Afroamerikaner und Latinos an der Wahlurne

Episode 14 unseres Podcasts mit Michael Mayer

Donald Trump oder Joe Biden? Am 3. November wählen die US-Amerikaner ihren Präsidenten. Eine Wählergruppe könnte das Zünglein an der Waage sein: Afroamerikaner und Latinos. Zusammen machen sie etwa 30 Prozent der Bevölkerung aus, in manchen Swing States fast die Hälfte. Welche Themen sind für die ethnischen Minderheiten wahlentscheidend? Welcher Partei fühlen sie sich zugehörig? Unser Zeithistoriker und USA-Experte Michael Mayer erklärt, wie Demokraten und Republikaner versuchen, das nicht-weiße Amerika zu mobilisieren. Außerdem beschäftigen wir uns mit Vize-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris - einem Trumpf der Demokraten beim Werben um die Stimmen der People of Color.


Tutzing / Podcast / Online seit: 27.10.2020

Von: Beate Winterer / Foto: APB Tutzing

# USA, Migration

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Podcast


Beate Winterer: Hallo zusammen! Die Präsidentschaftswahlen in den USA rücken näher und wir blicken nochmal über den Atlantik. Dieses Mal aber nicht auf die Kandidaten Donald Trump und Joe Biden, sondern auf ihre Wähler - oder eben Nicht-Wähler. Insbesondere auf die ethnischen Minderheiten. Ich bin Beate Winterer, Pressereferentin der Akademie, und spreche heute mit unserem Zeithistoriker Dr. Michael Mayer. Er wurde soeben vom amerikanischen Außenministerium für das European Young Leaders Programme ausgewählt. Das ist ein Programm für junge Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer aus Europa, die sich in ihrer Arbeit sehr intensiv mit den USA beschäftigen. Und sie werden dann von der amerikanischen Regierung zu Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fortgebildet. In die USA konnte Michael Mayer dafür leider nicht reisen, die Fortbildungen finden wegen der Corona-Pandemie digital statt. Aber das gibt mir die Möglichkeit, mit ihm für den Podcast zu sprechen.

Die ethnischen Minderheiten in der Coronakrise

Beate Winterer: Michael, wenn wir gleich bei der Corona-Pandemie bleiben: Welche Auswirkungen hat sie denn auf die Minderheiten in den USA, also insbesondere auf die Afroamerikaner und die Latinos?

Michael Mayer: Es gibt eine Redensart in den USA, da heißt es: Wenn Amerika niest, dann bekommen die Schwarzen eine Lungenentzündung. Und das ist so ein bisschen, wie es jetzt auch aktuell zu sein scheint. Wir haben Zahlen aus Louisiana: Etwa 30 Prozent der Bevölkerung in Louisiana sind afroamerikanischer Herkunft, aber 70 Prozent der Toten von COVID-19 sind eben Afroamerikaner. In Missouri: zwölf Prozent schwarze Bevölkerung, aber 38 Prozent der Toten. Also wir sehen, sie sind relativ massiv betroffen. Und warum ist das so? Einmal liegt das daran, dass Afroamerikaner - aber auch andere Minderheiten - näher am Virus sind. Sie haben sogenannte Frontline-Jobs, also sie arbeiten im Servicebereich, im Restaurant oder als Postbote, Polizeibeamte, was auch immer. Das andere ist, es gibt Diskriminierung im amerikanischen Gesundheitssystem. Wir haben sehr viele Studien, die zeigen, dass Minderheiten - darunter eben auch Afroamerikaner - nicht die gleiche Behandlung erhalten, wie andere. Hierzu haben wir Zahlen aus New York bekommen, von der großen Welle im Frühjahr. Da war das so gewesen, wenn ich in einem öffentlichen Krankenhaus war, dann war die Sterberate viermal so hoch wie in den privaten Krankenhäusern. Und Minderheiten, die gehen eher in öffentliche Krankenhäuser, weil sie eben schlechter gesundheitsversorgt sind zum Beispiel. Aber es gibt noch andere Formen von Diskriminierung im Gesundheitssystem. Man sieht, dass auch Ärzte unbewusst diskriminieren - gerade auch in Stresssituationen sieht man das besonders deutlich. Und das ist jetzt gerade bei COVID-19 sehr wichtig, weil Ärzte und Ärztinnen haben hier sehr viel Ermessensspielraum. Eben die Frage: Wer wird überhaupt getestet? Wer kommt ins Krankenhaus? Wer kommt an eine Lungenmaschine? Das sind so ganz wichtige Fragen und da sehen wir, dass hier ganz massive Auswirkungen sind. Und dann ist auch noch ein zentraler Punkt, dass Minderheiten eher unter Vorerkrankungen leiden - also diese preconditions, wie man in den USA sagen würde - also Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes usw. Das heißt, sie sind dadurch anfälliger. Aber das liegt nicht unbedingt an einem persönlichen Fehlverhalten der Menschen, sondern Minderheiten wohnen zum Beispiel in Stadtvierteln, wo die Luftverschmutzung höher ist, oder sie haben Arbeitsplätze mit einer größeren gesundheitlichen Belastung. Und dann auch die Frage von Diskriminierung. Da hat man Studien gemacht, die haben gezeigt, dass Menschen, die Diskriminierung ausgesetzt sind, schneller altern. Diskriminierung ist dieser Ärger, den man täglich runterschlucken muss, das macht eben sehr viel mit den Menschen und da sieht man deswegen, dass die Minderheiten stärker betroffen waren von COVID-19.

