Die CSU sollte froh sein: Söder ist nicht Kanzlerkandidat

Akademie-Kurzanalyse 1/2021 von Ulrich Berls

Der Aufsatz "Glückliche Niederlage: Warum die CSU froh sein sollte, dass Markus Söder nicht Kanzlerkandidat wurde" von Ulrich Berls* wurde im Juli 2021 als Akademie-Kurzanalyse veröffentlicht.


Tutzing / Publikation / Online seit: 02.07.2021

Von: Ulrich Berls / Foto: Pixabay License/Josef A. Preiselbauer

# Bayern, Parlamente Parteien Partizipation

Ulrich Berls
Glückliche Niederlage: Warum die CSU froh sein sollte, dass Markus Söder nicht Kanzlerkandidat wurde
Akademie-Kurzanalysen, Tutzing, 2021

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Politisches Scheitern kannte Markus Söder bis dato nicht. Mit 27 Jahren wurde er Landtagsabgeordneter, mit nur 36 CSU-Generalsekretär. Auch seine Karriereschritte als Bayerischer Europaminister, dann Umweltminister, schließlich Finanzminister folgten Schlag auf Schlag. Als er endlich zum Bayerischen Ministerpräsident vereidigt wurde, war er im März 2018 mit gerade einmal 51 Jahren der jüngste Regierungschef in der Geschichte Bayerns.

Seine erste persönliche politische Niederlage erlitt er im April 2021, als sein Griff nach der Kanzlerkandidatur der Union misslang. Der unscheinbare Armin Laschet, freundlich assistiert von Wolfgang Schäuble, stach den Hünen aus Bayern aus.1 Was den überehrgeizigen Erfolgsmenschen Markus Söder persönlich zutiefst schmerzen dürfte, könnte sich für seine Partei, die CSU, als Glücksfall erweisen.

Der Hardliner

Dass Markus Söder überhaupt Chancen im Kandidatenrennen der Union hatte, gleicht einem politischen Wunder. Bis vor wenigen Jahren waren seine Sympathiewerte verheerend. Und das nicht nur beim Wahlvolk, sondern auch bei Kollegen innerhalb des Politikbetriebs. Sein erster Auftritt als frischgewählter bayerischer Regierungschef bei der Ministerpräsidentenkonferenz im Frühsommer 2018 geriet sogar zum Fiasko. Bayerisches Selbstbewusstsein sei man dort gewohnt, berichteten Teilnehmer, aber derartige Präpotenz sei neu. Als über den Asylplan der CSU abgestimmt wurde, lehnte ihn die Ministerpräsidentenkonferenz mit 1 zu 15 Stimmen ab.2 Diejenigen, die Markus Söder immer schon mangelnde Parkettfähigkeit in Berlin attestiert hatten, sahen sich bestätigt. Nur zwei Jahre zuvor hatte Horst Seehofer noch das Kunststück hinbekommen, dass ausgerechnet die Länderrunde mit 16 zu 0 für ein Konzept von ihm stimmte, das Bayern beim Länderfinanzausgleich spürbar entlastete.3

Raufbold, Polarisierer, Wadlbeißer - all das sind Charakteristika für Markus Söder, die ihn von Beginn seiner Karriere an begleiteten. Als Generalsekretär hatte er sich deutschlandweit einen Ruf wie Donnerhall erworben. Kopftücher hätten in bayerischen Klassenzimmern nichts zu suchen, sagte er. Oder: Er werde in der Bundesversammlung Bundespräsident Horst Köhler nicht wiederwählen, weil dieser über die Begnadigung eines RAF-Terroristen nachdachte. Als Bayerischer Finanzminister forderte er in der Eurokrise, man müsse an Griechenland ein Exempel statuieren und es wie Bergsteiger machen, die das Seil halt durchschneiden, wenn ein Partner unrettbar darin hänge.4

