Das abgehängte Drittel?

Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Polarisierung

Der gesellschaftliche Wandel führt in Verbindung mit globalen Krisen auch dazu, dass sich immer mehr Menschen aus der Gestaltung der Demokratie zurückziehen. Die Tagung "Das abgehängte Drittel? Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Polarisierung" der Akademie für Politische Bildung hat sich mit den Ursachen beschäftigt, warum Gesellschaften immer weiter auseinandertreiben. Und sie hat nach Wegen gesucht, wieder mehr Menschen in die politische Willensbildung einzubinden.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 22.06.2021

Von: Antonia Schatz / Foto: Antonia Schatz

# Gesellschaftlicher Wandel, Demokratie

Programm: Das abgehängte Drittel?

Das abgehängte Drittel?

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Globalisierung, Digitalisierung, und grenzüberschreitende Mobilität beschleunigen den gesellschaftlichen Wandel. Im Kontext von globalen Krisen wie dem Klimawandel und der Corona-Pandemie lässt sich aber auch beobachten, dass sich ein signifikanter Anteil der Bevölkerung nicht mehr an der Gestaltung von Demokratie und Gesellschaft beteiligt. Der gesellschaftliche Zusammenhalt leidet darunter, dass sich diese Menschen weder gehört noch repräsentiert fühlen. Die Studie "Die andere deutsche Teilung: Zustand und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft" des Unternehmens More in Common bezeichnet sie als das "abgehängte Drittel". In Anlehnung an diese Befunde hat sich die Tagung "Das abgehängte Drittel? Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Polarisierung" der Akademie für Politische Bildung damit beschäftigt, was die Gründe für die zunehmende gesellschaftliche Spaltung sind und wie dieser entgegengewirkt werden kann.

Die andere deutsche Teilung

Die Gründungsgeschäftsführerin von More in Common Deutschland, Laura-Kristine Krause, berichtet, dass für die Studie 4000 Menschen in Deutschland dazu befragt wurden, wie sie auf ihr Land und ihre Gesellschaft blicken. Sie identifiziert innerhalb der deutschen Gesellschaft sechs verschiedene Typen, benannt nach ihrem Verhältnis zur Gesellschaft: die Offenen, die Involvierten, die Etablierten, die Pragmatischen, die Enttäuschten und die Wütenden. Von diesen Typen ist keiner in der Mehrheit. "Gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingt also nur dann, wenn uns auch der Brückenschlag zwischen den verschiedenen Typen gelingt", sagt Krause. Diese Typen seien oft aussagekräftiger als demografische oder politische Indikatoren anhand derer gesellschaftliche Fragen meist diskutiert werden. So habe sich beispielsweise anhand der Ergebnisse kein Ost-West-Konflikt von Wertfundamenten feststellen lassen. Stattdessen lassen sich die sechs Typen in drei Zwillingspaare unterteilen, die jeweils eine Rolle einnehmen: Die gesellschaftlichen Stabilisatoren (Involvierte und Etablierte), die gesellschaftlichen Pole (Offene und Wütende) und das abgehängte Drittel (Pragmatische und Enttäuschte).

Bei den gesellschaftlichen Polen handele es sich um die Treiber der aktuellen Konflikte. Sie prägen aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Präsenz auf Social Media die Debatten. Dabei verfolgen sie völlig unterschiedliche, aber jeweils fest umrissene Idealbilder der Gesellschaft. Während die Offenen aber kompromissbereit sind, sind es die Wütenden nicht. Die gesellschaftlichen Stabilisatoren sieht Krause als den Grund dafür, "warum die Polarisierung in Deutschland - anders als in Großbritannien oder in den USA - nicht bis weit ins Privatleben hineinreicht." Sie seien bestens in die Gesellschaft eingebunden und mit der Demokratie zufrieden. Ganz anders sieht es beim unsichtbaren Drittel aus. Hier handelt es sich um die Menschen, die sozial und politisch am Schlechtesten eingebunden sind. Ihr politisches Interesse ist niedrig und nur 45 Prozent sagen, dass die politischen Kategorien "links" und "rechts" ihnen dabei helfen, sich zu orientieren. Dass 45 Prozent der 18- bis 29-Jährigen zum unsichtbaren Drittel gehören und die gesellschaftlichen Stabilisatoren die im Schnitt älteste Gruppe darstellen, ist Anlass zur Beunruhigung. Es ist unbedingt notwendig, das abgehängte Drittel wieder stärker gesellschaftlich und politisch einzubinden - wenn es dafür noch nicht zu spät ist.