Beate Winterer: Spielt da auch die Abschaffung von Obamacare schon eine Rolle?

Michael Mayer: Obamacare ist eingeschränkt worden vom Supreme Court - nicht komplett abgeschafft - dieser Affordable Care Act. Da sieht man aber, dass Minderheiten deutlich unterversorgt sind, also unterversichert sind, und deswegen haben die große Probleme. Wenn ich einen normalen Arbeitsplatz habe in den USA, dann bin ich in der Regel über meinen Arbeitgeber krankenversichert. Und damit habe ich eben diesen Schutz. Wenn ich aber eher im Dienstleistungssektor tätig bin, in bestimmten, schlecht bezahlten Jobs, dann habe ich eben nicht die Krankenversicherung über meinen Arbeitgeber. Viele Minderheiten sagen sich dann: Na gut, dass ist mir einfach zu teuer, weil das kostet mehrere Tausend Dollar, die wirklich umfassende Krankenversicherung für die ganze Familie. Das können die sich einfach nicht leisten und die sind halt jünger und sagen sich: Na gut, wir kommen auch irgendwie ohne durch. Aber wenn es dann hart auf hart kommt, dann haben sie natürlich ein Problem. Und das ist anders, wenn man alt ist, da gibt es dann Medicaid und andere Versorgungen und Grundlagen.

Wen wählen Latinos und Afroamerikaner?

Beate Winterer: In den USA ist es ja so - oder war zumindest lange so - dass bestimmte Bevölkerungsgruppen größtenteils entweder die Republikaner oder die Demokraten wählen. Wenn ich in Texas lebe und gerne mit Waffen hantiere, stehe ich wahrscheinlich eher den Republikanern nahe. Wenn ich an den Küsten lebe, gut ausgebildet bin, wähle ich wahrscheinlich die Demokraten. Wie steht denn die nicht-weiße Bevölkerung zu den Parteien? Oder speziell zu den Kandidaten Trump und Biden.