Auch ganz oben angekommen, blieb er seinem kernigen Stil treu. Zu Söders ersten Amtshandlungen als Ministerpräsident gehörte ein kulturkämpferischer "Kreuzerlass", der vorschrieb, im Eingangsbereich jeder bayerischen Behörde ein christliches Kreuz "gut sichtbar" zu installieren. Am auffälligsten war jedoch Söders brachialer Anti-Merkel-Kurs. Im erneuten Asylstreit innerhalb der Union vom Frühsommer 2018 argumentierte Söder noch härter als Innenminister Seehofer. Der "Asyltourismus" müsse ein Ende haben, die finanziellen Hilfen hierzulande für Flüchtlinge seien ein "Asylgehalt", das immer mehr Migranten anlocke, sagte er. Zur Abschlussveranstaltung des Landtagswahlkampfs lud er Kanzlerin Angela Merkel demonstrativ aus und stattdessen einen ihrer Intimfeinde in der Europäischen Union ein, den österreichischen Kanzler Sebastian Kurz. "Zu meiner Abschlusskundgebung kommt keine Bundeskanzlerin, sondern ein Bundeskanzler", tönte er.5

Das weiß-blaue Chamäleon

Diese Konfrontationsstrategie misslang. Das CSU-Resultat bei der Landtagswahl im Oktober 2018 war eine herbe Enttäuschung. Nur 37,2 Prozent. Das lag mehr als 10 Prozentpunkte unter dem Resultat von Horst Seehofer 2013. Noch 2008 war das Tandem aus Ministerpräsident Günther Beckstein und Parteichef Erwin Huber wegen eines Ergebnisses von immerhin 43,4 Prozent gnadenlos entmachtet worden. Doch Markus Söder ging mit dem schlechtesten CSU-Ergebnis nach 1950 als strahlender Verlierer vom Feld. Die AfD hatte auch im Freistaat die Wahlarithmetik verschoben, ein Anti-CSU-Bündnis war politisch nicht möglich, stattdessen fand sich mit den Freien Wählern rasch ein williger Koalitionspartner, der die CSU an der Macht hielt.

Die Landtagswahl 2018 nennt Söder heute seine politische "Nahtoderfahrung". Schmerzlich habe er begreifen müssen, dass man mit markig-rechten Tönen keine Wähler von der AfD zurückholen könne.6 In der Folgezeit legte Markus Söder eine Imagepolitur hin, wie sie in diesem Tempo und dieser Drastik wohl noch niemals ein deutscher Spitzenpolitiker gewagt hat. Als beim "Volksbegehren Artenschutz - Rettet die Bienen" im Februar 2019 doppelt so viele Unterschriften zusammen kamen wie nötig, wurde aus dem einstigen "Grünenfresser" Markus Söder schlagartig ein "Bienenretter". Auch forderte er mehr Tempo beim Kohleausstieg und sogar ein Klimaschutzgebot im Grundgesetz. Im Sommer 2019 ließ er sein neu erfundenes "Klimakabinett" im Garten der Staatskanzlei tagen. Dabei entstand ein Foto, das selbst eingefleischten "Söderianern" zu viel war und den Bayerischen Ministerpräsidenten zeigt, wie er zärtlich einen Baum umarmt.7

Wer sich über Szenen wie diese wundert, hat Markus Söder nicht verstanden. Die Weisheit "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" kennt jeder, aber kein deutscher Politiker hat sie auch so internalisiert wie er. Nach dem ersten juristischen Staatsexamen hatte Söder auf das zweite verzichtet und stattdessen ein Volontariat beim Fernsehen absolviert. Er begriff rasch, wie visuelle Medien funktionieren. Hinzu kommt eine äußerst geringe Hemmschwelle vor eventuell peinlichen Bildern. Bei der Veitshöchheimer Fastnacht etwa, die im Bayerischen Fernsehen Jahr für Jahr Einschaltrekorde generiert, war er jahrelang der Gast mit den grellsten Kostümen. Erst seit er Ministerpräsident ist, verzichtet er dort auf Maskeraden.

Sein stilistischer Salto 2019 vom rechten Politrowdy zum angegrünten Konsenspolitiker verbesserte seine persönlichen Umfrageergebnisse etwas, aber die Werte für seine Partei blieben konstant im Keller: 36 Prozent maß INSA für die CSU im September 2019 bei der Sonntagsfrage zu einer Landtagswahl in Bayern, 37 Prozent GMS im Oktober 2019 und wieder nur 36 Prozent waren es bei Infratest dimap sogar noch im Januar 2020. Die CSU verharrte das ganze Jahr 2019 deutlich unter 40 Prozent.8 Doch dann kam Corona...

