Der sicherheitspolitische Jahresrückblick auf 2025
Europa in einer Zukunft globaler Unsicherheit
Wie steht es um die Zukunft Europas ohne die alte sicherheitspolitische Ordnung, die durch geopolitische Machtverschiebungen und neue Konfliktlinien zunehmend erodiert wird? In der Tagung "360 Grad- Der sicherheitspolitische Jahresrückblick auf 2025" analysierten Expertinnen und Experten die Konflikte und sicherheitspolitischen Trends in 2025 und diskutierten zukünftige Szenarien für das Jahr 2026.
Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 15.01.2026
Von: Lukas Dobmeier / Foto: Lukas Dobmeier
Programm: 360° - Der sicherheitspolitische Jahresrückblick 2025
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"Wenn die Lage ernst ist, muss man auch sagen, dass sie ernst ist", betont Martin Bialecki, Chefredakteur der Zeitschrift "Internationale Politik". Er kritisiert, dass die deutsche Politik die Realität der internationalen Lage bisher nicht ausreichend anerkennt und sich stattdessen in politischer Unentschlossenheit verliert, während die globale Sicherheitsarchitektur weiter erodiert. Vor dem Hintergrund zunehmender globaler Instabilität stellt sich die Frage, wie Deutschland und Europa überhaupt die eigene Sicherheit gewährleisten können und welche Lehren dazu aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres gezogen werden sollten. Diese Themen standen im Zentrum der Tagung "360 Grad - Der sicherheitspolitische Jahresrückblick auf 2025" der Akademie für Politische Bildung, bei der Expertinnen und Experten aktuelle Konflikte, sicherheitspolitische Trends und mögliche Szenarien für die kommenden Jahre diskutierten.
Geopolitische Spannungsfelder im Jahr 2025
Für sich genommen sei das Jahr 2025 kein Schlüsseljahr gewesen, stellt Bialecki fest, sondern vielmehr Teil einer umfassenderen Schlüsselperiode. Infolgedessen bezeichnet er die aktuelle instabile Lage auch als das "New Normal" und betont, dass unsere Sicherheitsarchitektur auf absehbare Zeit instabil bleiben werde. Die Strukturen, auf die sich Deutschland und Europa verlassen hatten, das, was lange als "der Westen" galt, existierten seiner Ansicht nach höchstens noch als Diskursgegenstand oder in Fragmenten, jedoch ohne ein entsprechendes faktisches Äquivalent. Diese Unsicherheit, entstanden durch die Erosion vertrauter Handlungsräume in Zeiten globaler Unsicherheit, stelle eine enorme sicherheitspolitische Herausforderung dar.
Die aktuelle sicherheitspolitische Lage Europas ordnet Bialecki entlang mehrerer miteinander verflochtener Konfliktdimensionen ein. Auf der ersten Ebene lassen sich dem Chefredakteur zufolge drei klassische geopolitische Spannungsfelder identifizieren. Die unmittelbarste Bedrohung sieht er in der militärischen Aggression Russlands unter Wladimir Putin. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine untergrabe nicht nur die europäische Sicherheitsstruktur, sondern belaste zugleich die Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit Europas und seiner Verbündeten. Daneben beschreibt Bialecki eine strukturelle wirtschaftliche Verwundbarkeit Europas durch die Abhängigkeit gegenüber der Volksrepublik China. Die Volksrepublik kontrolliere in erheblichem Maße den Zugang zu kritischen Rohstoffen und bestimme damit deren Verfügbarkeit. Da Deutschland diese Ressourcen nicht selbst produziere, entstehe eine erhebliche Abhängigkeit, die Parallelen zur früheren Energieabhängigkeit von russischem Gas aufweise. Eine dritte Konfliktlinie verortet Bialecki in den transatlantischen Beziehungen. Die USA stellten diese zunehmend infrage, nicht zuletzt durch ihre neue nationale Sicherheitsstrategie, in der Europa als ein Gegner beschrieben wird. Bialecki bezeichnet die Strategie als Wendepunkt in der internationalen Politik. Zwar blieben Teile der strategischen Kooperation bestehen, zugleich entbrenne jedoch ein Kulturkampf um Europa, der sich insbesondere in der Unterstützung und Stärkung antidemokratischer Kräfte durch die USA hierzulande äußere. Bialecki macht klar, dass wir uns in einer dauerhaft veränderten Welt befinden und "dauerhaft heißt, dass es für viele Jahre eher noch schlechter werden wird."
Über diese Konfliktlinien hinaus betont Bialecki, dass sich die Bedrohungslage längst auf eine zweite systemische Ebene ausgeweitet habe. Nicht nur einzelne Politikfelder, sondern das gesamte gesellschaftliche System stehe unter Druck – von außen wie von innen. Künstliche Intelligenz, Cyberangriffe, Desinformation und gezielte Sabotage seien zentrale Instrumente dieser hybriden Auseinandersetzung.
Eine neue Art der Kriegsführung
Eine veränderte Bedrohungslage sieht auch Konstantinos Tsetsos, Politikwissenschaftler und Leiter für Zukunftsforschung am Institut für Strategie und Vorausschau METIS. Wir würden derzeit einen grundlegenden Wandel der Kriegsführung erleben, denn neben der klassischen physischen Kriegsführung gewinne zunehmend auch die psychologische Kriegsführung an Bedeutung. Für diese lägen bislang jedoch kaum Erfahrungswerte vor. Ziel dieser Art des Konflikts sei es, den politischen Willen des Gegners zu unterminieren und zu erschöpfen, sodass ein militärischer Sieg auf dem Schlachtfeld nicht mehr erforderlich ist. Der Konflikt solle dadurch vielmehr auf politischer Ebene entschieden werden, indem Durchhaltefähigkeit, Legitimität und gesellschaftliche Unterstützung des Gegners geschwächt werden, erklärt Tsetsos.