Michael Mayer: Ich würde hier gerne den Fokus auf die Latinos legen, weil das ist ein bisschen interessanter. Die Latinos sind die Gruppe, die am schnellsten in den USA wächst, das ist das Eine. Und zum Zweiten sind sie die massiven Swing Voters, die - sage ich mal - ihr Wahlverhalten relativ stark ändern. Sie sind nicht so stark festgelegt auf die demokratische Partei, wie jetzt Afroamerikaner. Deswegen sind sie noch ein bisschen interessanter. Man spricht immer von so einem Latino Voting Block in den USA - das sei so eine einheitliche Gruppe - und die wählen auch gemeinsam. Das ist in der Praxis nicht ganz so. Das ist ein bisschen komplexer, muss man sagen. Latinos sind zum Beispiel teilweise seit zehn Generationen in Nordamerika. Die sind mit den spanischen Eroberern gekommen, also schon extrem lange da. Teilweise haben die Menschen auch nie die Grenze zu den USA überschritten, sondern die Grenze hat die Menschen überschritten. Damit meine ich Menschen, die in Arizona, New Mexico, Texas oder Kalifornien leben und die von den Amerikanern 1848 annektiert wurden. Also die wurden dann sozusagen in das Land reingeholt. Natürlich haben wir die Neueinwanderer seit den 60er Jahren aus Mexiko zum Beispiel, die Boatpeople aus den 80ern in Florida. Dann aktuell aus El Salvador, Venezuela, das sind so die großen Gruppierungen. Und da ist es so, die Latinos wählen traditionell zwar demokratisch, aber nicht so wie Afroamerikaner. Bei Afroamerikaner ist es so: 90 Prozent wählen traditionell demokratisch. Das ist bei Latinos ein bisschen anders. Nixon konnte ein Drittel der Latino Vote für sich gewinnen, bei Ronald Reagan oder George W. Bush war es sogar mehr als 40 Prozent. Und Trump hat auch 29 Prozent geholt. Das ist relativ ordentlich, muss man sagen. In den aktuellen Umfragen steht Trump bei etwa 20 bis 30 Prozent, je nach Umfrage. Die unterscheiden sich so ein bisschen. Das heißt, die würden ihn möglicherweise wählen - zumindest ein Teil von ihnen. Bei den Afroamerikanern ist es so, da haben nur 8 Prozent damals 2016 Trump gewählt. Deswegen sind die Latinos noch ein bisschen interessanter in dem Fall. Man fragt sich ja: Warum wählen die jetzt eigentlich Trump? Trump hat doch Immigration als großes Thema und die 2016-Kampagne Build The Wall und Make Mexico Pay For It. Trump hat ja gesagt, alle Latinos sind Kriminelle und Vergewaltiger. Warum diese Zustimmung? Es liegt daran, dass Immigration nicht das wichtigste Thema für die Latinos ist. In Umfragen kommt immer raus, dass sie sagen: Wirtschaft und Bildung, das sind die Hauptthemen, die sie interessieren, wonach sie auch ihr Wahlverhalten ausrichten. Und aktuell natürlich auch die Pandemie. Und da können wir sehen, Trump steht bei allen Umfragen beim Thema Wirtschaftskompetenz vorne, also immer vor Biden. China und Wirtschaftskompetenz, da ist Trump immer vorne. Bei der Pandemie ist es so, dass er da eher schlechtere Ergebnisse hat. Wenn man jetzt mal so ein bisschen reinguckt, Trump hat ja diese Message, die er immer so nach außen trägt, auch recht frauenfeindlich, und das erreicht schon durchaus auch Männer - Latino-Männer, auch afroamerikanische Männer - die finden das nicht nur schlecht. Nicht alle! Aber zumindest Teile. Und wenn wir uns mal angucken, 2016 haben 13 Prozent der schwarzen Männer Trump gewählt, aber nur vier Prozent der schwarzen Frauen. Und bei den Latinos ist es so, 33 Prozent der Latino-Männer haben Trump gewählt, aber nur 26 Prozent der Latino-Frauen. Also man sieht da durchaus einen Unterschied. Und dann, Religion ist auch eine Frage. Latinos sind in der Regel katholisch und tendieren eigentlich - in dem Fall - auch zu den Republikanern. Also über 50 Prozent der Katholiken haben Trump gewählt, aber nur 26 Prozent der Menschen, die keine Religion haben. Also man sieht, es ist schon recht vielschichtig. Da gibt es Bereiche, gerade Wirtschaft, gerade der Bereich Militär ist auch so was. Viele Latinos haben im Militär gedient - genauso wie Afroamerikaner - und es scheint so, da sind die irgendwie erreichbar letztendlich.

Entwicklung des Minderheitenwahlrechts in den USA

Beate Winterer: Die ethnischen Minderheiten durften ja lange Zeit gar nicht wählen. Wie hat sich denn das Wahlrecht für sie überhaupt entwickelt?

Michael Mayer: Lange Zeit gibt es Diskriminierung gegen Minderheiten in den USA. Also erst 1965 wird der Voting Rights Act erlassen in den USA und danach gibt es - theoretisch zumindest - keinerlei Diskriminierung mehr gegen Afroamerikaner, vor allem auch gegen Latinos und andere. Vielleicht - dass man sich das einmal vorstellen kann - um wählen zu gehen, musste ich mich registrieren lassen. In den Südstaaten gab es dann vor allem so Lese- und Schreibtests für mich, da sind dann so schöne Fragen, zum Beispiel, die Schwarzen gestellt wurden: Wie viele Seifenblasen sind in einer Badewanne? Und wenn man das nicht richtig beantwortet, dann wird man eben nicht als Wähler registriert. Oder eine Frau - eine ausgebildete Lehrerin - die wurde gefragt: Können Sie uns die Namen der 35 Richter am Berufungsgericht in diesem Bundesstaat nennen? Und das konnte sie natürlich nicht...

Beate Winterer: Wie auch kein Weißer...

