Wer rastet, der rostet - auch in der Digitalisierung

Der Strukturwandel als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Obwohl die Auswirkungen der Corona-Pandemie noch nicht ausgestanden sind, Inflation, Gas- und Energiekrise als Folge des russischen Angriffskriegs in der Ukraine die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, macht der strukturelle Wandel angesichts von Digitalisierung, Dekarbonisierung, Demographie und (De-)Globalisierung vor uns nicht Halt. Das Wort "Transformation" ist in aller Munde. Ein Beitrag von Giulia Mennillo aus dem Akademie-Report 4/2022.


Tutzing / Akademie-Report / Online seit: 16.11.2022

Von: Dr. Giulia Mennillo / Foto: iStock/oonal (bearbeitet)

# Gesellschaftlicher Wandel, Digitalisierung

Cover Akademie-Report 4/2022: Die Silhouette eines Menschen, der durch eine Tür geht, umringt von verschwommenen Schaltkreisen in gelb und grün

Digitale Transformation
Akademie-Report 4/2022

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Welche gesellschaftlichen Weichen müssen gestellt werden, damit Transformation gelingen kann? Wie innovationsfähig ist unsere Wirtschaft? Wie veränderungsoffen ist die deutsche Zivilgesellschaft? Wie können wir die öffentliche Verwaltung modernisieren? In diesem Sommer haben sich zwei Tagungen an der Akademie für Politische Bildung näher mit diesen Themen beschäftigt.

Bei der Kooperationstagung mit der gwt Starnberg "Von der Digitalisierungswüste zur Digitalisierungsoase" lag der Fokus auf der Region Starnberg-Ammersee, die im nationalen Vergleich noch relativ gut aufgestellt ist. Allerdings können die wichtigsten Erkenntnisse der Veranstaltung, was Problemanalyse und mögliche Lösungsansätze angeht, durchaus auf die Bundesrepublik angewandt werden. "Die Rolle von Innovation in der großen Transformation von Arbeit und Gesellschaft" stand im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe "Zukunft der Arbeit" zusammen mit der IG Metall und dem KAB Bildungswerk.

Deutschland spielt im Mittelfeld, wenn es um die Digitalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft geht (siehe European Commission's Digital Economy and Society Index, DESI und EIBIS Corporate Digitalisation Index).
Transformation ist ein "Multi-Stakeholder-Projekt" und kann nicht von oben herab diktiert werden. Wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel bedingen einander, Unternehmen operieren nicht im luftleeren Raum. Eine wirtschaftliche Transformation kann ohne eine gesellschaftliche Transformation nicht gelingen. Die Gründe dafür sind einleuchtend: Die unterschiedlichen "Stakeholder" eines Unternehmens sind Teil einer Gesellschaft. Je nachdem, welche Veränderungskultur gelebt wird, welche Weltbilder und Normen unser gesellschaftliches Miteinander prägen, spiegeln sich diese in der Unternehmenskultur und im Verhalten der Mitarbeitenden wider.

Deutschland bei der Digitalisierung weltweit im Mittelfeld

Laut den Ergebnissen des ifo Bildungsbarometers 2022 befürworten eine Mehrheit der Deutschen berufliche Weiterbildung, um mit dem Strukturwandel Schritt zu halten. Diese positive Grundeinstellung zur Veränderung ist notwendig, damit Beschäftigte vom Strukturwandel profitieren und nicht abgehängt werden. Obwohl der Wandel in den Köpfen der meisten angekommen ist, ist die Wirklichkeit in den Unternehmen und Institutionen allerdings oft noch von einer "geht-nicht"-Mentalität geprägt, die lähmend wirkt und die Dynamik einer positiven Veränderungskultur von vornherein ausbremst.

International betrachtet spielt Deutschland, was die Digitalisierung des öffentlichen Sektors angeht, im Mittelfeld. Laut der aktuellen "E-Government" Survey der UN kommt Deutschland unter den Top 15 der Welt nicht vor.

Angesichts der Vorreiter wie Dänemark oder Finnland sollten wir uns davor hüten, den liberalen Rechtsstaat oder gar die Demokratie als Ausrede zu bemühen, warum die Digitalisierung bis dato hinkt. Dem öffentlichen Sektor kommt eigentlich eine Leuchtturm- und Vorbildfunktion beim digitalen Wandel zu. Indem die öffentliche Verwaltung mit gutem Beispiel vorangeht, kann sie "best practice"-Beispiele setzen und Innovations­motor sein.

Es ist sicherlich nicht wegzureden, dass das föderale System in der Bundesrepublik eine (zusätzliche) große Herausforderung in diesem Zusammenhang darstellt. Länder­übergreifende Standards und einheitliche Verfahren für die unterschiedlichen Dienste wären wichtig, um einen Flickenteppich zu verhindern. Anders formuliert, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung sollte die Transaktionskosten für Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen nicht noch erhöhen.

Ein oft geäußerter Vorwurf der Wirtschaft, aber auch der Kommunen an die höheren Ebenen der öffentlichen Verwaltung sei die überbordende Bürokratie. Wenn Verfahren "unbürokratisch" und "schnell" gehen sollen - wir haben es bei den Corona-Hilfen gemerkt - dann ist allerdings die Gelegenheit zum Missbrauch des Systems nicht weit. Pauschal Regelungen und Prozesse abzuschaffen, kann daher nicht die Lösung für einen handlungsfähigen staatlichen Apparat sein, der mit der Zeit geht. Gleichzeitig ist es selbstverständlich nicht zielführend, wenn sich staatliche Vorgaben im Mikro-Management verlieren. Denn dann gehen kostbare Zeit und Ressourcen verloren.

