Zentrum gegen Peripherie

Driftet Deutschland auseinander?

Deutschland entwickelt sich zu einem Land der Gegensätze: wachsende Großstädte und abgehängte Dörfer. Wie lässt sich dieser Entwicklung entgegensteuern? Welche Chancen gibt es für abgehängte Regionen, sich nachhaltig weiterzuentwickeln? Darüber haben Experten auf der Tagung "Zentrum gegen Peripherie" an der Akademie diskutiert.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 30.09.2020

Von: Anna-Lena Engelen / Foto: Anna-Lena Engelen

# Gesellschaftlicher Wandel, Digitalisierung, Ökologie und Nachhaltigkeit

Programm: Zentrum gegen Peripherie

Zentrum gegen Peripherie

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing (bitte klicken Sie, falls Ihr Browser die Galerie nicht lädt)

"Peripherie ist sehr ungünstig, wenn es um die Weiterentwicklung von Regionen geht", sagt Antonia Milbert vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. "Wenn eine Gemeinde peripher liegt, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie eine schrumpfende Gemeinde ist." Milbert untersucht regionale Disparitäten, zum Beispiel in Bezug auf die demografische Entwicklung. Sie stellt fest, dass zentrale Gebiete einen Vorteil haben. Mit anderen Experten aus den Bereichen Demografie, Mobilität, Politik und Digitalisierung hat sie auf der Tagung "Zentrum gegen Peripherie" an der Akademie für Politische Bildung über regionale Verwerfungen diskutiert.

Peripherie ist vielfältig

"Peripherie ist nicht gleich ländlich", sagt Milbert. Denn es gibt auch ländliche Gebiete in zentraler Nähe. Peripherie hängt nicht nur von der Lage ab. Im Zentrum gibt es - im Vergleich zur Peripherie - viele Menschen, unterschiedliche Gelegenheiten und Dienstleistungen. Bei der Frage, ob die Peripherie abgehängt ist, betrachtet die Raumforschung verschiedene Bereiche. Zum einen untersucht sie die soziale Lage, zum Beispiel wird die Arbeitslosenquote festgestellt. Sie begutachtet die Wirtschaftsidentität mithilfe des Bruttoinlandsprodukt und erfasst die demografische Entwicklung in den Regionen in Bezug auf ihre Bevölkerungsentwicklung und die Altersstruktur.

Digitalisierung gegen Fachkräftemangel

"Regionale Disparitäten werden zunehmen", sagt Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der  Dresdner Niederlassung des ifo Instituts. Da in fast allen Regionen der Bundesrepublik die erwerbsfähige Bevölkerung abnimmt, steigt die regionale Spreizung im Bereich der Wirtschaftskraft. Die ohnehin schon strukturschwachen Regionen mit wenig Arbeitskräften werden weiter hinter anderen Regionen zurückliegen. Bundesländer wie Sachsen werden an Divergenz zunehmen, während die strukturstarken Regionen Bayern und Baden-Württemberg den Arbeitskräftemangel ausgleichen können. Eine Produktivitätssteigerung durch Digitalisierung als Ausgleich für den Arbeitskräftemangel betrachtet Ragnitz als hilfreich. Jedoch sei die Digitalisierung nicht ausreichend, um die Divergenzen zu beheben. Um die Lücken zu schließen, müssen Personal qualifiziert und Fachkräfte angelockt werden.

Erneuerbare Energien auf dem Land

Im Rahmen der Transformation ergeben sich aber auch neue Möglichkeiten für ländliche Gebiete. "Sie können zu Gestaltungsräumen der dezentralen Energiewende werden", sagt Daniela Boß von der Abteilung Stadt- und Regionalentwicklung der Universität Bayreuth. Windenergieanlagen tragen zu einer neuen Wertigkeit der Regionen bei und sind ein Imagefaktor für die Kommunen und Investoren. Ländliche Standorte werden für Unternehmen attraktiv, da sie dort ihre Produktion mit erneuerbaren Energien betreiben können. Dennoch gibt es bisher wenig politische Beschlüsse und Impulse sowie finanzielle Ressourcen, um die Energiewende im Kontext der Regionalentwicklung umzusetzen.

Mobilitätswende stockt auf dem Land

"Ohne Energiewende gibt es auch keine Verkehrswende", sagt Anke Borcherding von der Forschungsgruppe digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzen und Verkehrswendebüro des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Wie bei der Energiewende ist die Verkehrswende von politischen Entscheidungen, Investitionen und bürgerschaftlichem Engagement abhängig und davon gibt es bisher zu wenig. "Vor allem junge Leute auf dem Land sind verkehrstechnisch abgehängt", sagt Borcherding. Darum brauche es neue Mobilitätsformen. In ländlichen Regionen ist der öffentliche Personennahverkehr keine gute Alternative zum Auto, da der Massentransport unzuverlässig ist. Vor allem für die ländlichen Regionen wünscht sie sich einen Ausbau an Carsharing-Angeboten. Damit gäbe es eine Alternative zum klimaschädlichen Auto und den unzuverlässigen öffentlichen Verkehrsmitteln.

Abgehängte Regionen?

Tobias Mettenberger vom Johann Heinrich von Thünen-Institut für ländliche Räume betrachtet die Schrumpfung der ländlichen Regionen als Kehrseite des Wachstums der strukturstarken Gebiete. "Es herrscht ein Bevölkerungszuwachs in deutschen Städten, gleichwohl eine Schrumpfung vieler kleiner Städte." Darunter leidet die Daseinsvorsorge: Es gibt wenig Einkaufsmöglichkeiten, der nächste Arzt befindet sich mehrere Dörfer entfernt und öffentliche Verkehrsmittel fahren selten. Darum sei es notwendig, Online-Einkaufsmöglichkeiten zu schaffen, Telemedizin auszubauen und Mitfahrgelegenheiten einzurichten.

"Es gibt keine effektiv abgehängten Regionen", sagt hingegen Hans-Peter Klös, Geschäftsführer und Leiter Wissenschaft am Institut der deutschen Wirtschaft. Trotz vielschichtiger Probleme in peripheren Regionen zeigen die Menschen dort eine hohe Lebenszufriedenheit. Mark Michaeli, Inhaber des Lehrstuhls für Suistainable Urbanism an der TU München, stimmt Klös zu. Michaeli weist darauf hin, dass medizinische Versorgungsprobleme auch in zentralen Gebieten zu finden sind. In den Städten sind die Praxen überlaufen und es ist häufig schwer, einen Termin zu bekommen. Klaus Ulrich, Abteilungsleiter Landesentwicklung des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, versichert, dass sich sein Ministerium im Rahmen des Landesentwicklungsprogramms um Gleichwertigkeit in Bayern bemüht. Durch Regionalmanager werden die Bedarfe der Bürger ergründet, um eine gute Versorgung zu gewährleisten und das Abhängen von Regionen zu verhindern.


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