Postdemokratie, Postwachstum, Post-ecologism

Modewörter oder Verfallstendenzen?

Leben wir im Post-Zeitalter? Unsere Demokratie verwandelt sich in eine Postdemokratie. Aus Wachstum wird Postwachstum, aus Ökologie Post-ecologism. Handelt es sich bei diesem Begriffen um bloße Modewörter oder beschreiben sie grundlegende Wandlungsprozesse in Politik und Gesellschaft? Experten aus Politik, Soziologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft haben auf der Tagung "Im Post-Zeitalter" an der Akademie für Politische Bildung über diese Phänomene gesprochen.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 23.10.2020

Von: Anna-Lena Engelen / Foto: Anna-Lena Engelen

# Gesellschaftlicher Wandel

Programm: Im Post-Zeitalter: Postdemokratie, Postfaktizismus, Postwachstum

Im Post Zeitalter

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing (bitte klicken Sie, falls Ihr Browser die Galerie nicht lädt)

"Die Postdemokratie hat eine wichtige Debatte und notwendige Forschungsimpulse ausgelöst", sagt Claudia Ritzi von der Universität Trier. Der Begriff hat auf Populismus und illiberale Tendenzen in modernen Demokratien wie Ungarn aufmerksam gemacht. Er beschreibt den Abstieg eines Systems, in dem demokratische Prinzipien nachlassen und eine Scheindemokratie besteht. Analog zur Postdemokratie haben in den vergangenen Jahren auch Begriffe wie Postwachstum, Postfaktizität und Post-ecologism Karriere gemacht. Sind sie nur Modewörter oder beschreiben sie Verfallstendenzen in Politik und Gesellschaft? Darüber haben Wissenschaftler auf der Tagung "Im Post-Zeitalter" an der Akademie für Politische Bildung diskutiert.

Die Zukunft der Demokratie

Ritzi schreibt der Postdemokratie zwar den Verdienst zu, Schwachstellen moderner Demokratien aufzuzeigen. Gleichwohl erfasst die Postdemokratie aktuelle Probleme wie die Klimakrise oder den Brexit nicht. "Man darf sich nicht zu sehr auf die Postdemokratie-Debatte fokussieren, sonst fallen andere Herausforderungen unter den Tisch", sagt Ulrich von Alemann von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er bezeichnet den Begriff als inhaltsleer und irrelevant. "Noch nie lebten so viele Menschen in einer Demokratie, es gab keine bessere Vergangenheit." Deshalb vertraut von Alemann in das Bestehen moderner Demokratien. 

Nachhaltige Nichtnachhaltigkeit

Ingolfur Blühdorn, Direktor des Instituts für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien, beschäftigt sich mit dem Begriff des "Post-ecologism" und trifft die Gegenwartsdiagnose der "nachhaltigen Nichtnachhaltigkeit." Auf der einen Seite gebe es aktuell immer mehr Umweltbewegungen, auf der anderen Seite einen Verfall nachhaltiger Prinzipien. Die Handlungen und Bekenntnisse zur Ökologie seien minimal und eher symbolisch. Die meisten Länder könnten ihre Klimaziele nicht einhalten. Der Grund dafür, dass die Klimarettung trotz Klimanotstand ausbleibt, sei die Abneigung der Menschen, etwas zu ändern. "Die gesellschaftliche Mehrheit betrachtet ihren Lebensstil als unverhandelbar und daher setzt sich die Ordnung der nachhaltigen Nichtnachhaltigkeit durch."

Unter dem Begriff Postwachstum werden häufig Bewegungen verstanden, die sich gegen Wachstum um jeden Preis stemmen, also vor allem Umweltbewegungen. Stefanie Graefe von der Friedrich-Schiller-Universität Jena widerspricht dem: "Die modernen Umweltbewegungen entsprechen nicht dem Postwachstum." Postwachstum beschreibt Entwicklungen, die zum Problem werden. Dabei besteht das Wachstum aus einer anstehenden Transformation. "Es ist ein Übergang von einer schlechten Gegenwart in eine gute Zukunft, die alternativlos ist." Zum Beispiel ist die Bewegung Black Lives Matter Ausdruck des Postwachstums. Die Demonstranten erhoffen sich eine bessere Zukunft, in der es keine Diskriminierung aufgrund der Herkunft gibt. Die modernen Umweltbewegungen dagegen haben nicht das Ziel, eine bessere Zukunft zu erreichen, sondern wollen das Schlimmste der Zukunft verhindern: eine Klimakatstrophe. 

Postwachstum kontrollieren

Julian Nida-Rümelin von der LMU München sieht das Postwachstum kritisch. Wachstum sei nicht gleich Fortschritt. "Denn Fortschritt wird von uns gestaltet und ist immer prekär." In der Geschichte habe jeder Fortschritt zunächst immer eine Verschlechterung gebracht. Im Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft beispielsweise mussten die Menschen das Doppelte arbeiten. Vor allem im technischen Fortschritt des Postwachstums sieht Nida-Rümelin die Gefahr, humanistisches Denken durch unbedarften Einsatz von Künstlicher Intelligenz zu zerstören. Er plädiert dafür, das Zeitalter aktiv zu gestalten und sich nicht zu sehr vom Postwachstum leiten zu lassen. "Wir sind die Autoren unserer Geschichte, wir gestalten eine humane Welt und stärken damit auch die Demokratien."

Was folgt auf die Moderne?

Aber in welchem Zeitalter leben wir nun eigentlich? In der Postdemokratie? Dem Postwachstum? Dem Post-ecologism? Oder in allen gleichzeitig, also im Post-Zeitalter? "Wir sind nicht jetzt, nicht früher oder später, es sind immer verschiedene Zeiten anwesend" sagt Achim Landwehr von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er plädiert für das Prinzip der Vielzeitigkeit und dafür, die Moderne nicht als finalen Zustand zu sehen. Das Phänomen des Posthistoire helfe bei der Selbstreflexion der Moderne. Er wird oft mit dem Ende der Geschichte gleichgesetzt, beschreibt jedoch eher das Ende des Sinns. Posthistoire ist somit als eine Art Apokalypse oder Weltuntergang zu verstehen. Dieses Thema ist ein Dauerbrenner für Romane und Kinofilme. Als Grund für die Faszination eines endgültigen Endes, sieht Landwehr das Ärgernis, dass die Erde nach dem Tod eines jeden Menschen weiter existiert. So entstehe das Gefühl nach dem Tod auf der Erde etwas zu verpassen, weil dort das Leben weitergeht und das Beste noch bevorstehen könnte.


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