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Deglobalisierung und die Zukunft amerikanischer Hegemonie

Episode 30 unseres Podcasts mit Giulia Mennillo - Aus dem Hörsaal

In unserer neuen Podcast-Rubrik "Aus dem Hörsaal" gibt es spannende Vorträge des Akademie-Kollegiums zum Nachhören. Den Auftakt macht Giulia Mennillo mit einem Beitrag aus unserer Online-Veranstaltungsreihe "Akademie am Abend". Ihr Thema: Deglobalisierung und die Zukunft amerikanischer Hegemonie.

Tutzing / Podcast / Online seit: 06.11.2025

Von: Anna Berchtenbreiter / Foto: Istock/Gorodenkoff (Hintergrund) und Istock/Peterschreiber Media (Flagge) | Portrait: APB (Archiv)

Programm: Akademie am Abend: Deglobalisierung und die Zukunft amerikanischer Hegemonie

Podcast

Die USA waren über Jahrzehnte die treibende Kraft der Globalisierung - und sicherten dadurch ihre führende Stellung in der Welt. Doch nun steht das Land an einem Wendepunkt: Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, technologische Entkopplung und eine zunehmende Fragmentierung globaler Märkte verändern die Spielregeln der Weltwirtschaft. In dieser Podcast-Folge beleuchtet Giulia Mennillo in ihrem "Akademie am Abend"-Vortrag die Ursachen und Dynamiken der Deglobalisierung und geht der Frage nach, ob die USA ihre Dominanz in einer multipolaren Welt behaupten können.

Giulia Mennillo: Wir sehen Anzeichen einer strukturellen Deglobalisierung und diese Entwicklung stellt vor allen Dingen die Vereinigten Staaten vor zentrale Herausforderungen. Die USA waren langjähriger Architekt und Profiteur dieser Ordnung und positionieren sich nun neu, da sie herausgefordert werden von anderen ökonomischen Schwergewichten, allen voran China.

Anna Berchtenbreiter: Herzlich Willkommen zurück zu einer neuen Ausgabe „Akademie fürs Ohr“. Mein Name ist Anna Berchtenbreiter, Pressereferentin der Akademie. Und dieses Mal habe ich die erste Folge unserer neuen Rubrik „Aus dem Hörsaal“ für euch mit dabei. In dieser Reihe könnt ihr die „Akademie am Abend“-Vorträge meiner Kolleginnen und Kollegen nachhören. Diese Staffel liegt der besondere Fokus auf den USA. Wir schauen uns an, warum sich die Dinge in den USA so entwickelt haben, wie sie jetzt sind, analysieren die aktuelle Lage, und überlegen, wie die aktuelle Situation die Mächteordnung des 21. Jahrhunderts verändern könnte. In der ersten Folge spricht Giulia Mennillo, unsere Expertin für Wirtschaft, Soziales und Nachhaltigkeit, über die Deglobalisierung und die Zukunft amerikanischer Hegemonie. Die USA waren ja für Jahrzehnte die treibende Kraft der Globalisierung, und sie hatten eine hegemoniale Stellung inne. Die aktuelle Deglobalisierung zeigt wirklich einen tiefgreifenden Wandel der internationalen Wirtschafts- und Machtstrukturen an. Heute gibt es neue Herausforderungen durch Handelskonflikte, geopolitische Spannungen und eine Fragmentierung der globalen Märkte. Giulia schaut in ihrem Vortrag auf die Ursachen und Dynamiken der Deglobalisierung. Sie analysiert die Auswirkungen auf die globale Führungsrolle der USA und sie sieht sich drei mögliche Zukunftsszenarien an. Und damit gebe ich jetzt ab an Giulia Mennillo.