Die Rolle der Zivilgesellschaft in der digitalen Transformation

Ob es um die Energiewende oder den digitalen Wandel geht, öffentliche Verwaltung sollte als Katalysator für den Fortschritt an der Schnittstelle zwischen den staatlichen Institutionen und seinen Bürgerinnen und Bürgern fungieren, und nicht als reine Status-Quo Kraft, die beim Strukturwandel als Bremse wirkt. Die Transformationen sind derart gigantisch, dass es nur mit einem konstruktiven Miteinander zwischen Politik und Wirtschaft gelingen kann. Das Verhältnis zwischen Staat und Markt muss neu gedacht werden. Es ist eine ewig-gestrige Diskussion diese beiden Kräfte gegeneinander auszuspielen als ginge es um ein Nullsummenspiel. Für die Herausforderungen der Zukunft braucht es beides im produktiven Miteinander. Ohne effektive politische Steuerung und Koordinierung werden diese Mammutaufgaben nicht zu stemmen sein. Eine zukunftsfähige Wirtschaft und ein leistungsfähiger Staat bedingen sich einander - gerade in einer freiheitlichen Demokratie.

Gleichzeitig kann die Rolle der Zivilgesellschaft in einer Demokratie, deren Wirtschaftsordnung sozial-marktwirtschaftlich organisiert ist, nicht zu sehr betont werden. Eine passive Haltung à la "die Politik wird es schon richten", würde den Standortvorteil und die Anziehungskraft, was unser politisches System ausmacht, unterminieren. In anderen Worten: Der digitale Wandel muss auch "bottom-up" passieren, von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen - Jung und Alt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, usw. - getragen werden.

Die öffentliche Hand als Vorreiter für den digitalen Wandel

Laut Oliver Falck vom ifo Institut braucht es, zum Beispiel, einen offenen gesellschaftlichen Diskurs zum Umgang mit Daten. Die öffentliche Hand sollte eine Vorreiterrolle in der Bereitstellung anonymisierter Daten einnehmen. Dies würde die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle in Deutschland fördern. Im Moment wird oft ein falsch verstandener Datenschutz als Erklärung angeführt, weswegen die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland lahmt.

Zu diesem gesellschaftlichen Diskurs zum digitalen Wandel benötigt es ebenso das Ausdifferenzieren, was wir als "fortschrittliche Gesellschaft" verstehen. Als mündige Bürgerinnen und Bürger in einer liberalen Demokratie sind wir gerade in der Pflicht hier aktiv am Diskurs teilzunehmen und ihn zu gestalten. In Zeiten von sozialen Medien und deren Anfälligkeit von lauten, nicht die Mehrheit repräsentierenden Minderheiten, gekapert zu werden, ist dieser Aktivismus der breiten, leisen Mehrheit in der politischen Meinungsbildung mehr denn je gefragt.

Damit Transformation gelingen kann, benötigt es sicherlich auch eine andere Fehlerkultur in der Breite der Gesellschaft und eine Modernisierung unseres Bildungs-, Aus- und Weiterbildungssystems hin zu der Förderung digitaler Kompetenzen und "Future Skills". Ob es die Angst vor dem Scheitern ist, das lineare Verständnis von Karriere, fehlender Mut für "trial and error", der nötige Mentalitätswandel sollte bereits in der frühkindlichen Bildung ansetzen, so Yasmin Mei-Yee Weiß von der Technischen Hochschule Nürnberg. Eine digital affinere Wirtschaft und Gesellschaft wird mit den veränderten Anforderungsprofilen auf dem Arbeitsmarkt produktiver umgehen können; lebenslanges Lernen, Umschulungen, die Aufwertung der Berufsausbildung werden selbstverständlich sein.

Rawi Abdelal und Thomas J. DeLong von der Harvard Business School haben in diesem Jahr ein Arbeitspapier veröffentlicht über die Ursprünge der Unzufriedenheit auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt. Seit dem Frühjahr 2021 haben ca. 4 Millionen Menschen in den USA ihren Arbeitsplatz gekündigt ("Great Resignation").

Die analytische Brille des Papiers kann man gut auf Deutschland in der gegenwärtigen Situation anwenden, sein Geschäftsmodell neu zu erfinden. Die Autoren sprechen von einer Krise des "Mentoring and Meaning", einer Führungs- und Sinnkrise, die viel Frustration bei den Mitarbeitenden auslöst. Um Innovationsfähigkeit zu fördern und dem Wandel positiv gegenüberzustehen, ist es im Umkehrschluss entscheidend, dass sich Menschen anerkannt und wertgeschätzt fühlen für das, was sie können, jenseits der materiellen Dimen­sion. Aspekte wie eine faire Bezahlung seien zwar notwendig, aber nicht hinreichend.

Neben sozialer Anerkennung sind sowohl die wahrgenommene Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit als auch das Gefühl der Zugehörigkeit entscheidende Schlüssel, warum Menschen offen für Veränderung sind. Sei es in den Betrieben, Behörden, Schulen oder auch privat in der Familie sind alle gefragt, in der eigenen Lebenswirklichkeit den Unterschied zu machen. Ob wir als Gesellschaft wandlungsfähig für eine digitale und nachhaltige Zukunft sind, ist nicht nur eine politische Aufgabe, es fängt auch bei einem selbst und im sozialen Miteinander im Kleinen an.


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