Helmut Schleich lässt Tutzing lachen

Kabarettist bringt Corona-Geschichten und Franz Josef Strauß an die Akademie

Die Kultur erlebt schwere Zeiten. Bei Abstandsgebot und Maskenpflicht kommen Stimmung und Einnahmen nur schwer auf. Gleichzeitig liefert die Pandemie vor allem Kabarettisten ständig neuen Stoff. Helmut Schleich war mit seinem Programm "Kauf, Du Sau!" zu Gast an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing und hatte neben Corona-Geschichten auch seine Paraderolle Franz Josef Strauß im Gepäck. Der Auftritt wurde live in der Sendung radioSpitzen auf Bayern 2 übertragen.


Tutzing / Kultur / Online seit: 12.01.2022

Von: Beate Winterer / Foto: Carla Grund genannt Feist

# Kultur

Programm: Kultur am See: Kauf, Du Sau! Ein Kabarettabend mit Helmut Schleich

Kauf, Du Sau! Ein Kabarettabend mit Helmut Schleich

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing. Bitte klicken Sie auf das Foto, falls die Galerie nicht lädt. Sie werden zu Flickr weitergeleitet.

"Es ist nicht unbedingt mit den eruptivsten Reaktionen aus dem spärlich vorhandenen Publikum zu rechnen. Da müssen Sie sich auch keinen Zwang antun", beruhigt Helmut Schleich gleich zu Beginn seine Zuhörerinnen und Zuhörer, die einander im Hörsaal der Akademie für Politische Bildung fast suchen müssen. Eigentlich hatte der Kabarettist Ende des vergangenen Jahres alle Auftritte abgesagt - mit einer Ausnahme: Für die Veranstaltung "Wer, wenn nicht wir? Werkraum Demokratie: Politik und Gesellschaft neu denken" der Akademie für Politische Bildung, Bayern 2 und der Nemetschek Stiftung kam er nach Tutzing. "In einer Zeit, in der man Kabarett und Kabinett gar nicht mehr unterscheiden kann", wie Schleich sagt, zeigte er vor 30 Leuten "in einem Saal, der in Friedenszeiten 200 locker fassen würde" sein Programm "Kauf, Du Sau!". Gleichzeitig wurde der Auftritt live in der Sendung radioSpitzen auf Bayern 2 übertragen. Mit Corona-Alltag, Münchner Stadtgeschichten und seiner Paraderolle Franz Josef Strauß - oder wie Schleich sagen würde: "desjenigen, der Bayern erfunden hat" - unterhielt er sein Publikum trotz der ungewöhnlichen Umstände ausgezeichnet.

Der Hund: Statussymbol in der Pandemie

Zum Beispiel mit den Corona-Hunden, die sich so viele Leute angeschafft haben. "Es gehört zu den Ungereimtheiten des neuen bayerischen Absolutismus unter König Markus I., dass man zum Beispiel während der Ausgangssperre mit einem Hund die ganze Nacht draußen sein durfte, während man ohne Hund spätestens um 9 bis hierhin (er zeichnet mit der Hand eine Kante unter dem Kinn, Anm. d. Red.) zugedeckt unter der Bettdecke liegen sollte." Den Hunde-Boom erklärt das allein aber nicht für Schleich. "Da hätte es ja gereicht, sich eine Hundeleine zu kaufen. Und wenn die Polizei zum Kontrollieren kommt, sagt man: 'Der ist mir gerade abgehauen! Ich suche ihn.'"

Was steckt also hinter den vielen Hunden, die aus dem Nichts in Schleichs Nachbarschaft aufgetaucht sind? Er hat eine Theorie: VW hat mit dem Dieselskandal das Statussymbol Auto so beschädigt, dass ein neues her musste: der Pelzmantel auf vier Pfoten, der Rassehund. Dackel und Schäferhund reichen nicht mehr aus, die Rassen werden immer ausgefallener - und es kommt auf die Story hinter der Rasse an. "Den Maltesischen Kapitänshund haben früher maltesische Kapitäne mit aufs Meer genommen. Deswegen hat er so ein langes Fell, dass er sich bei Seegang in der Reling verheddert und nicht über Bord geht - oder so ähnlich", erklärt Schleich. Er kennt auch den Keltischen Wasserhund mit Schwimmhäuten zwischen den Pfoten - die braucht er für den Fischfang. Seinen eigenen Mischling stellt er in München-Schwabing inzwischen nur noch als "Chinesischen Suppenhund" vor. "Da setzt sofort der Mitleidseffekt ein", sagt Schleich. Und den wiederum nutzt sein erfahrener Hund geschickt zum Erbetteln von Leckerlis.