"Die Polarisierung ist die Signatur des 21. Jahrhunderts", glaubt Wolfgang Merkel, emeritierter Direktor des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Aktuell träfen die bereits genannten externen Krisen auf eine latente Demokratiekrise in Deutschland, also einen langsamen Niedergang der Demokratie. Das macht Merkel am V-Dem Liberal Democracy Index fest, einem aggregierten Index, der die Qualität der Demokratie in verschiedenen Ländern misst. Die Qualität der westlichen Demokratien erodiert demnach seit 2010. Laut Merkel könne bestenfalls noch von einer Zwei-Drittel-Demokratie die Rede sein.

Soziale Ungleichheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Olaf Groh-Samberg vom Socium Forschungszentrum für Ungleichheit und Sozialpolitik sieht die soziale Ungleichheit als Hauptgrund für die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Bis auf wenige Ausnahmen steigen die ökonomischen Ungleichheiten weltweit. Bereits jetzt könne man beobachten, wie sich Dynamiken der Ungleichheit in der Gesellschaft niederschlagen. Soziale Milieus driften auseinander und sozioökonomische Lebenslagen polarisieren sich. Das zieht die räumliche Segregation in Städten und Stadtteilen und die institutionelle Segregation in Schulen, Unternehmen und Universitäten nach sich. Die Milieus werden also immer homogener, weil sich die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nicht mehr vermischen. So haben heute die Eltern von über 50 Prozent der Studierenden ebenfalls studiert.

An sozioökonomischen Daten, die seit 1984 erfasst werden ist diese Polarisierung ersichtlich. Aktuell befinden sich etwa elf Prozent der Bevölkerung in verfestigter Armut, sind also dauerhaft nicht nur einkommensarm, sondern auch materiell depriviert. Die Wohlhabenheit ist seit den 80er Jahren deutlich gewachsen. Was schrumpft, ist die Mitte. "Das passiert nicht, weil die Abstiege aus der Mitte zugenommen hätten", sagt Groh-Samberg, "sondern weil die Aufstiegsmobilität in Deutschland abnimmt. Die Leute, die einmal unten sind, kommen nicht mehr hoch." Im jüngsten Zehn-Jahres-Zeitraum verblieben über zwei Drittel in der Armut. 

Umbrüche in der Arbeitswelt 

Ungleichheit begünstigt auch der Strukturwandel, dem die Arbeitswelt unterliegt. Bis 2050 sollen große Teile der Wirtschaft entkarbonisiert werden, um Europa klimaneutral zu machen. Davon sind energieintensive Branchen wie der Energie- und der Verkehrssektor besonders betroffen. Ohne Umschulungen drohe ein Verlust von bis zu 300.000 Arbeitsplätzen, schätzt Klaus Dörre von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Bereits jetzt habe sich eine prekäre Arbeitssituation in der Bundesrepublik normalisiert. Prekär ist ein Arbeitsverhältnis dann, wenn es nicht dauerhaft oberhalb eines kulturellen Minimums existenzsichernd ist und langfristige Lebensplanung diskriminiert. In Deutschland lasse sich eine Tendenz zu einer prekären Vollerwerbsgesellschaft beobachten, das heißt, die Arbeitslosigkeit wird zurückgedrängt, aber prekäre Arbeitsverhältnisse von oft weniger als 20 Arbeitsstunden pro Woche nehmen zu. Es komme zu einer "extremen Polarisierung der Arbeitszeiten".