Södern statt Zögern

Nur einer Laune des politischen Kalenders war es zu danken, dass Bayern zu Beginn der Coronakrise den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz innehatte. Nach den häufigen Beratungen der Kanzlerin mit den Länderchefs saß Söder immer publikumswirksam neben Angela Merkel, was er mit seinem großen medialen Geschick perfekt zu nutzen wusste. Seiner Aufgabe, als Sprecher der Ministerpräsidentenkonferenz, die Meinungsvielfalt der Länder wiederzugeben, kam er keiner Sekunde lang nach, er nutzte die Bühne vielmehr brillant zur Selbstdarstellung. Bayern war immer auf Merkel-Kurs, das hieß, der "virologische Imperativ" überlagerte alles: Skrupel vor eventuellen ökonomischen oder sozialen Kollateralschäden von Lockdowns war etwas für Leute, die nicht begriffen hatten, was eine Exponentialfunktion bedeutet. Auch für verfassungsjuristische Bedenkenträgerei war jetzt kein Platz.

Sein altes Image als "harter Hund" hatte Söder zwar abgestreift, nur als Coronabekämpfer konservierte er es geschickt. Die verängstigten Pandemie-Deutschen sehnten sich nach Führung. Noch zupackender als die scheidende Bundeskanzlerin wirkte der vitale Regierungschef aus München. Die demoskopischen Werte gingen durch die Decke: Anfang März 2020 lagen CDU/CSU laut Forschungsgruppe Wahlen noch bei 26 Prozent, Ende Juni 2020 bei satten 40 Prozent.9 Markus Söder kletterte in der Popularitätsskala der Spitzenpolitiker nach ganz vorne. Aus dem unbeliebtesten Ministerpräsident Deutschlands war schlagartig der beliebteste geworden. Viel wichtiger noch als der Bundestrend: Die bayerischen Zahlen explodierten, das CSU-Barometer stand im Juli 2020 bei 49 Prozent für die Sonntagsfrage zu einer Bayerischen Landtagswahl, Zahlen fast schon auf einstigem Strauß- oder Stoiber-Niveau.10 In den sozialen Medien machte sich ein vielgeklickter Hashtag mit dem Titel "Södernstattzögern" breit, der den willkommenen Eindruck auf den Punkt brachte: Bayern handelt energischer als die anderen.

Söder hatte offensichtlich nach der ernüchternden Landtagswahl 2018 alles richtig gemacht: Keinerlei Kritik mehr an der Bundeskanzlerin. Nicht ein Protestwörtchen gegen Merkels Verrat am CSU-Mann Manfred Weber, den sie in Brüssel einfach fallen gelassen hatte, als es um den Chefposten in der EU-Kommission ging, obwohl Söder vorher noch vollmundig die Europawahl zur "Manfred-Wahl" erklärt hatte. Auch gab es keinen Widerspruch der CSU, dem einstigen Bollwerk gegen jedwede Form von europäischer "Schuldenunion", als Kanzlerin und Bundesfinanzminister sich für europäische Coronahilfsfonds aussprachen. Stattdessen lud er die Bundeskanzlerin zu einem bildstarken und harmonietriefenden Besuch ins Prunkschloss von Herrenchiemsee ein.

Den Schlusspunkt in seiner Entwicklung vom obersten Merkel-Widersacher zum ersten Merkelianer setzte er ausgerechnet beim Hochamt des CSU-Eigensinns: Beim Politischen Aschermittwoch in Passau 2021 sagte er, wer bei der nächsten Bundestagswahl Merkel-Stimmen wolle, der müsse auch Merkel-Politik machen.11

Höhenflug

Von heute aus betrachtet, wirkt dieser Satz bereits wie eine verklausulierte Kanzlerkandidatur. Söder hatte den Wählern in Bayern jedoch immer und immer wieder versichert: "Mein Platz ist in Bayern, und da bleibe ich auch".12 Und auch nach dem Aschermittwoch ließ er nochmals zwei Monate vergehen, ohne sich klar zur Kanzlerkandidatur zu positionieren. "Zögern statt Södern" war in der Kandidatenfrage sehr lange seine Strategie gewesen. Dann - endlich - am 11. April verkündete er offiziell, dass er es doch wissen wolle.