Giulia Mennillo: Wir befinden uns in einem geopolitischen und ökonomischen Wendepunkt. Ich denke, da sind wir uns alle einig, dass es nicht nur Machtverschiebungen gibt, sondern eben auch ökonomische Verschiebungen in der globalen Ökonomie. Die liberale Globalisierungsordnung, wie wir sie seit den 90er Jahren kennen, ist brüchig geworden. Wir erleben Handelskriege nicht nur seit Trump 2.0, sondern auch schon seit längerem. Geopolitische Rivalitäten, eine technologische Entkopplung und eine Rückbesinnung auf die nationale Resilienz, die Autonomie in den Vordergrund stellt. Das sind alles Worte oder Begrifflichkeiten, die während meines VWL-Studiums überhaupt keine Rolle spielten. Ich lebte und habe studiert in einer Welt, in der solche Dinge als ineffizient abgetan wurden. Man dachte sich das Ende der Geschichte, dass die Globalisierung, die liberale, multilaterale Weltwirtschaftsordnung hier das „New Normal“ ist und dass es auch keine Umkehr hiervon gäbe. Aber die Empirie da draußen belehrt uns eines Besseren. Wir sehen Anzeichen einer strukturellen Deglobalisierung und diese Entwicklung stellt vor allen Dingen die Vereinigten Staaten vor zentrale Herausforderungen. Die USA waren langjähriger Architekt und Profiteur dieser Ordnung und positionieren sich nun neu, da sie herausgefordert werden von anderen ökonomischen Schwergewichten, allen voran China. Meine zentrale Fragestellung für heute Abend lautet daher: Was bedeutet die Deglobalisierung, die wir beobachten, für die Zukunft amerikanischer Hegemonie? Und das werde ich in vier Schritten versuchen zu beantworten. Wir werden einmal auf die Treiber der Deglobalisierung eingehen und auf die Anzeichen dieses Rückzugs der USA als Hegemon aus der liberalen Ordnung und auch die Herausforderungen und Chancen dieser Situation für die USA beleuchten. Und zu guter Letzt natürlich auch Zukunftsszenarien aufmachen, was die unterschiedlichen Welten sind, die uns da eventuell bevorstehen und was die Implikationen für uns als Europäer sind, aber auch für die Bundesrepublik.

Aktuelle Daten

Erst einmal ein paar Daten am Anfang: Diese Grafik zeigt, wie der Welthandel als Anteil am globalen BIP über Jahrzehnte zunahm, aber eben seit der globalen Finanzkrise stagniert. Und dies deutet auf eine strukturelle Veränderung in der Globalisierung hin. Und was der interessante Punkt ist: Deglobalisierung und die amerikanische Hegemonie im Decline oder im Rückgang begriffen, ist nicht etwas, was erst seit Trump auftaucht, sondern sich schon länger abzeichnet. Wir sprechen auch in der Literatur von „Slowbalization“, also dass die Globalisierung und die Integration der globalen Märkte und Ökonomien sowie der globale Handel nicht mehr mit einer Turbogeschwindigkeit wachsen, sondern sich im Bremsmodus befinden. In diesem befinden wir uns schon länger, er zeichnete sich schon seit der Finanzkrise ab. Und dies deutet natürlich auch eine relative Verschiebung der ökonomischen Gewichtungen in der Weltwirtschaft, aber auch, als Folge dieser ökonomischen Veränderung, eine machtpolitische Veränderung an. Eines meiner ersten Themen, über die ich promovieren wollte, war, dass ich an meine ökonomischen Kollegen immer rangegangen bin mit der politökonomischen Brille: „Ja, meine Damen und Herren, glauben Sie denn wirklich, dass dieser ökonomische Aufstieg China sich nicht auch in einer geopolitischen Dimension manifestieren wird?“ Und wie hat das der liberale neoklassische Zeitgeist damals beantwortet? Nein, Studierende Mennillo, konzentrieren Sie sich lieber auf das, was man in den Lehrbüchern lernt. Beschäftigen Sie sich nicht mit solchen Fragen, die jenseits des Fachhorizontes gehen. Ökonomische Verflechtungen führen nicht zu geopolitischen Rivalitäten. Das klingt heute absurd, aber damals war das der Zeitgeist. Und in diesem Zeitgeist haben die meisten von uns ihre VWL- und wirtschaftswissenschaftlichen Abschlüsse erlangt und natürlich damit den Zeitgeist mit reproduziert. Und ja, wir sind hier alle eines Besseren belehrt worden. Hier noch mal eine Grafik, die das wunderbar zeigt. Hier das Verhältnis von globalem Handel zu GDP, hier die Exporte und Importe als Anteil am Welteinkommen. Die zeigt auch hier diese „Slowbalization“. All diese Anzeichen, dass seit der globalen Finanzkrise die Zunahme abzuebben scheint oder gar rückläufig ist, ist ein Indiz für eine mögliche strukturelle Trendwende.

