Die Angst wechselte damals die Seiten

Deutsch-deutsche Filmtage zum 30. Jubiläum der Friedlichen Revolution

Bei den 10. Deutsch-Deutschen Filmtagen ergänzten Gespräche mit bekannten Zeitzeugen der Friedlichen Revolution in der DDR 1989 die Vorführung von Dokumentar- und Spielfilmen. Die Filmtage schlossen im Jubiläumsjahr mit einem Rekord ab. Mehr als 3000 Besucher - rund 500 mehr als im Vorjahr - kamen in die Kinos in Hof und Plauen.


Hof/Plauen / Tagungsbericht / Online seit: 25.11.2019

Von: Dr. Michael Schröder / Foto: Stadt Hof/Andreas Rau

# Zeitgeschichte

Programm: 10. Deutsch-Deutsche Filmtage: 40 Jahre sind genug

Deutsch-Deutsche Filmtage

10. Deutsch-deutsche Filmtage

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing (bitte klicken Sie, falls Ihr Browser die Galerie nicht lädt)

"Ich war früh für die Einheit, hätte mir allerdings mehr Zeit dafür gewünscht, um einen gemeinsamen Einigungsprozess zu organisieren. Ich dachte damals an zwei bis drei Jahre", sagt der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Dass es deutlich schneller ging, führt er auf mehrere Umstände zurück: Die Massenabwanderung junger qualifizierter DDR-Bürger nach Öffnung der Grenzen, die außenpolitischen Unsicherheiten ("Wie lange ist Gorbatschow noch an der Macht und wer kommt danach?") und schließlich die ökonomische Lage bis zur drohenden Zahlungsunfähigkeit der DDR. "Für den schnellen Einheitsprozess sind die Ostdeutschen zum Teil auch selbst verantwortlich, weil sie nicht so lange auf den Wohlstand warten wollten. Sie wollten keine Experimente. Das funktionierende Modell hatten sie ja im Westen vor Augen." Thierse schloss sich im Herbst 1989 der Bürgerrechtsbewegung "Neues Forum" an und trat später der Sozialdemokratischen Partei in der DDR bei. Für sie zog er am 18. März 1990 in die erste frei gewählte Volkskammer ein, wurde Fraktions- und Parteivorsitzender und nach der Vereinigung stellvertretender SPD-Vorsitzender.

Für Thierse sind "sowohl die Weggeher wie auch die Hierbleiber" für das Gelingen der Herbstrevolution verantwortlich. Das gebräuchliche Wort "Wende" mag er nicht: "Mit diesem schäbigen Propagandabegriff hat damals der Honecker-Nachfolger Egon Krenz sein Vorhaben beschrieben, die Verhältnisse in der DDR wieder in seinem Sinn zu stabilisieren."

Heimliche Aufnahmen

"Die Angst wechselte damals die Seiten", sagt Thierse und zitiert damit ein Buch von Siegbert Schefke: "Einen treffenderen Ausdruck für diese Zeit gibt es nicht. Zuerst hatten wir Oppositionelle Angst, am Ende die SED-Funktionäre." Schefke filmte am 9. Oktober 1989 zusammen mit Aram Radomski illegal die Großdemonstration in Leipzig: "Mit diesen Bildern erfuhr die Welt, dass der SED-Führung die Macht entglitt", sagt Thierse. Er bat um Verständnis für die alten Eliten der DDR ("Von Mitleid bin ich aber weit entfernt"), für die die große Transformation auf allen Ebenen Verlust von Ansehen, Macht und Karriere bedeutete. Für ein gemeinsames Gespräch über die Gesellschaft und den Staat der Zukunft sei es aber auch nach 30 Jahren nicht zu spät. Im Gegenteil: Angesichts jüngster Wahlergebnisse in Sachsen, Thüringen und Brandenburg sei es dringender denn je. Denn: "Es liegt noch eine längere Wegstrecke der Angleichung und Annäherung von Ost- und Westdeutschland vor uns."