Ganz bescheiden versicherte Söder, er mache nur ein Angebot und werde selbstverständlich jede Entscheidung der größeren CDU akzeptieren. Als sich Vorstand und Präsidium der CDU für Armin Laschet aussprachen, nahm er dieses Votum jedoch nicht an. Er delegitimierte sogar die CDU-Gremien, als er von "Hinterzimmer-Entscheidungen" sprach und hoffte auf eine Pro-Söder-Revolte getragen von der Bundestagsfraktion der Union und der CDU-Basis. Nach einigem Hin und Her gestand er am 21. April schließlich doch die Niederlage ein und versprach, seinen Konkurrenten mit allen Kräften im Bundestagswahlkampf zu unterstützen. Wie sehr es in ihm rumorte, dass nicht er, der Umfragenkönig, sondern der wenig populäre Armin Laschet, Kanzlerkandidat wurde, war schon zwei Tage später nachzulesen. Der Süddeutschen Zeitung gab der "Kanzler der Herzen", zu dem ihn CSU-Generalsekretär Markus Blume erkoren hatte, ein Interview, das er mit einem Zitat der Zeichentrickfigur Paulchen Panther schloss: "Heute ist nicht alle Tage, ich komme wieder, keine Frage".13

Was beim Dramolett dieser Kandidatur nicht übersehen werden darf: Berlin war ursprünglich wirklich nie Söders Karriereziel gewesen, sonst hätte er nicht alle seine Netzwerke ausschließlich in Bayern geknüpft. Söder kennt das politische Berlin nicht wirklich. Doch sein coronabedingter bundesweiter Popularitätsschub, die unverhoffte Chance, die man in einem Politikerleben vielleicht nur einmal bekommt, als Bundeskanzler die Weltbühne betreten zu können, haben seinem Ego derart geschmeichelt, dass er die Bodenhaftung verlor. Menschen, die noch nie in ihrem Leben CSU gewählt hatten, beklatschten seine Pandemiepolitik, sogar Medien, die niemals einen guten Satz für ihn übrig hatten, schrieben plötzlich respektvoll über ihn. Im Juli 2020 hätten laut Forschungsgruppe Wahlen 64 Prozent der Deutschen Markus Söder das Kanzleramt zugetraut. Das stieg ihm zu Kopf, deshalb kandidierte er. Für seine Partei kommt nun alles darauf an, wie die Landung dieses Höhenflugs aussehen wird.

Prinzipiell kanzlertauglich

Es gehört zum selbstbewussten Rollenbild von CSU-Vorsitzenden - erst recht, wenn sie in Personalunion auch noch Ministerpräsidenten sind -, sich für kanzlertauglich zu halten. Söders Idol Franz Josef Strauß warf 1980 seinen Hut in den Ring, sein Mentor Edmund Stoiber trat 2002 an. Dass beide im Bund scheiterten, entpuppte sich im Nachhinein überhaupt nicht als Schaden für ihre Partei. Das bayerische Wahlvolk reagierte trotzig auf die Niederlagen ihrer Kandidaten: Strauß kam 1982 in der Landtagswahl nahe an eine Zweidrittelmehrheit der Sitze. Edmund Stoiber überschritt sie 2003 sogar.14

Das Credo der CSU lautet seit ihrer Gründung "Bavaria First", solches Denken ist schlichtweg der Daseinszweck einer Regionalpartei. Ein CSU-Bundeskanzler müsste von diesem Prinzip abweichen und ständig beweisen, dass es ihm nicht länger nur um Bayern, sondern ums große Ganze geht. Das hätte für Söder 2021 wohl noch stärker gegolten als für Strauß 1980 und Stoiber 2002.

Die CSU wäre in jeder denkbaren Koalitionszusammensetzung die kleinste Regierungspartei. Wie stark kann ein Kanzler sein, wenn er mit Parteien regieren muss, die deutlich größer sind als seine eigene? Ließe sich dann weiterhin so leicht Beute in Berlin für Bayern machen wie bisher? Niemand würde beispielsweise einem CSU-Kanzler durchgehen lassen, dass die Bayern als Verwalter des riesigen Etats des Verkehrsministeriums weiterhin großzügig Mittel in ihr Heimatland schleusen.15

Das Dilemma, als Vertreter der schwächsten Partei eine Koalition mit weitaus stärkeren Partnern führen zu müssen, hätte für Markus Söder nur funktionieren können, wenn sich die CDU der CSU regelrecht unterworfen hätte und die gesamte Union zu einer Art Söder-Wahlverein mutiert wäre. Es gab in den turbulenten Tagen im April 2021 zwar einige CDU-Ministerpräsidenten und manche Parteigliederungen, die sich für Söder aussprachen, aber am Ende votierte der Vorstand der CDU klar mit 31 Stimmen für Armin Laschet, nur neun Stimmen gab es für Markus Söder, bei sechs Enthaltungen. Die Identitätskrise, in der sich die CDU spätestens seit der unglücklichen Staffelübergabe des Parteivorsitzes von Angela Merkel an Annegret Kramp-Karrenbauer befand, war deutlich spürbar. Die ausgezehrte Partei trudelte, aber am Ende hat sich die große Unionsschwester der kleinen nicht gebeugt.