Deglobalisierung

Aber was bedeutet die Deglobalisierung? Vor ein paar Jahren war das tatsächlich noch umstritten. Man hat eben eher von „Slowbalization“ gesprochen und inzwischen hat sich auch im Mainstream-Diskurs der Begriff der Deglobalisierung etabliert. Mit Deglobalisierung ist nicht zwangsläufig ein vollständiger Rückzug aus dem Welthandel gemeint, es geht also nicht darum, dass wir jetzt alle autark werden und nicht mehr miteinander Handel betreiben, sondern vielmehr geht es um eine qualitative Veränderung globaler Verflechtung. Wir sprechen über einen Rückbau von internationalen Lieferketten, von einer Verlagerung der Produktion in geopolitisch sichere Regionen. Man erkennt staatliche Eingriffe in Marktprozesse an, ein Unding in dem sogenannten neoliberalen Zeitgeist, aber heutzutage eine aus den Umständen gewachsene Notwendigkeit. Dass sich die wirtschaftliche Struktur ändert und das ursprüngliche Unwort der Industriepolitik heutzutage in aller Munde ist, reicht über die unterschiedlichen ökonomischen Denkschulen hinweg. Eine Renaissance erleben wir in der nationalen Industriepolitik. Es handelt sich hier um eine Reaktion auf Verwundbarkeiten, die durch globale Abhängigkeiten sichtbar wurden, etwa in der Pandemie, beim Thema Halbleiter oder auch bei kritischen Rohstoffen. Ich habe es schon angedeutet, auch ideologisch hat sich etwas verschoben. Während früher eine Globalisierung einer sich immer stärker integrierenden Weltwirtschaft als Fortschritt galt, sehen heute viele Staaten die Themen Resilienz, Autonomie und geopolitische Kontrolle als den neuen Maßstab wirtschaftlicher Souveränität. Wandel durch Handel gilt im weitesten Sinne als gescheitert. Und nochmals, es geht nicht um Autarkie. Das will ich hier dezidiert betonen, es geht darum eine strategische Autonomie zu verwirklichen, die eben trotz einer Einbindung in eine globale Ökonomie Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung trotzdem noch garantiert.

Und hierfür gibt es kein Blueprint, kein Rezept, wie man es umsetzt, weil nochmals: „This time is different“. Seit der neuen Weltwirtschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nicht einen derartigen Wandel. Deswegen finde ich es eigentlich sehr, sehr spannend, wenn man jetzt nicht als Betroffener, sondern auf der Metaebene politökonomisch auf diese Entwicklungen guckt, weil es das eben in dieser Form mit einer dermaßen globalisierten Weltwirtschaft nicht gegeben hat. Aber auch was die Finanzialisierung angeht, haben wir eine neue Phase betreten und es ist wirklich sehr spannend ist zu beobachten, wie sich hier die unterschiedlichen Länder, gerade auch im globalen Norden hier neu positionieren werden und ihre neuen Verständnisse von Wirtschaftspolitik umsetzen.

Ursachen der neuen Entwicklungen

Ja, was sind die Ursachen dieser Entwicklung? Hier möchte ich fünf zentrale Treiber benennen. Also einmal natürlich die Geopolitik, die Systemkonkurrenz zwischen den USA und China. Dies ist sicherlich ein zentraler Motor, dieses sogenannte „Decoupling“ zwischen den beiden ökonomischen Schwergewichten manifestiert sich eine in Exportkontrollen, Technologiesanktionen und Investitionsverboten. Das ist etwas, was man vor zehn oder 15 Jahren sich in dieser Form wirklich nicht hätte vorstellen können. Was interessant ist, gerade wenn man Äußerungen der neuen US-Regierung verfolgt, ist das oft Aussagen gemacht werden wie „Ja, also Globalisierung wollen wir nur, wenn wir als USA profitieren, aber nicht, wenn andere Länder oder andere erfolgreiche Volkswirtschaften hier zur Bedrohung für den Hegemon werden.“ Solche Aussagen sind insofern interessant, weil sie ein Indiz dafür sind, dass die US-Regierung selber einen sogenannten neo-mercantilist Turn macht oder einen neorealistischen Turn. Win-Win ist nur erwünscht, solange wir relativ mehr gewinnen. Aber in dem Moment, in dem die politischen oder ökonomischen Partner relativ mehr gewinnen als wir und aufholen …das nicht wünschenswert, und das ist natürlich „Mercantilism at its best“. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe ist tatsächlich nicht gewollt. Und so kann man sich im Grunde genommen auch diesen Machtkampf und den Handelskonflikt oder Handelskrieg erklären. Und auch hier wieder: Es ist eine strukturelle Verschiebung. Will heißen dieser Move, chinafeindliche wirtschaftspolitische Maßnahmen zu ergreifen, ist kein Unique Selling Point einer Trump-Regierung, sondern wurden auch unter Namen wie Inflation-Reduction Act oder Chips Act von einer demokratischen Regierung getragen. Will heißen, eine Neudefinierung der US-Hegemonie in diesem geänderten Spiel ist kein Resultat Trumps. Es ist auch Resultat einer Strukturveränderung. Die Akteure können jedoch nochmals um einiges verschärfend und eskalierend wirken. Aber wir sollten uns verwehren zu denken, das ist jetzt alles nur wegen Trump. Das wäre eine gefährliche Verkürzung der Tatsachen.

