Die Twitter-Demokratie

Neue Publikation zur Digitalisierung der Medienlandschaft

Social Media, Filterblasen, Fake News: Mit der Digitalisierung der Medienlandschaft wandeln sich auch die Methoden politischer Kommunikation. Welche Gefahren, aber auch welche Chancen damit einhergehen, untersucht Michael Schröder in der neuesten Akademie-Kurzanalyse.


Tutzing / Publikation / Online seit: 05.05.2020

Von: Maximilian Michel / Foto: Pixabay License/Gerd Altmann

# Medien, Digitalisierung

Michael Schröder
Die Twitter-Demokratie: Der Strukturwandel politischer Kommunikation durch digitale Medien
Akademie-Kurzanalysen, Tutzing, 2020

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420 Minuten verbringen die Deutschen jeden Tag durchschnittlich mit dem Konsum von Medieninhalten. Diese 420 Minuten werden nicht mehr nur von Fernsehen und Tageszeitungen gefüllt, sondern zunehmend von digitalen Medien wie YouTube, Podcasts und Social Media. Auch die politische Kommunikation wandelt sich grundlegend: Da die Bürger politische Informationen auf eine ganz andere Weise aufnehmen als bisher, müssen sich auch die Methoden anpassen, mit denen politische Inhalte vermittelt werden. Aber welche sozialen und politischen Folgen hat die Digitalisierung der Medienlandschaft für die Gesellschaft?

Das untersucht die neue Akademie-Kurzanalyse "Die Twitter-Demokratie: Der Strukturwandel politischer Kommunikation durch digitale Medien". Michael Schröder behandelt dabei zunächst, wie sich die Digitalisierung auf die Nutzungsgewohnheiten der Konsumenten auswirkt. In vielen Fällen bestimmen inzwischen nicht mehr ausgebildete Journalisten, sondern Algorithmen über den Zugang zu politischen Informationen. Da Informationen im Internet deutlich schwerer kontrolliert werden können, werden bisherige Muster politischer Kommunikation auf den Kopf gestellt. Schröder stellt daher auch die Aufgaben heraus, die in den Zeiten dieses Umbruchs auf die politische Bildung zukommen.

Neue Medien - neue Nutzungsgewohnheiten

Während die klassischen Medien wie Fernsehen, Tageszeitungen und Rundfunk einen stetigen Rückgang in der Nutzung verzeichnen, werden neuere Formate wie YouTube oder Streamingdienste à la Netflix und Spotify immer beliebter - insbesondere bei der jüngeren Bevölkerung.

Bei den unter 30-Jährigen geht die Tendenz in der Mediennutzung klar in Richtung Zeitsouveränität, also das jederzeit mögliche Abrufen von Inhalten jeder Art. Das gilt für alle Medienformate, seien es Video-, Audio- oder Textinhalte. So machen in der Gesamtbevölkerung bei der Bewegtbildnutzung das lineare (also Live-)Fernsehen mit einem Anteil von 76 Prozent und bei der Audionutzung das Radio mit 79 Prozent den Löwenanteil aus, bei den 14- bis 29-Jährigen hingegen sind es nur noch 33 Prozent (Fernsehen) bzw. 42 Prozent (Radio). Die lineare TV- und Rundfunknutzung wie die 20-Uhr-Nachrichten oder Radioprogramme werden schrittweise von Filmbibliotheken, Podcasts und Musik-Streaming abgelöst. Natürlich verlieren die klassischen Medien nicht völlig an Bedeutung, noch immer empfangen 85 Prozent der deutschen Haushalte täglich Fernsehen und knapp 50 Prozent lesen die Tageszeitungen. Aber alternativlos sind sie nicht mehr.

Die Digitalisierung der Medienlandschaft hat auch Auswirkungen auf die Vermittlung von politischen Inhalten. Durch die vielen Kanäle war es für Politiker nie leichter als heute, in der Öffentlichkeit Gehör zu finden. Wer seine politischen Positionen weiter vermitteln will, muss sich an die neuen Rahmenbedingungen anpassen.

Algorithmen als neue Schleusenwärter des Nachrichtenflusses?

Aber das Netz ermöglicht nicht nur die Verbreitung verifizierter Informationen von seriösen Quellen, sondern auch Fake News, also beabsichtigte Falschmeldungen oder Verzerrungen. Diese stammen in den wenigsten Fällen aus der Feder von Zeitungs- und Nachrichtenredaktionen. Journalisten müssen ihre Vermittlungs- und Kanalisierungsfunktion für politische Inhalte zunehmend mit den Algorithmen von Suchmaschinen und Sozialen Netzwerken teilen. Sie sind bei weitem nicht mehr die unangefochtenen Inhaber des Informationsmonopols. Anders als ausgebildete Journalisten beachten diese Algorithmen nicht die herkömmlichen Nachrichtenwertfaktoren wie Aktualität, Neuigkeit und Relevanz, sondern liefern dem Konsumenten personalisierte Informationen, die auf dessen bisherigen Nutzungsgewohnheiten aufbauen und somit eher dazu neigen, bestehende Meinungen zu bestätigen, als sie infragezustellen. Dadurch entstehen Filterblasen und Echokammern, in denen andere Ansichten oder Kritik an der eigenen Meinung selten vorkommen.