70 Jahre Diktatur

Thierse machte darauf aufmerksam, dass die Ostdeutschen fast 70 Jahre ununterbrochene Diktaturerfahrung hinter sich hatten. "Wenn sie sich heute beklagen, überall in Politik, Staat und Wirtschaft unterrepräsentiert zu seien, könnten sie das in der Demokratie schnell ändern. Stattdessen haben sie die Westdeutschen Kurt Biedenkopf, Bernhard Vogel und jetzt Bodo Ramelow gewählt." Scharf wandte er sich gegen die "rückwärtsgewandten Rechtspopulisten, die einfache, aber unrealistische Lösungen propagieren." Und gegen den Mythos, die Treuhand sei allein für die Fehler verantwortlich. "Da werden jetzt viele Akten geöffnet und wissenschaftlich erforscht. Das ist wichtig, um Klarheit über die einzelnen Verfahren zu bekommen. Bei der Treuhand gab es gute, mittelmäßige und schlechte Leute. Es ist nicht richtig, dass alles an den Westen verkauft wurde. Zum Teil bekamen auch ostdeutsche Firmen den Zuschlag."

Haft in Hohenschönhausen

Ulrike Poppe schloss sich früh der Bürgerrechtsbewegung in der DDR an, was ihr die Beobachtung durch die Stasi und schließlich 1983 die Verhaftung - zusammen mit Bärbel Bohley - und sechs Wochen U-Haft im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen einbrachte. Doch die damals 30-Jährige ließ sich trotz langjähriger Zersetzungsmaßnahmen, häufigen Zuführungen und Ordnungsstrafen nicht brechen. Das Ministerium für Staatssicherheit MfS zählte sie zum kleinen harten Kern unversöhnlicher Feinde des SED-Systems. Ihr Operativer Vorgang (OV) "Zirkel" zählt zu den umfangreichsten, die die Staatssicherheit angelegt hatte.

Sie gehörte 1989 zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs "Für unser Land", in dem die Bürgerrechtsbewegung "Demokratie jetzt" Reformen in der DDR forderte und schließlich auch - allerdings mit einem langen Zeithorizont - Verhandlungen über die deutsche Einheit zwischen zwei gleichberechtigten deutschen Staaten ("auf Augenhöhe") im Blick hatte. Von der Grenzöffnung am 9. November erfuhr sie bei einem Vortrag in der Nähe von Berlin. "Ich konnte die Äußerung von Schabowski 'Gilt unverzüglich' kaum glauben und bin sofort an die Mauer und rüber nach West-Berlin, wo die ganze Nacht gefeiert wurde."

Das relativ schlechte Ergebnis der Bürgerrechtsbewegungen bei den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990 überraschte und enttäuschte sie nicht. "Es war klar, dass Kohl für seine Politik der schnellen Einheit eine Mehrheit bekommen würde. Für mich war wichtig, dass wir Demokratie und Freiheit in der DDR erkämpft hatten. Für einen langsamen Weg zur Einheit fehlte damals einfach die Zeit."

Vom Freund bespitzelt

Holger Kulick ist der "Realisator" des Dokumentarfilms "Vom Einläuten der Revolution", den er zum 25. Jahrestag der Maueröffnung für die Bundeszentrale für politische Bildung produzierte. "Ohne die vielen stillen Helden, die heimlich und unter Gefahren diese Aufnahmen gemacht haben, wäre dieser Film nicht möglich geworden", sagte er. Kulick, der familiäre Beziehungen in die DDR hatte, arbeitete in den 1980er-Jahren als Journalist unter anderem für das ZDF-Magazin "Kennzeichen D". "In der DDR hatten wir mehr Zuschauer als im Westen." Nicht akkreditiert, reiste er mit einem Tagesvisum ein und konnte sich mit vielen Oppositionellen treffen und Informationen sammeln. Auch er geriet ins Visier der Stasi. Später stellte sich heraus, dass selbst sein guter Freund Sascha Anderson ihn bespitzelt hatte.


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