wien erläutert, wie unter Park Chung-hee, dem Präsidenten Südkoreas von 1961 bis 1979, eine staatlich gelenkte wirtschaftliche Entwicklung begann. Durch Wirtschaftspläne, staatlich kontrollierte Kreditvergaben und die Propaganda, dass Wirtschaftsaufbau mit nationaler Sicherheit verknüpft sei und daher eine patriotische Pflicht, legte Park Chung-hee den Grundstein für den Aufstieg Südkoreas zu der Industrienation, die sie heute ist. In den folgenden Jahrzehnten nahm die Wirtschaft vor allem durch die Gründung zahlreicher familiengeführter Unternehmensgruppen, sogenannten "Chaebol-Unternehmen", Form an, die bis heute in vielen Branchen marktführend sind und die wirtschaftliche Struktur Südkoreas maßgeblich prägen. Von Jahr zu Jahr wuchs Südkoreas Wirtschaft weiter stark an und verlagerte ihr Zentrum zunehmend in die Städte. Die Folge war ein starker Rückgang der ländlichen Bevölkerung. Jung erklärt, dass viele Familien ihre Kinder in die Städte schickten, um ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang habe Bildung als wirtschaftlicher Faktor zunehmend an Bedeutung gewonnen und präge die wirtschaftliche Entwicklung Südkoreas bis heute.
Südkoreas Wirtschaft heute
Und wie sieht Südkoreas Wirtschaft heute aus? Zu erkennen sei eine Abflachung des Wachstumspfads, so Werner Pascha, emeritierter Professor der Universität Duisburg-Essen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zum Beispiel, das zwar starkbegonnen hatte, nimmt mit der Zeit ab. Im weltweiten Vergleich liege Südkorea dennoch im Mittelfeld. Pascha erklärt, dass daran nichts außergewöhnlich sei, da viele Länder ähnliche Entwicklungen durchlaufen würden. Woran liegt diese Entwicklung in Südkorea aber nun genau? Dafür gibt es laut Pascha drei mögliche Gründe.
Als ersten Grund nennt der Professor den Faktor Arbeitskraft. Südkorea hat eine sehr stark alternde Bevölkerung – und im Vergleich mit anderen Ländern ist der Anstieg sehr steil. Pascha erklärt, dass dies dramatische Auswirkungen auf Arbeit, Sozialkosten, Produktivität und technischen Fortschritt habe - alles Punkte, die für eine wachsende Wirtschaft wichtig seien. Neben der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung stelle außerdem die sehr niedrige Geburtenrate eine zusätzliche Herausforderung dar. Diese liegt in Südkorea bei etwa 0,7 bis 0,8 Kindern pro Frau. Als mögliche Ursache nennt der Ostasien-Experte die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der Arbeitsmarkt sei insbesondere für Frauen unattraktiv, da strukturelle Hürden dazu führten, dass bestimmte Karrierewege nach der Geburt eines Kindes kaum noch offen stünden. Verstärkt werde dieser Effekt durch die geringe Beteiligung von Männern an der Elternzeit, wodurch familiäre Verantwortung überwiegend bei Frauen verbleibe. Ein weiterer Grund für die niedrige Geburtenrate sei laut Pascha das geringe Angebot an Kinderbetreuung. Zwar investiere die Regierung viel Geld in Kinderbetreuungseinrichtungen und frühkindliche Bildung, dies sei jedoch dennoch nicht ausreichend und es mangele an Qualität.
Zur Abflachung des Wachstumspfads träge zudem die Arbeitsproduktivität bei, erklärt Professor Pascha. Die Produktivität pro Kopf, also der Beitrag einer Person zum Sozialprodukt, sei im internationalen Vergleich trotz vieler und langer Arbeitsstunden vergleichsweise gering. Pascha betont aber auch, dass dieses Problem viele Länder haben. In Südkorea sei dies auch sektoral unterschiedlich: So weise etwa der Bereich rund um Informationstechnologie eine sehr hohe Produktivität auf, während andere Bereiche, etwa der Dienstleistungssektor, in Bezug auf die Produktivität deutlich schwächer abschneiden würden. Dazu kommt, dass die Unternehmensformen der Chaebol-Unternehmen die Situation hinsichtlich der Produktivität zusätzlich erschweren würden. Dies liege daran, dass die großen und erfolgreichen Chaebol-Unternehmen die südkoreanische Wirtschaft einerseits dominierten, jedoch andererseits nur relativ wenige Arbeitnehmer beschäftigten. Im Gegensatz dazu hätten kleine und mittelgroße Unternehmen den größten Anteil an Beschäftigten - jedoch einen deutlich geringeren Anteil an der Kapitalisierungsrate. Der Großteil der Bevölkerung arbeite also für den geringsten Anteil des Marktkapitals. Als dritter Grund nennt Pascha den Faktor der Außenwirtschaft. Zwar laufe der Export grundsätzlich gut, er sei jedoch auch mit Risiken verbunden. Die Exportanteile gegenüber einzelnen Ländern schwanken stark und sind instabil. Solche Schwankungen, so Pascha, erhöhten die allgemeine Unsicherheit der Wirtschaft.
Wie wird es weitergehen?
Blickt man in die Zukunft der südkoreanischen Wirtschaft, so fällt vor allem auf, dass stark in Innovation investiert wird. Im internationalen Vergleich gehöre Südkorea zu den führenden Ländern in Bezug auf Innovationskraft. Dabei spielen vor allem Halbleiter, deren Exporte steigen, sowie künstliche Intelligenz eine sehr große Rolle. Pascha betont jedoch, dass trotz hoher Investitionen der Output nicht so hoch ausfällt wie erwartet. Das liege unter anderem an der Unternehmenskultur: Große Unternehmen würden nur ungern international kooperieren und gingen daher wenige Partnerschaften außerhalb des Landes ein. Südkoreas starke außenwirtschaftliche Abhängigkeit , einerseits in Bezug auf die hergestellten Produkte, andererseits aufgrund zentraler Handelspartner wie China und der USA, bleibt eine Herausforderung. Die USA seien etwa ein unverzichtbarer Partner in Sicherheitsfragen, während China für den Export von zentraler Bedeutung sei. Diese starke Konzentration auf bestimmte Handelspartner erhöhe jedoch die wirtschaftliche und politische Verwundbarkeit des Landes, insbesondere bei geopolitischen Spannungen oder Handlungskonflikten.
Neben der Technologie gewinnt außerdem die sogenannte Content-Industrie zunehmend an Bedeutung. Inhalte wie Filme, Animationen, Werbung und Musik, wie z.B. K-Pop werden immer beliebter. Mit dieser Branche erzielt das Land erhebliche Einnahmen: der Anteil am BIP beträgt momentan 2,49 %. Pascha betont zugleich aber auch, dass dies das Land nicht grundlegend verändern werde und die Gefahr bestehe, dass es sich möglicherweise nur um einen zeitlich begrenzten Trend handle.
Südkorea bleibt ein Land mit beispielhaftem wirtschaftlichem Erfolg. Durch langfristige Transformationsprozesse hat es geschafft sich von einem Agrarland zu einer Hochtechnologie-Nation zu entwickeln. Dennoch gerät auch Südkorea, ähnlich wie andere Länder, zunehmend durch demografische Entwicklungen, strukturelle Ungleichgewichte und globale Abhängigkeiten unter Druck.