Aber nicht nur in Sachen Hund wundert sich Helmut Schleich über die Großstädter. "In Berlin trinken jetzt alle wieder Filterkaffee - mit Schwallbrühung oder cold brew: kalt aufgießen, über Nacht stehen lassen, dann sind ganz andere Aromen drin", erklärt er. Er sieht in dem Trend eine Möglichkeit, den Tourismus in Bayern wieder anzukurbeln - mit Weißwurst cold brew. "Man muss da kreativ sein. Die Weißwurst kommt ins Wasser, dann wird sie vier Tage stehen gelassen und dann serviert man sie dem Tourist und kann sagen: 'Da sind völlig andere Aromen drin.'"

Helmut Schleich lässt Franz Josef Strauß wiederauferstehen

Apropos Bayern: Wo Helmut Schleich ist, ist Franz Josef Strauß nicht weit. Mit Hornbrille, Trachtenjanker und Latein-Vokabeln, tief übers Rednerpult gebückt, schlüpfte der Kabarettist auch in Tutzing in die Rolle des früheren Ministerpräsidenten und kritisierte seine Nachfolger, darunter der "Polit-Moses Söder, der sein Volk in der Wüste Pandemia darben lässt und ihm die Gesetzestafeln um die Ohren haut, die er vom Gottvater der Virologie Christian Heinrich Maria Drosten persönlich am Berge Charité überreicht bekommen hat". Aufgefallen sei ihm Söders Verhalten aber schon vor der Pandemie, als er Bäume umarmt hat. "Da muss man aufpassen, so hat's beim König Ludwig auch angefangen...", warnt der wiederauferstandene Strauß vor dem fränkischen Nachfolger. Ohnehin sei es nicht gut, wenn der bayerische Ministerpräsident aus den Kolonien käme. Die Engländer machten schließlich auch keinen Kenianer zum König.

Aber auch über die Bayern unter den bayerischen Politikern, "den späteren Euro-Chaoten Waigel, den G8-Versemmler und Transrapid-Verlierer Stoiber, den kreativen Altöttinger Steuersparer Tandler", weiß der Schleich-Strauß wenig Gutes zu berichten. Genau wie über die Umfragewerte der CSU, die mittlerweile unter 30 Prozent liegen. Bei solchen Werten hätte sich Strauß nämlich "im Türstock aufgehängt". Wer also führt die CSU zurück zu alter Größe? Einige Journalisten hätten empfohlen, Söder müsse "durch das Stahlbad Berlin gehen". Aber kann das helfen? Der Wiederauferstandene macht es kurz: "Aus einem Söder wird niemals ein Strauß - aus!"

Kaufen statt gesund bleiben

Nach mehr als einer Stunde verabschiedet sich Helmut Schleich von den Gästen in Tutzing und im Radio - bewusst ohne den gerade so beliebten Gruß "Bleiben Sie gesund!". Denn der steht mittlerweile auf jedem Kassenzettel und auf jeder Rechnung - "egal, ob du auf Krücken gehst oder Heuschnupfen hast", sagt Schleich. "Bleiben Sie bitte gesund! Wie oft hat man's ihm gesagt? Und was macht er, der Depp? Wird krank." Stattdessen kehrt er zum Titel seines Programms zurück und spricht über Brainhacking. "Da brauchst du keine Werbung mehr, da kommen Kaufimpulse direkt in dein Gehirn. Stell dir vor, nach so einem Abend wie jetzt hast du Durst und willst beherzt nach einer Flasche Tegernseer Hell greifen... Zack! Kommt der Hacker, hast ein Hacker in der Hand", befürchtet Schleich. Da die Lage ohnehin aussichtslos erscheint, bleibt nur eines übrig: "Kauf, Du Sau!", flüstert er seinem Publikum zu.


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