Wenn Kollege Roboter die Nachrichten schreibt...

4. Zukunftswerkstatt Radionachrichten

Wer braucht noch Radio, wenn das Smartphone Informationsquelle Nummer Eins ist? Wie können und müssen sich Audionachrichten verbessern, um relevant zu bleiben? Und welche Rolle spielen dabei Digitalisierung und Künstliche Intelligenz? Das war Thema der 4. Zukunftswerkstatt Radionachrichten bei Radio Bremen.


Bremen / Tagungsbericht / Online seit: 11.02.2020

Von: Dr. Michael Schröder / Foto: Dr. Michael Schröder

# Medien, Digitalisierung

Programm: Tutzinger Journalistenakademie: 4. Zukunftswerkstatt Radionachrichten

ARD.ZDF medienakademie

4. Zukunftswerkstatt Radionachrichten

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing (bitte klicken Sie, falls Ihr Browser die Galerie nicht lädt)

#newsneu war das Motto der 4. Zukunftswerkstatt Radionachrichten der Akademie für Politische Bildung und der ARD.ZDF medienakademie. 25 Nachrichtenredakteure von kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Sendern haben bei Radio Bremen über neue Verbreitungswege mit neuen Technologien diskutiert. Sie erfuhren, wie Künstliche Intelligenz automatisiert Nachrichten erzeugt, wie Sprachmuster (Frames) die Wahrnehmung formen und wie neue Formen und Inhalte der Regionalberichterstattung aussehen können.

Hybride Öffentlichkeit in der Krise

Ein ambivalentes Bild der neuen hybriden Öffentlichkeit zeichnete der Kommunikationsforscher Alexander Sängerlaub (Stiftung Neue Verantwortung): Einerseits habe das Internet mit seinen Kommunikationsmöglichkeiten ein großes Demokratisierungspotential von Öffentlichkeit. Andererseits würde durch die Quellenvielfalt auch eine Fragmentierung des Publikums eintreten. Die hohe Geschwindigkeit der Kommunikation habe Kurzatmigkeit zur Folge. Information und Meinung - Standard in den klassisch-professionellen Medien - würden nicht mehr getrennt. Dazu käme die ökonomische Krise des Journalismus - insbesondere bei Zeitungen. Journalisten verlieren ihre frühere Deutungshoheit als monopolartige Schleusenwärter im Nachrichtenstrom. Das Netz werde zum Einfallstor für Populisten und Extremisten. Insgesamt seien das große Herausforderungen für Politik, Bildungssystem und Journalisten als Vermittler von Politik, sagte Sängerlaub.

"Die Meldung ist tot"

Er forderte sie auf, künftig "mehr, länger und tiefer zu berichten statt kürzer, schneller und flacher". Aufsehen erregte er bei den Radiomachern mit der These: "Die Meldung ist tot. Wir brauchen mehr Zeit für Hintergrund und Erklärung." Er sieht eine "Krise der medialen Repräsentanz: Die Gesellschaft ist diverser als ihr in den Sendern", sagte er. Journalisten dürften die Spaltung der Gesellschaft nicht noch weiter vorantreiben: "Fragt Euch immer, wem ihr Aufmerksamkeit widmet."

Hörernähe durch "Social Listening"

Beate Posch vom Bayerischen Rundfunk berichtete, dass der BR seine regionalen Nachrichten neben den Weltnachrichten platziere. Dafür habe man das Netz der Regionalkorrespondenten ausgebaut und bringe deren Geschichten mit großem Erfolg auf allen Kanälen. Diese Regionalnachrichten würden oft von anderen Medien aufgegriffen, auch in sozialen Medien. Es gebe viele positive Rückmeldungen aus dem Publikum und manchmal sogar politische Wirkungen bis hinein in den Landtag. Zum Aufspüren spannender Themen nutzt der BR "Social Listening": Mit einer eigenen Software werten Spezialisten rund 400 Millionen Quellen im Netz aus und prüfen, welche Themen gut gehen. Die Redaktion entscheidet danach, was sich wie sinnvoll aufgreifen lässt. Ihr Fazit: "Digital und regional ist die Zukunft und es ist möglich. Wichtig sind die Augenhöhe mit dem Hörer und eine verständliche Sprache."