Michael Mayer: ... und da wurde gesagt: Na, Sie sind ja völlig ungebildet... Ja genau, das könnte auch kein Weißer. Und Weißen wurden diese Fragen auch nie gestellt und das ist eben so interessant. Und wenn wir uns jetzt aktuelle Wählerregistrierungen angucken, dann sehen wir: In den USA sind 70 Prozent der Menschen registriert, 30 Prozent nicht - also relativ viele. Und bei den Weißen ist es so, da sind deutlich über 70 Prozent sind registriert und bei den Afroamerikanern etwa knapp 70 Prozent und bei Latinos sind es unter 60 Prozent. Da sehen wir einen deutlichen Unterschied. Die Frage von Wahldiskriminierung ist relevant, weil nämlich die Wahlen in den USA sehr knapp ausgehen. Gerade in den Swing States. Da geht es manchmal um relativ wenige Wählerinnen und Wähler, die da zur Wahl gehen, das heißt es macht einen Unterschied, ob die Leute bei der Wahl sind.

Wahlrecht und Wählerregistrierung

Beate Winterer: Vielleicht magst du nochmal erklären, wie diese Wählerregistrierung funktioniert. Ich glaube, das wissen nicht alle, die uns zuhören.

Michael Mayer: Ich muss eben zu dem örtlichen Wahlbüro gehen, muss verschiedene Dokumente mitbringen, zum Beispiel auch eine Geburtsurkunde. Viele ältere Afroamerikaner besitzen keine Geburtsurkunde, weil Mütter durften früher in den Südstaaten oft ihre Kinder nicht im Krankenhaus zur Welt bringen, das heißt sie bekommen keine Geburtsurkunde. 1950 sind es nur 80 Prozent der Afroamerikaner, die überhaupt eine Geburtsurkunde haben. Und ohne Geburtsurkunde bekomme ich eben keine Dokumente und kann das deswegen auch nicht bei der Wählerregistrierung durchsetzen. Oft wird man auch aus dem Wählerregister gestrichen, wenn man längere Zeit nicht gewählt hat. Also ich bin zweimal nicht zur Wahl gegangen, dann falle ich aus dem Register wieder raus. Das ist problematisch. Dann haben wir noch Gesetze wie in Florida und vielen anderen Staaten. Wenn ich ein verurteilter Straftäter bin, dass ich dann eben mein Wahlrecht verliere und wenn ich aus der Haft entlassen werden, dann bekomme ich das Wahlrecht nicht automatisch wieder zurück, sondern ich bekomme das Wahlrecht erst zurück, nachdem ich meine Prozesskosten bezahlt habe. Können halt viele Jahre vergehen. Und das hat sich verschlimmert auch seit 2013. 2013 gibt es ein Supreme-Court-Urteil, wonach die Kontrolle der einzelnen Bundesstaaten durch das amerikanische Justizministerium aufgehoben wird. Vorher war es so, wenn ein Bundesstaat seine Wahlgesetze geändert hat, dann hat Washington draufgeguckt und gesagt: Geht oder geht nicht. Und das führt dann dazu, dass die Bundesstaaten jetzt eigene Wahlgesetze erlassen können, unkontrolliert. In der Folge ist das so, dass zum Beispiel der Zugang zur Wahl sich massiv erschwert hat, indem zum Beispiel eine Ausweispflicht eingeführt wurde. Im Jahre 2000 war das nur in 14 Bundesstaaten, 2016 schon 32 Bundesstaaten. Teilweise dann auch mit Lichtbild, also ich muss einen Ausweis mit Lichtbild dabeihaben, es reicht nicht mehr der Wahlschein. Und viele Minderheiten haben diese Ausweise nicht. Und es ist relativ aufwendig, diese Ausweise zu beantragen. Dann sagen viele: Na gut, warum soll ich das denn machen?

Präsidentschaftswahl 2020: Minderheiten als Zünglein an der Waage?

Beate Winterer: Das klingt ja schon fast nach einem Zwei-Klassen-Wahlrecht... Aber trotzdem hast du ja gemeint, die ethnischen Minderheiten - insbesondere die Latinos - könnten die Wahl dieses Mal beeinflussen, weil ja erwartet wird, dass sie recht knapp ausgeht. Wie ist denn deine Einschätzung? Wie könnte die Wahl denn ausgehen? Und wie sieht der Einfluss der Minderheiten da genau aus?