Dem Politikwissenschaftler zufolge wird diese psychologische Kriegsführung derzeit auf eine neue Stufe gehoben, die er als teleologisch-hybride Kriegsführung bezeichnet. Ziel dieser neuen Art der Kriegsführung sei es zunächst den Gegner zu paralysieren und so zunehmend handlungsunfähig zu machen, bevor es überhaupt zu einer militärischen Konfrontation kommt. Dies könne sowohl durch Angriffe auf kritische Infrastruktur oder Cyberangriffe als auch durch strategische Korruption oder Desinformationskampagnen geschehen. Durch diese Methoden könne der Gegner das relative Machtverhältnis beeinflussen, ohne den Konflikt offen eskalieren zu lassen.
Dabei betont Tsetsos, dass freiheitlich-demokratische Gesellschaften ein ideales Angriffsziel für diese Form der Einflussnahme darstellen. Denn gerade die Offenheit demokratischer Systeme ermögliche es Akteuren wie Russland, China oder, wie Bialecki klarstellt, auch den USA, die Mechanismen von Demokratie und Rechtsstaat gezielt gegen sich selbst zu wenden. So könnten zum Beispiel durch Desinformationskampagnen oder strategische Einflussnahme die politischen Kräfte gestärkt werden, die den Interessen dieser potenziell feindlichen Akteure eher entsprechen. Das Ziel sei letztendlich ein "freiwilliger" politischer Richtungs- oder sogar Regimewechsel, der nicht erzwungen, sondern von innen heraus herbeigeführt wurde durch "die schrittweise Übernahme der Realität des Gegners". Für Europa folge daraus, dass sicherheitspolitische Herausforderungen künftig weniger klar entlang klassischer Konfliktlinien verlaufen könnten, sondern sich zunehmend auch im Inneren der eigenen Gesellschaften entfalten. Für den Politikwissenschaftler zeigen diese Entwicklungen, dass klassische sicherheitspolitische Maßnahmen allein nicht mehr ausreichen. Die Fähigkeit, demokratische Prozesse, politische Entscheidungsstrukturen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schützen, werde damit zu einer zentralen Herausforderung europäischer Sicherheit und bildet den Ausgangspunkt für die Frage, wie Europa in den kommenden Jahren handlungsfähig bleiben kann.
Die Zukunft europäischer Sicherheit
Europa sieht sich einer Phase fortdauernder Instabilität gegenüber: Die alte Ordnung verliert an Halt und ein neuer Normalzustand der globalen Unsicherheit setzt sich durch. Kurzfristige Anpassungen seien nicht mehr ausreichend, so Tsetsos. Europa brauche eine strategisch langfristige Ausrichtung, die klassische militärische Bedrohungen ebenso berücksichtigt wie strategische Abhängigkeiten, kritische Infrastrukturen und hybride Angriffe auf die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Eine der größten Herausforderungen wird laut Tsetsos dabei der Zusammenhalt innerhalb der Europäischen Gemeinschaft sein - zwischenstaatlich, institutionell und gesellschaftlich. Faktoren wie gezielte Desinformationskampagnen, strategische Korruption oder die Förderung autoritärer und EU-kritischer Gegenmodelle erhöhen den Druck auf das demokratische Europa auf mehreren Ebenen zugleich. Um diesen Herausforderungen wirksam zu begegnen, fordert Bialecki unter anderem eine engere Kooperation zwischen den europäischen Staaten. Darüber hinaus bedarf es laut Testos, einer gemeinsamen Orientierung, einer "europäischen Idee" und eines langfristigen Plans als gemeinsames Projekt aller europäischen Mitgliedsstaaten.
Die Frage der Sicherheit dürfe dabei nicht länger als rein staatliche Aufgabe verstanden werden. Als positives Beispiel für ein Modell, das genau darüber hinausgeht, nennt Bialecki die baltischen Staaten, die ein Konzept integrierter Sicherheit verfolgen und Resilienz als Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft verstehen. Nur durch ein solches Modell der Verbindung von politischem Willen, gesellschaftlicher Resilienz und strategischer Kooperation könne Europa auch in Zukunft handlungsfähig bleiben. Dafür sei es allerdings unerlässlich, dass die Politik die Lage klar analysiert und die daraus resultierenden Herausforderungen offen und verständlich an die Gesellschaft kommuniziert. Gleichzeitig brauche es eine Reduzierung von Abhängigkeiten, sowohl militärisch als auch wirtschaftlich.
Für Bialecki ist klar: "Selbstbehauptung entsteht durch Handlungsfähigkeit." Europa stehe an einem Punkt, an dem es aus der Krise nicht nur Lehren ziehen, sondern Kompetenzen entwickeln muss, um die eigene Sicherheit zu stärken, demokratische Strukturen zu schützen und die Gestaltungsmacht in einer zunehmend instabilen Welt zurückzugewinnen. Die Zukunft Europas hänge somit davon ab, ob es den europäischen Staaten gemeinsam gelingt, ihre Handlungsfähigkeit zu sichern.