Weitere Treiber sind natürlich, dass die Globalisierung, wie wir sie kannten, nicht perfekt war. Sie hat globale Krisen wie die Finanzkrise hervorgebracht, aber natürlich auch Verwundbarkeiten gezeigt in der Covid-Pandemie. Dinge wie Just-In-Time-Lieferketten und Produktion werden jetzt alle hinterfragt. Dinge wie ineffiziente Vorratsvorratsmanagements waren auf einmal wieder Thema. Man hat also gemerkt, durch diese exogenen Schocks wurden die Vulnerabilitäten des Globalisierungsmodels san die Oberfläche gespült und somit natürlich auch dieses Bedürfnis nach Autonomie, nach Handlungsfähigkeit, nach politischer Autonomie wieder reaktiviert.

Weitere Treiber ist eine protektionistische Wirtschaftspolitik. Nochmals Subventionen, Industriepolitik, ein starkes Eingreifen des Staates in das wirtschaftliche Geschehen. Eigentlich ein No-Go in der Neoklassik, aber in dieser neuen Welt ist es inzwischen das New Normal. Und zu guter Letzt müssen wir auch hier wieder die Interdependenzen zwischen dem Ökonomischen und dem Politischen sehen, natürlich auch die Globalisierung als eine kulturelle Herausforderung. Veränderungsängste, aus denen der Populismus, Kapital zieht und nationale Identitäten herausgefordert werden. Generell die Globalisierung, die eben viele Verlierer auch hervorbringt. Arbeitseinkommen sinken im globalen Norden, Strukturveränderungen, Arbeitsplätze gehen nach China verloren. Also sowohl dieser kulturelle, aber auch der ökonomische Aspekt, der die Globalisierung als eben ein Ungleichheitsverschärfer dastehen lässt. Das sind natürlich Imperative, die die Politik in diesen Deglobalisierungsschub auch mit einnimmt und nicht einfach übersehen werden kann. Ich denke, es ist kein Geheimnis, dass viele Parteien, die eben genau nicht diese Ängste, Verlustängste, Veränderungs- oder Transformationsverdrossenheit, die eben genau das nicht ernst genommen haben in der Vergangenheit, was die Globalisierung eben mit nationalen Volkswirtschaften macht, hier jetzt auch dementsprechend abgestraft werden. Da muss man eben gerade auch die Sozialdemokratie nennen, die es nicht geschafft hat, eine adäquate Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung zu geben. Und von dieser Unzufriedenheit profitieren nationalistische Kräfte und populistische Kräfte.

USA als Architekten der Globalisierung

Historisch gesehen waren die Vereinigten Staaten ja nicht nur Nutznießer dieses Systems, was sich jetzt eben gerade auflöst, sondern auch die Architekten. Bretton Woods, die WTO, der IWF. Das alles waren Institutionen, die die Regeln und Normen der Weltwirtschaft geprägt haben. Spätestens mit der Trump Administration ist es offensichtlich, dass es hier einen fundamentalen Kurswechsel gibt. Diese Institutionen, die von den USA geschaffen wurden, werden von derselben US-Regierung torpediert. Multilaterale Institutionen werden abgelehnt, weil sie zu ineffizient seien, weil sie eben nicht zureichend die Interessen des Hegemons sicherstellen. Und wir sehen diesen Move seitens der US-Regierung zu bilateralen Abkommen, zu Deals und eine Umgehung des mühsamen, mühseligen, multilateralen Wegs. Das sind gerade für die kleineren Volkswirtschaften überhaupt keine good News, weil ein multilaterales System genau das Recht des Stärkeren deaktivieren sollte. Und jetzt kann man sagen, dass der Architekt, der die Stabilität dieses Systems garantieren sollte, nicht seine Interessen gewahrt sieht und sagt, okay, da muss man das gesamte Spiel ändern oder neu aufziehen. Und genau in der Situation sind wir jetzt. Und wir als Europäer sitzen zwischen den Stühlen, zwischen den aufstrebenden Volkswirtschaften, die auch Gestaltungsansprüche anmelden und den USA, die sagt, das ist ein zu teurer Apparat. Wir bekommen unsere Interessen auch effizienter durchgesetzt, auch wenn die Europäer hier nicht ganz so gut dastehen.