Damit ist Deutschland nicht allein. In ganz Europa zeigen sich Brüche in den Arbeitsmärkten. Jenny Preunkert von der Universität Duisburg-Essen spricht von einer doppelten Spaltung: Zum einen gebe es in Europa eine Spaltung zwischen Norden und Süden und zum anderen Gruppen, die über Ländergrenzen hinweg ein höheres Risiko hätten, arbeitslos zu werden. Die Ungleichheit wird innerhalb Europas stärker wahrgenommen und so wächst auch die Gruppe, die der EU skeptisch gegenübersteht. Grund dafür ist die Eurokrise, die ab 2010 in der Währungsunion zwar einen Integrationsschub zur gemeinsamen Krisenbewältigung ausgelöst, gleichzeitig aber auch Gläubiger auf der einen und Schuldner auf der anderen Seite geschaffen hat. Dadurch bilden sich unter den europäischen Gesellschaften neue Interessensgruppen, wobei die Gläubigerinteressen favorisiert werden und Sparpolitik im Zentrum steht.

Verschwörungsmythen und Extremismus

Diese Polarisierung der Gesellschaft macht sich auch an anderer Stelle bemerkbar: "Das Phänomen Verschwörungsmythen wird immer extremer", sagt Claus Oberhauser von der Pädagogischen Hochschule Tirol. "Irgendwo ist ein Riss durch die Gesellschaft gegangen." Er sieht die Corona-Krise als Katalysator für bereits dagewesene problematische Entwicklungen, "denn auch vor Corona haben uns bereits Extremisten beschäftigt." Mittlerweile sei das Phänomen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In Deutschland und Österreich neigen laut einer Studie etwa 30 Prozent der Bevölkerung zu Verschwörungstheorien.
 
So absurd solche Mythen sein mögen, sie zeigen auch Probleme einer Gesellschaft auf, zum Beispiel Vertrauensverlust. Ein stark empfundener Verlust von Identität werde laut Oberhauser durch Neo-Nationalismus und Verschwörungstheorien gefüllt. Einige Gruppen schaffen sich ihre eigenen identitätsstiftenden Diskurse, Erinnerungen und Erzählungen. Die Rolle des Internets könne man dabei gar nicht groß genug einschätzen. Denn Social Media bringt Verschwörungstheoretiker und Populisten in einen Austauschraum, den es vorher nicht gab. Verschwörungsgerüchte verbreiten sich dort wahnsinnig schnell. Extremisten nutzen das, um Gesellschaften zu manipulieren. "Viele Menschen werden wir nicht mehr in die Gesellschaft zurückbekommen, weil diese Blasen mittlerweile so stark sind, dass sie zu ganzen Weltbildern herangewachsen sind", glaubt Oberhauser.
 

Öffentliche Räume als Orte der Begegnung

Anna-Lisa Müller von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg beschäftigt sich mit Möglichkeiten, wie heterogene Gesellschaften sich wieder auf Augenhöhe begegnen können, mit besonderem Fokus auf Einwanderungsgesellschaften. Als einen Lösungsansatz nennt sie öffentliche Räume, wie den Georg-Büchner-Platz in Darmstadt. Sie zeigt einige Bilder des Platzes mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten: Spielen, Geselligkeit, Flanieren, Sport. Durch Multifunktionsorte können sich Menschen lokal eingebunden fühlen. "Es führt uns vor allem vor Augen, wer Teil unserer Gesellschaft ist. Es sind nicht die, die in der Zeitung stehen, über die Politiker sprechen oder die ich im Kopf habe." Durch die Erfahrung, "dass die anderen für mich keine Bedrohung darstellen", werde eine Grundlage für mehr Offenheit geschaffen. Multifunktionsorte können Räume der Begegnung in heterogenen Gesellschaften sein und verhindern, dass Menschen abgehängt werden. Die Anerkennung unserer Unterschiede sei schließlich eine Stärke der Demokratie. "Wenn ich mich dort aufhalte, dann kommuniziere ich mit Menschen unbewusst, indem ich sie wahrnehme, wie sie sind. Multifunktionale Orte könnten als erster Schritt und als gesellschaftlicher Stabilisatoren über lange Zeit wirken, weil dort auch Sprachbarrieren genommen werden."


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