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Vorurteile ohne Grenzen

Die Entstehung des transatlantischen Rassismus

Wie entstand der Rassismus? Gibt es ihn vielleicht schon länger als man meint? Bereits im 15. Jahrhundert entwickelte sich auf der iberischen Halbinsel die Vorstellung einer "limpieza de la sangre" - der "Reinheit des Blutes". Sie entwickelte sich über Konversion und Kultur hinaus, grenzüberschreitend, zu dem Rassismus, den wir heute kennen. Wie Rassismus entstand, wie er sich in der Kolonialzeit auf Amerika übertrug und dort weiterentwickelte, darüber diskutierten Fachleute auf der Tagung "Grenzenlose Vorurteile: Die Geschichte des transatlantischen Rassismus in Europa und den Amerikas" der Akademie für Politische Bildung in Zusammenarbeit mit der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover.

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 12.11.2025

Von: Paula Frieß / Foto: Paula Frieß

Programm: Grenzenlose Vorurteile

Grenzenlose Vorurteile Die Geschichte des transatlantischen Rassismus in Europa und den Amerikas

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"Rassistische Konzepte sind sehr flexibel und lassen sich an die jeweilige Bevölkerung oder Situation anpassen", sagt Christine Hatzky von der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover. Die Geschichte des Rassismus sei lang und habe sich über Jahrhunderte immer wieder gewandelt und an seine Zeit angepasst. Laut Hatzky war das Ziel rassistischer Konzepte jedoch stets, eine multikulturelle Gesellschaft zu ordnen und diese dann durch Gewalt neu zu gestalten. Über einen neuen Blick auf die Genese des Rassismus sowie seine weitere Entwicklung über Grenzen hinweg, diskutierten Experten auf der Tagung "Grenzenlose Vorurteile: Die Geschichte des transatlantischen Rassismus in Europa und den Amerikas" der Akademie für Politische Bildung in Zusammenarbeit mit der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover.

Die Geschichte der "Blutreinheit"

Möchte man die Genese des Rassismus besser verstehen, so sollte man laut der Historikerin auf die Geschichte der iberischen Halbinsel schauen. Dort existierte für lange Zeit das "Goldene Zeitalter" des Kalifats von Córdoba. Dieses endete jedoch im 11. Jahrhundert, als die Christen Andalusien eroberten. Über sehr viele Jahre und in mehreren Etappen fand die sogenannte "Reconquista", die christliche Eroberung der muslimischen Gebiete, statt. Das große Ziel: die Christianisierung. In dieser Zeit kam es zu massivem Druck auf Muslime und Juden, entweder zu konvertieren oder auszuwandern.

Mit der Einführung der "Statuten der Reinheit des Blutes" wurde das Vorhaben der Christianisierung der Bevölkerung noch weiter radikalisiert. "Die Reinheit des Glaubens wurde zur Reinheit des Blutes", erklärt Hatzky. Gemeint ist der damalige Gedanke, Religion könne über das Blut vererbt werden. Die Folgen dieser Ideologie: Überwachung, Ausgrenzung sowie der Versuch, mithilfe von Verwandtschaftsangaben und Stammbäumen nachzuvollziehen, welchem Glauben eine Person angehörte. War die Person nicht christlich, wurde sie ausgegrenzt oder sogar gefoltert. Es kam zu religiöser Spionage und der Idee der "Naturalisierung von Religion" - also die Vorstellung, der Glaube sei keine bewusste Entscheidung, sondern ein angeborenes, durch Abstammung bestimmtes Merkmal.

Die Historikerin macht deutlich, warum dieser historische Hintergrund von zentraler Bedeutung ist: dieses rassistische Denken habe sich auf andere Länder, etwa die damaligen Kolonien, ausgeweitet und dort dann jedoch andere Formen angenommen. Denn, so Hatzky, "rassistische Konzepte sind sehr flexibel und lassen sich an die jeweilige Bevölkerung oder Situation anpassen". Grund dafür, und damit sei nicht seine Rechtfertigung gemeint, ist laut Hatzky der Versuch, eine multikulturelle Gesellschaft zu ordnen und sie anschließend durch Gewalt neu zu gestalten.

Transfer des Konzepts der "Blutreinheit"

Mit der Entstehung der Kolonien und der "Entdeckung" neuer Länder wanderte der Rassismus mit aus. Mit dem Ziel auch dort Ordnung zu schaffen, wurde wieder mit rassistischen Konzepten Menschen in Gruppen eingeordnet und kategorisiert. Man legte weiter Wert auf die Reinheit des Blutes und "überprüfte" diese anhand von Abstammung. Diese Kategorisierung änderte sich jedoch  laut Hatzky im Laufe der Zeit. Nicht länger die Religion, sondern das Äußere entschied über vermeintliche Reinheit. Um ihre gesellschaftlichen Positionen zu wahren, entwickelten Kolonialherren und Adel neue Kategorien zur Einordnung der immer vielfältig werdenden Bevölkerung. Kleidung und Hautfarbe spielten bei dem Versuch, Menschen zu kategorisieren, eine immer wichtigere Rolle, erklärt Hatzky. Die Folge war ein Kastensystem, das nach ethnischer Abstammung, äußerlichen Merkmalen und Hautfarbe die Gesellschaft ordnete.

Besonders das Konzept der "Reinheit", verbunden mit der Hautfarbe gewann an Bedeutung. Max S. Hering Torres, von der Universidad Nacional de Colombia, Bogotá, erklärt, wie die "Reinheit" - und die damit verbundene "Unreinheit" - zunehmend anhand der Hautfarbe begründet wurde: "Weiß" wurde mit positiven, "zivilisierten" und christlichen Eigenschaften verbunden, alles andere habe man als negativ und schlecht dargestellt. Die Vorstellung der "Reinheit des Blutes" wurde neben der religiösen Begründung nun auch mit moralischen und rassischen Kategorien verknüpft. Wie wandelbar solche Konzepte sind, zeigt auch der Historiker Adrián Masters. Er erklärt, wie der Transfer rassistischer Konzepte nicht nur länderübergreifend verläuft, sondern sich zugleich mit neuen Ideen wandelt und an diese anpasst. Als Beispiel nennt Masters die sogenannte Gleichheitsbewegung, die auch in den damaligen Kolonien bereits debattiert wurde. In ihr wirkte der Rassismus in der Vorstellung fort, dass Gleichheit ein rein "europäischer Export" sei. Oft werde vergessen, dass bereits im 18. Jahrhundert Schwarze Männer und Frauen für ihre Rechte kämpften und Vorstellungen von menschlicher Gleichheit prägten, insbesondere im britischen und französischen Kolonialkontext. Masters erklärt "Eurodiffusionismus" als die Theorie, Europa habe bahnbrechende Entwicklungen vorangetrieben, die in anderen Regionen lediglich aufgenommen worden wären - ein Narrativ, das zur Verfestigung rassistischer Denkweisen beigetragen habe.

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