"Ein CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident ist eigentlich ausbefördert", sagte Söder im großen SZ-Interview nach seiner Niederlage. Einzig aus "Verantwortung für das Land" sei er angetreten. Die pathetische Begründung, dass man den Traumjob in Bayern nur aus Sorge um ganz Deutschland aufzugeben bereit ist, mag ja für Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber einst noch richtig gewesen sein. Bei Markus Söder verfängt sie nicht. Strauß und Stoiber konnten es sich leisten, in das Rennen ums Kanzleramt gehen, weil zu Hause das Feld bestellt war und ihre Partei auf stabilen 50-plus-x-Ergebnissen ruhte. Markus Söder kann hingegen nur seine 37 Prozent bei der Landtagswahl 2018 vorweisen. Es mag ja sein, dass ein Bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender keine "Beförderung" mehr braucht, aber Markus Söder hat seine größte Aufgabe noch gar nicht erledigt. Die CSU ist längst noch nicht wieder gefestigt.

Bundestagswahlen sind sekundär

Ein Rätsel der deutschen Parteiendemokratie ist und bleibt die Frage: Haben wir es bei der CSU mit einem kleinen Riesen oder einem großen Zwerg zu tun? Greift man zwei essenzielle Parameter heraus, die eine Volkspartei definieren, dann ist die CSU womöglich die letzte echte Volkspartei des Landes: Zum einen ist sie trotz rückläufiger Wahlergebnisse die einzige Gruppierung, die verlässlich immer noch über 30 Prozent liefert. Zum Zweiten ist sie (proportional zu ihrem Wahlgebiet) die mitgliederstärkste deutsche Partei, alle anderen Parteien liegen weit darunter.16

Gleichwohl bleibt auch die CSU von der allgemeinen Krise der Volksparteien nicht verschont. Ihre legendäre Verwurzelung in der Gesellschaft, ihre Durchdringung des vorpolitischen Raums ist nicht mehr so dominant wie früher. Hundertausende von wahlberechtigten Zuzüglern aus dem Westen, Norden und Osten der Republik, die nur wegen der Jobs ihre Heimat verlassen haben, können zudem wenig mit einer Partei anfangen, deren oberster Programmpunkt "Bayern zuerst" lautet. Auch wäre es grotesk, wenn ausgerechnet das technologisch innovativste Bundesland keine Modernisierungsspesen zu zahlen hätte. Hergebrachte Milieus lösen sich auf, gänzlich neue bilden sich. Traditionelle Bindungen erodieren, auch in Bayern steigt beispielsweise die Zahl der Kirchenaustritte, auch in Bayern wächst die Zahl der Singlehaushalte.17

Spätestens seit der Landtagswahl 2008, als die CSU 17,3 Prozentpunkte gegenüber der Landtagswahl zuvor verlor und sich in eine Koalition mit der ungeliebten FDP retten musste, ist ihr Nimbus der Unbesiegbarkeit dahin. Was die CSU von den anderen bisherigen Volksparteien CDU und SPD, aber auch von der eventuell zukünftigen, den Grünen, unterscheidet, ist ihre Eigenart als Regionalpartei. Bundesweit agierende Parteien können Wahlen verlieren, für eine Partei jedoch, die nur auf ein Bundesland reduziert ist, wäre das lebensgefährlich.