Für "Frames" sensibilisieren

Tobias Geissner-Donth von der ARD.ZDF medienakademie ist sicher: "Wir brauchen Sprachmuster (Frames), weil unser Gehirn sparen muss." Journalisten müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass diese Muster von Politik und Wirtschaft bewusst und oft mit manipulativer Absicht gesetzt werden. "Wir dürfen ihnen nicht auf den Leim gehen und müssen sie entlarven", sagte er und nannte zahlreiche Beispiele: das Gute-Kita-Gesetz, das Gesicherte-Rückkehr-Gesetz, Asyltouristen, Klimawandel, Steueroase, den „Vogelschiss in der deutschen Geschichte" und das "Denkmal der Schande". "Ziel muss es sein, die Redaktionen für das Problem zu sensibilisieren und wachsam zu sein", sagte Geissner-Donth.

Computer schreibt Spielberichte

Auf fussball.de erscheinen pro Spieltag rund 75.000 Spielberichte aus Amateurligen, die ein Computer schreibt. Sebastian Küchenmeister arbeitet für die Berliner Softwareschmiede Retresco, die das Programm entwickelt hat. Es eignet sich für das automatische Schreiben von Texten, bei denen es um viele Daten geht: Wetter, Sport, Börse, Verkehr. Die Maschine kann in 20 Sprachen übersetzen und beherrscht unterschiedliche Schreibstile. Sie ist in der Lage, mehrere Versionen zu einem Spiel zu machen und stellt aus denselben Daten Texte nach Wunsch zusammen. Aber klar ist auch: Immer wenn es um Interpretation, Meinung und Kreativität geht, gerät der Computer an seine Grenzen. Auf nicht programmierbare Überraschungen ist er nicht vorbereitet. Die Erkenntnisse aus dem anschließenden Workshop: Hinter jedem guten Computer-Text steckt ein guter Text-Mensch. Künstliche Intelligenz kommt nicht aus der Steckdose, ist Handarbeit und eignet sich nur für faktenbasierte Routinetexte. Und das korrekte Füttern der Maschine ist sehr zeitaufwändig.

Faktencheck immer wichtiger

Stefan Voß leitet bei der Deutschen Presseagentur (dpa) in Berlin das Verifikationsteam. Sein tägliches Brot: Faktencheck. Im Workshop stellte er onlinebasierte Werkzeuge und spezielle Suchmaschinen vor, die es dem Journalisten erlauben, Fotos und Texte auf Richtigkeit zu prüfen: Ist es wirklich der behauptete Ort und die angegebene Zeit, zu der ein Foto entstanden ist? Wer ist wirklich auf den Bildern? Ist der Twitter-Account echt und ist die Homepage manipuliert? Am Beispiel des Synagogen-Attentäters von Halle vom Oktober 2019 konnten Fragen mit Hilfe spezieller Tools beantwortet werden: An welchen Orten hat sich der Täter nach dem ersten Mord wirklich aufgehalten und wo nicht? Welche Strecke ist er wie schnell gefahren? Und warum konnte er aus dem eigentlich abgeriegelten Stadtviertel mit dem Auto fliehen? Es ergaben sich Fragen nach der offenkundig mangelhaften Reaktion der Polizei, die Anstöße waren für weitere Recherchen.

Spürbarer Wandel in den Redaktionen

Die Quellen werden im digitalen Zeitalter immer mehr und die Urheber von Nachrichten sind oft keine Profis. Was nicht bedeutet, dass deren Informationen automatisch unglaubwürdig sind. Aber online berichten eben auch Menschen mit dem Ziel der bewussten Desinformation und Täuschung. Der Faktencheck - nicht nur bei einer privilegierten Quelle wie der dpa – wird immer wichtiger. Der Wandel ist in den Redaktionen spürbar: Journalisten werden immer mehr ein Stück weit auch Ermittler und Kriminalisten. Ohne dass dabei die Grenzen und Aufgaben verschoben werden dürfen.


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