Nochmals der Punkt, dass diese Industriepolitik, die eben auch ein Symptom dieser sich verändernden Weltwirtschaftsordnung ist, die Abkehr von einem liberalen, multilateralen Modell, kein Unikum ist der Republikanischen Partei oder gar einer Trump-Regierung, sondern die strategische Industriepolitik durchaus von demokratischer Seite mitgetragen wurde. Es geht also um strukturelle und nicht um akteursgetriebene Veränderung. Ja, Trump inszeniert sich stark und hat dadurch eine deutliche Prägungskraft. Aber es ist nicht nur sein Credit, dass jetzt die Weltwirtschaft so ändert, dass jetzt die USA First ist und die anderen weiter zurückfallen. Nein, diese Denke ist eben durchaus auch als dieser neo-mercantilist Turn strukturell zu beobachten und nicht einer spezifischen Person oder Regierung hier zugehörig oder attribuierbar.

Risiken für die USA

Was sind die Risiken für die USA, wenn diese Hegemonie tatsächlich immer weiter verschwindet oder sich auflöst? Durch fehlende Versuche diese aufrecht zu erhalten, verlieren die USA an Glaubwürdigkeit als Verteidiger liberaler Ordnungen und neue Formate wie BRICS, BRICS-Plus oder auch andere ökonomische Verbünde wie der Regional Comprehensive Economic Partnership oder andere ökonomische regionale Blöcke entstehen. Das ist eine große Herausforderung für die USA, dass ihre Soft Power auch mit schwindet. Die Dollardominanz gerät unter Druck, wenn sich die liberale Ordnung auflöst. Und natürlich kann man hier entgegenhalten, US-Dollar ist weiter Reservewährung, aber nichtsdestotrotz dürfen wir uns nichts vormachen, Staaten wie China, Russland oder auch Indien experimentieren mit bilateralen Abrechnungen außerhalb des SWIFT-Systems. Es ist nicht so, dass die US-Dollar-Hegemonie im Finanzsystem vollkommen unangefochten ist. Dann natürlich der technologische Wettbewerb mit China, der ein ganz großes Risiko für die USA ist. Denn wenn China weiterhin erfolgreich in Zukunftstechnologien investiert und mit den USA konkurriert, was Standards angeht, Patente und Marktzugänge, kann die technologische Führerschaft an China gehen und das System in sich zusammenbrechen. Die Politiken der US-Regierung muss man momentan so interpretieren, gerade wenn es um technological decoupling geht, dass man sagt, man ist im Moment noch im Vorsprung und hat Macht. Man hat im Moment noch die technologische Vorherrschaft und versucht durch Protektionismus die eigenen Industrien abzuschirmen und den Vorsprung noch aufrecht zu erhalten, indem man die Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen unterbindet und Produktion in den USA stärkt. Man will sich entkoppeln, damit es nicht zu diesen Überholungs-Move im technologischen Bereich kommt. Und als letzter Punkt natürlich die Strapazierung der multilateralen Allianzen. Dass ist natürlich nicht nur die der USA, wenn man jetzt nicht nur von US-Hegemonie spricht, sondern von einer kollektiven westlichen Hegemonie, welche am Ende die US- liberale -Hegemonie ist. Diese kollektive westliche Hegemonie mit US-Vorherrschaft wird natürlich in dem Moment geschwächt, wenn eine Trump-Administration diese Allianzen durch Provokationen und Dinge, die früher undenkbar waren, strapaziert.