Michael Mayer: Die Minderheiten sind einer der großen Faktoren, neben den Frauen auch - auf die komme ich dann auch noch kurz. Die Minderheiten sind deswegen wichtig, weil Donald Trump konnte 2016 in sechs Bundesstaaten nur ganz knapp gewinnen, darunter auch Florida und Arizona. Florida, da gibt es sehr viele Latinos. 26 Prozent der Menschen in Florida sind Latinos, 17 Prozent Afroamerikaner. Heißt, wir haben hier 43 Prozent der Bevölkerung, die Minderheiten sind. Das heißt, dadurch, dass Minderheiten tendenziell eher demokratisch sind, macht es einen Unterschied, ob diese 43 Prozent zur Wahl gehen oder letztendlich nicht. Und man erinnert sich ja an 2000, die Wahl zwischen George W. Bush und Al Gore. In Florida, da hat George W. Bush mit 537 Stimmen Vorsprung gewonnen, also es geht hier wirklich faktisch um jede Stimme. Das war jetzt 2016 ein bisschen entspannter, sage ich mal, für Trump. Er hat damals 2016 110.000 Stimmen mehr als Clinton gehabt. Aber wie gesagt, bei 43 Prozent Minderheiten macht es definitiv einen Unterschied. Florida ist ein klassischer Swing State. Arizona ist ein neuer Swing State. Arizona war ein Staat, der immer ein Red State war, also immer klassisch republikanisch gewählt hat. Und Arizona ist jetzt zum Purple State geworden, also ein Staat, bei dem man nicht mehr genau weiß, was hier passiert. 30 Prozent der Menschen dort sind Latinos - fast keine Afroamerikaner - deswegen ist es sehr entscheidend: Gehen die jetzt wirklich zur Wahl und was machen die? Und es ist völlig klar, Joe Biden wird die Mehrheit der Stimmen der Minderheiten bekommen, die Frage ist aber: Wie groß ist die Anzahl der Stimmen und macht es letztendlich einen Unterschied? Also in Kalifornien wird es keinen Unterschied machen. Kalifornien wird sowieso demokratisch wählen. In Texas kann es vielleicht einen Unterschied machen, also Texas ist nicht mehr so dark red, wie es früher war. Wir haben jetzt 2018 schon gesehen, da gibt es so ein Einfallstor. Aber Arizona, da wird es in jedem Fall einen Unterschied machen. In Arizona ist es momentan bei den Umfragen so, dass eher die Demokraten es holen. Aber was vielleicht noch wichtig ist, die Frage von Race Relations, das wird gerade in den USA massiv diskutiert. Black-Lives-Matter-Bewegung, die Frage von Protesten gegen Polizeigewalt. Und Donald Trump nutzt das für sich, dass er sagt: Das sind ja alles nur Ausschreitungen, das sind alles Plünderer und die wollen ja eigentlich nur alles kaputt machen. Er versucht, dieses Law-and-Order-Argument, zu sagen: Hey, die sind alle böse und wenn Joe Biden gewinnt, dann brennt ganz Amerika. Das ist ja sozusagen seine Message letztendlich. Da sieht man aber, er dringt nicht so ganz durch mit diesem Argument. Ich bin selber erstaunt und erfreut, dass es nicht so stark ist. Es ist ein bisschen besser geworden, in den Umfrageergebnissen jetzt über den Sommer für ihn. Das war katastrophal eigentlich, muss man sagen, am Anfang des Sommers. Aber man sieht eben in jüngsten Umfragen immer noch, dass die Menschen tendenziell immer noch jemanden haben wollen... Da gibt es so Fragen wie: Wollen Sie lieber einen Kandidaten der die Proteste beendet oder wollen Sie einen Kandidaten, der die Ursachen der Proteste bekämpft? Und da sagt die Mehrzahl der Wählerinnen und Wähler, sie wollen einen, der die Ursachen - also den Rassismus - bekämpft. Da ist 40 Prozent Unterschied zwischen beiden Antworten und auch Trump-Wähler sind da letztendlich dafür, so würde ich sagen.

Vize-Kandidatin Kamala Harris als Trumpf der Demokraten

Beate Winterer: Joe Biden wurde es ja als ganz kluger Schachzug ausgelegt, Kamala Harris als Vizepräsidentschaftskandidatin zu nominieren, also eine Woman of Color. Könnte sie in manchen Staaten dann auch wirklich den Ausschlag geben für manche Wähler aus den ethnischen Minderheiten, die sich vielleicht von ihr besser repräsentiert fühlen, als eben von dem - ja doch sehr männlichen, sehr weißen - Team Trump?