Selbstverständlich kann die CSU bei Europa- oder Kommunalwahlen einmal Schlappen einstecken. Auch schlechte Bundestagsergebnisse sind zu verkraften. Von 1969 bis 1982 und von 1998 bis 2005 war sie im Bundestag in der Opposition. Geschadet hat ihr das überhaupt nicht, in diesen Perioden fuhr sie zu Hause sogar Traumergebnisse ein. Aber eine Wahl darf sie nicht verlieren - ihre, die Bayerische Landtagswahl. Ohne Regierungsmacht im flächenmäßig größten und bevölkerungsmäßig zweitgrößten Land, ohne dieses wirtschaftsstarke und erfolgreiche Fundament wäre sie ein Nichts. Dies führt zu dem demokratietheoretisch eigentlich verbotenen Befund, dass die CSU in Bayern strukturell oppositionsunfähig ist. Verlöre sie die Bayerische Staatskanzlei, würde sie bald in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Vor diesem Hintergrund war die Kandidatur 2021 des Bayerischen Ministerpräsidenten ein ziemlich verantwortungsloses Spiel mit dem Feuer. Der demoskopiebesessene Markus Söder hat in seiner Auseinandersetzung mit Armin Laschet ständig mit seinen guten Umfragewerten argumentiert. Daher lohnt ein Blick auf die Zahlen.

Schicksalswahl

Die rabiate Art der Auseinandersetzung um die Kanzlerkandidatur schreckte viele Wähler ab. Und die Betrugsaffäre um Corona-Schutzmasken, in die besonders CSU-Politiker verwickelt waren, brachte die pandemiemüden Menschen sogar gegen die politische Klasse auf. Die hübschen CSU-Werte vom Krisenjahr 2020 fielen im Frühjahr 2021 wieder zurück auf das Vor-Corona-Niveau.

Auf 32 Prozent rutschte die CSU im Mai 2021 bei der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl, auf 36 bis 38 Prozent bei der Frage zur Landtagswahl.18 Mit anderen Worten: Die CSU müsste derzeit froh sein, wenn sie das historisch schlechte Ergebnis von 37,2 Prozent aus dem Jahr 2018 bei der nächsten Wahl überhaupt halten könnte.

Die Vorstellung, ein eventueller Bundeskanzler Markus Söder hätte von Berlin aus seiner Heimatbasis Stabilität verleihen können, ist verwegen. Seine größeren Koalitionspartner hätten ihm selbstverständlich auch Bayern-unfreundliche Entscheidungen abgerungen. Die CSU muss schon in Bayern und nicht etwa in Berlin gerettet werden.

Als erste Etappe sollte die CSU nun ein respektables Ergebnis bei der Bundestagswahl im September erzielen. Der überproportional hohe Stimmenschub, den die CSU immer schon für die Unionsgemeinschaft beigesteuert hat, gehört zum Geschäftsmodell dieses Unikums der deutschen Parteienlandschaft. Von Konrad Adenauer bis Angela Merkel haben alle CDU-Kanzler die notorischen Sticheleien aus Bayern nur deshalb hingenommen, weil sie immer die nüchterne Weisheit beherzigten: "Die CSU muss nicht bequem sein, die CSU muss erfolgreich sein."

Für viele Söder-Skeptiker offenbarte die Härte der Auseinandersetzung um die Kanzlerkandidatur, dass der "alte" Söder, der Politgrobian, nicht wirklich geläutert sei, sein Wandel nur ein PR-Manöver war. Diesen Eindruck kann er nur ausräumen, wenn er jetzt ernsthaft Wahlkampf für Armin Laschet macht. Sollte die CSU bei der Bundestagswahl dann traditionell wieder mehr Prozente (und Direktmandate) liefern als jeder andere CDU-Landesverband, wäre der erste, der kleinere Teil seiner Mission erfüllt und er könnte sich auf seine Hauptaufgabe stürzen, die CSU-Schicksalswahl 2023.

Niemand kann vorhersagen, was bis zur nächsten Landtagswahl geschehen wird. Der in der Corona-Krise gereifte und gestärkte Markus Söder hätte alle Chancen, das Minimalziel einer Fortführung der Koalition mit den Freien Wähler zu erreichen. Denkt man an das demoskopische Potenzial, das sich 2020 zeigte, wäre sogar eine Rückkehr zur absoluten Mehrheit möglich. Aus CSU-Sicht ist es deshalb ein Gewinn, dass ihre stärkste Figur in Bayern bleibt und sich nicht als Regierungschef in Berlin von Kompromiss zu Kompromiss hangelt.

Da die CSU aller Voraussicht nach auch der nächsten Bundesregierung wieder angehören wird, kann ohne sie im Koalitionsausschuss sowieso nichts gehen. Und weil eine CDU ohne den Partner aus Bayern vielleicht sogar kleiner als die Grünen wäre, gilt das alte Bonmot von Franz Josef Strauß heute mehr denn je: "Es ist mir doch egal, wer unter mir Kanzler wird".19


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