Chancen für die USA

Ja, was sind die Chancen für die USA? Man darf nicht übersehen, trotz einer Neudefinierung dieses globalen Spiels, dass die USA nach wie vor immense strukturelle Vorteile genießt, alleine schon durch die genannte technologische Innovationskraft. Weiterhin dominieren US-Konzerne zentrale Technologiefelder. Ob es jetzt um KI geht, Cloud Computing, Biotechnologie. Und dieser Tech-Sektor ist natürlich ein zentraler Machtfaktor. Und jetzt werden alle überrascht sein. „Vielleicht kann man sich auch damit dieses Hand-in-Hand der Tech-Elite mit Trump erklären“. Ja genau, denn Trump erkennt natürlich, dass diese Tech Industrie ein Garant ist, ein konstitutives Element, hier nicht weiter zurückzufallen. Die US-Kapitalmärkte sind natürlich ein weiterer Pfeiler in dieser neuen Ordnung. Weiterhin sind diese Kapitalmärkte die tiefsten, die liquidesten. Das merken wir allein schon daran, dass wenn wir in Europa Start-ups haben, die wachsen wollen, sogenannte Scale-Ups – komischerweise wandern die dann alle in die USA, unabhängig davon, was in den USA passiert. Das ist jetzt schon überzogen formuliert, aber das ist eben der Trend. Warum? Weil wir es in Europa bis heute nicht geschafft haben, eine Banken- und Kapitalmarktunion aufzubauen, die auch nur annähernd vergleichbar ist mit dem, was in den USA an Finanzierungsmöglichkeiten möglich ist. Und das ist natürlich indirekt auch ein, ja ein Garant, dass weiterhin kein Machtverlust hier stattfindet.

Ein weiterer Punkt ist natürlich die militärische Präsenz, die Hard Power der USA, die wir Europäer auch indirekt gezüchtet haben durch unser verteidigungs- und sicherheitspolitisches Trittbrettfahrertum. Im Vergleich zu Europa, aber auch Asien, verfügen die USA immer noch über militärische Kapazitäten, dass es für uns als Europäer fast unmöglich scheint, auch hier nur annähernd mithalten zu können, trotz der 5% Ziele.

Zusammenfassend können wir sagen, dass die USA nach wie vor die Kapazitäten haben, auf diese Deglobalisierung, auf diese Neustrukturierung der globalen Weltwirtschaft strategisch zu reagieren, nicht nur Getriebener zu sein. Sie kann gezielte Allianzen bilden, sie selektiv integrieren, Blockbildungen machen, die zu ihrem Vorteil sind und eben die Kontrolle über die Zukunftstechnologien ganz entscheidend. Das erklärt übrigens auch den Konflikt mit der EU, weil die EU natürlich als Regulierungsmacht hier einen Gegenpol setzen kann. Und das kann eben aus dieser analytischen Brille nicht im US-Interesse sein und man sieht hier schon, dass diese liberale Idee des Win-Win gerade im Tech-Sektor nicht mehr zieht, sondern dass eben das Merkantilistische jetzt das new Normal ist oder geworden ist.

Zukunftsszenarien

Was sind die möglichen Zukunftsszenarien, wohin führt das Ganze? Und was bedeutet das für uns? Szenario eins ist natürlich, dass die USA eine führende Macht bleibt in einer multipolaren Koexistenz, sie aber ihre Dominanz mit China, der EU und anderen teilen muss. Ich möchte das jetzt mal gar nicht bewerten. Das ist ein guter Anknüpfungspunkt für die Diskussion. Ich will es mal so in den Raum stellen. Das zweite Szenario ist, dass die technologische Hegemonie sie zu einem technologischen Hegemonen macht und damit zu unterscheiden ist von einer normativen Ordnungsmacht. Also weiterhin Amerika in Schlüsseltechnologien dominant ist, jedoch an politischer Gestaltungskraft verliert. Somit würde sie die technological Hard Power beibehalten, aber die Soft Power und die politische Gestaltungskraft in einem internationalen System verlieren, wie es eben in einem multilateralen Setting möglich gewesen wäre. In einem dritten Szenario konsolidieren die USA bestimmte Allianzen, reformiert die WTO und schafft eine resiliente Globalisierung. So wie wir Europäer es uns wünschen würden. Nach dem Motto: das alte, liberale, multilaterale Rezept hat nicht für alle funktioniert. Es hat Verlierer in den Gesellschaften des globalen Nordens, Verlierer und Gewinner produziert, aber auch im globalen Süden. Und das würde bedeuten das sich die USA als Hegemon versteht, aber immer noch in einem multilateralen Sinne mit einer globalen Verantwortung. Natürlich gibt es auch viel mehr Szenarien. Ich gehe jetzt nicht auf eine Verschärfung des Systemkampfs zwischen den G2 ein. Wenn man jetzt Hegemonic-Stability-Theory hier anwendet, würde man sagen es geht das gar nicht, dass ein Hegemon koexistiert mit anderen Mächten. Es muss sozusagen eine politische Hegemonialmacht geben. Und das führt natürlich unweigerlich deterministisch, wenn man so diese Theoriebrille anzieht, nicht nur zur Systemkonkurrenz, sondern zum Clash dieser Großmächte. Aber der Vollständigkeit halber wäre es ein natürlich weiteres, lassen Sie es mich bewerten, Worst-Case Szenario aus Sicht von uns Europäern.