All das lässt vermuten, dass gerade die social-media-affine jüngere Bevölkerung jeder Information im Netz Glauben schenkt. Und tatsächlich zeigt sich in der Shell-Studie 2019 bei den 12- bis 25-Jährigen eine starke Anfälligkeit für populistische Botschaften, insbesondere bei kontroversen Themen wie Migration. Aber auch wenn sich die Nutzungsgewohnheiten der Jüngeren stark verändert haben, wird den klassischen Medien weiterhin am meisten Vertrauen entgegengebracht. ARD- und ZDF-Nachrichten gelten als seriöse Quelle, und überregionale Tageszeitungen scheinen den meisten Jugendlichen vertrauenswürdig (68 Prozent in Ostdeutschland, 83 Prozent in Westdeutschland). Neuere Formate wie YouTube (knapp 50 Prozent) oder Facebook (etwa 30 Prozent) werden kritischer betrachtet.

Gefahren und Chancen des digitalen Wandels

Die Risiken einer digitalisierten Medienlandschaft, in der Informationen immer weniger Kontrolle unterliegen, sollten dennoch nicht unterschätzt werden. Denn in der digitalen Medienlandschaft werden Inhalten nicht nur leichter abgerufen, sondern auch leichter verbreitet. Waren extremistische und demokratiefeindliche Parolen früher noch auf den Stammtisch beschränkt, können sie nun mit ein paar Mausklicks an den digitalen Stammtisch im Netz übertragen werden, wo sie schnell auf den Zuspruch von Gleichgesinnten stoßen. Ohne den Widerspruch von Andersdenkenden kommt es in den Echokammern des Internets daher eher zu Radikalisierung als zu Mäßigung.

Aber die Analyse zeigt auch die Chancen, die sich durch die Digitalisierung eröffnen: Da zahllose Informationen im Internet frei zugänglich sind, demokratisiert sich die digitale Mediengesellschaft, in der Informiertheit nicht mehr vom Geldbeutel oder anderen Zugangsmöglichkeiten abhängt. Zudem ermöglichen Foren und Kommentarspalten Austausch und Rückmeldung, und auch Protestbewegungen wie Fridays for Future wären ohne digitale Koordination schwer möglich gewesen.

Die Digitalisierung lässt im Guten wie im Schlechten eine noch weitergehende Transformation der Mediengesellschaft erwarten. Dabei könnte die Coronakrise ein Gradmesser dafür sein, in welche Richtung das Pendel ausschlägt. Im Netz dominieren derzeit nicht Hass und Hetze, sondern Angebote für Nachbarschaftshilfe, Tipps für Aktivitäten in der Isolation oder Live-Streams von Gottesdiensten und Events. Tatsächlich scheint es sich nun wirklich teilweise um "soziale Netzwerke" zu handeln.

Eine Herausforderung für die politische Bildung

Dass diese Entwicklungen also nicht nur eine technologische Herausforderung, sondern auch eine wichtige Aufgabe für die politische Bildung sind, ist offensichtlich. Medien sind das entscheidende Scharnier zwischen Politik und Bevölkerung, daher waren auch Medienkompetenz und "Demokratiekompetenz" schon immer zwei Seiten derselben Medaille.

Mit der Digitalisierung ändern sich nun die Rahmenbedingungen politischer Kommunikation und damit auch die Aufgabe der Medienkompetenz: Der personalisierte Nachrichtenstrom des Internets, in dem es keine legitimierten Schleusenwärter mehr gibt, macht ein grundlegendes Verständnis der Funktionsweise von Algorithmen zwingend nötig. Nur so kann gewährleistet werden, dass die politische Kommunikation nicht außer Kontrolle gerät. "Digitale Demokratiekompetenz" ist das Stichwort, das den neuen Aspekt der Digitalisierung mit der "klassischen" Medienkompetenz verbindet.

Doch auch im Angesicht der gravierenden Umbrüche durch die Digitalisierung sollten herkömmliche Qualitäten wie politisches Wissen, Reflexionsvermögen und Motivation zum sozialen Handeln auf keinen Fall vernachlässigt werden: Die Antworten auf die Fragen der Digitalisierung sind nur an der Schnittstelle zwischen technologischer und sozialer Kompetenz zu finden.


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