Michael Mayer: Also ich denke, das war ein kluger Schachzug mit Kamala Harris. Also es war ja klar, es wird eine Woman of Color - wie du es so schön gesagt hast. Es war nicht genau sicher, wer wird es letztendlich. Bei ihr ist es wirklich gut, sie ist einfach eine sehr gestandene Frau, sie war Generalstaatsanwältin in Kalifornien gewesen und hat ein echt starkes Standing. Und wenn wir mal gucken, wer diese Wahl entscheiden wird, dann haben wir über die Minderheiten jetzt schon ausführlich geredet. Ich habe vorhin kurz die Frauen erwähnt, denn die sind auch entscheidend. Früher hat man sie als Football-Moms bezeichnet, also die Mamis, die ihre Kinder zum Football fahren. Jetzt bezeichnen wir sie vornehm als female suburban voters, die Frauen, die auch die Midterm Elections 2018 entschieden haben. Also da war es so, die Demokraten haben die Kongresswahlen 2018 gewonnen und das ist eben, weil viele Frauen, die vorher Trump gewählt haben, jetzt übergegangen sind und demokratisch gewählt haben. Und das sind diejenigen, die wohl auch den Ausschlag, neben den Minderheiten, geben werden. Also 2016 waren es 41 Prozent der Frauen, die Trump gewählt haben - sogar 53 Prozent der weißen Frauen. Relativ viele. Und das Spannende ist, wenn heute eine Frau nicht Trump, sondern Biden wählt, dann fehlen Trump zwei Stimmen, nämlich die eine Frau, die ihn nicht wählt, und die Stimme, die Biden mehr hat natürlich. Und deswegen ist es wirklich relativ relevant, was die Frauen letztendlich machen werden. Und dann ist die Frage, was kommt letztendlich?

Michael Mayers Tipp: So geht die Wahl aus

Beate Winterer: Genau, da würde ich dann doch gerne einen Tipp hören! Was glaubst du, Trump oder Joe Biden? Wer gewinnt die Wahl?

Michael Mayer: Seit einigen Monaten sind die Umfrageergebnisse sehr stabil für Biden. Biden führt auch in allen Swing States - mit in der Regel einstelligen, aber teilweise auch höheren einstelligen Prozentbereichen. Wir haben ja alle diesen Schock von 2016 und wir alle denken uns: Oh mein Gott, es wird ganz fürchterlich! War natürlich da so, alle haben gedacht, Hillary Clinton gewinnt. Deswegen sind wir jetzt ein wenig traumatisiert. Aber wir haben was gelernt. Die Umfragen sind besser geworden, nämlich die zentrale Gruppe, die 2016 vergessen wurde, nämlich die weißen Männer ohne College-Abschluss. Die waren damals untergewichtet und die haben letztendlich für Trump gesorgt, die haben dafür gesorgt, dass er diesen Wahlsieg macht. Und die werden jetzt genau beobachtet, man guckt jetzt viel genauer auch auf die Swing States und man sieht eigentlich, es ist recht stabil für Joe Biden. Die entscheidende Frage ist für mich jetzt eher: Gewinnt er nicht nur die Präsidentschaft, sondern auch den Senat? Da sind auch so Staaten wie Arizona und Colorado dabei, wo auch die Minderheiten wieder eine Rolle spielen - nochmal zurück zu unserem Thema. Wenn Biden die Präsidentschaft gewinnt und den Senat, dann kann er eben hoffentlich durchregieren, auf eine gewisse Art und Weise. Aber ganz sicher ist: Ein neuer Präsident Biden ist nur der Anfang. Und deswegen: Es ist ein langer Prozess, um dieses Land wieder zu vereinen und wir hoffen und wir wünschen uns für dieses große Land, dass sie es hinbekommen.

Beate Winterer: Michael, vielen Dank! Am 3. November - hoffentlich schon am 3. November - wissen wir, ob du mit deiner Einschätzung Recht behalten hast.

Ich bedanke mich natürlich auch bei allen, die uns zugehört haben. Wenn Sie sich für den US-Wahlkampf interessieren, dann kann ich Ihnen auch noch eine weitere Podcast-Episode aus unserer Reihe empfehlen. Unsere Direktorin Prof. Dr. Ursula Münch spricht mit mir über die Hintergründe der Wahl und auch über die Briefwähler, die vielleicht den Ausschlag geben könnten. Und Sie finden den Link dazu - wie immer - unter dem Podcast. Ich hoffe, wir hören uns bald wieder.


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