Fazit

Gut, dann komme ich zum Schluss. Die Deglobalisierung, wie wir sie erleben, stellt unsere internationale Ordnung vor eine historische noch nie dagewesene Zäsur mit offenem Ausgang. Deswegen können wir sozusagen diese unterschiedlichen Szenarien jetzt mal aufziehen. Es gibt kein Blueprint wohin wir gehen. Die Deglobalisierung, wie wir sie jetzt erleben, aus dem Stand einer globalisierten Ökonomieweltwirtschaft, wie wir sie davor nie hatten, bedeutet nicht das Ende globaler Verflechtung. Wir erleben keinen Rückzug in die Autarkie, sondern eine politische Umsteuerung. Die bisherige hegemoniale Rolle der USA ist dabei nicht garantiert. Aber das heißt nicht, dass die USA automatisch als Hegemon verschwinden wird oder diese hegemoniale Rolle überhaupt nicht mehr wahrnehmen wird. Wir sind in diesem Transitionsprozess. Historiker können jetzt vielleicht einwenden „Ja, das hatten wir doch schon mal: Großbritannien als der erste Hegemon der ersten Globalisierungswellen, und danach haben dann die USA übernommen.“ Aber ich würde hier tatsächlich den Punkt machen, dass nicht jeder historische Vergleich zieht. Also der Vergleich hinkt an dieser Stelle. Wir sind tatsächlich in einer Situation, in der wir noch nie waren und deswegen niemand mit Sicherheit sagen kann, so wird es deterministisch sein. Also davor verwehre ich mich oder davor dem Hochmut anzunehmen, dass man vorhersagen könnte, wie jetzt die Weltwirtschaftsordnung in zehn Jahren aussehen wird. Entscheidend wird sein, ob es den Vereinigten Staaten gelingt, diese Balance zwischen einer nationalen Resilienz und einer internationalen Führungsrolle neu zu erfinden und ob sie eben eine gestaltende Ordnungsmacht mit entsprechender Soft Power oder auch normativer Prägungskraft bleibt, oder ob sie sich sozusagen in merkantilistischer Hinsicht auf ihre nationalen Interessen fokussiert und konzentriert. Das, was wir gerade im Moment sehen, ist, dass die USA das Global Big Picture aus dem Auge verlieren und versucht, ihre politischen, ökonomischen Gegner klein zu halten. Das wird sich zeigen, ob man sich hier ohne den großen Systemkonflikt zurückbesinnen kann auf das, was sich unsere liberalen Architekten nach dem Zweiten Weltkrieg überlegt haben. Auf die friedensstiftende Wirkung einer vernetzten interdependenten Ökonomie, dass das genauso den Frieden stiften kann und eventuell doch die Kriegslust der partizipierenden Akteure abbremsen kann. Und gleichzeitig erlauben Sie mir die Bemerkung, dass ein eine schwindende US-Hegemonie zu Ressentiments im Land führt, sollte uns doch eigentlich gar nicht so sehr überraschen. Und deswegen sollten wir jetzt eher die Chance erkennen, dass die Globalisierung, wie wir sie erlebt haben, in den letzten Jahrzehnten zu viele Verlierer hervorgebracht hat. Und jetzt ist die Chance für eine legitime Repräsentanz aufstrebender Volkswirtschaften, Länder, die nicht zum Westen gehören. Es ist die Chance ein faireres System aufzubauen, anstatt reflexartig unsere alte Ordnung aufrechtzuerhalten. Das wird definitiv nicht gelingen.

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